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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Abschied für immer: Nach fast siebzig Jahren Geschäftstätigkeit schließt das Auktionshaus Neumeister in München. Die abschließende Auktionsrunde verspricht noch eine Abkühlung

Das letzte Kapitel der Geschichte



Johannes Lingelbach,  Flusslandschaft mit rastenden Bauern sowie dem Fort Saint-Jean und dem Château de Pierre Scize in Lyon im Hintergrund

Johannes Lingelbach, Flusslandschaft mit rastenden Bauern sowie dem Fort Saint-Jean und dem Château de Pierre Scize in Lyon im Hintergrund

Zunächst deutete wenig darauf hin, dass Rudolf Neumeister einmal im Kunsthandel Fuß fassen würde. Geboren 1925 in München, studierte er nach dem Zweiten Weltkrieg erst einmal Jura. Doch schon 1951 wurde er Teilhaber der Kunsthandlung Neumeister & Gräf in München, beriet freundschaftlich verbunden den Schweinfurter Industriellen Georg Schäfer beim Aufbau dessen bedeutender Sammlung zur deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts und etablierte Geschäftsbeziehungen zu namhaften, unter dem Naziregime emigrierten Kunsthändlern wie Leopold Blumka in New York, Jacques Kugel in Paris und Hermann Baer in London. 1958 wagte Neumeister einen weiteren großen Karriereschritt: Nach dem Tod von Adolf Weinmüller übernahm er dessen „Münchener Kunstversteigerungshaus“, trat im Mai erstmals ans Auktionspult und schlug sein erstes Kunstwerk zu. Der Grundstein für seinen eigenen Auktionshandel mit Kunst und Antiquitäten war gelegt.


In den nächsten Jahrzehnten wurde das Auktionshaus Neumeister ein integraler Bestandteil des deutschen Versteigerungswesens. 1960 versteigerte Rudolf Neumeister dann den Nachlass des Kunstsammlers und -händlers Otto Bernheimer, was sein Unternehmen auf die internationale Kunstbühne hob. Mit gotischen Skulpturen, Malerei Alter und Neuerer Meister, Augsburger Silber, Barockmöbeln oder Meißner Porzellan lockte der Geschäftsmann in den Wirtschaftswunderjahren nicht nur eine breite Klientel an, sondern konnte auch prominente Persönlichkeiten wie Maria Callas und Aristoteles Onassis, König Hussein und Kronprinz Hassan von Jordanien oder Prinzessin Soraya für sich gewinnen, die sich etwa 1963 bei der Nachlassauktion eines deutschen Filmproduzenten Spitzwegs Gemälde „Der Angler“ angelte. Gerade die Münchner Schule und vor allem Spitzweg wurden zu einer festen Größe im Haus: So gab Rudolf Neumeister 1988 dessen „Friede im Lande“ zum Weltrekordpreis von einer Million D-Mark ab, im Jahr 2000 folgte „Der ewige Hochzeiter“ bei 2,4 Millionen D-Mark.

Der Schlussakt

Ab 1979 beteiligte Neumeister sukzessive seine drei Töchter Martina, Katrin und Michaela als Teilhaberinnen an seinem Auktionshaus. Im Jahr 2008 übernahm Neumeisters zweite Tochter, Katrin Stoll, nach dreizehn Monaten aufreibenden, teils schwierigen Verhandlungen sämtliche Gesellschaftsanteile ihrer beiden Schwestern, wurde alleinige Inhaberin und führte das Auktionshaus bisher weiter. Im Frühjahr kündigte Katrin Stoll nun an, dass das Münchner Auktionshaus Neumeister seinen Geschäftsbetrieb Ende Oktober einstellen wird, und begründete ihre Entscheidung nach 43 Jahren im Unternehmen mit Änderungen in ihrer persönlichen Lebensplanung. „Ich blicke neugierig nach vorne und freue mich darauf, für meine Familie da zu sein, ohne den Blick auf die Uhr oder den nächsten Geschäftstermin. Daher lege ich den Auktionshammer nun beiseite. Es ist Zeit für die Menschen, die ich liebe. Und, es ist Zeit für mich selbst“, kommentierte die 64jährige Stoll ihren Entschluss.

Da keine anderen Lösungen zu einer Weiterführung des Auktionshauses gefunden wurden, etwa eine Nachfolgeregelung in der eigenen Familie, und Sondierungsgespräche mit potentiellen Interessenten unter den aktuell schwierigen Marktbedingungen für Alte Kunst und Antiquitäten nicht zielführend waren, steht nun das letzte Kapitel in der Geschichte von Neumeister an: in den kommenden Auktionsrunde fällt der letzte Hammer. Am 23. und 24. Juni fährt Katrin Stoll noch einmal die Schwerpunkte ihres Auktionshauses auf, startet wieder mit der Porzellanabteilung und wartet unter anderem mit zwei Meißner Porzellanvasen des späten Rokoko um 1770 auf, die Watteau-Szenen mit galanten Liebespaaren in blumenumrankten Kartuschen zeigen und in Frankreich in einer weit geschwungenen vergoldeten Bronzemontierung gefasst wurden (Taxe 10.000 bis 14.000 EUR). Ein Creußener Humpen aus braunem salzglasiertem Steinzeug mit den bunten Bildnissen der Kurfürsten zwischen floralen Ornamentbändern, datiert auf das Jahr 1689, ist mit 600 bis 800 Euro recht günstig bewertet.

Beim Silber treffen ein konischer Renaissance-Deckelhumpen des Augsburger Meisters Nikolaus Leucker um 1585/90 mit geflügelten Engelsköpfen, drei Medaillons samt Tieren in Landschaften und einem fischschwänzigen Fabelwesen (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR), die klassizistische geschichtsträchtige Taufkanne für Wilhelm Friedrich Georg Ludwig von Oranien-Nassau, den späteren König Wilhelm II. der Niederlande, des Kasseler Meisters Heinrich Wilhelm Kompff aus dem Jahr 1792 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR) und eine große Suppenterrine auf Presentoir mit Einsatz und Schöpfkelle aufeinander, die überbordend mit Früchten, Blumen und Blättern geschmückt ist. Für dieses ausschweifende barockisierende Ensemble war zwischen 1944 und 1968 der Mailänder Silberschmied mit dem passenden Namen Guido Fiorentini verantwortlich (Taxe 12.000 bis 14.000 EUR).

Nicht nur Madonnen

Während bei den Skulpturen eine qualitätvolle spätgotische Madonna, die den sich windenden Jesusknaben direkt vor ihrer Brust präsentiert, nur einem unbekannten schwäbischen Meister um 1480/90 zugeordnet werden kann (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), lässt sich eine thronende Variante um 1440 genauer im Umkreis von Hans Multscher lokalisieren (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Für den in München tätigen Meister von Rabenden ist ein sitzender Johannes der Täufer mit härenem Gewand gesichert, der als Vorläufer Christi seit etwa 1515/20 auf dessen Sinnbild eines Lamms deutet (Taxe 9.000 bis 10.000 EUR). In den späten Manierismus geht es mit einem heiligen Sebastian, den Martin Zürn oder sein Bruder Michael Zürn d.Ä. um 1620/30 von Pfeilen durchbohrt an einen Baum gebunden haben (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).

Rund fünfzig Jahre jünger ist das Kruzifix des Konstanzer Bildschnitzers Christoph Daniel Schenck, der den toten Corpus Christi ausgemergelt und leidend gezeichnet hat (Taxe 14.000 bis 16.000 EUR), rokokohaft beschwingt dagegen ein Kaiserpaar aus der Werkstatt von Bonaventura Joseph Mutschele, dem leider die Unterarme abhandengekommen sind. Es soll aus dem oberfränkischen, 1803 säkularisierten Zisterzienserkloster Langheim stammen. Da liegt es nahe, dass es sich um die Heiligen Heinrich II. und seine Frau Kunigunde handelt (Taxe 5.000 bis 7.500 EUR). Die Moderne steuert mehrere Bronzearbeiten bei, darunter die elegant stilisierte, auf einer Kugel tänzelnde „Flötenspielerin“ von Hermann Feuerhahn (Taxe 1.200 bis 1.400 EUR) und zwei eher expressive Frauenbilder des Belgiers Victor Rousseau: einen gleich teuren, leicht geneigten „Weiblicher Halbakt“ und eine sitzende „Madonna“, die typisch für die Moderne ohne religiöse Attribute auskommt und damit ihre menschliche Seite betont (Taxe 2.000 bis 2.200 EUR).

Zaren-Geschenke und Kelly Bags

Mit einem Paar goldener römischer Ohrringe in Kreisform streift die Schmuckabteilung sogar die Antike (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR). Ein historisch bedeutsamer Höhepunkt ist ein russischer Armreif der Zarenzeit mit Doppeladlerwappen auf königsblauem Emailgrund, besetzt mit Diamanten, Rubinen und Smaragden. Bei solchen Armreifen handelte es sich in der Regel um Geschenke des Zaren, die er bei Besuchen an anderen Höfen an höhere weibliche Amtsträgerinnen wie beispielsweise eine Hofdame überreichte (Taxe 14.000 bis 17.000 EUR). Neben zahlreichen Ringen, Broschen, Ketten und Ohrgehängen offeriert Neumeister auch funkelnde Verführer mit floralen und animalischen Themen, darunter eine goldene Brosche in Form eines Hundes des Pariser Hauses Fred Joaillier um 1958 (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR) oder einen genauso putzigen, wenige Jahre jüngeren Elefanten der Pariser Konkurrenz Van Cleef & Arpels (Taxe 3.500 bis 4.500 EUR). Mode gehörte in den letzten Jahrzehnten unter Katrin Stoll fest zum Programm von Neumeister. Diesmal listet der Katalog gleich mehrere exklusive Vintage-Handtaschen, darunter die begehrten „Kelly Bags“ von Hermès. Wie wäre es mit der „Kelly Bag 35 Retourné“ aus Kalbsleder im typischen weinroten Ton „Rouge H“? Sie wird heutzutage oft als „Business-Kelly“ bezeichnet, da sie groß genug für Dokumente ist (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Oder die „Kelly Bag 28 Retourné“ in vornehm zurückhaltendem Weiß (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR)?

Der geistliche Großsammler

Die Rubrik Gemälde startet mit einem spätgotischen, etwas steifen und holzschnittartigen, deutschen Altarflügel um 1500, auf dem die heilige Elisabeth von Thüringen gerade Almosen an Bedürftige verteilt (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR). Italien war da weitaus fortschrittlicher, schaut man sich Battista Dossis Renaissance-Tafel mit der „Flucht nach Ägypten“ an. Die zarte Schilderung mit Maria und Josef auf zwei Eseln vor einem Wald, wobei Josef überraschenderweise das Jesuskind trägt, gehörte zur Sammlung Bernheimer und wurde 2015 bei deren Auflösung in London mit einer Schätzung von 60.000 bis 80.000 Pfund nicht verkauft. Auch bei Neumeister hatte das Gemälde, das einst zur größten, rund 20.000 Positionen umfassenden Privatsammlung des Kardinals Joseph Fesch gehörte, bisher keinen Erfolg. Nun stehen moderate 10.000 bis 12.000 Euro auf dem Preisschild.

Dann kommt schon der Barock zum Zug, unter anderem mit Jan Erasmus Quellinus’ alttestamentlicher Erzählung „Jakobs Reise von Labans Haus nach Kanaan“ um 1687 (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR), Johannes Lingelbachs weitem Talblick auf einen Fluss mit rastenden Bauern, der im Hintergrund das Fort Saint-Jean und das Château de Pierre Scize in Lyon zeigt (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR), oder das Bildnis einer vornehme Dame mit ihrem Hund auf einer Parkterrasse, das Jacob Coeman zugeschrieben wird. Da die nach der neuesten Mode Gekleidete asiatisch wirkende Gesichtszüge trägt, vermuten die Experten Cornelia van Nijenroode als Portraitierte, eine Tochter des Kaufmanns Cornelis van Nijenroode und der japanischen Geisha Surishia, die im damaligen Batavia in Niederländisch-Indien selbst als Kauffrau erfolgreich agierte (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR). Die Gattung Stillleben kommt mit Adriaen van Utrechts großem, schmackhaftem Arrangement mit verschiedenen Früchten um einen Blumenvase von 1651 (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), mit Johannes Boumans zurückhaltendem Früchtekorb (Taxe 11.000 bis 13.000 EUR) und Johannes Leemans’ charakteristischem Trompe l’œil-Stillleben mit Vogelkäfig und Jagdutensilien von 1674 zum Zug (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR).

Die kultivierteste Frau Europas

Für den Tageshöchstpreis ist eine Malerin des Klassizismus zuständig: Angelika Kauffmann, die als eine der berühmtesten Künstlerinnen des 18. Jahrhunderts gilt und für Johann Gottfried Herder schlichtweg „die kultivierteste Frau Europas“ war, griff 1796 auf ein biblisches Thema zurück und setzte die neutestamentliche Szene „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ in Betonung auf die Grundfarben Gelb, Rot und Blau ins Bild. Sie selbst zählte das großformatige und figurenreiche Gemälde in ihrer Werkliste zu ihren wichtigsten Arbeiten und will nun dafür 100.000 bis 150.000 Euro sehen. Aus dem Klassizismus begleitet die Malerin Johann August Nahl d.J., der sich der Mythologie zuwandte und den Abschied des Adonis von der Göttin Venus nicht ganz so überspitzt dramatisch verbildlichte (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Auf diesem Preisniveau reiht sich eine charmante romantische Szene von fünf Mägden an einem Brunnen in englischer Küstenlandschaft ein, die der in Kiel geborene, später nach London ausgewanderte Siegfried Detlev Bendixen zu verantworten hat.

Bei Neumeister war die Münchner Malerschule stets gut aufgehoben. Das spiegelt sich auch in der anstehenden Auktion wider, etwa in Heinrich Adams ruhiger Landschaft „Bei Oberföhring“ mir einer Bäuerin beim Reisigholen samt Tochter (Taxe 6.000 bis 7.000 EUR), in dem mächtig aufragenden Dom zu Worms, den Albert Emil Kirchner 1855 im Sinne des Historismus um einen Landsknecht beim Wasserschöpfen für seine Pferde ergänzt hat, in Carl Friedrich Moritz Müllers lediglich durch eine Fackel rot glühend beleuchteter „Nächtlicher Heimkehr von der Hochzeit“, in einer schon von der Schule von Barbizon geprägten „Abendlandschaft mit Dorf und Rinderherde“ von Eduard Schleich d.Ä. (Taxe je 3.000 bis 4.000 EUR) oder Carl Spitzwegs flüchtig gemalter Ölstudie einer Sennerin auf dem titelgebenden „Waldsteg“ (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Eduard von Grützner lässt auf seinem 1889 entstandenen Gemälde „Gelungen ist das Werk“ einen Mönch zufrieden auf eine Madonnenstatue blicken, deren Farbfassung er eben vollendet hat (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Heinrich von Zügel hat seine beiden bäuerlichen Szenen mit einem jungen Kuhhirten, der sein Vieh durch einen Wasserfurt treibt (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR), und der „Schnuckenherde am Schafkoben“ dann schon impressionistisch ausgearbeitet (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Als großer Symbolist aus München mischt Franz von Stuck mit seiner „Römerin“ in fast statuarischer Haltung mit. In der Literatur wird das Gemälde auch unter dem Titel „Octavia“ geführt, was auf die Person der Octavia Minor, der älteren Schwester des römischen Kaisers Augustus verweist, die aufgrund ihrer Schönheit, Kultiviertheit und Loyalität zu ihrem Gatten Marcus Antonius als Idealbild der tugendhaften Römerin galt (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Mal nicht Löwen

Auch einige Österreicher haben sich in München eingefunden, so der Tiermaler Friedrich Gauermann mit seiner Kuh samt Kalb an der Tränke, die er laut Aufschrift auf der Reiter Alpe am Hintersee in den Berchtesgadener Alpen entdeckte, Hans Makart mit seinem Entwurf einer illustren Renaissance-Gesellschaft bei einem Fest im Schlosspark, die einst zur renommierten Schweinfurter Sammlung Georg Schäfer gehörte (Taxe je 5.000 bis 7.000 EUR), oder Carl Schuch mit seinem schlichten Stillleben von rosafarbenen und dunkelroten Pfingstrosen in blaugrünem Glaskrug ebenfalls mit Schäfer-Provenienz (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). In das Sehnsuchtsland Italien entführt Franz Richard Unterberger mit seiner abendlichen Stimmung an der „Riviera de Naples“ mit musizierenden Fischern an Feuerstellen bei ihren Booten und einem Ausblick auf den Vesuv (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR), gleichfalls Carlo Grubacs mit seinen beiden kleinen Veduten „Venedig. Blick von der Punta della Dogana auf den Campanile di San Marco und den Dogenpalast“ für 3.000 bis 4.000 Euro und „Rom. Blick vom Tiber auf die Engelsburg mit dem Ponte S. Angelo und den Petersdom“ für 4.000 bis 5.000 Euro. Wilhelm Kuhnert, der für seine exotischen Tierbilder bekannt ist, gestaltet diesmal eine orientalistische Atmosphäre mit seiner Karawane vor einer fiktiven Moschee in einer Wüste aus dem Jahr 1894 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR).

In der aktuellen Sommerhitze verspricht Emil Noldes von wässrigen Blautönen durchzogenes, weitgehend abstraktes Aquarell „Winterlandschaft im Engadin“, entstanden 1936 in Sils Maria, wenigstens eine optische Abkühlung (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Mit Max Slevogt und seiner impressionistischen „Landschaft bei Neukastel“ von 1921 mit einem Blick auf das Haardtgebirge im Pfälzerwald wird es aber dann schon wieder schnell sommerlich (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR), ferner mit Max Peiffer Watenphuls stiller, menschenleerer Ansicht einer „Straße bei Ischia Ponte“ aus dem Jahr 1958 (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR) und mit der sonnenbeschienenen „Straße in Karlowo“ des Bulgaren Nikola Tanev aus der Zeit um 1930 (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Mit Arbeiten auf Papier treten Ernst Ludwig Kirchner, der für seinen kantigen Holzschnitt „Frau Schuh zuknöpfend“ 5.000 bis 7.000 Euro sehen will, und Franz Radziwill mit seiner kolorierten Zeichnung „Abend“ hinzu. Die Straßenszene wirkt mit ihren perspektivischen Verzerrungen, den seltsamen ballonartigen Gestirnen und einer herabstürzenden Frau doch etwas unheimlich (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Bei den Zeitgenossen hat der Fotorealismus das Sagen, etwa mit dem Tondo „Central Park“, auf dem der Israeli Shay Kun die Realität der New Yorker Stadtvedute mit der Imagination bunter Heißluftballons kombiniert (Taxe 7.000 bis 9.000 EUR), oder mit dem 1963 geborenen Münchner Jan A. Birck, der mit seinem Ölgemälde „Homage to the Panam 911“ dem nicht ausgeführten Modell eines Porsche Panamericana huldigt (Taxe 3.500 bis 4.000 EUR).

Kunst am Krug

Schon am 23. Juni versteigert Neumeister unter dem Titel „Bierseelig“ knapp 200 Objekte aus der Sammlung der Brauerfamilie Sedlmayr und der Direktionssammlung der Spatenbräu, die in Malerei und Kunsthandwerk mehrere Jahrhunderte Münchner Biertradition dokumentieren. Los geht es mit Herzog Wilhelm IV. von Bayern auf einem markanten Bildnis von Hans Schöpfer d.Ä. aus dem 16. Jahrhundert. Der bayrische Herrscher war es, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Ludwig X. im Jahr 1516 das bayerische Reinheitsgebot erlassen hatte (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Es folgen etliche idyllische und ausgelassene Biergartenszenen, darunter Max Liebermanns Kohlezeichnung (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR), Franz Marx’ Ölgemälde eines sommerlichen Ausflugslokals mit Bänken unter dichtem Laubwerk (Taxe 400 bis 500 EUR), Paul Eduard Crodels ähnlicher Nachmittag unter Bäumen (Taxe 1.000 bis 1.200 EUR) oder Ferdinand Leekes Münchner Gesellschaft beim Tanzen, Trinken und Musizieren im Wald (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).

Der schwäbische Impressionist Albert Kappis lässt uns schon jetzt am Oktoberfest in München teilhaben (Taxe 500 bis 600 EUR), während sich Lovis Corinth 1909 auf einer Postkarte karikierend mit Bierglas und Zigarre zeichnerisch verewigt hat (Taxe 1.000 bis 1.500 EUR). Mit der Sedlmayr-Familie war der Maler Reinhard Sebastian Zimmermann verwandtschaftlich eng verbunden; daher gelangten mehrere seiner oft humoristischen Genreszene in die Sammlung, etwa der junge „Dorfmusikant in einer Wirtshausstube“, der mit seinem Gesang zur Drehleier sichtlich nicht alle Anwesenden erfreut (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR), die vier schwäbischen Bauern, die von der „Teuren Zeche“ überrascht werden (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), oder eine „Schusterwerkstatt in Ottobeuren“, in der der Meister die Arbeiten seiner jungen Lehrlinge aufmerksam begutachtet (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Auch sein Sohn Ernst Karl Georg Zimmermann ist mit von der Partie, darunter mit mehreren, häufig mönchischen Zechern für jeweils niedrige dreistellige Werte.

Die Hauptgattung im Kunsthandwerk sind Bierkrüge unterschiedlicher Gestaltung und Herkunft. Es gibt etwa einen schwarzbraunen Birnkrug aus Dippoldiswalde vom Ende des 17. Jahrhunderts mit Relief- und Kerbschnittdekor, auf dem ein bunt gemalter Kaiser mit Reichsapfel auf einem aufsteigenden Schimmel unter großer Palmettenauflage reitet (Taxe 800 bis 1.000 EUR), oder einen Walzenkrug mit kleisterblauer Glasur, der in der Fayencemanufaktur Nürnberg um 1750/60 mit dem biblischen Sündenfall bemalt wurde (Taxe 1.500 bis 1.800 EUR). Ein weiterer, etwa gleichaltriger Walzenkrug mit den Zunftzeichen der Bierbrauer wird der „Gelben Familie“ der Fayencemanufaktur Crailsheim zugeordnet (Taxe 600 bis 800 EUR). In einer Würzbierschüssel wurde damals ein stärker gehopftes, oft gewürztes Bier serviert. In der Frankfurter Fayencemanufaktur wurde ein derartiges flaches Deckelgefäß Ende des 17. Jahrhundert nach dem damaligen Geschmack mit einer fernöstlichen Landschaft und Chinesen in Mangan, Gelb und hellem Grün flott verziert (Taxe 180 bis 220 EUR).

Die Sonderauktion „Bierseelig“ beginnt am 23. Juni um 17 Uhr, die Abschiedsauktion am 24. Juni um 17 Uhr. Der Katalog ist online unter www.neumeister.com abrufbar. Danach laden Katrin Stoll und die Neumeister-Mitarbeiter alle Anwesenden ein, auf das Leben, die Liebe zur Kunst und eine freudvolle Zukunft anzustoßen.

Kontakt:

Neumeister Münchener Kunstauktionshaus

Barer Straße 37

DE-80799 München

Telefax:+49 (089) 23 17 10 55

Telefon:+49 (089) 231 71 00

E-Mail: auctions@neumeister.com



22.06.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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