Susanne Jakob für ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet  |  | Susanne Jakob wird mit dem ADKV-Wulf-Herzogenrath-Preis für Ehrenamt 2026 ausgezeichnet | |
Der zum dritten Mal vergebene ADKV-Wulf-Herzogenrath-Preis für Ehrenamt geht heuer an Susanne Jakob. Die Kunstwissenschaftlerin, die den Kunstverein Neuhausen bei Stuttgart leitet, wird für ein über drei Jahrzehnte währendes, außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement geehrt. Jakob vereine kuratorische Vielfalt, Mut zu gesellschaftspolitischen Experimenten und tief verwurzelte, zivilgesellschaftliche Basisarbeit in einer Person, so die Jury. Ihr jahrzehntelanges Wirken beweise eindrücklich, dass ehrenamtlich getragene Kunstvereine auch abseits der großen Metropolen treibende Innovationsmotoren für globale und zukunftsweisende Diskurse sein können.
In der Begründung heißt es unter anderem: „Susanne Jakob hat aus einer 1995 gegründeten, kleinen und nomadisch agierenden Ausstellungsinitiative in einer 12.500 Einwohner*innen zählenden Gemeinde in der Metropolregion Stuttgart ein interdisziplinäres Laboratorium für Kunst, Ökologie und Gesellschaft von internationaler Ausstrahlung geformt. Die Auszeichnung gilt sowohl der beeindruckenden Kontinuität dieser Arbeit als auch ihrer tiefen inhaltlichen und strukturellen Qualität. Die von Susanne Jakob initiierten institutionskritischen und partizipativen Formate verhandeln Kernfragen nach Zugang, Deutungshoheit und demokratischer Teilhabe an der Kunst – Fragen, die in der heutigen gesellschaftlichen Realität aktueller sind denn je.“
Jakobs kuratorischer Ansatz breche konsequent die Trennung zwischen Fachpublikum und Laien auf. Dies zeigte sich bereits in der frühen Projektreihe „Risiko Curating“ von 1998/99, bei der Bürgerinnen und Bürger per Losverfahren selbst zu Kurator*innen wurden. Wie tief die Kunst in den Alltag der Menschen vor Ort hineinwirkt, belegen Folgeprojekte wie Dorothea Schulz’ „Hausbesuche“ von 2017, bei denen über 100 Einwohner*innen einbezogen wurden, die mehr als 117 Zeichnungen und Zustandsnotate erstellten. Anlässlich des 30jährigen Bestehens des Kunstvereins im Jahr 2025 erweiterte sich dieser Radius durch die einjährige Projektreihe „Ortstermine. Homeservice“: Über eine freie Einladung an die Bürgerschaft und einen großen Kreis an Förder*innen und Besucher*innen bespielte der Kunstverein innerhalb eines Jahres 18 externe Fremdbühnen im Umfeld der Landeshauptstadt Stuttgart.
Neben der Netzwerktätigkeit, der Förderung des künstlerischen Nachwuchses und der Internationalisierung hob die Jury besonders auch die „gelebte Care- und Diskursinfrastruktur“ hervor. Die Räumlichkeiten der säkularisierten Jesuitenkapelle, in der Kunstverein Neuhausen seit 2009 residiert, werden unter nicht nur als Ausstellungsfläche, sondern auch als Verhandlungsort existenzieller Themen genutzt. Langzeitprojekte wie „Confession Space“ von Annett Zinsmeister setzen sich konzeptuell mit Schuld und Intimität im sakralen Raum auseinander, während Christine Schönherrs „Blue Space“ seit 2020 die Empore in einen offenen Rückzugsort verwandelt. Diese Idee des Sorgetragens dehnt Susanne Jakob über die Gebäudegrenzen aus: Auf einer städtischen Brache direkt vor dem Kunstverein hat sich mit dem „Jardin des Parfums“ und der Trüffelkolonie „tuber uncinatum“ von Linda Weiß eine aktive Pflege- und Gießgemeinschaft aus Nachbar*innen und dem Kunstverein-Gartenteam gebildet. Laut Jury ist dies ein lebendiges, alltagspraktisches Modell von Solidarität im urbanen Raum.
Der in diesem Sommer verstorbene Wulf Herzogenrath, ehemaliger Direktor des Kölnischen Kunstverein und der Kunsthalle Bremen, hat 2024 den ADKV-Wulf-Herzogenrath-Preis für Ehrenamt initiiert. Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine (ADKV) würdigt seine Herzogenrath-Stiftung Einzelpersonen, die sich über viele Jahre hinweg mit außergewöhnlichem ehrenamtlichem Engagement für die Vermittlung und Sichtbarkeit zeitgenössischer Kunst einsetzen. Ausgezeichnet wurden bisher Gertrude Wagenfeld-Pleister, die langjährige erste Vorsitzende und künstlerische Leiterin des Oldenburger Kunstvereins, und Klaus Fischer, der Gründer und Direktor des Kunstvereins Freunde aktueller Kunst in Zwickau. Die Übergabe des Preises an Susanne Jakob findet am 17. Oktober als Auftakt des ADKV-Herzogenrath-Forums im Kasseler Kunstverein statt. |