 |  | Correggio, Madonna des heiligen Sebastian, um 1524 | |
Geradewegs schreitet man im Ausstellungssaal auf die „Madonna des heiligen Sebastian“ zu. Vor 500 Jahren im Auftrag der Sebastiansbruderschaft in Modena entstanden, gehört das Altargemälde zu den prominentesten Werken im Bestand der Gemäldegalerie Alter Meister im Dresdner Zwinger. Im unteren Teil vermittelt der aus dem Bild schauende Bischof Geminianus in seiner Eigenschaft als Schutzheiliger der Stadt mit ausgestreckten Armen und Zeigefingern zwischen den Betrachtern und der darüber schwebenden Mutter Gottes, die von Engeln in einer leuchtenden Gloriole umgeben wird. Den Bischof flankieren die Pestheiligen Rochus und Sebastian. Schon wenige Jahrzehnte nach der Entstehung hatte sich der Malgrund aus fünf senkrechten Pappelholztafeln verformt, die im Anschluss Risse und Schäden an der Farbschicht bewirkten. Standortwechsel, Transporte, Schädlingsbefall führten in der Folge zu zahlreichen Übermalungen, Kittungen oder Firnisüberzügen. Seit vier Jahren wurde das Werk im Schauatelier der Galerie aufwendig restauriert werden. Nun ist die Restaurierung zu Ende und die Altartafel Anlass für eine Ausstellung, in der sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ihrem Schöpfer Antonio Allegri, genannt il Correggio, verschrieben haben.
Dieser Maßnahme widmet sich ein eigenes Ausstellungskapitel. Bis zu 15 Übermalungen wurden entfernt, die Originalsubstanz der Malschicht von Grund auf konserviert sowie Fehlstellen rekonstruiert. Faltige Gesichtszüge der Heiligen sind nun wieder ebenso erkennbar wie die Engel in der Gloriole oder der zarte Fliederton des Umhangs eines kleinen Jungen, der das Stadtmodell von Modena trägt. Das über 500.000 Euro teure Projekt bot zugleich die Chance, die Maltechniken Correggios, Aufbau der Farbschichten und Pigmente zu erforschen. Einen vollflächig dunkel getönten Grund ließ der Künstler bei Bedarf ohne Übermalung stehen. Mit Bleiweiß gemischte Farben in deckendem pastosem Auftrag nutzte er für ein strahlendes, teils spotartiges Licht. Tiefe Schatten erzeugte er durch das Aufsetzen intensiv farbiger Lasuren, wobei er kein reines Schwarz verwendete. Weich ineinander verriebene Farbränder, ein starkes Kolorit und die Plastizität evozieren eine Lebendigkeit und Anmut der Figuren. All die Faktoren zusammengenommen bewirken in seinen Gemälden eine warme Grundstimmung und eine emotionale Atmosphäre. Mit diesem gefühlvollen Malstil und dem virtuosen Umgang mit Licht und Schatten nahm der Renaissance-Maler zahlreiche spätere Entwicklungen vorweg.
Nur fünf Tafelbilder des Meisters sind in Deutschland vorhanden, davon allein vier in der Dresdener Gemäldegalerie. Es ist der weltweit umfangreichste Bestand an Altargemälden Correggios, der stets in den Hauptsälen präsentiert wurde. In dem ältesten erhaltenen Gemälde kann man dem Künstler, von dem sich keine Selbstzeugnisse erhalten haben, näher auf die Spur kommen. Im Alter von 25 Jahren schuf er um 1514 mit der „Madonna des heiligen Franziskus“ das größte bewegliche und einzige Hauptaltarbild. Gestus und Haltung Marias sind ein Zitat aus Andrea Mantegnas „Madonna della Vittoria“, was einiges über die künstlerische Herkunft des Malers andeutet. Zu den Figuren am Fuß des Thrones gehört links der durch eine weiße Lilie und ein Buch ausgezeichnete heilige Antonius. Experten interpretieren ihn als Correggios Selbstporträt. Denn vor diesem Gemälde fand im Jahr 1534 die Trauerfeier für den erst 45jährigen Antonio Allegri statt, dessen genaues Geburtsdatum unbekannt blieb und der nach seinem Ableben nach seinem Geburts- und Sterbeort Correggio genannt wird.
Außerhalb Italiens ist Correggio, den der Begründer der Kunstgeschichte, Giorgio Vasari, um 1550 als einen der wichtigsten Künstler der Zeit titulierte und der seinerzeit zumeist mit Michelangelo, Raffael oder Tizian in einem Atemzug genannt wurde, in der Wahrnehmung stark in den Hintergrund gerückt. Speziell im 19. Jahrhundert galt die einst gepriesene Anmut als zu geziert und affektiert. Anlässlich der Restaurierung entschloss sich Dresden daher, den Maler in einer umfassenderen Schau vorzustellen. Von den sechzig erhaltenen Tafelbildern konnten der agile Kurator Andreas Plackinger zwanzig für die Ausstellung gewinnen, ferner zwanzig der noch rund hundert bekannten Zeichnungen. Ergänzt um Werke von Zeitgenossen wartet die Ausstellung mit 130 erlesenen Exponaten auf, darunter etwa das erstmals vom Pariser Louvre entliehene Gemälde „Mystische Vermählung der heiligen Katharina mit heiligem Sebastian“ aus den Jahren um 1526 oder die um 1530 entstandene, eigens aus einer laufenden Ausstellung in der römischen Galleria Borghese extrahierte Mythologie „Danaë“.
Natürlich fehlt in Dresden auch das wohl berühmteste Gemälde Correggios nicht, die um 1529 entstandene „Heilige Nacht“, die im 18. Jahrhundert als das bedeutendste Werk der Dresdner Gemäldesammlung galt. Asymmetrisch in einen blendende Strahlkraft entfachenden Spot gesetzt, erscheinen Maria und das nur mit dem Hinterköpfchen erkennbare Kind. Zahlreiche Schrägen befördern eine dynamische Tiefenerschließung. Die umherstehenden Personen sind geblendet oder erschrocken vom Effekt des Ereignisses. Das von der Geburt ausgehende Leuchten steht ausdrücklich im Fokus des zu den frühesten großformatigen Nachtszenen italienischer Tafelmalerei zählenden Werks. Die einzigartige Stimmung aus Erstaunen und Mutterliebe bedingen die andauernde Wirkkraft des Bildes. In der Ausstellung hat Andreas Plackinger die „Heilige Nacht“ anderen Werken kombiniert, in denen sich Correggio mit Hell-Dunkel-Effekten auseinandersetzt, sowie mit Arbeiten weitere Maler, die die breite Wirkungsgeschichte dieses Gemäldes veranschaulichen.
Antonio Allegri wurde zwar im Zeitalter der Renaissance geboren und starb, als sich bereits Manierismus etablierte, doch ist sein Schaffen weder der einen noch der anderen Ausdrucksform zuzuordnen. Zu Beginn der Schau wird am Beispiel früher Arbeiten deutlich, wie sehr er anfänglich stilistisch und motivisch unter dem Eindruck Andrea Mantegnas stand, dessen strenger, fast grafisch-scharfer Linienführung er folgte. In der weiteren Entwicklung ging Correggio zu sanfteren Farbübergängen über, wie sie etwa Leonardo da Vinci praktizierte. Neben auflösenden Konturen gewinnen die Figuren mehr an Plastizität, was auf eine Auseinandersetzung mit Werken von Raffael hindeutet. In seiner reifen Schaffensphase nehmen dann eine anmutige Bewegtheit sowie die Eleganz der Figuren zu. Markant treten Erprobungen spezieller Lichtsituationen hervor, die er allen voran spektakulär bei der „Heiligen Nacht“ zum Einsatz brachte.
Doch vom „Meister des Hell-Dunkels“ und der Andachts- und Altarbilder haben sich auch einige profane Darstellungen erhalten, darunter erotische, für den Hof in Mantua gefertigte Bilder, denen ein separates Kapitel gewidmet ist. Die voyeuristischen Darstellungen verbindet eine außerordentliche Weichheit der Körper. Besonders die Darstellung der Maria Magdalena, die zwischen religiöser Andacht und erotischer Anmutung, zwischen Buße und sinnlicher Ausstrahlung pendelt, wurde zu einer seiner beliebtesten Bildfindungen. Die aus dem Louvre entliehene „Schlafende Venus und Amor mit einem Satyr“ gehört zu Correggios laszivsten Gemälden und gilt als spektakuläres Beispiel für seine Fähigkeit, die Weichheit von Haut wiederzugeben. Koloristisch brillant gestaltete er um 1530 die „Entführung des Ganymed“, die mit ihrer homoerotischen Thematik eine Sonderstellung einnimmt. Im Dialog mit Werken seines Bewunderers Girolamo da Carpi lässt sich die sinnliche Virtuosität von Correggios Malerei bestens ermessen.
Ein separates Kapitel stellt profane Zeichnungen vor, die für den Werkstattgebrauch oder als Entwurfsvorlagen für Auftraggeber gedacht waren. Hier vertieft sich die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper. Sie sind überwiegend in Rötel ausgeführt, was zarte, weichtonige Nuancierungen zulässt und somit für Correggios sinnliche Darstellungen besonders geeignet ist. Zum Schluss widmet sich die Schau den drei großen in Parma realisierten Freskenprogrammen des Künstlers. Das monumentale Kuppelfresko im Dom von Parma mit der Himmelfahrt Mariens besticht durch seine kühn bewegten, verschlungenen Gestalten und gilt als bedeutender Vorläufer barocker Deckenmalerei und daher als Meilenstein der Kunstgeschichte. Neben Zeichnungen zur Entwurfsgeschichte vermittelt die Projektion eines 3D-Modells dieses grandiose Werk.
„Berührend menschlich“, so der passgenaue Titel der ersten umfassenden Correggio-Schau außerhalb Italiens, bringt Correggios Entwicklung im konzentrierten wie experimentellen Einsatz von Farbe, Licht und Bewegung zum Ausdruck. Der Besucher wird konfrontiert mit erotischem Begehren, fröhlichem Gottvertrauen, wilder Ausgelassenheit und tiefer Trauer. Wie es der sensible Allegri, der im Zeitalter des Barock zum Lieblingskünstler aller Maler aufstieg, verstand, die Gefühle zu inszenieren, festigte seinen Ruf als großer Künstler. Allein aus konservatorischen Aspekten wird es seine Kunst in dieser Intensität wohl nie mehr zu erleben sein. Dresden kann somit wieder einmal mit einer Schau der Extraklasse punkten.
Die Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ ist zum 10. Januar zu sehen. Die Gemäldegalerie Alter Meister im Semperbau am Zwinger hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 10,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog bei Sandstein Kultur erschienen, der im Museum 38 Euro, im Buchhandel 50 Euro kostet. |