 |
 |
Der Horizont ist immer dort, wo wir nicht sind und auch nie sein werden. Trotzdem – oder gerade deshalb – weckt diese im Idealfall schnurgerade Grenzlinie zwischen Himmel und Erde zuverlässig unsere Phantasie. Dort, in der am weitesten entfernten Zone unseres „Gesichtskreises“ (so Philipp von Zesens Bezeichnung im 17. Jahrhundert), wird jede Kulisse zu einem besonderen emotionalen Ereignis. Der „ideale Tag“ beginnt für den Schriftsteller Matthias Politycki mit einem „Segel fern am Horizont; der Rest ist riesengroß ein Himmel“. Der Blick zum Horizont am Morgen wird so im Gedicht zum Glücksakt. Der Horizont: Eine Randerscheinung mit großer Bedeutung nicht nur für Nautiker, Astronomen und andere mit Messgeräten Hantierende, sondern auch für uns, die wir mit Wünschen, Ahnungen und Sehnsüchten in die Ferne blicken. Und manchmal mischen sich Ängste darunter vor der nie ganz geheueren Unendlichkeit.
Unser Katalog „Horizonte“ nun versucht mit künstlerischen Mitteln, unserem alltäglichen Linksherum und Rechtsherum eine neue Richtung zu geben: Hinaus, wo unsere Augen frischen Eindrücken ausgesetzt sind. Schwierig ist es mit dieser „Frische“ allemal in einer Zeit, in der scheinbar nur Phänomene noch nie gesehen und dokumentiert wurden, die hinter dem Mond liegen. Da jedes zur Schau gestellte Material weitgehend historisch ist, kann es nicht ausbleiben, dass dem einst Unbekannten und Fernen in der Rückschau der Ruch der Fremdheit anhaftet. Diese Konstruktion des Anderen, deren Prinzipien inzwischen en détail wissenschaftlich herauspräpariert wurden, ist auch in diesem Katalog präsent: Der Orient erscheint uns in Interieurdarstellungen, Porträts und Landschaften, in Objekten und in seiner Fauna und Flora als die prächtige Weltgegend voller Düfte und Farben, die man sich begeistert zuhause imaginär herbeiwünschte.
Eine Aneignung gewiss, die jedoch den Horizont beträchtlich erweiterte. Dem afrikanischen Kontinent und Ländern wie Indien, Ceylon und China galt dieselbe Aufmerksamkeit. Es ist das Wunderbare, das überliefert wurde und das uns wie in dem Arrangement von Hauptstock mit Gegenständen aus dem Nachlass eines Sammlers im 19. Jahrhunderts präsentiert wird. In einem Katalog voller Zeichen an den Rändern unserer Wahrnehmung sticht die Gottesanbeterin heraus, die der Maler Mark Fairnington in geradezu schmerzhaft peniblem Realismus auf die große Leinwand gebracht hat. Ein präpariertes Insekt aus einem musealen Schaukasten beweist, dass der Horizont – van Leeuwenhoek ahnte oder wusste es bereits – auch im Kleinsten unendlich ist.
Ein schlafender buddhistischer Mönch im Garten eines Klosters übernimmt in diesem Katalog die Rolle, den Wundern, die am Horizont der Träume erscheinen, Ausdruck zu geben. Sie sind unwiederbringlich verloren, sobald der Schlafende die Augen öffnet. Anders als die wahrgewordenen Träume der Menschheit, die als Visionen schon im 19. Jahrhundert wort- und bildreich geäußert wurden: Hinaus ins All zu den Sternen. Der letzte Horizont verschwindet im allseitigen Dunkel der Unendlichkeit, in der Kälte, von der wir einen Hauch auf diesem Planeten am Nordpol abbekommen. Der Horizont am Lomonossow-Rücken verwischt und das inzwischen nicht mehr ewige Eis geht gleitend über ins Firmament.
Ein Horizont und viele – riesengroß der Himmel und mit ihm die Kunst. |