Christie’s versteigert Sammlung Hegewisch Der 2014 verstorbene Hamburger Geschäftsmann Klaus Hegewisch, der mit dem Import von Südfrüchten sein Vermögen aufbaute, war ein begeisterter Sammler. Das lag nicht zuletzt an seiner Ehefrau Erika Hegewisch, die als Zeichnerin und Druckgrafikerin hervortrat und im März 2024 starb. Nun kommt ihre handverlesene Grafikkollektion, die zu den besten der Gegenwart zählt, bei Christie’s wieder auf den Kunstmarkt. Eine erste Tranche mit 54 Objekten steht in dieser Woche in London auf dem Programm. Mit weiteren Auktionen im März und September 2026 will Christie’s insgesamt 10 bis 15 Millionen Pfund einspielen. Den Schwerpunkt ihrer Sammlung legten die Hegewischs, denen die Hamburger Kunsthalle ein eigenes Kabinett widmete, auf Arbeiten aus Papier. Seit der Mitte der 1950er Jahre kauften sie Druckgrafiken und Zeichnungen von der Renaissance bis in die 1960er Jahre, ergänzt um einige ethnografische Skulpturen aus Afrika. Mit einem sicheren Gespür für die Qualität der Blätter erarbeiteten sich Erika und Klaus Hegewisch mit Werken von Dürer, Goya, Redon, Kollwitz, Meidner, Léger, Beckmann und einer Vorliebe für Picasso eine der wohl größten Sammlungen europäischer Drucke und Zeichnungen in privater Hand.
Das teuerste Blatt der ersten Auktion ist Pablo Picassos ausdrucksstarke Radierung „Le repas frugal“ von 1904. In dämmriger Atmosphäre sitzt das ausgemergelte Paar in einer zwiegespaltenen Umarmung vor einem leeren Teller und einem einzelnen halbvollen Glas und illustriert eindrucksvoll, wie verzehrend Armut ist. Hierfür werden 1,5 bis 2,5 Millionen Pfund verlangt. Dahinter rangieren Picassos mit Radierung und Kupferstich 1935 erstelltes, rätselhaftes Werk „La Minotauromachie“, das bei 700.000 bis 1 Million Pfund noch Potential nach oben bietet, und die Zeichnung „Nez quart de Brie“, eine ausdruckstarke Studie zu Picassos Meisterwerk „Les Demoiselles d’Avignon“ aus dem Jahr 1907, die einst zur legendären Sammlung der Geschwister Leo und Gertrude Stein gehörte und nun auf 500.000 bis 800.0000 Pfund wartet. Kongenial ist Hegewischs Zusammenschau von Picassos Zeichnung „La Coiffure“ von 1906 (Taxe 150.000 bis 250.000 GBP) mit der davon inspirierten seltenen Bronzeskulptur „Femme se coiffant“ (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP).
Bei den Alten Meistern führt Rembrandt die Preisspitze mit der 1634 datierten Radierung „Die Landschaft mit den drei Bäumen“ bei 200.000 bis 300.000 Pfund an. Albrecht Dürer wartet mit mehreren Kupferstichen und marktgerechten Bewertungen auf, von dem „Traum des Doktors“ von circa 1498 (Taxe 25.000 bis 35.000 GBP) über die bekannte, aber immer noch nicht ergründete „Melencolia I“ von 1514 (Taxe 100.000 bis 150.000 GBP) bis zu „Adam und Eva“ von 1504 (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP). Hans Baldung Grien ist mit dem Holzschnitt „Der verhexte Stallknecht“ von etwa 1544/45 zugegen (Taxe 8.000 bis 12.000 GBP). Da Rembrandt mit seiner Landschaft der einsame Vertreter des Barock ist, schließt sich das Rokoko mit zwei Zeichnungen von Giovanni Battista Tiepolo an. Aus der frühen Schaffenszeit des Venezianers stammt das Blatt „Zwei lesende Mönche unter einem Kreuz in einer Landschaft“ in roter Kreide (Taxe 12.000 bis 18.000 GBP), während die Allegorie „Die Zeit offenbart die Wahrheit“ Tiepolo als Vorbereitung für ein Gemälde von 1758 diente (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP).
Dann kommt die französische Romantik mit einer dynamischen Tuschezeichnung von Eugène Delacroix zum Zug. Für seine 1828 erschienen Illustrationen zu Goethes „Faust“ schuf er den wilden Ritt von „Faust et Mephisto dans la nuit du Sabbat“; auf der Rückseite sind Pferdestudien des Romantikers zu sehen (Taxe 25.000 bis 35.000 GBP). Pferde und Hunde in Bewegung skizzierte flott auch Henri de Toulouse-Lautrec (Taxe 8.000 bis 12.000 GBP). Adolph von Menzels halbnackter Arbeiter, der sich eben seinen Rücken mit einem Handtuch trocknet, eine Kohlestudie zu seinem berühmten realistischen Gemälde „Eisenwalzwerk“ (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP), steht Gustav Klimts „Liegendem Halbakt mit gespreizten Schenkeln“ in erotischer, beinahe frivoler Ausstrahlung gegenüber (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP).
Das Reich des Symbolismus betreten etwa James Ensor mit der kompletten, selten kolorierten achtteiligen Radierfolge „Les Péchés Capitaux“ von 1888/1904 (Taxe 60.000 bis 80.000 GBP) oder Edvard Munch mit seinen existenziellen Grafiken „Das kranke Kind I“ von 1896 (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP) oder „Der Kuss“ von 1895 (Taxe 50.000 bis 70.000 GBP). Aus dem 20. Jahrhundert machen Otto Dix mit dem 1933 in Silberstift gezeichneten, grübelnden Selbstbildnis (Taxe 60.000 bis 80.000 GBP), seinem veristischen, überhaupt nicht schönen Akt „Elli“ (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP), Max Beckmann mit seiner Selbstbefragung als Soldat in Krankenpflegeruniform aus dem Kriegsjahr 1915 (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP) und seiner elfteiligen, 1919 lithografierten Gesellschaftsstudie „Die Hölle“ (Taxe 150.000 bis 250.000 GBP) sowie Fernand Léger mit seinen voluminösen gerundeten Formen auf der Bleistiftzeichnung „Le Fumeur“ um 1921 auf sich aufmerksam (Taxe 180.000 bis 250.000 GBP). |