 |  | Kalender im Raum von Paloma Varga Weisz in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule | |
„Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag“ steht auf dem abgegriffenen Werbekalender der Firma „Bärenmenü“. Das Datum ist auf den 23. Juni 1995 eingestellt. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in der Berliner Auguststraße 11-13. Fast zehn Jahre lang war das aus den 1920er Jahren stammende Backsteingebäude von außen verrammelt und verriegelt, unzugänglich für die Öffentlichkeit. Die Kuratoren der 4. Berlin Biennale haben es jetzt entdeckt und zum Hauptausstellungsort der Ausstellung „Von Mäusen und Menschen“ gemacht. Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick haben, ausgerüstet mit dem Blick der Fremden, die in eine Stadt kommen, für ihre Berlin Biennale Orte gesucht und gefunden, die sich dem öffentlichen Blick bisher überwiegend verweigert haben: private Wohnungen, unzugängliche Kellerräume, eine alte Kirche, einen Friedhof, den Garagentrakt des Postfuhramtes oder den verwitterten Spiegelsaal im Ballhaus Mitte. Insgesamt 920 Meter misst die Auguststraße von einem Ende zum anderen, nostalgisch anmutende Emailleschilder mit dem Biennale-Logo sind über ihre ganze Länge verteilt und weisen den Weg zu den 12 Ausstellungsorten. 130 Arbeiten von 70 internationalen Künstlern sind zu sehen.
Gerade in der ehemaligen Schule geht die Aufgeladenheit der Räume, in denen die absichtlich nicht weggeputzten, staubigen Reste der vorherigen Nutzung überpräsent sind, mit den Künstlerbeiträgen fruchtbare Symbiosen ein. Die rätselhaft schönen Gipsskulpturen der Bildhauerin Paloma Varga Weisz thronen auf schmalen Wandsockeln vor einer abblätternden Blümchentapete. Der Belgier Mark Manders arrangiert aus Alltagsutensilien und tönernen Kindertorsi kryptische Bodeninstallationen in einem ehemaligen Klassenzimmer. In den von Bohnerwachsduft erfüllten Schulgängen im 2. Stock lässt Turner Prize-Träger Martin Creed die Neonröhren im Sekundentakt aus- und angehen. Ein Hauch von Endzeitstimmung macht sich breit. Im vierten Stock hängen die schweren Fahnen des Bulgaren Pravdoliub Ivanov. Nationalflaggen der Balkanländer, einheitlich Olivgrün durchgefärbt und mit Lehm und Stroh beschmutzt. Sexuell aufgeladene Kindheitsdramen in den Animationsfilmen von Nathalie Djurberg kontrastieren mit der Niedlichkeit der Figuren und der harmlosen Jahrmarktmusik im Hintergrund.
In der Aula ist ein täuschend echter Güterwaggon auf einem Gleis abgestellt, ein minutiöser Nachbau des polnischen Künstlers Robert Kusmirowski aus Styrodur und Metall. Einen Güterwaggon in der Aula einer ehemals jüdischen Schule assoziiert man natürlich mit den Deportationen nach Auschwitz. Doch Kusmirowski geht es auch um formale Fragen, nicht nur um die historisch-inhaltliche Assoziation. Der Pole Tadeusz Kantor, ein Künstler der älteren Generation, ist mit einer altmodischen Schulbank vertreten, an der einsam im Raum ein kleiner Junge sitzt. „Die tote Klasse“ stammt aus dem Jahr 1975. Paul McCarthys schwingende, lärmende Türenschlagskulptur „Bang-Bang Room“ von 1992 dominiert das Erdgeschoss. Ein psychotischer Alptraum: Die heile Welt des Zuhauses gerät, wie von unkontrollierten Mächten gesteuert, aus den Fugen. Daneben verbirgt sich hinter einer verschlossenen Tür eine Welt der Elemente: Sommersturm und Regentropfen. Micol Assaëls Arbeit „The Liar Paradox“ von 2002 schafft ein Szenario der Ungemütlichkeit.
Der Maler Thomas Zipp hat in einem Klassenzimmer eine in sich stimmige Gesamtkomposition von Fototapeten und perspektivisch verzerrten Gemälden in melancholischen Erdfarben eingerichtet. Hier geht es um die Folgen von Tschernobyl. Direkt hinter dem ehemaligen Physikraum läuft der Film „Crossroads“ aus dem Jahr 1976 von Bruce Conner: Aneinandermontierte Atombombenversuche im Bikini-Atoll zur Trancemusik des kalifornischen Avantgardekomponisten Terry Riley. Morbider Charme und die sichtbaren Spuren aus alten Schulzeiten von Garderobenhaken über alte Physiktafeln, Vitrinen mit zerbröckelnden Bastelarbeiten, ungeputzten Waschbecken, Postern und Graffiti geben den künstlerischen Arbeiten einen starken Gegenpol. Das Gebäude atmet. Auseinandersetzungen und Reibungen sind oft sehr intensiv wie bei dem Amerikaner Mike Bouchet, der in seinem „Berlin dirty room“ den Kompost und Schmutz aus einem Gefängnis einen halben Meter hoch in mehreren schmalen Räumen aufgeschichtet hat.
Der Grundton der Schau ist eher Moll als Dur. Absurdes Theater statt burleske Komödie, Weltuntergang und Weltschmerz statt fröhlicher Bilderwelten. An vielen Stellen greift der eher assoziativ gemeinte Titel der Schau „Von Mäusen und Menschen“ nach dem realistischen, existenziellen Roman von John Steinbeck aus den 1930er Jahren. Gerade in den Privatwohnungen überwiegt die stimmungsgeladene Inszenierung: In der höhlenartigen Nachorgienbehausung von Kai Althoff und Lutz Braun, wo die Künstler vier Wochen lang abgeschottet in einem ehemaligen Büro lebten. Oder beim Dänen Sergej Jensen, der mit textilen Bildern und einer Flickenteppichdecke in einer perfekt renovierten Wohnung ein beruhigendes Psychologenwartezimmer eingerichtet hat. In der Berliner Zweitwohnung von Norbert Schwontkowski hängen und stehen die melancholischen Gemälde des gefragten Bremer Malers in allen Räumen wie bei einem Sammler zu Hause oder beim Künstler selbst - zusammen mit Regalen, Bugholzstuhl und einer entkorkten Rotweinflasche.
Im zweitgrößten Ausstellungsort, den Kunst-Werken, gibt die Arbeit „Rats und Bats“ von 1998 des Altmeisters Bruce Nauman im Erdgeschoss den Ton an. In einem Video schlägt Nauman mit einem Baseballschläger auf einen von der Decke herabhängenden Sack und treibt so unappetitliche Ratten durch ein Plexiglaslabyrinth. Skurrile Bastelleidenschaften dann im zweiten Stock, wo Oliver Croy und Oliver Elser unzählige, liebevoll ausgeführte, alpine Gebäude auf langen Tischen arrangiert haben. Diese „Sondermodelle“ sind die privaten Konstruktionen eines Nichtkünstlers, eines Wiener Versicherungsvertreters. Die Künstler entdeckten die Papphäuser auf einem Flohmarkt und erwarben die kuriose Sammlung komplett. In dem Video „Deeparture“ des Rumänen Mircea Cantor befinden sich ein Reh und ein Wolf in einem Galerieraum. Die Tiere umschleichen sich lauernd. Suggestive Spannung, Angst und eine Atmosphäre voller Anspannung und unterschwelliger Gefahr werden hier verbildlicht.
Es ist heutzutage schick geworden, visuell dürftige Ausstellungen mit dicken, theorielastigen Katalogen zu unterfüttern. Das Kuratorentrio der atmosphärisch dichten und an Seherlebnissen reichen 4. Berlin Biennale geht einen anderen Weg. Ali Subotnick: „Unser Ansatz betrachtet die Stadt eher als ein literarisches Gebilde, einen Roman oder ein Gedicht. Berlin ist für uns weit mehr als etwa ein Diagramm, das die Arbeitslosenquote wiedergibt: ein düsterer Nachthimmel, eine ruhige Straße, eine Atmosphäre unterschwelliger Spannungen und gedämpfter Geräusche. Es liefert die Erzählfolie für Geschichten, die aber durchaus auch woanders passieren könnten.“
Und schließlich braucht eine Biennale, die sich um eine ganze Straße dreht, auch eine Hymne. Der Brite Jeremy Deller gab die Erkennungsmelodie zur 4. Berlin Biennale bei der im Viertel beheimateten Kleszmer-Gruppe „Kleszmer Chidesh“ in Auftrag und knüpft so an die Geschichte der Gegend mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil an. Die älteren Herren singen in fröhlicher Einstimmigkeit: „Auguststraße, Auguststraße, Auguststraße, aufstehn. Alle hier sind eingeladen, die Biennale anzusehen.“
Die „4. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst - Von Mäusen und Menschen“ läuft vom 25. März bis zum 28. Mai. Geöffnet ist täglich außer montags von 12 bis 19 Uhr, am Donnerstag zusätzlich bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 7 Euro. Der 334seitige Katalog kostet 30 Euro, der 232seitge Kurzführer, ebenfalls erschienen bei Hatje Cantz, 10 Euro.
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