Mario Schifano in Sindelfingen  |  | Mario Schifano, Tutta Propaganda, 1963 | |
Mario Schifano hatte in Deutschland noch nie eine museale Ausstellung. Das will das Schauwerk Sindelfingen nun ändern. In Zusammenarbeit mit der Mailänder Fondazione Marconi und mit Unterstützung des Archivio Mario Schifano in Rom ist dort am Wochenende eine Retrospektive zum Schaffen des Italieners gestartet, die einen Überblick über sein Œuvre von frühen 1960er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1998 gibt und über 80 Exponate an Gemälden, Collagen, Zeichnungen, Film und Fotografie versammelt. Wichtige und teils noch nie gezeigte Leihgaben aus internationalen Privatsammlungen und Museen treffen dabei auf Werke aus der hauseigenen Sammlung Schaufler.
Der 1934 geborene Mario Schifano begann seine künstlerische Karriere gegen 1960 in Rom. Nach Anfängen in informeller Malerei gehörte er mit Franco Angeli, Tano Festa, Giosetta Fioroni, Francesco Lo Savio, Mimmo Rotella und Giuseppe Uncini zur losen Gruppe „Scuola di Piazza del Popolo“. In ihren Werken kombinierten sie Elemente der amerikanischen Pop Art mit italienischer Kultur und politischer Reflexion. Sie griffen Themen wie Konsum, Werbung, Medienbilder und urbane Landschaften oft mit ironischem oder kritischem Unterton auf. Schifano hielt etwa die Schriftzüge von Coca-Cola und Esso fragmentarisch als „Propaganda“ auf der Leinwand fest, verarbeitete mit dem Vietnamkrieg oder seinen Begegnungen in der New Yorker Kunstszene zeitgeschichtliche und biografische Bezüge und experimentierte mit verschiedenen Materialien wie Packpapier, Lack und Acrylglas, um die Grenzen zwischen Kunst und Alltag zu verwischen.
Den Ausgangspunkt der Ausstellung im Schauwerk Sindelfingen bildet das Gemälde „When I remember Giacomo Balla, New York City“ aus der Sammlung Schaufler. Es entstand 1964, als sich Mario Schifano in New York aufhielt und von den Eindrücken der schnelllebigen Metropole beeindruckt war. Um diese Dynamik auf die Malerei zu übertragen, bezog er sich künstlerisch wie auch im Titel auf den italienischen Futuristen Giacomo Balla. Diese Arbeit wurde zusammen mit zwei weiteren Werken Schifanos noch im selben Jahr auf der Biennale in Venedig präsentiert. Ein Fokus der Schau liegt auf der medialen Welt. Für den Fernseher, eine zur damaligen Zeit neue technische Errungenschaft, entwickelte Schifano eine fast obsessive Faszination. So fing er 1969/70 für die „Paessagi TV“ mit der Fotokamera Ausschnitte des Fernsehbilds ein und überführte die Aufnahmen in Malerei. Früh drehte er auch selbst experimentelle Filme wie „Umano non umano“ mit Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones. Die Gegenüberstellung des Films mit den malerischen Standbildern ist ein Höhepunkt der Ausstellung, ebenso wie die aus 520 übermalten Fotografien bestehende Arbeit „Untitled“, die Schifano 1993 für die Biennale von Venedig schuf. Die Fotos zeigen Momentaufnahmen aus den Jahren 1980 bis 1990, betrachtet durch den Fernseher, kommentiert und festgehalten mit Pinsel, Bleistift oder Filzstift.
Die Ausstellung „Mario Schifano. When I remember“ läuft bis zum 21. Juni 2026. Das Schauwerk Sindelfingen hat mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an allen Feiertagen um den Jahreswechsel. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, Schüler und Studierende ist er kostenlos.
Schauwerk Sindelfingen
Eschenbrünnlestraße 15
D-71065 Sindelfingen
Telefon: +49 (0)7031 – 932 49 00 |