 |  | Hans Arp, Torso-Amphore, 1962 | |
Hans Arp war von der Kunst der griechischen Antike tief beeindruckt. Wie er selbst sagte, hätten die „rythmes grecs“ sein künstlerisches Verständnis nachhaltig geprägt. Einen Niederschlag fand seine Faszination 1962 in seiner späten Skulptur „Torso-Amphore“. Schon der Titel verweist auf antike Vorbilder und suggeriert eine metaphorische Verschmelzung, wobei der menschliche Körper zu einem Gefäß wird: Die birnenförmigen Rundungen erinnern an einen weiblichen Torso, lassen gleichzeitig aber auch an eine tönerne Halsamphore denken. Die Bronzeplastik, ein Lebzeitenguss Hans Aprs, die sich durch eine nuancierte Patina, eine hohe Sinnlichkeit und gleichwohl puristische Ästhetik auszeichnet, war 1966 bei der 4. Schweizer Skulpturenausstellung in Biel zu sehen. Marcel Joray, Organisator der Schau, hatte sie aufgenommen, obwohl Hans Arp Franzose und die Ausstellung nur Schweizer Künstlern vorbehalten war, und würdigte damit den ihm freundschaftlich verbundenen Bildhauer, der in Basel vier Tage vor der Eröffnung verstorben war. Aus Jorays Nachlass kommt der „Torso-Amphore“ beim Baseler Auktionshaus Artcurial Beurret Bailly Widmer nun erstmals auf den Kunstmarkt und verlangt 250.000 bis 350.000 Franken.
Wem dies zu hochpreisig ist, kann auf Hans Arps kleines, golden glänzendes, amorphes „Felsgehirn“ von 1961 mit selber Herkunft zurückgreifen. Es stammt aus einer Auflage von 25 Exemplaren, aus deren Erlös der „Prix Arp“ 1966 für die Skulpturenausstellung in Biel gestiftet wurde (Taxe 4.000 bis 6.000 SFR). Aus der Sammlung von Marcel Joray kommen noch weitere Stücke zum Aufruf, darunter mehrere Entwürfe für Skulpturen, die dann an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgestellt wurden. So wurde Angel Duartes „Ouverture au monde“, ein raumgreifendes hyperbolisches Paraboloid aus einzelnen Stahlstangen, 1974 am Ufer des Genfersee von Lausanne-Ouchy installiert. Die Maquette dazu gibt es jetzt für 6.000 bis 8.000 Franken. Ebenfalls von geometrischen Prinzipien ließ sich Duarte bei seiner flügelartigen „Maquette für E 2 A.B“ am Ende der 1970er Jahre leiten (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR). Victor Vasarelys „Maquette pour Tridim HH“ von etwa 1972 spielt in ihren bunten Kreisen, Rechtecken und Trapezen mit der Op-Art und ziert in ihrer Ausführung heute die Esplanade du Mont-Blanc in Neuenburg (Taxe 12.000 bis 15.000 SFR).
Die meisten Objekte, die Artcurial Beurret Bailly Widmer am 24. Juni offerieren, datieren in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch greift das Angebot auch auf die Moderne und das späte 19. Jahrhundert aus und unterbreitet etwa Jean-Baptiste Armand Guillaumins impressionistische Frühlingslandschaft „Lisières du Bois des Roches“ um 1893 (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR) oder Henri de Toulouse-Lautrecs gleichaltriges bekanntes Jugendstilplakat „Divan Japonais“ (Taxe 10.000 bis 15.000 SFR). In Frankreich bleibt es zunächst mit Marie Laurencins graziler weiblicher Figur „Jeune fille au chien“ in zarten traumartigen Pastelltönen von 1921 (Taxe 60.000 bis 80.000 SFR), mehreren Druckgrafiken Pablo Picassos, unter anderem seiner bekannten Radierung „Minotaure caressant du mufle la main d’une dormeuse“ von 1933 aus der „Suite Vollard“ (Taxe 50.000 bis 70.000 SFR), und vor allem mit Nadia Khodassievitch-Léger. Die 1904 geborene Weißrussin und zweite Ehefrau Fernand Légers, die unter anderem Kurse bei Kasimir Malewitsch belegte, steuert sechs Gemälde zur Auktion bei, unter anderem die vom Purismus geprägten „Nature morte aux vases et livres“ und „Nature morte“ (Taxe je 7.000 bis 9.000 SFR), die wilde suprematistische Komposition „Il y a du mouvement sur le carré blanc“ von 1924/69 (Taxe 10.000 bis 15.000 SFR) oder ein figurativ realistisches „Autoportrait“ von 1942 (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR).
Aus dem Konstruktivismus sind da unter anderem Marcelle Cahns mit Kreisen, Rechtecken, Winkelformationen und Dreiecken besetzte „Hommage à Malevitch“ von 1966 (Taxe 6.000 bis 8.000 SFR), Boris Kleints farbstarke „Felder im Quadrat“ von 1943 (Taxe 3.500 bis 4.500 SFR) und eine wiederum zwischen Kubismus und Purismus changierende „Composition“ nicht fern, die Stanislaw Grabowski, der erste Ehemann von Nadia Khodassievitch-Léger, um 1927 flächig ohne Tiefenwirkung auf einer Holztafel aufbrachte (Taxe 6.000 bis 8.000 SFR). Aus diesen Vorgaben leitete Auguste Herbin sein hochstrukturiertes, theoriefundiertes, geometrisches Konzept des „alphabet plastique“ ab, ordnete jedem Buchstaben des Alphabets einen Farbton und eine von vier geometrischen Formen zu und buchstabierte somit visuell etwa 1955 „Huit I“ in kräftigen Farbformen (Taxe 80.000 bis 120.000 SFR).
Das Œuvre der 2017 verstorbenen Französin Pierrette Bloch steht im Zeichen des Minimalismus und der Reduktion. Ihre künstlerische Artikulation beruht auf Wiederholung und Rhythmus, die sie durch einfache Materialien wie Papier, Tinte oder Rosshaar festhielt. Auf sorgfältig ausgewählten weißen Blättern, Kraftpapier oder Transparentpapier zeichnete sie Punkte und Striche, um den Raum mit einer stillen Schwingung zu durchziehen. Ab den 1970er Jahren nutzte sich auch Pferdehaar, knotete oder strickte es und kreierte lineare Skulpturen, die zarte Schatten an die Wände werfen. Von ihrer Kunst zeugt der Katalog und stellt acht dieser zurückgenommenen feinen Arbeiten zur Verfügung, die anhängig von Größe und Intensität zwischen 4.000 Franken und 25.000 Franken kosten sollen.
Aus dem belgischen Symbolismus macht Léon Spilliaert mit der Gouache der nackten „Ève aux quatre bras“ im blätterlosen Gebüsch von 1915 auf sich aufmerksam (Taxe 25.000 bis 35.000 SFR), aus Italien Amedeo Modigliani mit der Bleistiftzeichnung der hieratisch sitzenden „Marcelle Lioni“ aus dem Jahr 1916 (Taxe 50.000 bis 70.000 SFR) und Cagnaccio di San Pietro mit seinem neusachlichen Stillleben „L’aragosta e l’astice“ von 1934, das trotz seiner distanzierten Malweise etwas unheimlich wirkt (Taxe 25.000 bis 35.000 SFR). Der Schweizer Art Brut-Maler Louis Soutter griff auf die religiöse Ikonografie zurück und malte in seinem expressiven Gestus drei Kreuze für „L’espace des martyrs“ (Taxe 80.000 bis 120.000 SFR). Dagegen wirkt Bernard Buffets Darstellung des Schlosses „Le Château de la Roche-Courbon“ von 1955 geradezu abgezirkelt und nimmt mit ihren straken schwarzen Konturlinien und dem grau grundierten Kolorit existenzialistische Ideen auf (Taxe 120.000 bis 160.000 SFR).
Ein umfangreiches Konvolut listet der Katalog unter dem Titel „The Indian Collection“ und versammelt Werke der modernen bis gegenwärtigen indischen Kunst. Hier treffen etwa Francis Newton Souzas verzerrter „Head of a Woman“ von 1964 für 30.000 bis 50.000 Franken oder Syed Haider Razas ebenfalls dunkelblau gehaltene nächtliche Dachlandschaft samt Kirchturm von 1955 für 80.000 bis 120.000 Franken auf Zarina Hashmis kalligrafische Schriftarbeit „Letters from Home“ mit acht Holzschnitten von 2004 für 40.000 bis 60.000 Franken oder Atul Dodiyas surreale Mischung „Impossible Attempt“ von 2005, in der ein Maler neben Comic-Ausschnitten eben einen weiblichen Akt in realer Manier entstehen lässt (Taxe 17.000 bis 25.000 SFR). Hiroshi Sugimotos Fotografie von 1993 scheint auf den ersten Blick vollkommen schwarz zu sein; doch dann zeichnet sich ein zarter weißer Streifen als Horizontlinie der „Ligurian Sea, Frumura“ ab (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR). Genauso dunkel kommt das zottelige Textilrelief „La noire de Stefa“ der polnischen Bildhauerin Magdalena Abakanowicz von 1975 daher (Taxe 50.000 bis 70.000 SFR).
Aus der amerikanischen Kunst melden sich Sam Francis mit einem titellosen Spätwerk von 1988, das sich durch große gestische Kraft und intensive Farbtöne in Grün, Violett, Rot und Dunkelblau auszeichnet (Taxe 130.000 bis 180.000 SFR), und Keith Haring mit einer gleichaltrigen, aber freudigen Zeichnung in seiner ikonischen Bildsprache zu Wort, die sofort an den kräftigen Linien und den energiegeladenen Figuren erkennbar ist (Taxe 60.000 bis 80.000 SFR). Das Interesse Andy Warhols an der Popkultur und insbesondere an der Bildwelt von Walt Disney illustriert seine Siebdruckarbeit „The New Spirit“ mit Donald Duck als flotten Putzmann (Taxe 30.000 bis 40.000 SFR). Design-Sammler dürften sich auf die „Nickel Couch“ in geschwungenen Linien freuen, die der Amerikaner Johnny Swing aus tausenden kleinen Münzen zusammengeschweißt hat (Taxe 80.000 bis 120.000 SFR).
Die Auktion „Moderne & Zeitgenössische Kunst“ beginnt am 24. Juni um 11 Uhr. Der Katalog ist unter www.bbw-auktionen.com abrufbar. |