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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Mit Auktionsrekorden und starker deutscher, aber auch internationaler Beteiligung lief die Sommersaison für Grisebach erstklassig. Denn die Qualität des Angebots hat gestimmt

Mit Schwung



Georg Kolbe, Tänzerinnen-Brunnen, 1922

Georg Kolbe, Tänzerinnen-Brunnen, 1922

Die Messlatte lag hoch. Als „Monument der Moderne“ hatte Grisebach in Berlin Georg Kolbes „Tänzerinnen-Brunnen“ auf den Sockel gehoben und als Hauptlos seiner Sommerauktion auserkoren. Das bildhauerische Ensemble aus dem Jahr 1922 brachte aber auch genügend Positiva mit: eine künstlerische Meisterschaft, eine ikonische Formensprache und eine bewegende Geschichte. Kolbe entwickelte die nackte Tänzerin in einer rauschhaften Drehbewegung, die die Figur vom Grund zu lösen scheint, als Brunnenplastik für Heinrich Stahl, den Direktor der Victoria-Versicherung in Berlin, und stellte sie auf eine stilisierte Lotusblüte aus Travertin, die von drei kauernden schwarzen Trägerfiguren gestützt wird. Während des Nationalsozialismus wurde die jüdische Familie verfolgt und musste neben ihrem Besitz auch ihr Villa mitsamt Brunnen verkaufen. Heinrich Stahl überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt nicht, seine Ehefrau Jenny konnte nach ihrer Befreiung zu ihrem Sohn in die USA auswandern. Nach einer gütlichen Einigung zwischen der Georg-Kolbe-Stiftung und den Stahl-Erben – der Brunnen stand seit 1978 im Garten des Berliner Georg-Kolbe-Museums – wurde Grisebach nun mit der Versteigerung des bedeutenden Werks beauftragt und hatte mit einer Schätzung von 1 bis 1,5 Millionen Euro schon den neuen Auktionsrekord für Kolbe im Blick. Nach einem intensiven Wettstreit zwischen mehreren engagierten Bietern im Saal und an den Telefonen wurde er mit 4 Millionen Euro netto auch spielend erreicht. Siegreich war schließlich eine Privatsammlung in den USA, die mit Aufgeld 4,98 Millionen Euro bewilligte.


Der Kolbe-Brunnen war nicht der einzige Höhepunkt der Auktion „Ausgewählte Werke“, mit der Grisebach am 4. Juni sein vierzigstes Firmenjubiläum feierte. Samt Nachverkauf stellte sie eine hohe losbezogene Zuschlagsquote von fast 90 Prozent auf die Beine und sorgte für einen Umsatz von knapp 15,3 Millionen Euro. Zu Beginn machten weitere bildhauerische Arbeiten der Moderne auf sich aufmerksam, vor allem Ewald Matarés kleine stehenden „Windkuh“ von 1923. Für die stromlinienförmige Abstraktion des Weidetiers interessierte sich unnachgiebig ein deutscher Sammler, der letztendlich hohe 190.000 Euro investierte (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Mit Wilhelm Lehmbrucks verinnerlichter „Büste der Großen Sinnenden“ von 1914 war ein weiteres Schlüsselwerk der expressionistischen Plastik zugegen. Für den beigefarbenen Terrakottaguss, der wohl zu Lebzeiten Lehmbrucks entstand, kamen die oberen erwarteten 200.000 Euro zusammen. Später gesellte sich noch eines der wenigen bildhauerischen Werke Conrad Felixmüllers hinzu: Sein naturbelassenes kantiges Eichenholzrelief „Liebespaar“ von 1923, das den Künstler in enger Verschmelzung mit seiner Frau Londa beim Küssen zeigt, heimste 130.000 Euro ein (Taxe 90.000 bis 120.000 EUR).

Wer ist Paula Modersohn-Becker?

Während sich Paula Modersohn-Beckers „Brustbild Elsbeth mit Margeriten im Haar“, ein Portrait ihrer dreijährigen, verträumt blickenden Stieftochter aus dem Jahr 1901, mit 150.000 Euro exakt an die untere Schätzgrenze hielt, nahm ihr „Selbstbildnis mit Landschaft vor Bäumen“ das Publikum gefangen. Die Kohlezeichnung in schwungvoller Linienführung, mit der Modersohn-Becker 1903 auch ihr Inneres offenbart hatte, katapultierte ihren Wert von 25.000 Euro auf hohe 390.000 Euro und wanderte zum neuen Rekordpreis für eine Zeichnung der Künstlerin nach Süddeutschland ab. Auch Edvard Munch platzierte sich mit seinen Druckgrafiken gewinnbringend: Die intime Szene eines ineinander verschmolzenen nackten Paares in einem Zimmer unter dem Titel „Der Kuss“ von 1895 bei 145.000 Euro (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR), die gleichaltrige Lithografie „Madonna“ in einer schwarzweißen Ausführung, die Ekstase, Verführung und Sinnlichkeit in eine existenzielle Dimension weitet, bei 350.000 Euro (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). Bei Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitten gaben sich die Käufer zurückhaltender und nahmen sowohl die nackte Tänzerin Nina Hard bei der „Toilette“ von 1921 für 180.000 Euro und den „Blonden Maler“, mit dem Kirchner 1919 dem als langweilig empfunden Kollegen Karl Stirner ein Denkmal setzte, für 80.000 Euro jeweils an der unteren Taxgrenze mit.

Den preislichen Gipfel bei der Malerei des Expressionismus erklomm Emil Nolde. Sein Blumenbild „Astern“ von 1919, das seine Kraft aus dem Kolorit bezieht und in einem Farbmeer aus Rot, Rosa, Lila, dunklem Grün und Orangegelb schwelgt, wechselte bei 800.000 Euro von einer norddeutschen in eine andere dort beheimatete Privatsammlung (Taxe 600.000 bis 800.000 EUR). Gemäßigter ging es bei Max Beckmanns „Springbrunnen in Baden-Baden“ von 1936 zu. Die vorgetäuschte Idylle einer Parkszene, die subtil durch Enge und Stillstand gebrochen wird, hielt sich an ihre untere Erwartung von 400.000 Euro. Gar einen Nachlass um 20.000 Euro auf 180.000 Euro musste Hermann Max Pechstein mit seiner Küstenszene „Kalter Nachmittag“ von 1921 aus seinem Urlaubsquartier in Leba an der Ostsee hinnehmen. Dafür durfte sich Otto Dix über einen kräftigen Zuwachs freuen: sein noch expressionistisches Nachtstück „Straße der Bordelle“ aus dem Jahr 1914, das als die „früheste Hommage an das Milieu der Prostitution“ beschrieben wird, verdreifachte seinen Wert auf 240.000 Euro und landete in einer Berliner Privatsammlung. Siegfried Shalom Sebbas „Selbstportrait mit Bierglas“, bei dem der scharfe Blick des Malers unter der Hutkrempe hervorsticht, reüssierte ebenfalls beim Publikum. Zuletzt 2007 bei Grisebach für 45.000 Euro verkauft, verdoppelte sich nun der Preis für die künstlerische Selbstbefragung aus dem Jahr 1928 auf 80.000 Euro.

Verwandlungen durch Licht

Da Grisebach eigene Liveauktionen für Fotografie und Kunst des 19. Jahrhunderts aufgegeben hat, kommen wichtige Werke aus diesen Gebieten jetzt bei der Abendauktion zum Zug. Doch die wenigen Neueren Meister konnte nicht so viel ausrichten, selbst Adolph von Menzel nicht, der als junger 28jähriger Mann auf einem Freundschaftsportrait von Eduard Magnus vertreten war. Bei 30.000 bis 40.000 Euro wollte niemand das Gemälde aus dem Jahr 1843 haben, ebenso Max Klingers Kohlezeichnung mit dem Brustbild einer unbekannten jungen Frau um 1893 (Taxe 18.000 bis 24.000 EUR). Die einzige fotografische Position des Abends tat sich dagegen deutlich leichter. Weniger Portrait als vielmehr Menschenstudie sind die 24 Fotografien, die Helmar Lerski zwischen Oktober 1935 und Februar 1936 von dem Berner Ingenieur Leo Uschatz anfertigte und unter den Titel „Verwandlungen durch Licht“ stellte. Denn mit dieser Fotofolge wollte er seinem Modell verschiedene Charaktere verleihen: „Ich produziere seinen Ausdruck, ich gestalte mit Hilfe des Lichts seinen Kopf, seine Linien, ich gestalte vor allem seine Beseeltheit mit meinem Licht.“ Die Vintages kletterten von 25.000 Euro ohne Umschweife auf 85.000 Euro.

Nur zwei Arbeiten standen für die ungegenständliche Malerei der Moderne und mussten bis nach der Auktion warten, um sicher übernommen zu werden. Das war zunächst das freie Spiel amorpher Formen auf Willi Baumeisters Leinwand „Mit zwei Lineamenten“ von 1938 für 40.000 Euro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Als Schlusslos war Victor Servranckx’ „Opus 5“ angesetzt, das unter dem Nebentitel „Das Neue Frankfurt“ 2022 bei Grisebach mit einer Preisvorstellung von 70.000 bis 90.000 Euro liegenblieb. Jetzt waren dem vom Kubismus, Konstruktivismus und Surrealismus beeinflussten Gemälde die sprechenden Überschriften „Les Croisades“ oder „Poème épique“ mitgegeben, die sich in einen Zuschlag von 52.000 Euro verwandelten (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Ungegenständliches aus dem deutschen Informel lag von Ernst Wilhelm Nay vor. Während seine dynamische Komposition „Um drei rote Punkte“ von 1950 aus der Werkreihe der „Fugalen Bilder“ im Nachverkauf nur auf 110.000 Euro kam (Taxe 180.000 bis 250.000 EUR), ließ sich sein dichtes, diagonal angeordnetes Scheibenbild „Metagrau“ von 1960 schon in der Versteigerung mit 220.000 Euro gut an (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Doch das Zwischenspiel der Abstraktion währte nur kurz. Denn für Gerhard Altenbourg war dies keine adäquate Ausdrucksform. Als Zeichner und Grafiker in der DDR schuf er kleinteilige, traumhaft versponnene Welten, wie 1951 auf dem dichten Aquarell „Garten an der Spinnbahn“, das die obere Schätzung von 90.000 Franken ergatterte. Auch auf Jean Dubuffets kritzeliger Gouache „Personnage des ‚Légendes‘“ aus dem Jahr 1962 macht sich schon wieder eine menschliche Gestalt mit Kulleraugen und einem Lächeln bemerkbar, die taxkonform bei 220.000 Euro an Ziel kam. Zusammen mit Baselitz entwickelte Eugen Schönebeck um 1960 eine weitere Spielart der neuen Figuration, die sie als Gegenpol zu den dominierenden abstrakten Strömungen ihrer Zeit verstanden, und stellte radikal deformierte menschliche Wesen ins Zentrum seiner Kunst. Dazu gehört der Akt „Figur mit Vogel I“ aus seinem nur 52 Ölgemälde umfassenden Œuvre. Entsprechend groß war das Interesse an diesem Schlüsselwerk von 1963/64, was sich in dem Rekordpreis für Schönebeck von 500.000 Euro niederschlug, den ein Museum in den USA bewilligte (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Politischer Irrwitz

Der erst Ende April verstorbene Georg Baselitz steuerte die Tuschezeichnung „Hirte“ von 1966 bei, die eine ähnliche Sicht auf den Menschen wiedergibt und sich von 100.000 Euro auf 170.000 Euro aufschwang. Die nachfolgende Generation der neoexpressionistischen Jungen Wilden, die im anarchischen Geist der 1970er und 1980er Jahre in Berlin groß wurden, führte Rainer Fetting mit seiner Vedute des nächtlichen „Moritzplatzes I“ im Berliner Stadtviertel Kreuzberg an. Die jahrelang in der renommierten Sammlung von Erich Marx beheimatete Leinwand warb die obere Erwartung von 120.000 Euro ein. Nach mehreren Ausstellungen in den letzten Jahren gewinnt das Schaffen von Hans Ticha, der häufig den Irrwitz politischer Inszenierungen und Rituale der DDR in seiner von Pop Art und runder Stilisierung durchdrungenen Malerei karikierte, zunehmend Bedeutung auf den Kunstmarkt. So verbesserte sich auch sein hintergründiger „Polit-Zirkus“ von 1982 von 15.000 Euro auf 37.000 Euro.

Mit einer an der Historienmalerei geschulten figurativen Bildsprache nimmt zudem Daniel Richter den Diskurs zu Themen wie Macht, Gewalt, soziale Konflikte und gesellschaftliche Dynamiken auf. Ein Schlüsselwerk aus den 2000er Jahren ist sein Gemälde „Die Verschaffung des Guten“. Die apokalyptische Landschaft mit entwurzelten verkohlten Bäumen sowie zerstörten Häusern und Gerätschaften, durch die mit zwei Revuetänzerinnen und einem mit der amerikanischen Flagge bedeckten Elefanten die Überbleibsel eines Zirkus streifen, erreichte die untere Taxgrenze von 300.000 Euro. André Butzer malt nach eigenen Worten das „zukünftige Bild von Mensch, Körper, Fleisch und den Kartoffelchips“. Seine sonst heitere Cartoonfigur kommt auf der Leinwand „Heimkunft nach N“ von 2006 lädiert und chipsförmig in tiefem Schwarz daher und sucht sein „Nasaheim“, einen imaginären Ort, an dem „alles Erlittene gestillt und ausgetragen endet“. Die Sehnsucht nach dem extraterrestrischen Zufluchtsort endete in 110.000 Euro (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Auf die Sprache des Comics griff zudem William Nelson Copley zurück, um zwischen Komik und Provokation die Widerspruche zwischen vorgetäuschter gesellschaftlicher Moral, Maskerade und ungezügelter Sexualität zu thematisieren, so auch in seinem bunten Streifenbild „The Kids No Trooper“ von 1989, das sich erfolgreich bei 225.000 Euro behauptete (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Auf ein vielfältiges Kolorit verzichtet dann Katharina Fritsch bei ihrer lebensgroßen Skulptur „Doktor“ von 1997/99 und lässt nur das berufsspezifische Weiß für ihr mit einem Arztkittel verhülltes Gerippe gelten. Die archetypische Figur, die eigentlich Leben bewahrt, hier aber als Vanitassymbol für den Tod auftritt, spielte 200.000 Euro ein (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Was hier für die Vergänglichkeit steht, dreht sich in Antony Gormleys rostbraunem Eisenguss „Bearing II“ in das Gegenteil um: hier scheint aus einer Gestalt mit sarkophagähnlichem Unterkörper ein neuer Mensch zu entstehen. Die Komposition ineinandergreifender Körper von 1995 übertraf mit einem Zuschlag von 420.000 Euro deutlich die mit 250.000 bis 350.000 Euro fixierten Erwartungen.

In den beiden Tagesauktionen „Moderne Kunst & 19. Jahrhundert“ sowie „Zeitgenössische Kunst“ setzte Grisebach nochmals 5,2 Millionen Euro um und kam somit auf ein Gesamtergebnis von 20,5 Millionen Euro. Hier schlugen sich etwa noch Pablo Picassos bekannte frühe Radierung „Le repas frugal“ aus der Folge „Les saltimbanques“ von 1904 in einer späteren Auflage bei 80.000 Euro (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR) oder Alexander Calders verspielte Gouache „Red heart with black and blue snakes“ von 1972 bei 85.000 Euro überraschend gut (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Bei den Zeitgenossen taten ihnen das Gotthard Graubner mit seinem eher kleinen violettbraunen Farbraumkörper von 1977 bei 130.000 Euro (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR) und Salomé mit seiner lebensbejahenden Menschengruppe „Exhibitionism/Fun“ von 1979 bei 60.000 Euro gleich (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Grisebach

Fasanenstraße 25

DE-10719 Berlin

Telefon:+49 (030) 885 91 50

Telefax:+49 (030) 882 41 45

E-Mail: auktionen@grisebach.com

Startseite: www.grisebach.com



31.07.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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