 |  | Auguste-Jean-Marie Carbonneaux, The Hamilton Laocoön, 1817 | |
Als im Januar 1506 in Rom die Laokoon-Gruppe in einem Weinberg auf dem Esquilin wiederentdeckt wurde, war die Aufregung groß. Menschenmengen versammelten sich, um die legendäre antike Marmorskulptur mit dem Priester Laokoon und seinen beiden Söhnen im Todeskampf, die bereits in antiken Schriften gepriesen wurde, als „einzigartiges Wunder der Kunst“ zu bestaunen. Papst Julius II. schickte den Architekten Giuliano da Sangallo und der Bildhauer Michelangelo Buonarroti zur Begutachtung der Skulptur, die die Echtheit bestätigten, und übernahm sie für seine Sammlungen. Seither steht die viel gerühmte Figurengruppe, die einen wichtigen Einfluss auf die bildende Kunst und die Kunsttheorie der folgenden Jahrhunderte ausübte, in den Vatikanischen Museen in Rom – mit einer Unterbrechung zwischen 1798 und 1815. Denn der große Kunsträuber Napoleon hatte die Laokoon-Gruppe als Kriegsbeute von Rom für sein Musée Napoléon nach Paris verschleppt. Dort bewunderte sie auch der Bildhauer und Gießer Auguste-Jean-Marie Carbonneaux, der vor allem für seine Großplastiken in der napoleonischen Ära bekannt war.
Etwas von der Erregtheit der Menschen der Renaissance war nun auch während der Old Masters Week bei Sotheby’s in London zu spüren. Dort stand der sogenannte „Hamilton Laocoön“, der sich von 1848 bis 1882 im Besitz der schottischen Herzöge von Hamilton befand, zum Verkauf. Geschaffen hatte ihn Auguste-Jean-Marie Carbonneaux in originaler Größe 1817 als Auftragsarbeit für den Plantagenbesitzer, Politiker und Kunstsammler George Watson-Taylor. Der aus einer privaten englischen Sammlung eingelieferte, über 2,3 Meter hohe Bronzeguss mit dunkler Patina, der seit rund 150 Jahren erstmal wieder auf dem Auktionsmarkt auftauchte und mit 2 bis 3 Millionen Pfund Sterling schon recht anspruchsvoll bewertet war, konnte am 1. Juli insgesamt vier Interessenten begeistern, die in einem fünfzehnminütigen Wettstreit nicht locker ließen, bis bei 11,4 Millionen Pfund der Hammer fiel. Das bedeutet nun den Rekordpreis für eine Skulptur des Klassizismus und den zweithöchsten Wert, der bisher im Auktionswesen für eine bildhauerische Arbeit vor der Moderne bewilligt wurde.
Mit seiner Versteigerung „Old Master & 19th Century Paintings and Sculpture“ zeigte sich Sotheby’s recht zufrieden: Der Bruttoumsatz von 51,3 Millionen Pfund ist das beste Ergebnis dieser Sparte seit Juli 2019, zudem gab es mehrere Auktionsrekorde. Bei den Gemälden setzte sich erwartungsgemäß Rembrandt van Rijn an die Spitze. Seine frühe, in Leiden begonnene, neutestamentliche Szene „Lasst die Kinder zu mir kommen“ wurde später von einem Mitarbeiter vollendet. Die Leinwand, die zuletzt bei Lempertz in Köln als „Niederländische Schule“ im Mai 2014 für 1,25 Millionen Euro netto gehandelt wurde, konnte nach der Restaurierung und Wegnahme der Übermalungen als eigenhändiger Rembrandt identifiziert werden. Dabei traten die Gesichter des Bildpersonals wieder deutlicher in Erscheinung, die nun als enge Familienmitglieder des Barockmalers ausgewiesen werden. So versammeln sich hier Rembrandts Eltern, ein verwaistes Patenkind, das sein Vater in sein Haus aufgenommen hatte, wohl auch seine Großeltern und der Maler selbst als junger neugieriger Mann mit entblößter Schulter am oberen Bildrand, wofür es nun 7,4 Millionen Pfund gab (Taxe 8 bis 12 Millionen GBP).
Die niederländische Malertruppe war bei Sotheby’s gut vertreten und steuerte etwa noch ein freudiges Dorffest mit tanzenden Bauern um einen Maibaum von Pieter Breughel d.J. für 2,4 Millionen Pfund (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP), einen noch überfüllteren Jahrmarkt in einer Stadt von Gillis Mostaert an der oberen Schätzgrenze von 150.000 Pfund, das strenge Portrait einer 22jährigen vornehmen, hochgeschlossen schwarz gekleideten Frau mit weißer Haube von Willem Key aus dem Jahr 1559 für 160.000 Pfund (Taxe je 100.000 bis 150.000 GBP) oder Barent van Orleys mittelalterliche gute Stube mit einer anmutigen Maria beim Blättern in einem Buch und ihrem kleinen Jesusknaben bei, für die bei 1,6 Millionen Pfund ein erster Rekordpreis zusammenkam. Darüber durften sich auch noch der in Antwerpen zwischen 1530 und 1560 tätige Meister des verlorenen Sohnes für seinen dreiflügeligen Altar mit einer charakteristischen „Anbetung der Könige“ bei taxkonformen 200.000 Pfund und der gebürtige Deutsche Hans Memling freuen. Der nach Brügge ausgewanderte Maler erreichte mit seinem um 1485/90 entstandenen spätgotischen Tondo einer Maria lactans auf Goldgrund 2,8 Millionen Pfund (Taxe 3 bis 4 Millionen GBP).
Aus Deutschland traten zudem das Portrait eines älteren Mannes mit eingefallenen Gesichtszügen und krausen längeren Haaren, das ein Werkstattmitarbeiter von Bernhard Strigel um 1493/94 ausdrucksvoll auf grünem Grund gemalt hat und von 100.000 Pfund auf 450.000 Pfund kletterte, und ein Stillleben Gottfried von Wedigs an. Der zurückhaltend ausgestattete, fast skulptural arrangierte Frühstückstisch mit einem Römer und einem Messer auf einem angeschnittenen Käselaib, einem Siegburger Krug, einem Brötchen und zwei gekreuzten Heringen auf einem Zinnteller spielte 100.000 Pfund an der unteren Schätzgrenze ein. Nicht viel opulenter hatte Pieter Claesz um 1624 seinen Tisch mit gebratenem Fisch, Shrimps, Orange, Brot, Salzfass und Rotwein gedeckt, kam aber mit 300.000 Pfund heraus (Taxe 300.000 bis 400.000 GBP). Zugkraft entwickelte dann das Bildnis einer vornehmen Dame mit Fächer, die Gerard ter Borch d.J. als Ganzfigur stehend neben einem Tisch mit roter Samtdecke und einem Buch in einem sonst leeren Raum ausformuliert hatte. Hier stiegen die Gebote von 100.000 Pfund auf 240.000 Pfund.
Preislicher Gipfel bei den Italienern war die „Madonna del Roseto“. Sandro Botticellis bekannte Rosenmadonna aus dem Louvre in Paris wurde von ihm selbst und einem unbekannten Kollegen in einer zweiten Version wiederholt, deren Zuschlagwert sich nun an der unteren Erwartung von 2 Millionen Pfund orientierte. Schon zuvor trumpfte Cosimo Rosselli mit seiner herben Darstellung „Christus als Schmerzensmann“ auf: der dornengekrönte, weinende Jesus, der dem Betrachter die Wundmale seiner Händen präsentiert, legte von 450.000 Pfund auf den neuen Rosselli-Höchstpreis von 750.000 Pfund zu. Eine weitere Bestmarke setzte Jacopo Negretti, genannt Palma il Vecchio, mit seinem idealisierten und erotischen Dreipersonenstück eines Hirten und zweier junger Frauen bei 580.000 Pfund (Taxe 600.000 bis 800.000 GBP), ebenso der Florentiner Hofbildhauer Giovanni Battista Foggini mit der ungewöhnlichen Paarung seiner barocken Marmorreliefs „Christus und die Samariterin“ und „Apoll und Daphne“, die es zusammen auf 1,05 Millionen Pfund brachten (Taxe 600.000 bis 1 Million GBP).
1741 bestellte Matthias Johann von der Schulenburg, Generalfeldmarschall im Dienste der Republik Venedig, bei Giovanni Antonio Guardi eine Gemäldeserie mit damals beliebten „Turcherie“. 43 Arbeiten, die die Geschichte, das Leben und die Kultur der Osmanen aufgriffen und romantisierten, lieferte Guardi schließlich ab. Daraus bot Sotheby’s die ausgeprägt fantasievolle Darstellung „Die griechische Favoritin im Harem“ für 200.000 bis 300.000 Pfund an, die mit 480.000 Pfund die Messlatte für Rokoko-Maler etwas nach oben verschob. Ab dem 18. Jahrhundert war dann die stimmungsvolle Vedutenmalerei eine tragende Säule des Auktionsgeschehens, vor allem die aus Venedig. Francesco Guardi nahm mit seiner Ansicht des Markusplatzes bei azurblauem Himmel von 1785 anvisierte 190.000 Pfund ein, gleichfalls Friedrich Nerly mit seinem abendlichen Blick von der Riva degli Schiavoni über das Markusbecken auf den Dogenpalast und Santa Maria della Salute bei 200.000 Pfund.
Mehr Engagement musste der Käufer von Ivan Konstantinovich Ajvazovskijs nächtlicher Vedute von San Giorgio Maggiore in goldweißem Mondglanz aufwenden: das Gemälde aus dem Jahr 1847 verdoppelte seinen Preis auf 1,2 Millionen Pfund (Taxe 500.000 bis 700.000 GBP). Gut lief es zudem für Petr Petrovich Vereshchagins Panoramablick auf St. Petersburg mit 350.000 Pfund (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP) und für John Glovers sonnigen Tag in den Hügel um Tivoli mit den markanten Wasserfällen bei 260.000 Pfund (Taxe 100.000 bis 150.000 GBP). Einen letzten Höhepunkt setzte der englische Tiermaler Sir Edwin Henry Landseer. Sein monumentales romantisch-naturalistisches Hirschportrait „Scene in Braemar – Highland Deer“ ist mit 4,8 Millionen Pfund nun das teuerste Werk im Schaffen des 1802 geborenen Künstlers (Taxe 3 bis 4 Millionen GBP).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |