 |  | Edgar Degas, Die Orchestermusiker, 1872 | |
Bei Anwesenheit des Kaisers wurde am 22. März 1876 die Alte Nationalgalerie in Berlin feierlich eröffnet. Nicht ganz ein halbes Jahrhundert später, am Morgen des 7. Januar 1926, starb in einem Berliner Krankenhaus der Kunsthändler Paul Cassirer nach einem Selbstmordversuch. Die Wiederkehr der Ereignisse vor 150 respektive 100 Jahren und die enge Verbindung des Museums zur Person Cassirer sind für die Nationalgalerie Anlass zu einer Ausstellung, die unter dem Titel „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ der Berliner Museumsinsel weiteren Glanz verleiht. Durch Cassirers Vermittlung fanden zahlreiche Schlüsselwerke der Moderne Eingang in bedeutende deutsche Kunstkollektionen und Museen, darunter auch in die Bestände der Berliner Nationalgalerie. Nach der vor zwanzig Jahren in Berlin und Frankfurt am Main ausgerichteten Schau, die Cassirer als Verleger behandelte, wird nun dessen Wirken als Kunsthändler in den Fokus gerückt. Seine nachhaltigste Leistung war die Durchsetzung des Impressionismus zu einer Zeit heftiger Kontroversen um avantgardistische Tendenzen.
Die Ausstellung möchte dies nun am Beispiel erlesener Werke, deren Geschichten, Wege, Kontexte sowie begleitender Debatten darlegen, ergänzt um Cassirers Methoden und Strategien der Vermarktung. Dafür haben die Kuratorinnen Josephine Klinger und Franziska Lietzmann über 120 herausragende Arbeiten vereint, deren Schöpfer das Who’s who moderner Kunstgeschichte bilden. Das Gros der Exponate wird vielen auf Ausstellungen oder in Publikationen schon begegnet sein, deren urbane Sujets und farblich glänzende Erscheinungen ihnen zuweilen den Ruf als „Postkartenbilder“ einbrachten. Selbst wenn einige impressionistische Highlights für Berlin nicht gewonnen werden konnten, etwa Edouard Manets „Frühstück im Grünen“ von 1863 oder Claude Monets „Impression, soleil levant“ von 1872, fällt dies bei den vielen anderen Glanzlichtern kaum ins Gewicht.
Gerade erst 27 Jahre alt, eröffnete der 1871 in Breslau als Spross einer assimilierten jüdischen Familie geborene Paul Cassirer am 1. November 1898 eine „Kunst- und Verlagsanstalt“, die er zusammen mit seinem Cousin Bruno Cassirer betrieb. Neben Werken von Edgar Degas und Constantin Meunier zeigten sie in ihrer ersten Ausstellung auch Bilder von Max Liebermann, der die jungen Neugaleristen über sein herausragendes Netzwerk tatkräftig förderte. Das neue Kunsthandelsunternehmen setzte von Beginn an auf mediale Vielfalt. Im zugehörigen Verlag erschienen ergänzend Publikationen und druckgrafische Mappenwerke. Schon 1901 trennten sich die Geschäftsfelder: Bruno konzentrierte sich auf den Verlag, Paul auf die Galerie. In den Gepflogenheiten des Kunsthandels setzte sich seine Galerie bewusst von Mitbewerbern ab. Abseits innerstädtischer Hektik im eleganten Tiergartenviertel auf der Viktoriastraße 35 in den von Henry van de Velde ausgestatteten Räumen einer ehemaligen Villa ansässig, musste das Etablissement bis 1912 allein drei Mal durch den An- und Ausbau von Oberlichtsälen den aktuellen Ansprüchen angepasst werden. Hier bot Cassirer in „Petersburger Hängung“ der modernen Kunst eine Plattform.
Dank enger Kontakte zu Pariser Händlern, allen voran zu Paul Durand-Ruel, konnte Paul Cassirer Maler wie Edouard Manet, Claude Monet, Edgar Degas, Pierre-Auguste Renoir, Paul Cézanne, Camille Pissarro bis bin zu Vincent van Gogh oder Edvard Munch dem Berliner Publikum vorstellen. Ergänzend engagierte er sich für Berliner Künstler und Vertreter der Secession und präsentierte Werke von Max Slevogt, Walter Leistikow oder Lovis Corinth. Bis 1914 versammelte Cassirer in fast 200 Ausstellungen geschätzt 20.000 Werke, die neue Sehgewohnheiten sichtbar werden ließen und die Kritiker entzweiten. Sein strikt an individueller Handschrift und Qualität ausgerichtetes Programm war von beeindruckender Dichte und Vielfalt. Zudem stieg er 1916 in den Auktionshandel ein. Dem nicht genug: Zwischen 1901 und 1906 unterhielt er eine Dependance in Hamburg, ab 1923 kam eine in Amsterdam hinzu. Finanziell angeschlagen und durch Kriegsweinwirkung nicht vor Ort, traten Grete Ring und Walter Feilchenfeldt 1924 als Teilhaber in das Unternehmen ein. Sie übernahmen den Betrieb nach dem Ableben Cassirers und führten ihn bis zur Einstellung 1933 fort.
In einem Dutzend Kapitel kehrt die Ausstellung einzelne Aspekte heraus. Klinger und Lietzmann haben Wege einzelner Werke recherchiert, Beziehungen zu Museen und Sammlern aufgedeckt, Streitereien mit der Obrigkeit dokumentiert, stellen Unterstützer oder Publikationen vor und legen die Geschichte des Kunstsalons und seines Inhabers ausführlich dar. Doch das einzigartige Panorama an Gemälden vom Feinsten überstrahlt alle Details. Richtungsweisend gerät zuerst Edgar Degas’ 1879 gemalte „Miss Lala im Zirkus Fernando“, die 1903 als Leihgabe von Paul Durand-Ruel eine Verkaufsschau bei Cassirer bereicherte. Gleich mehrfach zeigte Cassirer Paul Cézannes Ölgemälde „Die Fischer“ von 1875. Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie, hatte es dort im Jahr 1908 für sein Haus erworben, musste es jedoch auf Druck des Kaisers alsbald zurückgeben. Heute gehört es zum Bestand des Museum of Modern Art in New York. Die unerschöpfliche Zahl herausragender Werke, die durch Cassirers Hände ging und von denen sich nun ein Teil wieder in Berlin versammelt, ist weltweit verteilt.
Obgleich die Finanzierung von Tschudis Ankäufen durch Mäzene erfolgte, stieß seine progressive Ankaufspolitik bei Wilhelm II. und dessen konservativer Kunstkommission auf Widerstand. Anton von Werners großformatiges Historienbild „Kaiser Friedrich als Kronprinz auf dem Hofball 1878“ demonstriert, wie der kaiserlichen Forderung nach identitätsstiftender „deutscher“ Kunst entsprochen werden sollte. Als die Konflikte 1908 eskalierten, wechselte Tschudi 1909 zu den Staatlichen Galerien München, wo er seine Erwerbungen französischer Kunst fortsetzte. Kurz darauf konnte er bei Cassirer Renoirs „Junge Dame in Schwarz“ für die dortige Sammlung ankaufen. Die Ausstellung klingt aus mit jüngeren Positionen aus dem deutschsprachigen Raum, auf die Cassirer sein Galerieprogramm mit der Zeit fokussierte. Nach Werken von Bernhard Hoetger, Oskar Kokoschka, Gabriele Münter, Max Beckmann, Ernst Barlach, August Gaul, Käthe Kollwitz, Ernst Ludwig Kirchner oder Wilhelm Lehmbruck überraschen Entwurfszeichnungen von Erich Mendelsohn. Zwar handelte sich der junge Architekt mit der 1919 in der Galerie ausgerichteten Schau „Architektur in Beton und Eisen“ viel Kritik ein, doch war die Präsentation, die anschließend durch mehrere deutsche Städte zog, ein wichtiger Karrieresprung für einen der prägenden Architekten des frühen 20. Jahrhunderts.
Paul Cassirer war ein umtriebiger Beobachter der Kunstszene mit einem begnadeten Auge für Qualität und individuelle Ausdrucksarten. Früh erkannte er die Relevanz künstlerischer Positionen außerhalb akademischer Normen und unabhängig von nationalen Zugehörigkeiten oder Wahrnehmungsmustern. Er war bereit, sich zu engagieren, Risiken einzugehen und neue Wege zu beschreiten, ungeachtet scharfer Kritik und obrigkeitsstaatlicher Negierung der von ihm vertretenen Kunst. Dies alles macht deutlich, wie sehr ästhetische Entfaltung, Vermittlung und Förderung unabhängig von politischen Vorgaben ihren Weg in Freiheit finden müssen.
Die Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ ist noch bis zum 27. September zu besichtigen. Die Alte Nationalgalerie hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Hirmer Verlag erschienen, der im Museumsshop 38 Euro kostet. |