Worpswede feiert Paula Modersohn-Becker und ihr Wirken  |  | Paula Modersohn-Becker, Mieke Vogeler mit Perlenkette, 1902 | |
Was bleibt mehr als 100 Jahre nach dem Tod einer Künstlerin übrig? Dieser Frage widmen sich vier Worpsweder Museen anlässlich des 150. Geburtstags von Paula Modersohn-Becker. Unter dem Titel „Impuls Paula“ präsentieren der Barkenhoff, die Große Kunstschau, das Haus im Schluh sowie die Worpsweder Kunsthalle je eine Ausstellung, die sich mit Werk und Wirkung Modersohn-Beckers auseinandersetzt. Als Grundlage dient je eine Arbeit der Expressionistin, die sich impulsgebend wie ein roter Faden durch die Ausstellungen zieht. Hierbei sprechen die vier Häuser sowohl das Wirken der Künstlerin wie auch ihre Themen und ihre Bedeutung für nachfolgende Generationen an.
Paula Modersohn-Becker zählt zu den wichtigsten Wegbereiterinnen der Moderne. Zu Lebzeiten verkaufte sie jedoch kaum ein Werk. Erst Jahre nach ihrem frühen Tod mit 31 Jahren erkannte die Kunstwelt die Besonderheit in ihren Arbeiten und zählt sie heute zu den bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als Mitglied der Künstlerkolonie Worpswede entwickelte Modersohn-Becker eine eigenständige Bildsprache, die sich durch intensive Auseinandersetzung mit Form, Farbe und der Darstellung des Menschen auszeichnete. Während sie zu Lebzeiten oftmals auf ihre Stellung als Ehefrau Otto Modersohns reduziert wurde, steht heute ihr eigenes künstlerisches Schaffen im Mittelpunkt der Betrachtung.
Der Barkenhoff setzt sich unter dem Titel „ich bin/du bist. Menschenbilder“ mit den Portraits der Künstlerin auseinander. Ausgangspunkt ist das zarte Bildnis „Mieke Vogeler mit Perlenkette“ aus dem Jahr 1902. Mit ihrer eigenständigen Malweise löste sich die Paula Modersohn-Becker von der traditionellen Auffassung der Portraitmalerei. Statt idealisierter Schönheitsvorstellungen oder einer detailgetreuen Wiedergabe stellte sie das Wesen und die Individualität ihres Gegenübers in den Mittelpunkt. Der Barkenhoff zeigt, wie dieser neue Blick auf den Menschen die Portraitkunst beeinflusste. Im Vergleich historischer und zeitgenössischer Positionen wird sichtbar, wie sich die Wahrnehmung des Menschen und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Porträt über mehr als ein Jahrhundert verändert haben.
„Respekt!“ heißt die Ausstellung der Großen Kunstschau, die den eindrucksvollen „Halbakt einer sitzenden Bäuerin“ als Impulsbild behandelt. Die Präsentation untersucht die Beziehung zwischen Künstler*in und Modell und fragt danach, welche Haltungen, Perspektiven und Machtverhältnisse sich in der Darstellung von Menschen widerspiegeln. Im Mittelpunkt stehen dabei die Modelle Paula Modersohn-Beckers, die häufig aus bäuerlichen Verhältnissen oder dem Worpsweder Armenhaus stammten. Die Künstlerin war sich der sozialen Unterschiede zwischen ihr und den Dargestellten bewusst und setzte sich kritisch mit dem daraus resultierenden Spannungsverhältnis auseinander. Ausgehend von ihrem Werk beleuchtet die Ausstellung, wie sich der künstlerische Blick auf soziale Rollen, gesellschaftliche Beziehungen und das Verhältnis von Mensch und Natur bis heute gewandelt hat.
Das Haus im Schluh fokussiert sich nicht auf Modersohn-Becker als Malerin, sondern auf ihre Auseinandersetzung mit dem Textildesign. Unter dem Titel „Angewandt. Frau + Design“ erforscht die Schau diesen weniger bekannten Aspekt ihres Schaffens. Ausgangspunkt ist das Werk „Martha und Paula Schafe hütend“, ein Bildteppich, der auf einer Skizze Paula Modersohn-Beckers aus den 1910er Jahren beruht und erst 1957 von Martha Vogeler umgesetzt wurde. Das Haus im Schluh zeigt, wie Motive und Ideen der Künstlerin in andere künstlerische Formen übertragen wurden, und präsentiert Arbeiten aus den Bereichen Textilkunst, Keramik, Werbegrafik und Fotografie von 15 Künstlerinnen und Designerinnen.
Die Worpsweder Kunsthalle stellt Paula Modersohn-Becker in einen direkten Dialog mit Inès Longevial. Die erste deutsche Personale der 1990 geborenen Französin versammelt Arbeiten, die sich intensiv mit Modersohn-Beckers Biografie und Werk auseinandersetzen. Obwohl mehr als ein Jahrhundert zwischen den beiden Malerinnen liegt, werden in Longevails großformatigen Portraits gemeinsame Fragestellungen sichtbar. Die Beschäftigung mit dem Gesicht, die Darstellung von Emotionen und inneren Zuständen sowie die Konzentration auf eine reduzierte, ausdrucksstarke Bildsprache machen deutlich, wie Impulse Modersohn-Beckers bis heute aufgenommen und in eine zeitgenössische Form überführt werden.
Alle Ausstellungen laufen bis zum 1. November. Der Barkenhoff und die Große Kunstschau haben täglich von 10 bis 18 Uhr, die Worpsweder Kunsthalle dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und das Haus im Schluh dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das Ticket „Museum hoch 4“ für alle vier Museen kostet 25 Euro, ermäßigt 15 Euro. Es ist ab dem Kauf für ein Jahr gültig und übertragbar.
Barkenhoff – Heinrich-Vogeler-Museum
Ostendorfer Straße 10
D-27726 Worpswede
Telefon: +49 (0)4792 – 3968
Haus im Schluh
Im Schluh 35-37
D- 27726 Worpswede
Telefon: +49 (0)4792 – 522
Worpsweder Kunsthalle
Bergstraße 17
D-27726 Worpswede
Telefon: +49 (0)4792 – 1277
Große Kunstschau
Lindenallee 5
D-27726 Worpswede
Telefon: +49 (0)152 – 5797 3258 |