Weitere Infos: Experimentelle Maskenbildnerin – Überlegungen zu Claudia Rößgers „Heads“
Von Susanne Altmann (2007)
„Jedes Porträt zeigt ein Gesicht, das dazu bestimmt ist, andere zur Anerkennung seiner Einzigartigkeit herauszufordern.“1 schreibt Peter Sloterdijk in seiner Theorie Zwischen den Gesichtern. Und an anderer Stelle bemerkt er polemisch: „Die Maske ist das faziale Schild, das im Krieg der Augenblicke hochgehoben wird.“2hDas menschliche Antlitz zwischen Porträt- und Maskenhaftigkeit ist ein ebenso einsichtiger wie komplizierter Dualismus, in dessen Spannungsfeld Claudia Rößgers aktueller Zyklus „Heads“ interpretiert werden kann. In intendierter und erprobter Flüchtigkeit entwickelt die Malerin eine eindrucksvolle Typologie von Physiognomien und Mimik, die sowohl auf einer hohen formalen wie auch
psychologischen Abstraktionsebene funktionieren. Wie gewohnt siedelt sie ihre malerischen Untersuchungen in einem Feld des Kindlichen und Archetypischen an – genau in jenem Kontext, in dem die Synthese zwischen Maske und universellem Porträt gelingen kann.
Dass Gesichter Instrumente kulturellen und individuellen Ausdrucks sind, klingt natürlich wie ein Allgemeinplatz – ein Allgemeinplatz indessen, an dem sich Künstler spätestens seit Rembrandt abgearbeitet haben, gern auch am eigenen Leibe. Einmal funktioniert das Gesicht als Porträt des Charakters, also beabsichtigt nackt und dann wieder als Maske – also beabsichtigt verborgen. Diese Zweischneidigkeit beschäftigt auch Claudia Rößger, die allerdings kaum entlang von Bildvorlagen operiert, sondern mit Hans, Indianer oder Juli Ausdrucksträger jenseits von bestimmbarer Individualität erfindet
und damit allgemeingültige Zuordnungen zu unseren sozialen Erfahrungen stimuliert. Der Wiedererkennungswert solcher Zustände wird durch allerlei Experimente jedoch arg strapaziert: Claudia Rößger testet die fiktiven Anatomien entschlossen aus, etwa mit dem überdehnten Hals von Rollkragen oder dem elegant getürmten Schädel in Birne. Damit erweist sie sich als würdige Nachfahrin großer Laboranten wie Max Beckmann oder George Grosz, für die physiologische bzw. mimische Zerreißproben
des Motivs stilprägend waren. Es nimmt nicht Wunder, dass gerade expressionistische Deformationen einen großen Reiz auf die Künstlerin ausüben, bezieht sie ihre Anregungen für Behandlung von Gesichtern und Haltungen bei „Heads“ doch aus einem ähnlichen Pool wie die Kollegen von ehedem, nämlich aus der Kunst der Naturvölker. Es ist in erster Linie der abstrakte bildnerische Erfindungsgeist dieser Artefakte, der sie inspiriert und die Möglichkeit, Stimmungsklimata von höchster emotionaler Dichte jenseits von Porträtähnlichkeit, aber mit der Potenz zur gleichsam anthropologischen Verallgemeinerung,
zu erschaffen. Ein Sujet wie Fell zeugt davon ebenso wie die den Gemälden vorausgegangenen Zeichnungen, wo Augen, Mund und Nase häufig in äußerster Vereinfachung als wahlweise schwarze oder weiße Löcher behandelt werden. Während die farbigen Leinwandbilder in Öl/Eitempera-Technik sich mehr an heutigen lebensweltlichen Bezügen orientieren und sich auf größeren Formaten abspielen, bleiben die Zeichnungen in intimeren Formaten und in reduzierter Farbwahl sehr nahe an den ethnologischen
Vorbildern. In diesem Kontext von mythologischer Fabulierkunst sind wohl auch solche fast cartoonhafte tiermenschliche Zwischenwesen wie etwa heads 05 und heads 06 zu verstehen, die als Kopffüßer zwischen Sphinx und Humpty Dumpty auftreten und einmal mehr an eine primitive (im besten Sinne) bzw. frühkindliche Weltsicht erinnern.
In dieser Lesart hängen Claudia Rößger zeitgenössischen Masken eng mit der von Sloterdijk beschworenen fazialen Schutzschildfunktion zusammen. Sie ermutigen weniger zu naturreligiösen Regressbewegungen, sondern vielmehr zu einem zeitweiligen, spielerischen Eskapismus aus diversen sozialen Drucksituationen – als Fluchtmomente vor einer ständig eskalierenden Forderung nach Individualität und medialer Selbstentblößung. Auch in diesem praktischen Sinne gewinnen die von Claudia Rößger konstruierten Pathosformeln des Gesichts entlang eines breiten psychophysischem Spektrums geradezu zeitlose Relevanz.
1 Sloterdijk, Peter; Zwischen den Gesichtern; in: Sphären I. Blasen, Frankfurt/M. 1998, S. 165
2 Sloterdijk; a.a.O., S. 191
|