 |  | Carl Grossberg, Der gelbe Kessel, 1933 | |
Als in den Jahren 2024 und 2025 zahlreiche Ausstellungen das hundertjährige Jubiläum der Neuen Sachlichkeit würdigten, zählten Gemälde des Künstlers Carl Grossberg zu den viel beachteten Exponaten. Details zur Person und zum Werkschaffen blieben jedoch im Dunkeln. Um das Renommee eines namhaften und zugleich unbekannten Malers zu relativieren, präsentiert das Von der Heydt-Museum in Wuppertal, dem Geburtsort Grossbergs, derzeit eine umfassende Retrospektive. Nur verhältnismäßig wenige, gerade einmal knapp 70 Gemälde sind von ihm überhaupt bekannt. Die stattliche Anzahl von 50 Ölbildern konnte das Kuratorenduo aus Roland Mönig und Anna Storm nun für die Ausstellung akquirieren, davon allein 27 als Leihgaben aus den USA, wo Grossberg zu den Symbolfiguren der Neuen Sachlichkeit zählt. Hinzu kommen 100 Arbeiten auf Papier, darunter Skizzenbücher, frühe Studentenzeichnungen aus seiner Weimarer Zeit sowie weitere Dokumente. 40 Exponate anderer Künstlerinnen und Künstler aus dem hauseigenen Bestand, darunter speziell Fotografien, stehen den Arbeiten Grossbergs dialogisch zur Seite.
Zum Auftakt stellt sich der Maler mit seinem einzigen, 1928 auf dem Höhepunkt seiner zwanzig Jahre währenden Schaffenszeit realisierten Selbstbildnis vor. Nahsichtig, frontal und adrett gekleidet, mit gelängtem Gesicht und fixierendem Blick inszeniert, hält er einen langen Pinsel, dessen feine Borsten den Blick auf den Dampfhammer im Hintergrund der rechten Bildhälfte lenken und damit zugleich auf sein Interesse für Industrie und Technik hindeuten. Präzise in den Details gab sich Grossberg mit einem fotografischen Blick höchst exakt wieder, was auf engen Austausch mit dem „Neuen Sehen“ in der Fotografie hindeutet. Ausgewählte Porträts des Fotografen August Sander aus dessen Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ legen die Übereinstimmung in Gestalt einer nüchternen Charakterisierung von Personen in ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Rolle offen. Grossberg stand in engem Austausch mit Fotografen wie August Sander oder Albert Renger-Patzsch. Gemalt hat er stets nach Fotografien, deren Sujets er nie eins zu eins übernahm, sondern in farbige Blöcke presste und im Baukastenprinzip ordnete.
Carl Grossberg wurde 1894 als Georg Carl Wilhelm Grandmontagne in Wuppertal-Elberfeld geboren und deutschte 1914 seinen Namen ein. Nach dem Studium der Architektur in Aachen und Darmstadt sowie dem Dienst als Leutnant der Reserve an der Westfront in Frankreich ab 1914 begann er 1919 das Studium der Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst in Weimar. Nach dessen Zusammenlegung mit der Kunstgewerbeschule zum Staatlichen Bauhaus absolvierte er hier den Vorkurs bei Paul Klee und Johannes Itten. Bis zum Ausscheiden 1921 war jedoch Lyonel Feininger sein prägender Lehrer. Grossberg zog dann nach Sommerhausen bei Würzburg, gründete hier eine Familie und arbeitete freischaffend. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er erneut einberufen und im September 1940 als Fahrer in einen Autounfall verwickelt, in Folge dessen er vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Am 19. Oktober 1940 erschoss er sich mit seiner eigenen Waffe.
Den Beginn der Kernschau bestreiten Arbeiten auf Papier aus den Weimarer Jahren. Geometrisch oder kristallin geformte Figurenstudien verweisen auf Lyonel Feiningers Vorbildfunktion, während in den Aquarellen das von Paul Klee und Johannes Itten vermittelte Farbgespür hervortritt. In den Ölbildern fügen sich satte Töne zu geometrisch gefassten Gebäuden zusammen. Im Anschluss steht das Wirken des ausgebildeten Architekten auf dem Feld der Interieurgestaltung im Fokus. Zeitweise unterhielt Carl Grossberg in Nürnberg ein Büro zur Planung von Inneneinrichtungen für vermögende Privatkunden. Bei umfangreicheren Projekten kooperierte er mit namhaften Vertretern der Architektur- und Designszene, unter anderen mit Erich Mendelsohn. Ein großer kommerzieller Erfolg war die 1931 für die Norddeutsche Tapetenfabrik Hölscher & Breimer entworfene „Grossberg-Eintontapete“.
In der weiteren Folge stehen über fünf Säle hinweg Grossbergs Gemälde im Mittelpunkt. Nach der Übersiedlung nach Sommerhausen konzentrierte sich der Maler zunächst Sujets aus der Umgebung. Blockartige Haus- und Dachlandschaften fügen sich zu stimmigen Kompositionen zusammen. Eine 1925 unternommene Reise in die Niederlande trägt zu einer weiteren formalen Reduzierung bei. Häuser erscheinen in geometrisch scharf geschnittenen Ausschnitten in strahlenden, eigenwilligen Farbabstufungen. Die genormte, menschenleere Architektur offenbart spannende Parallelen zum Werk des Fotografen Thomas Ruff. Ohne individuellen Pinselduktus kühl auf altmeisterliche Weise gestaltete Gemälde verbinden sich eng mit dem dokumentarischen Duktus neusachlicher Fotografie. Im Gegensatz dazu sind Carl Grossbergs Aquarelle fast spielerisch, da Ton und Textur der Farbe mehr in den Vordergrund treten.
Basierend auf Vorlagen wie Lexika oder Werbekatalogen komponierte er zudem illusionäre Traumbilder. Die gespenstisch-abwegigen Darstellungen lassen an surrealistische Bilder oder Werke Paul Delvaux’ denken. Diese Werkgruppe entstand zeitgleich mit den Industrielandschaften und Maschinenbildern, für die Carl Grossberg damals wie heute bekannt ist. Deren Folge setzte 1924 mit dem „Stillleben mit Turbine“ ein, in dem ein im Vordergrund platzierter Kaktus den Widerstand zur Technisierung signifikant verkörpert. Anschließend erhielt Grossberg zahlreiche Aufträge für Bildserien großer Industriebetriebe. Die detailgenauen, fotografisch wirkenden Darstellungen zeigen in ihrer klinischen Kälte, Exaktheit und Menschenferne ein ambivalentes Bild vom technischen Fortschritt. Dass Grossberg 1934 zur Ausstellung „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“ als Auftragsarbeit ein großes Wandbild beisteuerte, war einem monetären Zwang geschuldet, nicht aber als politisches Bekenntnis zu verstehen. Der Maler war kein NSDAP-Mitglied, sondern Gegner des Systems.
Während in einem einleitenden Prolog sinnvollerweise die Einbettung von Grossbergs Schaffen in den allgemeinen Entwicklungsstrom am Beispiel erlesener Werke, speziell der Kölner Progressiven, dargelegt wird, zeigt der Epilog die Nachwirkungen in der figurativen Malerei ab den 1960er Jahren. Offensichtlich wird, wie etwa Konrad Klapheck sich direkt auf den von ihm geschätzten Grossberg bezieht. Wie utopisch dessen Kunst war, offenbart überraschenderweise ein 1990 von Michael van Ofen gemalter Ausblick auf eine weite, schemenhafte Industrielandschaft. Sie führt an den Anfang der Schau zurück. In Grossbergs Selbstporträt von 1928 bildet sie in exakt vergleichbarem Duktus den Hintergrund.
Die Ausstellung „Carl Grossberg. Sachlich – magisch – visionär“ ist bis zum 30. August zu besichtigen. Das Von der Heydt-Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Hirmer Verlag erschienen, der im Museum 35 Euro, im Buchhandel 45 Euro kostet. |