 |  | Rainer Schiffler und Godehard Hoffmann: Stadt Xanten | |
Zwei Kilo schwer und auf 510 Seiten kompakt verdichtet, dokumentiert der neue Band „Stadt Xanten“ den kompletten Bau- und Denkmalbestand der niederrheinischen „Domstadt“. Nach langer Zeit ist nun mal wieder ein selten gewordenes klassisches Großinventar erschienen. Auf lange Sicht wird es wohl die letzte derartige Topografie sein; denn der immense arbeitstechnische Aufwand, die zunehmende Rolle prosperierender digitaler Medien und der verstärkte Fokus auf themenspezifische „Gattungsinventare“ lassen diese Form der Publikation leider in den Hintergrund rücken. Umso glücklicher kann sich niederrheinische die Stadt nun schätzen, tiefgründig und detailliert ausgeführt ihre Baugeschichte mit allen bedeutenden Bauwerken inklusive deren Ausstattung präzise dokumentiert zu wissen.
Der im Zuge einer Lautverschiebung der Bezeichnung „ad Sanctos“ – zu den Heiligen – entstandene, ungewöhnliche Name Xanten verweist bereits auf die Anfänge des Ortes auf einem kirchlichen Gräberfeld im sechsten Jahrhundert sowie die Gründung eines adeligen, mit reichen Pfründen gut situierten Stiftes mit eigenem Rechtsbereich in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts. Im Jahr 1228 zur Stadt erhoben, wuchsen das Stift und Archidiakonat Xanten zu einer der einflussreichsten kirchlichen Instanzen nach Köln heran. Da stimmt es positiv, dass bis heute die ehemalige Stiftsimmunität samt Kanonikerkurien ebenso im Stadtbild ablesbar ist wie das Geviert des historischen Stadtgrundrisses mit rekonstruierten Häusern, Mauerzügen und dem Klever Tor als einem der besterhaltenen mittelalterlichen rheinischen Stadttore, und dies alles trotz vernichtender Zerstörungen durch Bombenangriffe noch kurz vor Kriegsende im Februar 1945.
Schon beim ersten Blättern wird man sich der Mammutaufgabe bewusst, der sich die beiden Autoren Rainer Schiffler und Godehard Hoffmann verpflichtet fühlten. Griffig gegliedert nach sakralen und profanen Objekten sowie deren Untergruppen ergibt sich ein breit aufgefächertes Spektrum jenseits der Römerzeit vom Mittelalter bis heute. Von Hospizen über Gewerbebauten, Windmühlen, Gartenhäuser, Memorialbauten auf Friedhöfen bis hin zur Nato-Raketenstation oder der Marktpumpe reicht die Palette der Bauwerke, der eine fundierte Baugeschichte vorgeschaltet ist. Präzis formulierte, allgemein verständliche Texte vermitteln alle nach heutigem Stand verfügbaren Informationen, ergänzt von historischen wie professionell neu aufgenommenen Fotografien. Ebenfalls gestochen scharf beinhaltet der Band in einer exzellenten Drucklegung historische Grund- und Aufrisse sowie Zeichnungen oder Radierungen, die alle zusammen in einer beispiellosen Materialfülle die Stadt kompakt dokumentieren. Angesichts der abwechslungsreichen Gestaltung und gelungenen Balance zwischen Textbeiträgen und Abbildungen kommt keine Langeweile auf, der Leser wird immer wieder neugierig zum Weiterblättern animiert.
Doch dies sei nur der Anfang: Nach dem neuen Band über die Stadt ist die Herausgabe eines zweiten, der Stiftskirche St. Viktor gewidmeten Inventars in Vorbereitung, dessen Veröffentlichung für Ende dieses Jahres avisiert ist. Last but not least soll ein dritter Band die Ausstattung der Stiftskirche dokumentieren, die landläufig als „Xantener Dom“ bezeichnet wird. Nur glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass die Vollendung dieser Herkulesaufgabe gelingen konnte. Der Beginn unter der Ägide des Erstautors Rainer Schiffler datiert in die 1980er Jahre. Während seiner Dienstzeit beim rheinischen Landeskonservator konnte der Kunsthistoriker das Werk leider nicht vollenden. Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2009 bis zu seinem Ableben 2014 füllte ihn die Arbeit aus. Gottlob war dann sein Kunsthistorikerkollege Godehard Hoffmann bereit, die erarbeiteten Manuskripte zu übernehmen und das Werk zur Druckreife zu führen. Angesichts der begrenzten Auflage von 500 Exemplaren und des enormen Erkenntnisgewinns scheint der Preis des im Verlag Michael Imhof erschienenen Buches von 99 Euro vertretbar.
Spannend, erkenntnisreich und unterhaltsam auf eine andere Weise zeigt sich das neue Buch „Monsieur Eiffel und sein Turm“. Der Journalist und Autor Ralf Klingsieck zeichnet flüssig in der leicht zu lesenden, 350 Seiten starken Monografie sämtliche sorgfältig recherchierten Details des vorgeblichen Turmerbauers chronologisch nach. Die wichtigste Erkenntnis: Das nach Gustave Eiffel benannte, ab 1887 in nur 26 Monaten Montagezeit unter Einhaltung des Budgets errichtete Symbol der Pariser Weltausstellung von 1889 entsprang mitnichten originär seinen Entwurfsideen, seiner statischen Konzeption und seiner ästhetischen Anmutung. Das Projekt war Ergebnis eines Teams mehrerer Urheber. Eiffels Büromitarbeiter Maurice Koechlin lieferte den entscheidenden Entwurf, dessen Kollege Émile Nouguier bewerkstelligte die statischen Berechnungen, und der Architekt Stephen Sauvestre zeichnete für die visuelle Überarbeitung verantwortlich. Der Anteil Eiffels lag allein in der organisatorischen Umsetzung des Projektes, denn der Metallbauunternehmer mit einem exzellenten Gespür für hervorragende Fachleute verstand es blendend, andere Talente für sich einzuspannen.
Am 15. Dezember 1832 als Alexandre Gustave Bonickhausen dit Eiffel in Dijon geboren, weist der Namensbestandteil Bonickhausen auf seine deutschen Vorfahren hin. Per Dekret ließ Gustave Eiffel diesen im Jahre 1879 tilgen. Nach der Ausbildung und den Berufseinstieg in mehreren Infrastrukturfirmen konnte er als recht unerfahrener 26jähriger erstmals die Bauleitung der in einer neuen Technik zwischen 1858 und 1860 errichteten Eisenbahnbrücke über die Garonne in Bordeaux übernehmen. Im Jahr 1863 wagte er als Metallbauunternehmer den Sprung in die Selbständigkeit. Die von seiner Firma bevorzugte normierte Baukastentechnik bot viele Vorteile gegenüber Konkurrenzunternehmen. Filigrane, preisgünstigere und materialsparende Elemente wurden in neuen Fertigungstechniken produziert und im Rahmen straffer Arbeitsmethoden montiert. In der Folge stellten sich viele Aufträge für Brücken, Stau- und Gaswerke oder Gebäude in Europa, Asien und Afrika ein, die sich durch Kühnheit, technische Versiertheit und erschwingliche Preise auszeichneten.
Der 1877 errichtete Bahnhof zu Pest und die Brücke von Porto steigerten Eiffels Reputation dermaßen, dass sich seine Auftragslage vervierfachte. Er betätigte sich als geschäftiger Perfektionist mit hohem Organisationstalent und war ein extrem gut vernetzter Geschäftsmann mit einem ausgeprägten Sinn für Lobbyarbeit. All dies begünstigte die Montage des Eiffelturms; dazu kamen noch die präzis geplanten Arbeitsabläufe mit einem eingespielten Team, die eigene Produktion der Eisenteile und die Verwendung des leichteren, geschmeidigeren Schmiedeeisens anstelle von Gusseisen. Alles lief ab wie bei einem Uhrwerk. Eiffels Bemerkung dazu: „Wer morgens um sieben Uhr früh nicht zur Arbeit erscheint, hat praktisch selbst gekündigt.“ Klingsiecks realitätsnahe Schilderung von politischen Fallen und Klagen von Neidern erinnern sehr an heutige Zustände. Als am 31. März 1889 die offizielle Übergabe des Turmes stattfand, empörte sich die katholische Zeitung L’Univers mit der Bemerkung: „Ohne Kreuz, ohne Wein, ohne Gebet“. Den Rang als höchstes Bauwerk der Welt musste der Eiffelturm erst 1930 an das New Yorker Chrysler Building abgeben.
Nach diesem Schaffenshöhepunkt gab es neue Großaufträge, aber auch Niederlagen für Gustave Eiffel. Besonders seine unglücklichen Verstrickungen bei der Auftragsvergabe für Schleusen des neuen Panama-Kanals, sein Abgleiten in den Sog von Bestechungsaffären sowie der Konkurs der Kanalgesellschaft setzten ihm zu, auch wenn dies monetär für ihn folgenlos blieb. Nach der Übertragung der Firma an seinen Schwiegersohn Maurice Koechlin betätigte sich Eiffel als Erfinder und Wissenschaftler auf den Gebieten der Aerodynamik, der Windkanaltechnik oder auch im Flugzeugbau. Bis ins hohe Alter als autoritär und selbstherrlich geschildert, verstarb er als vermögender Mann am 27. Dezember 1923 in Paris.
Ralf Klingsieck: Monsieur Eiffel und sein Turm
Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2025
360 Seiten, Preis 27 Euro
Rainer Schiffler und Godehard Hoffmann: Stadt Xanten, Band 1, Innenstadt mit Stiftsimmunität
erschienen in der Reihe: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Nordrhein-Westfalen I Rheinland
Herausgegeben vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Landeskonservatorin Andrea Pufke
Michael Imhof Verlag, Petersberg 2025
512 Seiten, 265 Farb- und 221 SW-Abbildungen, Preis 99 Euro |