Moderne bei Nagel in Stuttgart  |  | Max Beckmann, Judith und Holofernes, 1912 | |
Max Beckmann stellt eines der Hauptlose in der Auktion „Moderne & Zeitgenössische Kunst“ bei Nagel in Stuttgart. Dabei handelt es sich um das 1912 entstandene Gemälde „Judith und Holofernes“, das in jene entscheidende frühe Schaffensphase des späteren Expressionisten datiert, in der sich Beckmann zunehmend von akademischen und impressionistischen Vorbildern löste und zu seiner eigenen Bildsprache fand. Die biblische Erzählung mit ihren beiden massigen Figuren, in der die halbnackte Judith sich eben mit dem abgeschlagenen Haupt des assyrischen Feldherrn davonmacht, soll 80.000 bis 120.000 Euro einspielen. Auf dieses Preisniveau dringt am 15. Juli noch Oskar Schlemmer vor. Mit dem „Weiblichen Profilkopf nach links“ von 1936 hat er wieder einmal einen Prototyp für das Menschenbild der Moderne geschaffen, der ebenfalls 80.000 bis 120.000 Euro verlangt. Das Gemälde gehört zur „Sammlung Else und Max Brommer“, die über Generationen hinweg im Familienbesitz blieb und bei Nagel nun ihren prominenten Auftritt hat.
Das Haus des Stuttgarter Kaufmanns und seiner Ehefrau war ein Treffpunkt des kulturellen Lebens in der Landeshauptstadt. Freundschaftlich waren Else und Max Brommer besonders mit Schlemmer und Baumeister verbunden. Daher kommen weitere Werke Schlemmers zum Aufruf, in denen sich die Darstellung des Menschen als Träger einer übergeordneten Ordnung in konzentrierter Form manifestiert, wie der melancholische „Kopf nach links geneigt“ von 1931/32 (Taxe 50.000 bis 80.000 EUR), die ätherische kolorierte Zeichnung „Barocker Knabenakt“ um 1929 als harmonisch gegliederte Form, deren Volumen und Bewegung Schlemmer durch wenige Linien und fein abgestufte Farbtöne erfasst (Taxe 55.000 bis 75.000 EUR), oder die beiden kleinen Ölstudien „Knabenkopf, frontal“ und „Weibliche Halbfigur nach links geneigt“ von 1936 (Taxe je 25.000 bis 35.000 EUR). Ein spezielles Schlemmer-Schmankerl ist der Zyklus von dreizehn Hinterglasbildern aus dem Jahr 1942, der in intensiver Leuchtkraft von neutestamentlichen Szenen und Gleichnissen sowie Heiligendarstellungen berichtet (Taxe 20.000 bis 40.000 EUR). Von Willi Baumeister, der 1955 in seinem Nachruf unter der Überschrift „Künstler, Sammler, Sonderling“ Brommer als Freund, außergewöhnlichen Kunstkenner, engagierten Förderer und leidenschaftlichen Sammler würdigte, hatten die Eheleute unter anderem die „Studie weiß und schwarz I“ von 1951 hängen, aus deren Abstraktion sich einige wild zerzauste Figuren zu schälen scheinen (Taxe 45.000 bis 65.000 EUR).
Insgesamt ist die Versteigerung bei Nagel stark von der südwestdeutschen Kunst der Moderne und dem Hölzel-Kreis geprägt. In die kosmisch mystischen Welten von Gottfried Graf geht es mit dem „Sonnenjüngling“ von 1920, der als visionäre Erscheinung in einem Geflecht prismatisch zerlegter Formen und leuchtender Farben zu schweben scheint, und dem ähnlich aufgebauten „Schreitenden Liebespaar II“ von 1919 (Taxe je 8.000 bis 12.000 EUR). Reinhold Nägeles Kunst wirkt mit ihren kleinen Figuren und putzigen Beschreibungen aus dem Alltag dagegen fast etwas naiv, wie auf seinem Gemälde „Zirkus auf dem Wasen“ von 1932 (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Franz Lenks stille, unaufgeregte „Oberschwäbische Landschaft“ von 1932 kann man in ihrer klaren distanzierten Malweise der „Neuen Sachlichkeit“ zurechnen (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR). Als Bildhauer macht Fritz von Graevenitz mit seiner grün patinierten, elegant glatten Bronze „Äsendes Reh“ um 1920 auf sich aufmerksam (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR), während Edwin Scharff seinen dunklen Frauenakt „Pandora“ von 1952 hieratisch aufragen lässt (Taxe 5.000 bis 8.000 EUR). Adolf Hölzel stellt mehrere seiner farbintensiven Figurenszene zur Verfügung, die sich mit seiner künstlerischen Entwicklung immer mehr verkapseln und zur Ungegenständlichkeit neigen (Taxen zwischen 2.000 und 8.000 EUR).
Mit „Poesie der Farbe“ hat Nagel seine Suite mit Arbeiten Ida Kerkovius’ überschrieben und verweist damit auf Werke von exquisit abgestimmten Farbklängen und außergewöhnlicher Leuchtkraft, etwa das Pastell „Menschen in der Stadt“, das die Brommers ebenfalls ihr Eigen nannten (Taxe 3.500 bis 4.500 EUR), ein spätes „Blumenstillleben mit Tulpen und Narzissen“ von 1965 (Taxe 5.000 bis 8.000 EUR) oder ihre weitgehend abstrahierte „Komposition mit sitzender Figur“ (Taxe 2.500 bis 3.500 EUR). Eine Kerkovius-Rarität ist das Frühwerk „Kinder am See“ von 1910 in noch gedämpftem Kolorit für 8.000 bis 12.000 Euro. An Malerinnen beteiligen sich zudem etwa noch Käthe Loewenthal mit einer dunklen, beinahe bedrohlichen Strandszene an der „Ostsee“ um 1925/39 (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR), Maria Caspar-Filser mit ihrem „Vorfrühling auf der schwäbischen Alb“ samt Bauern beim Bestellen der Felder vor 1910 (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR) oder Grete Csaki-Copony mit ihrem „Blumenstillleben“ samt Flieder und Tulpen in einer Keramikvase (Taxe 1.500 bis 2.500 EUR). |