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Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Das Dorotheum in Wien wurde seine Kunst seit 1950 erfolgreich los. Dabei spielten Künstlerinnen eine nicht unbedeutende Rolle

Der Blick geht Richtung Osten



Carla Accardi,  Fonda notte – Pieno giorno, 1986

Carla Accardi, Fonda notte – Pieno giorno, 1986

Carla Accardi ist im deutschsprachigen Raum nicht sonderlich bekannt. Eine monografische Präsentation in einem der großen Museen Deutschlands, der Schweiz oder Österreich gab es in den vergangenen Jahrzehnten nicht. Das Marta in Herford hat die 1924 geborene Vertreterin der Nachkriegsavantgarde 2007 zwar mit einer Ausstellung bedacht, sie aber damals mit dem weitaus berühmteren und populäreren Lucio Fontana zusammengebracht. Das könnte sich vielleicht ändern, denn auf dem Kunstmarkt spielt Accardi mit ihrer zeichenhaften Formspielerei in kräftigen Farben eine immer größere Rolle. Wesentlich dazu beigetragen hat das Dorotheum. Seit einigen Jahren legt der Wiener Versteigerer die Messlatte für die Pionierin der Abstraktion und des Feminismus in Italien immer etwas höher, so auch in der vergangenen Auktion mit Kunst der Gegenwart. Dort war Accardis zwischen freier Malerei und Design angesiedelter Paravent „Fonda notte – Pieno giorno“ von 1986 zu haben. Und die bunten kalligrafischen Zeichen, die an knochenartige Strukturen erinnern, ließen auch diesmal die Herzen der Sammler höher schlagen. Siegreich war ein Telefonbieter, der mit einem Zuschlag von 400.000 Euro die Schätzung verzehnfachte, mit Aufgeld 520.000 Euro hinblätterte und damit den neuen Auktionsrekord für Accardi aufstellte.


Die anderen Arbeiten der mehrfachen Biennale-Teilnehmerin hielten sich dann aber an die Vorgaben, etwa Carla Accardis kalligrafischer, gleichfalls vielfarbiger Wortschatz auf einem ungrundierten Leinwandquadrat des Jahres 1983 an 60.000 Euro oder die lediglich in einem Türkisgrün ausformulierten schwungvollen Rundungen „Intrigo verde“ aus dem Jahr 2007 an 40.000 Euro. Bei ihrem Mann Antonio Sanfilippo war es nicht viel anders; seine grau-weiß-schwarze Informel-Komposition „Metropoli“ von 1954 erreichte 50.000 Euro (Taxe 55.000 bis 75.000 EUR). Ein anderer Italiener der Nachkriegsabstraktion war da gefragter: Piero Dorazios „Ornato Bianco“ von 1984, ein zweieinhalb Meter breites Gewebe aus dicht überlagerten bunten Vertikalen und Diagonalen mit abschließendem Weiß, schoss von 60.000 Euro auf 200.000 Euro. Gute Preise bei den Italienern erzielten dann noch Gastone Novelli mit seiner Leinwand „Senpink“ von 1961, die deutlich skriptural ausgearbeitet ist und mit ihrer unlogischen Buchstabenfolge den Titel verrät, bei 100.000 Euro (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR) und die Bildhauer Fausto Melotti mit der filigranen Naturschöpfung „Contrappunto piano“ aus Messing von 1973 sowie Giò Pomodoro mit seinem welligen, golden glänzenden Bronzeblock „Folla/Crowd“ von 1963 bei jeweils 70.000 Euro zum Doppelten der Schätzung.

Die Sechsstelligkeit erreichten Emilio Vedova mit seiner kraftvoll in Blau, Schwarz und Weiß gemalten gestischen Komposition „Emerging ’83 (A Bruno Taut)“ bei 200.000 Euro (Taxe 180.000 bis 250.000 EUR), Lucio Fontana mit seinem bunt gefassten, wild verzerrten Keramikrelief „Crocifissione“ von 1957 bei 100.000 Euro (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR), und in gleicher Konstellation Ettore Spalletti mit seiner himmelblauen Malfläche von 2001, die auf drei Seiten von einem goldenen Rahmen abgesetzt wird und somit Fragen des Raums und der Malerei an sich stellt. Giuseppe Uncini durfte sich dann sogar über eine Wertsteigerung freuen: sein konstruktiver, architektonisch gedachter Betonblock „Cementarmato“, mit dem er 1961 geometrisch-räumliche Lösungen für seine Kunst suchte, kletterte von 80.000 Euro auf 135.000 Euro, gleichfalls Jannis Kounellis’ aus Holz ausgesägtes dünnes Ahornblatt aus dem Jahr 1967 von 50.000 Euro auf 75.000 Euro. Maurizio Nannuccis Leuchtobjekt „Blue“, eine selbstreferentielle hellblaue Neonschrift dieser vier Buchstaben auf dunkelblauem Leinwandquadrat von 1970, brachte immer noch 46.000 Euro zusammen (Taxe 28.000 bis 38.000 EUR).

Aber auch Künstler anderer Ländern konnten in der Auktion „Zeitgenössische Kunst“, die am 20. Mai mit einer hohen Verkaufsrate nach Losen von 86 Prozent abschloss, ihre Arbeiten erfolgreich absetzen, darunter der Spanier Rafael Canogar. Seine frühe, gestische, in Weiß und Rot entwickelte „Pintura n° 102“ aus das Jahr 1963 reüssierte bei 90.000 Euro (Taxe 35.000 bis 50.000 EUR). Daran schlossen sich der 1954 in Uruguay geborene Bildhauer Pablo Atchugarry mit seiner nach oben strebenden Marmorfaltung „Arpa“ von 1999 bei 85.000 Euro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) und der ungarische Op-Art-Vertreter Victor Vasarely mit seiner vielfarbigen Würfelkonstruktion „Diam-Va“ von 1969/70 bei 75.000 Euro an, die scheinbar aus der planen Malfläche hervorzutreten scheint (Taxe 45.000 bis 65.000 EUR). Sein Kollege, der nach Paris ausgewanderte Venezolaner Jesús Rafael Soto, gestaltete um 1983 mit bunten kleinen Holzquadraten, die er vor dichte, regelmäßige vertikale schwarze und weiße Linien positionierte, ein pulsierendes visuelles Feld und damit ebenfalls eine optische Täuschung, die nun 160.000 Euro einbrachte (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Eine besondere Aufmerksamkeit wurde Mikuláš Medek zuteil. Bereits in vergangenen Versteigerungen konnte das Dorotheum mit den geheimnisvollen düsteren Abstraktionen voller metaphorischer Bedeutung des 1974 früh verstorbenen Tschechen punkten. Diesmal ließen die Kunden bei dem titellosen vogelartigen Uhrenkonstrukt von 1968 mit 260.000 Euro (Taxe 90.000 bis 140.000 EUR) und der nächtlichen Vision „Too Deep a Sleep V“ von 1966 zum Auktionshöchstpreis von 420.000 Euro nicht locker (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). In der Tagesauktion mit den günstigen Preisen wurde dann noch sein blütenartiges Gebilde „Kopf des durstigen Engels“ bei 65.000 Euro hofiert (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR). Diesen Wert generierte zudem der kroatische Maler Edo Murtic mit seiner ungegenständlichen, horizontal gestaffelten Naturerscheinung „L. Pred Burom“ von 1957, die auf die Bora, die heftigen Fallwinde vor der adriatischen Küste anspielt; die Preisvorstellungen lagen aber nur bei 10.000 bis 15.000 Euro.

In der Hauptauktion mischten an vorderer Front außerdem einige bekannte US-Amerikaner mit, allen voran Robert Rauschenberg mit seiner Assemblagegrafik „Tower Terrain (Spread)“ von 1978 aus Zeitungsausschnitten, Kultur- und Naturzeugnissen, die sich mit einem Zuschlag von 215.000 Euro über mangelnden Zuspruch nicht beklagen konnte (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Während Andy Warhols Zeichnung eines kleinen jungen freundlichen Elfen nichts ausrichten konnte (Taxe 34.000 bis 52.000 EUR), brillierte die frühe Collage „Babs“ aus der Mitte der 1950er Jahre: Der Schuh-Fetischismus des Pop Art-Stars machte den Ausfall mit 110.000 Euro wieder wett (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Die untere Erwartung von 180.000 Euro erreichte Julian Schnabels 2022 entstandene objekthafte Naturparaphrase aus der Serie „Victory Plate Paintings“, in der er die rosafarbenen Blüten von wilden Strandrosen in der Einfahrt seines Haus in Montauk auf Long Island vor azurblauem Himmel auf zerbrochenen Tonscherben einfing. Robert Longos hyperrealistisch mittels Kohle 2017 gezeichneter Vogelflügel „Study of Right Wing“ musste allerdings bis zum Nachverkauf warten, um an der unteren Taxgrenze von 70.000 Euro einen Abnehmer zu finden.

Dieses Schicksal teilt er mit den „Poems of Longfellow (from „Birds of Passage“ by H. W. Longfellow)“ von Xu Bing. Die auf den ersten Blick traditionelle Kalligrafie, bei der der Chinese 2007 aber selbst erfundene Schriftzeichen ohne jegliche Bedeutung nutzte, musste einen Abschlag auf 76.000 Euro hinnehmen (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Da hatten es einige deutsche Künstler deutlich besser, so Thomas Schütte, der mit seiner verschrumpelten Bronzefigur „Vater Staat“ samt langem Kittel und Kapuze, deren monumentale, etwa vier Meter hohe Variante vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin steht, bei 400.000 Euro Platz 2 der Zuschlagsliste belegte (Taxe 300.000 bis 500.000 EUR). Günther Uecker ließ nicht locker, bis für sein nicht allzu großes Nagelbild „Strukturfeld“, bei dem die Nägel seit 1973 wirbelartig um ein Zentrum kreisen, 350.000 Euro erreicht waren (Taxe 180.000 bis 260.000 EUR). Auch die 80.000 Euro für Gotthard Graubners kleinen, aber bezwingenden Farbraumkörper in Nuancen von Gelb und Pink kamen unerwartet zusammen (Taxe 45.000 bis 60.000 EUR). Doch bei den Deutschen gab es teure Absatzprobleme. So blieb Günther Förgs großformatiges „Gitterbilder“ von 1996 liegen (Taxe 260.000 bis 350.000 EUR), ebenso Otto Pienes rot glühendes Feuerbild „unus solus totus“ von 2003 (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).

Bei der österreichischen Kunst genoss die spät wahrgenommene Martha Jungwirth die größte Aufmerksamkeit. Als erste Position der Auktion gab sie mit einer titellosen, von rotem Kolorit dominierten Farbvermengung aus der Serie „Fruchtfleisch“ von 2012 bei 330.000 Euro die Richtung vor (Taxe 80.000 bis 140.000 EUR). Wenig später folgte ihre ebenfalls ungegenständliche poetische Farbüberlagerung des Jahres 2013 für 120.000 Euro (Taxe 90.000 bis 150.000 EUR). Überraschenderweise griff bei der frohgemuten Zeichentrickfigur „Purple Mouse“ aus der Disney-Welt, die jedoch 2010 unter Gottfried Helnweins Händen zu einem bösartigen Kinderschreck mutierte, niemand zu (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR), dafür bei seinem über fünf Meter breiten Panoramaformat „Irish Landscape 5 (Sky Tullamaine Castle)“. Hier beschwor Helnwein 2004 gleichfalls in hyperrealistischer Malweise die Schönheit seiner Wahlheimat Irland herauf und landete taxkonform bei 150.000 Euro. Hermann Nitsch behauptete sich mit einem rot-gelben Schüttbild von 2005 bei 70.000 Euro (Taxe 30.000 bis 60.000 EUR), Herbert Brandl mit seiner gleichaltrigen, golden leuchtenden Abendstimmung an einem See bei 72.000 Euro (Taxe 60.000 bis 100.000 EUR), Arnulf Rainer mit seinem roten dynamischen „Vielhandbild“ von 1975 bei 55.000 Euro (Taxe 40.000 bis 70.000 EUR) und Gunter Damisch mit seinen bunten Sternen auf der Leinwand „Weltflimmerdichte“ von 2013 bei 60.000 Euro (Taxe 22.000 bis 40.000 EUR).

Neben Carla Accardi und Martha Jungwirth beteiligten sich weitere Malerinnen gelungen an der Versteigerung. Zur älteren Generation gehört die 1992 in Paris verstorbene Maria Helena Vieira da Silva, die ihre mit Kohle gezeichnete Ahnung von urbanen Hochhausstrukturen unter dem Titel „Les irrésolutions résolues XXVI“ von 1969 bei den anvisierten 80.000 Euro von dannen ziehen ließ. Die Schweizerin Miriam Cahn verdreifachte mit 150.000 Euro den Wert für ihre geisterhafte weibliche Erscheinung „Unklar“, mit der sie 1996 die Verletzlichkeit menschlicher Existenz behandelte. Katharina Grosse verdoppelte jeweils den Preis für ihre ungegenständlichen Farbüberlagerungen von 2004 auf 60.000 Euro und von 2008, großformatiger und mit Sand bereichert, auf 80.000 Euro. Für Chris Ofilis wandfüllende Arbeit „Trump“ von 1998, in der der afrobritische Künstler das Frauengesicht einer Schwarzen mit der Spielkarte Pik und Elefantendung kombinierte und derart Elemente aus unterschiedlichen Kulturen zusammenfügte, gab es nochmal hohe 300.000 Euro (Taxe 300.000 bis 500.000 EUR), für David Altmejds giftgrün gefärbte, von Händen aufgerissene Bronzefigur „Untitled 2“ aus der Serie „Bronze Bodybuilders“ 60.000 Euro (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR), und Rashid Ranas aus kleinen Fotografien eines kolonialen Gebäudes zusammengesetztes Großbild desselben Ortes kam auf 45.000 Euro (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR).

Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



21.09.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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