 |  | Claude Monet, Waterloo Bridge. Brouillard, 1901 | |
Über der Themse liegt dichter Nebel. Die Bögen der Waterloo Bridge sind kaum auszumachen, ebenso die Boote, die auf dem Fluss tuckern. So nahm Claude Monet im Jahr 1901 einen diesigen Morgen in London wahr und schraffierte ihn schnell mit Pastellkreide in hellen dunstigen Blautönen, durchmischt von silbrigen Grauwerten und einem zarten Schleier aus Weiß, auf das Papier. Bei seinem dritten Aufenthalt in der britischen Hauptstadt sollten die Metropole und ihre einzigartige Atmosphäre zum Gegenstand einer Werkgruppe werden. In dem Zusammenspiel aus Wasser, Gebäuden, Verkehr und Wetter bot London dem Impressionisten immer wieder neue Gelegenheiten, sich mit Licht, Farbe und Stimmungen zu beschäftigen. Monets dementsprechend ausgearbeitetes Pastell „Waterloo Bridge. Brouillard“ war nun der Favorit in der Auktion „Moderne“ im Wiener Dorotheum und wurde seiner Rolle gerecht: Mit einem Zuschlag bei 470.000 Euro platzierte sich das Blatt, das Monets Entwicklung zur Ungegenständlichkeit veranschaulicht, am oberen Ende des Schätzrahmens und auf Platz eins der Ergebnisliste.
Mit den Resultaten seiner Auktion vom 19. Mai zeigte sich das Dorotheum recht zufrieden: Bei einer hohen losbezogen Verkaufsrate von knapp 82 Prozent wurden fast alle wichtigen Positionen übernommen, und internationale Nachfrage ließ oftmals die Preise steigen, so beim zweiten Höhepunkt des Abends, Marino Marinis „Cavaliere“. Die 1951 realisierte Bronzeskulptur eines ausgemergelten Pferdes samt arm- und beinlosem Reiter, ein Lebensthema des Italieners, mit dem Marini das enge, oft spannungsreiche Verhältnis von Tier und Mensch behandelte, wanderte erst bei 400.000 Euro aus dem Auktionssaal (Taxe 240.000 bis 320.000 EUR). Marinis zweite Umsetzung dieser Materie, der diesmal eher ausgelassene „Cavallo e giocoliere con braccia alzate“, tat sich ebenfalls leicht. Für die kolorierte Grafit- und Tuschezeichnung aus dem Jahr 1951 kletterten die Gebote von 16.000 Euro auf das Doppelte.
Die italienischen Moderne war wieder reichhaltig in Wien zugegen und hatte etwa noch Gino Severinis Schöpfungsakt „Il Paradiso Terrestre“, eine archaische Landschaft aus den späten 1930er Jahren, in der Dinosaurier, Zebras, Pferde, Schafe, Schlangen, Pinguine und weitere Arten exotischer und domestizierter Tiere hintereinander bis zu einem nackten sitzenden Mann herziehen, für 290.000 Euro (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR), Fortunato Deperos zackig-futuristische, kriegerische Auseinandersetzung „Battaglia di automi“ von 1923 für 62.000 Euro (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR) und mehrere Arbeiten Giorgio de Chiricos zu bieten. Der aus Griechenland zugewanderte Maler reüssierte mit dem frühen neobarocken Gemälde „Cavallo e zebra sulla spiaggia“, in dem er um 1930 mit Säulenfragmenten an die Antike erinnert, zur unteren Schätzung von 220.000 Euro und mit der späten surrealen Leinwand „Apparizione del cavallo in un interno metafisico“ von 1969, in der ein Schimmel durch ein Fenster auf durchlöcherte geometrische Holzformen und Volutenspangen schaut, bei 210.000 Euro (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).
Künstlerische Zuwanderer
Als Surrealist gilt der gebürtige Chilene Roberto Matta, der sich nach längeren Aufenthalten in Paris und New York ebenfalls in Italien niederließ und dort 2002 in Civitavecchia bei Rom starb. Seine energiegeladene Leinwand „Désobéissance“ von 1959, ein visuelles Pendant zum Free Jazz, kam auf 120.000 Euro (Taxe 90.000 bis 140.000 EUR). Realistische Tendenzen, ähnlich der Neuen Sachlichkeit, prägten auch die italienische Kunst zwischen den Weltkriegen und stießen im Dorotheum auf Gegenliebe, darunter Xavier Buenos nachdenkliches Selbstportrait als Straßenkünstler mit Hund und Pfeife von 1940 für 40.000 Euro (Taxe 26.000 bis 38.000 EUR) oder Cagnaccio di San Pietros „Natura morta“ mit drei toten Enten auf einem Tisch in einem ansonsten leeren Zimmer von 1935 für 38.000 Euro (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Als eine der wenigen Malerinnen feierte die gebürtige Lettin Edita Broglio mit ihrem „Cortiletto“ von 1952 in Wien ebenfalls Erfolge. Ihr schematisiertes Innenhöfchen in ein er italienischen Stadt mit einer modernen Frau, die vor einem großen Terrakottagefäß eben mit einem Schlauch mehrere Stockrosen mit Wasser besprengt, vervierfachte seinen Wert auf 28.000 Euro.
Eröffnet wurde die Auktion mit den bekannten Namen der Wiener Moderne, und auch hier bleiben kaum Wünsche offen. Carl Moll machte mit seinem „Frühling in Grinzing“ den Anfang und gab mit einem Zuschlag von 85.000 Euro die Richtung vor (Taxe 50.000 bis 80.000 EUR). Gustav Klimt schloss sich mit mehreren seiner typischen Entwurfszeichnungen an, unter denen das „Nach rechts liegende Paar“ von 1914 bei 115.000 Euro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) und ein Kompositionsentwurf für seine berühmten „Wasserschlangen I“ um 1904 bei 130.000 Euro herausragten (Taxe 35.000 bis 70.000 EUR). Diese Werte übertraf dann Egon Schiele noch: Sein brav „Sitzendes Mädchen mit rotem Hut“, ein aquarelliertes Kohleblatt von 1910, legte von 240.000 Euro auf 365.000 Euro zu, sein deutlich mehr provozierender „Stehender Rückenakt“ in gebeugter Haltung, dessen Kolorierung mit Gouache und Aquarell von fremder Hand stammt, trotzdem von 90.000 Euro auf 220.000 Euro.
Ein weiterer Schwerpunkt der Moderne in Österreich lag auf dem Schaffen von Albin Egger-Lienz. Doch nur seine braun gesättigte, bäuerliche „Mahlzeit“ um 1920/21 schaffte bei taxkonformen 170.000 Euro den Absprung während der Auktion. Sein ebenfalls braun grundiertes Aquarell eines Bauernkopfes mit Helm aus dem „Totentanz“ musste bis zum Nachverkauf warten, um bei 40.000 Euro übernommen zu werden (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Sein Ölgemälde „Zwei Schnitter“ um 1922/24, in dem Egger-Lienz ebenfalls existenzielle Themen des Menschen ansprach, konnte bei 190.000 bis 250.000 Euro bisher nichts ausrichten. August Riegers bunter „Sonniger Nachmittag auf der Terrasse im Park“ traf bei guten 26.000 Euro (Taxe 7.000 bis 12.000 EUR) auf Werner Bergs winterliche Bahnhofsszene mit dick eingepackten „Wartenden im Schneefall“ von 1969 bei 110.000 Euro (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Bei 55.000 Euro platzierte sich Wilhelm Nikolaus Prachenskys verschachtelte, schräg von oben gesehene „Dachlandschaft“ 5.000 Euro über der oberen Schätzgrenze, ebenso Rudolf Wackers mit Ateliergegenständen bestücktes Stillleben von 1926 bei 85.000 Euro. Bei Franz Sedlacek und seiner fantastischen unheimlichen „Landschaft mit Burg“, einem Fragment eines größeren Ölgemäldes aus dem Jahr 1930, verdoppelte sich die untere Erwartung auf 60.000 Euro.
Künstlerische Anverwandlung
Neben Claude Monet spielten einige weitere Franzosen an vorderster Auktionsfront mit, so Pablo Picasso mit seiner Zeichnung „Les Déjeuners“, in der er sich 1961 mit Edouard Manets berühmtem Gemälde „Das Frühstück im Grünen“ beschäftigt hatte, für 130.000 Euro (Taxe 120.000 bis 160.000 EUR) oder Victor Brauner mit seiner vor Schreck verzerrten Gesichtsmaske „La Substance du périssable“ aus dem Jahr 1952 für 200.000 Euro (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). Wifredo Lam und seinem stammesrituellen, rot glühenden Gemälde „L’Oiseau Flamme“ von 1973 wurden 95.000 Euro zuteil (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR), Hans Arp und seinen bumerangähnlichen Flächenformen in der „Collage charte(s)“ von 1948 die untere Schätzung von 40.000 Euro sowie Maurice Denis und seinem spätfauvistischen Konzertabend „Une réunion musicale“ um 1912 unerwartete 42.000 Euro (Taxe 28.000 bis 36.000 EUR).
Während Georges Rouault mit seinem „Pierrot debout aux rideaux rouges, entrée en scène“ in einer tragikomischen Gleichzeitigkeit niemanden locken konnte (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR), nahm Jules Pascin mit seinem Portrait „Hermine assise“ von 1918 die Sammler für sich ein. Die elegische Stimmung seiner Lebensgefährtin, der Malerin Hermine David, einer Urenkelin des Revolutionsmalers Jacques-Louis David, erreichte 36.000 Euro (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Vorteilhaft waren zudem die 58.000 Euro für Gustave Loiseaus spätimpressionistische sommerliche Flussniederung „Les Hauteurs de Triel“ von 1914 (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR) oder die Preise für Sonia Delaunay-Terk. Ihre Gouache „Rythme couleur“ von 1965 mit verschiedenen geometrischen Formen in den Grundfarben sowie Schwarz und Weiß verbesserte sich von 20.000 Euro auf 45.000 Euro, ihr vier Jahre jüngeres Blatt, in der sich Delaunay-Terk lediglich auf kraftvolle Farbrechtecke konzentrierte, dafür aber noch einen Grünton aufnahm, von 30.000 Euro auf 79.000 Euro.
Künstler anderer Länder spielten in Wien nur eine untergeordnete Rolle. Aus Deutschland nahm Lyonel Feininger mit einer 1933 gezeichneten typischen Küstenszene mit Segelschiff und Segelboot für gute 16.000 Euro teil (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Darauf folgte eine frühe visionäre Leinwand Willi Sittes für 31.000 Euro, auf der er 1946 mit zahlreichen geschundenen, michelangelesk verschlungenen Menschenleibern die Traumata des Zweiten Weltkriegs verarbeitete (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Der Ungar Hugó Scheiber heimste mit seiner aquarellierten Zeichnung „Frau mit schwarzem Schleier“, die in ihrer geometrischen Vereinfachung und den kleinen Herzen fast wie eine Spielkarte aussieht, hohe 38.000 Euro ein (Taxe 12.000 bis 18.000 EUR). Der Niederländer Dick Ket konnte mit seinem fragenden unsicheren Blick auf einem Selbstportrait des Jahres 1924 nichts ausrichten (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Dafür gelang dem Tschechen Václav Špála noch ein sehenswerter Abschluss der Versteigerung. Um sein expressives ovales Stillleben mit Äpfeln und Birnen in und um eine Schale von 1926 rangen mehrere Bieter, bis schließlich 50.000 Euro erzielt waren (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |