Heidi Bucher trifft in Winterthur auf Liesl Raff  |  | in der Ausstellung „Heidi Bucher – Liesl Raff. Closer“ | |
Das Kunstmuseum Winterthur ehrt den 100. Geburtstag von Heidi Bucher aktuell mit der Schau „Closer“. Die Ausstellung blickt auf das Werk der 1993 verstorbenen Schweizerin und stellt es in einen Dialog mit Arbeiten von Liesl Raff, um damit Themen von Raum, Materialität und körperlicher Aneignung anzusprechen. Heidi Bucher überzog Räume mit Latex und zog es in einem performativen Akt wieder ab. Dies bezeichnete sie als „Häutungen“, ein innovatives Vorgehen, das ihr in den letzten Jahren auch internationale Aufmerksamkeit einbrachte. In Winterthur verändert die Wiener Künstlerin Raff den White Cube zu einem Geflecht offener Strukturen aus Textilien, Latex, Epoxidharz, Stahl und federnden Böden. In diesen Räumen präsentiert die Kuratorin Lynn Kost Buchers wenig bekannte Zeichnungen, Seidencollagen und Frottagen. Kost erklärt, dass die „Spannung zwischen skulpturaler Geste und ephemerem Strich, weichen und harten Materialien, zwischen Licht, Farbe und unterschiedlichen Oberflächen zentrale Merkmale beider künstlerischer Ansätze“ verbindet.
Heidi Bucher wurde durch ihre „Häutungen“ von privaten Räumen bekannt, etwa Orte ihrer eigenen Kindheit, ebenso von institutionellen Gebäude, darunter die Psychiatrischen Anstalt Bellevue in Kreuzlingen oder das Grande Albergo Brissago. Sie verwandelte starre Begrenzungen von Zimmern in ein Gewand, das die Spuren der Zeit in sich trägt. Durch den Vorgang der Häutung eignete sie sich die Räume physisch an. Wie in einem Kokon umhüllte sie sich mit der elastischen Haut und trat in einem performativen Akt verwandelt wieder daraus hervor. Der Ausstellungstitel „Closer“ bezieht sich daher auf Buchers 1993 verfasste Notizen zur Häutung der Villa Bleuler in Zürich: „Ich muss allem näher kommen“. Diese Nähe, so Kost, beziehe sich auf ein körperliches Verstehen.
Menschen erschaffen zweckgebundene Räume, nutzen und verändern sie. Mit der Zeit wandelt sich schleichend oder abrupt ihre Bestimmung, was auch Einfluss auf die Menschen hat, die sich in ihnen aufhalten. Heidi Bucher widmete sich diesem Themenkreis in strenger Konsequenz. Ihr performativer Akt des Latexabzugs legte das verborgene Leben der Wände und Böden frei und machte Geschichte, Gedächtnis und Emotionen sichtbar. Die 1979 in Stuttgart geborene Liesl Raff bezieht sich auf ähnliche Ideen, jedoch aus einer anderen Perspektive. Sie nutzt Latex nicht als Spurenträger, sondern als formbare, sinnliche skulpturale Substanz. Ihre Eingriffe verändern die Raumerfahrung, indem sie etwa Härten glättet, Grenzen durchlässiger macht oder Strukturen verschiebt. Sie kleidet Räume aus und schafft Zonen der Konzentration, Intimität und Geborgenheit. Raffs Eingriffe thematisieren zwei Prinzipien der Skulptur: den Entstehungsprozess einer Form im Gussverfahren und seine Präsenz im Raum.
Die Ausstellung „Heidi Bucher – Liesl Raff. Closer“ ist bis zum 8. November zu sehen. Das Kunstmuseum Winterthur hat dienstags von 10 bis 20 Uhr sowie mittwochs bis sonntags bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 18 Franken, ermäßigt 15 Franken. Für Jugendliche bis 16 Jahre ist er frei. Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation.
Kunstmuseum Winterthur | Beim Stadthaus
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