 |  | Faszination Fayence: Die Sammlung Peter Ducret wird bei Koller versteigert | |
Die Sammelleidenschaft war ihm in die Wiege gelegt worden. Als Sohn des angesehenen Porzellansammlers Siegfried Ducret begeisterte sich der 1937 geborene Peter Ducret schon als Kind und Jugendlicher für Muscheln, Schnecken, Versteinerungen und andere Naturalien. Seine Aufmerksamkeit galt dann später der Fayencekunst des 18. Jahrhunderts. Der ausgebildete Mediziner trug eine der wichtigsten Fayencekollektionen zusammen und gehörte zu den führenden Kennern weltweit auf diesem Gebiet. Als Sammler der alten Schule ließ er sich von der Vielfalt ihrer Formen und Bemalungen, von den kunstvollen Trompe l’œil-Ausführungen, von der Haptik der Materie sowie von der Geschichte und der Herkunft der Objekte, von ihrer Authentizität und Seltenheit faszinieren. In zahlreichen Aufsätzen hat Ducret wichtige Beiträge zur Forschung über die Fayence geleistet und sich in Keramikstiftungen und -vereinen engagiert. Mit großer Gastfreundschaft, Humor und Begeisterung habe der Schweizer seine Sammlung für Freunde, Fachleute und Interessierte geöffnet, erinnert sich seine Tochter Madeleine Ducret: „Das Haus in Kilchberg war über Jahrzehnte nicht nur ein Ort der Bewahrung, sondern auch der Begegnung, des Gesprächs und der gemeinsamen Entdeckung und jeder, der sich für Keramik, Fayencen oder seine Sammlung interessierte, war dort Willkommen, und es bereitete ihm Freude, sein Wissen großzügig weiterzugeben.“
Im Mai 2025 ist Peter Ducret gestorben. Wie Madeleine Ducret mitteilte, war es der Wunsch ihres Vaters, dass sich auch andere kunstinteressierte Menschen an den wunderbaren Werken erfreuen mögen. Die Fayencen der Schweizer Manufakturen fanden bereits in einer weiteren wichtigen Privatsammlung eine neue Heimat, lokalhistorisch bedeutende Teilbestände bereichern Museen in der Schweiz. Bei Züricher Versteigerer Koller stehen nun vor allem Ducrets Bestände aus deutschen und französischen Betrieben, etwa aus Ansbach, Bayreuth, Crailsheim, Fulda, Göggingen, Künersberg, Schrezheim und Straßburg, auf dem Programm. Figürliche Formen, die malerische Qualität und die Palette der Muffelfarben zeichnen etwa eine ansehnliche Gruppe von Trompe l’œil-Fayencen aus, die im 18. Jahrhundert bei Festmählern an europäischen Fürstenhöfen den Gästen als täuschend echte Nachbildungen von Lebensmitteln aufgetischt wurden. Ein Vorliebe Ducrets galt dabei der Werkstatt der Familie Hannong aus Straßburg. In der Periode von Paul Anton Hannong modellierte Johann Wilhelm Lanz etwa zwischen 1748/54 ein Paar naturalistisch gestaltete Enten als Terrinen (Taxe 28.000 bis 35.000 SFR), ein unbekannter Künstler griff für die selbe Funktion auf einen Blumenkohl und Kohlblätter als Untersatz zurück (Taxe 8.000 bis 12.000 SFR), und als Deckelgefäße dienten in dieser Zeit zwei Artischocken (Taxe 4.000 bis 6.000 SFR).
Das Clemenswerther Jagdservice
Ein Großauftrag ging um 1750 bei Paul Anton Hannong ein: Der Kölner Erzbischof und Kurfürst Clemens August bestellte in Straßburg ein 350teiliges Speiseservice für sein Jagdschloss Clemenswerth im Emsland. Heute gilt das sogenannte „Clemenswerther Jagdservice“, das die Schlosstafel mit seinen Schaugerichten in Tier-, Früchte- und Gemüseform zierte, als ein Höhepunkt der Fayencekunst. Darauf lagen etwa ein Paar Spargelbündel und ein Paar Weintrauben als Terrinen (Taxe je 4.000 bis 6.000 SFR), ebenso ein Paar Zitronen auf einem Blütenbett als Deckeldosen (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR) oder eine Birne mit Stilansatz in selber Funktion, an der sich schon eine kleine freche Fliege labt (Taxe 1.200 bis 2.200 SFR). Eher funktional muten zwei Saucieren und ein ovales Bassin an, die in Straßburg mit Schmetterlingen, Tulpen und anderen Blüten staffiert wurden (Taxen 1.200 bis 2.200 SFR bzw. 600 bis 800 SFR). Teuerste Stücke aus diesem Clemenswerther Service sind zwei Rebhühner wohl nach einem Entwurf von Johann Wilhelm Lanz für 12.000 bis 22.000 Franken oder eine Taube, die ebenfalls Lanz zugeschrieben wird und als Terrine fungierte, für 8.000 bis 15.000 Franken.
Peter Ducret erfreute sich aber nicht nur an bunten und ungewöhnlichen Schaugerichten aus Straßburg. Wohl aus der Fuldaer Manufaktur legte er sich eine Butterdose in Gestalt einer Schildkröte um 1750 zu (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR), aus Höchst eine Zitronen- und eine Melonenterrine (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR bzw. 1.000 bis 1.500 SFR), aus Künersberg die Vögel Star, Drossel, Birkhuhn und einen krähenden Hahn, die um 1750/60 als Deckelgefäße und Terrinen auf den Tischen standen (Taxen zwischen 1.500 und 6.000 SFR), aus der Manufacture de Sceaux einen Teller mit Bohnen um 1760 (Taxe 1.000 bis 1.500 SFR) und aus der Faïencerie de Saint-Clément ein Schaugericht mit geachtelten Eiern um 1770/80 (Taxe 1.200 bis 2.200 SFR). Nach Venedig geht es dann mit einem prächtigen Apothekentopf, der um 1780 in der Manufaktur Cozzi frühklassizistisch mit Löwenkopfhandhaben über applizierten Früchtekränzen und üppiger Blumenmalerei samt Textilbändern ausgestattet wurde (Taxe 4.000 bis 7.000 SFR), nach Warschau mit einem luxuriösen Teller, der um 1776 in der nur zehn Jahre produzierenden Königlichen Fayencefabrik Belvedere für Sultan Abdul Hamid I. im Imari-Stil bemalt wurde (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR), und nach Winterthur mit einem Breitrandteller, datiert auf das Jahr 1682 und verziert mit einer Weinrispe, Birne, einem Granatapfel und zwei Pflaumen auf der Fahne und dem Wappen der Familie Ulrich in Spiegel (Taxe 800 bis 1.500 SFR).
Geheimnisvolles Grün
Aus der Fayencemanufaktur Ansbach gesellen sich ein Teller mit Karpfenteichdekor (Taxe 2.500 bis 3.500 SFR) und ein Vasenpaar im fernöstlichen Stil aus der berühmten „Grünen Familie“ um 1730/40 hinzu, deren Herstellungsgeheimnis 1749 verlorenging (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR), aus der Markgräflichen Fayencemanufaktur Bayreuth eine Rokokovase als Ofenaufsatz, modelliert mit plastischen Rocaillen und Blütenzweigen, staffiert in Purpur und bemalt mit einer Uferlandschaft aus den 1760er Jahren (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR), und aus der Manufaktur Crailsheim ein Teller, dessen galante, aber auch ein wenig derb ausformulierte Szene wohl auf den Maler Johann Heinrich Klug zurückgeht (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR). Der Fayencemanufaktur Hanau wird eine mit Früchten, Blüten und Blattranken reich staffierte runde Terrine zugewiesen, auf deren Deckel sich exaltiert eine Adler erhebt (Taxe 1.200 bis 2.000 SFR). Eine weitere Besonderheit der Sammlung Ducret sind seltene Fayence-Bildplatten. Von exquisiter Qualität ist eine rechteckige Darstellung mit der figurenreichen „Darbringung Jesu im Tempel“ in Grisaille nach einem Kupferstich von Johann Christoph Steinberger. Fein ausgeführt und vor allem auch signiert hat sie einer der bedeutendsten Porzellanmaler des 18. Jahrhunderts: Adam Friedrich von Löwenfinck (Taxe 30.000 bis 40.000 SFR).
Aus der Fuldaer Manufaktur stammt zudem noch die Grisaille-Bildplatte mit dem heiligen Eremiten Wilhelm von Malavalle, bei dessen Ausführung Johann Bernhard Schmidt 1745 auf einen Kupferstich von Raphael Sadeler aus dem Jahr 1598 zurückgriff (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR), aus der Künersberger Manufaktur eine oktogonale Version mit einem breiten geschnitzten Holzrahmen um 1760, in deren Mitte sich eine reizvolle Allegorie des Monats Mai mit zentraler Frauenfigur bei der Gartenarbeit in bunten Farben auftut (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR). Orientalisch gibt sich eine Darstellung aus der Fayencemanufaktur Schrezheim: Der Ellwanger Schmelzmaler Johann Andreas Bechdolff wählte sich dafür den Janitschar-Aga, den obersten Befehlshaber der Janitscharen, der Elitetruppe der osmanischen Armee, stellte ihn auf eine Terrasse in repräsentativer Pose neben eine ausladende Rocaillenvase und ließ ihn mit seiner Hand auf ein Segelschiff vor der Küste weisen (Taxe 6.000 bis 8.000 SFR).
Aber nicht nur Keramikwaren des 18. Jahrhunderts weckten Ducrets Interesse, sondern auch Waren des 1823 im Elsass geborenen Hafners Joseph-Théodore Deck, der ab 1856 in Paris eine eigene Manufaktur betrieb. Sein farben- und formreiches Œuvre mitsamt den vielseitigen kulturellen Einflüssen verrät Decks Experimentierfreude ebenso wie den Geist des Historismus und des beginnenden Jugendstils. Dazu zählen etwa ein Paar amphoraförmige Henkelvasen mit leicht reliefierter Zier in Form von Blumen, Zweigen, Insekten und Schmetterlingen in polychromer und goldener Bemalung um 1880/90 (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR), ein Fayence-Cachepot in leuchtendem Türkis, dem nach ihm benannten „Bleu-de-Deck“, mit asiatischem Drachen- und Wolkendekor um 1900 (Taxe 4.000 bis 6.000 SFR) oder eine tiefviolette Vase mit plastisch geformten Ast- und Blumenhenkeln in „Bleu-de-Deck“ auf einem Bronzesockel aus Elefantenköpfen um 1878 (Taxe 2.500 bis 3.500 SFR).
Die Sammlung des Vaters
Außerdem führt der Katalog noch Porzellane aus der Sammlung von Siegfried Ducret an, darunter zwei runde Medaillons der Landgräflichen Porzellanmanufaktur Kassel, die Johann Georg Pforr um 1769/71 mit einer Wildschwein- und einer Hirschjagd bemalt hat, oder fünf etwa gleichaltrige Charaktere aus dem „Türkischen Hofstaat“ der Manufaktur Kloster Veilsdorf mit der Figur des Soulak Bachi, bei der es sich offenbar um ein Unikat handelt (Taxe je 4.000 bis 7.000 SFR). Als überraschend ansehnlich weist sich Flötenspieler der Würzburger Porzellanmanufaktur aus; bei der Produktion in der Main-Metropole gab es häufiger Schwierigkeiten, was nicht zuletzt den nur fünf Jahre dauernden Betrieb der Firma begründet (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR). Das „Jägerpaar beim Aser“, also bei einer kleinen Mahlzeit im Freien, wurde um 1768/70 in der Manufaktur Schooren-Kilchberg auch als Allegorie des Herbstes geführt (Taxe 3.000 bis 4.000 SFR).
Steinkunst vom Feinsten
Höhepunkte der regulären Auktion „Works of Art & Decorative Arts“ sind eine auserlesene Bonbonniere, die der Dresdner Hofjuwelier Johann Christian Neuber um 1785/90 wieder aus exakt zugeschnittenen Hartsteinen farbverliebt komponierte (Taxe 100.000 bis 180.000 SFR), eine goldene Genfer Emaildose mit Singvogelautomat, hinter der die berühmten Schweizer Uhrmacher und Goldschmiede Pierre Jaquet-Droz, Jean-Frédéric Leschot und Jean-George Rémond stehen (Taxe 70.000 bis 110.000 SFR), und eine teils skelettierte Pendule mit Datum und Mondphase des Directoire aus Paris, deren Ziffernblatt mit „Le Brin à Paris“ signiert ist, wobei dieser Name in den einschlägigen Lexika aber nicht auftaucht (Taxe 40.000 bis 70.000 SFR). Das Silber steuert einen Deckelhumpen mit Schlangenhautdekor des Züricher Meisters Hans Jacob Bullinger III um 1680 (Taxe 12.000 bis 18.000 SFR) und die etwas jüngere Variante seines Winterthurer Kollegen Ludwig Forrer I mit dem Allianzwappen der Hauser von Glarus und Sulzer von Schaffhausen bei (Taxe 12.000 bis 24.000 SFR).
Teuerstes Möbel ist mit 30.000 bis 50.000 Franken eine Kommode von Charles Cressent um 1730/40 mit rechteckigen Feldern aus Rosen- und Veilchenholz, über die sich die vergoldeten Bronzebeschläge frei bewegen. Dahinter folgen bei 20.000 bis 30.000 Franken ein wohl Augsburger Kabinett aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit reichen Ruinen- und Architekturintarsien, überwuchert von Früchtezweigen, in Anlehnung an Lorenz Stöer und bei 15.000 bis 20.000 Franken eine Rokokokommode aus Rosenholz und Amarant mit Bronzezier in Form von Rocaillen, Ranken, Akanthus und Blüten, gestempelt um 1740/50 von Jacques Dubois. Für den Jugendstil steht ein Vitrinenschrank um 1902, den der Italiener Carlo Zen mit Mahagoni furniert, mit Perlmutt-, Messing- und Kupferornamenten teils floral, teils mit einem Sonnenuntergang über dem Meer eingelegt und der Darstellung einer Nymphe auf goldfarbenem Fond bestückt hat (Taxe 10.000 bis 20.000 SFR).
Die Auktion beginnt am 17. September um 10 Uhr mit den „Works of Art“, um 14 Uhr folgt die Sammlung Ducret. Eine Besichtigung ist bis zum 15. September täglich von 10 bis 18 Uhr möglich. |