 |  | Wilhelm Lehmbruck, Frauenbüste (Büste L.), um 1910 | |
Der 1856 geborene Hermann Hertz und seine Familie gehörten zum gebildeten jüdischen Bürgertum in Köln. Gemeinsam mit Max Rosenberg gründete er zu Beginn der 1880er Jahre eine Fabrik und Handelsgesellschaft für Korsettwaren, die mit 600 Angestellten und einem Export nach Frankreich, England und in die Schweiz erfolgreich agierte. Schon früh interessierte er sich aber auch für die Kunst seiner Zeit, engagierte sich in mehreren Vereinigungen und legte sich peu à peu eine umfangreiche Sammlung zu. Als Kunstmäzen beteiligte sich Hertz 1909 an der Gründung des Sonderbundes, trat als Förderer der Sonderbundausstellungen auf, bestimmte ihr Konzept und wurde zum Schatzmeister ernannt. Als es 1912 zur Diskussion über die Teilnahme der zeitgenössischen Kunst kam, vertrat Hertz mit einigen Museumsdirektoren aus Köln und Wuppertal sowie dem legendären Galeristen Alfred Flechtheim das ‚fortschrittliche‘ Lager. Auf der Sonderbundausstellung des Jahres 1912, die als erste Zusammenfassung damaliger moderner Kunst in Europa gilt, entdeckte Hertz auch Wilhelm Lehmbrucks gerade einmal zwei Jahre alte „Frauenbüste“, erwarb sie aus der Kölner Präsentation heraus und integrierte sie in seine illustre Kollektion mit Werken von Eugène Boudin, Paula Modersohn-Becker, George Minne, Ernst Barlach, George Grosz, Max Liebermann, Ernst Ludwig Kirchner, Max Slevogt oder Maurice de Vlaminck.
Die „Frauenbüste (Büste L.)“, die Wilhelm Lehmbruck um 1910 eigenhändig im selten verwendeten Material Marmor ausgeführt hat, gilt als Wendepunkt im Schaffen des Expressionisten. Denn die lebensnahe Darstellung nach dem Modell seiner Frau Anita markiert seinen künstlerischen Neubeginn in Paris. In Auseinandersetzung mit Aristide Maillol und Auguste Rodin entwickelte Lehmbruck hier jene Formensprache, die durch Reduktion, Verinnerlichung und eine subtil bewegte Haltung gekennzeichnet ist. Der leicht geneigte Kopf und der nach innen gerichtete Blick verleihen der Skulptur eine stille, eindringliche Präsenz, die durch die schimmernde Oberfläche des kühlen weißen Marmors gesteigert wird. Über 114 Jahre verblieb die Skulptur bei den Nachkommen von Hermann Hertz und wird nun marktfrisch erstmals bei Lempertz angeboten. Das hat seinen Preis: Mit 500.000 bis 700.000 Euro liegt der Auktionsrekord von Lehmbruck nicht mehr so fern.
Gut fünfzig Positionen hat der Kölner Versteigerer aus seinem gesamten Angebot an Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts für seinen „Evening Sale“ am 5. Juni ausgewählt und behauptet sich mit Werken des Expressionismus und weiteren Strömungen der Moderne, etwa mit Erich Heckels „Einfuhr in die Scheune“ aus dem Jahr 1909. Mit leuchtender Farbpalette greift Heckel hier auf ein seltenes Motiv in seinem Schaffen zurück und schildert die bäuerliche Arbeit in Dangast am Jadebusen (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR). Auch für Paula Modersohn-Becker, die heuer ihren 150. Geburtstag feiert, war das Leben der einfachen Leute stets Ausgangspunkt ihrer Kunst. So holte sie um 1901 die Köpfe zweier Knaben vor einer weiten Landschaft wie zwei bildhauerische Büsten mit starren Blicken ins Bild (Taxe 100.000 bis 120.000 EUR). Gabriele Münter portraitierte gleichfalls eine Bäuerin mit Harke und ihre Tochter flächig mit intensiven Farben vor einer Kirche in Oberbayern (Taxe 140.000 bis 160.000 EUR). Dagegen wirkt die Sicht ihrer Künstlerfreundin Marianne von Werefkin auf den Lago Maggiore etwas mondäner. Um 1922 ließ sie den See in einem gesteigerten Kolorit expressiv aufleuchten und gesellte zwei schwarz gekleidete Männer und eine vornehme Dame als Staffagefiguren hinzu (Taxe 150.000 bis 180.000 EUR).
Für die Gestaltungsprinzipien und das neue Menschenbild des Bauhauses steht diesmal Oskar Schlemmers „Raum mit sieben Figuren“. Das mit Öl auf Papier entwickelte Interieur von 1937 dokumentiert die späte Werkphase des Künstlers, in der sich geometrische Strenge und persönlicher Ausdruck verbinden (Taxe 150.000 bis 180.000 EUR). Franz Radziwills Gemälde „Bauerndorf“ von 1923, auf dessen Rückseite er zwei Jahre zuvor einen stehenden Akt mit Hühnern recht naiv ausformuliert hat, stammt aus dem expressiven Frühwerk des Künstlers und ist von offenen, breit fließenden Farbbahnen und zeichenhaften Verkürzungen geprägt. Die rätselhaften Komponenten seines späteren magisch-realistischen Œuvres deuten sich noch nicht an (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR). Vor dem Hintergrund der Schule von Laethem thematisierte der Flame Gustave van de Woestyne häufig benachteiligte Personen, kranke Menschen und trauernde Mütter oder um 1911 auf seinem Gemälde „Mal aux Dents“ einen arg an Zahnschmerzen leidenden Mann mit verzerrtem Gesicht (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).
Das Worcester Art Museum aus Massachusetts hat Lempertz vier Werke zum Vermitteln anvertraut, darunter Karl Hofers in sich gekehrtes Mädchen mit Kürbissen um 1929/30, die schon fast ein eigenes Stillleben bilden (Taxe 120.000 bis 140.000 EUR). Neben Bernard Buffets schlichtem Blumenstillleben „Quatre Zinnias“ von 1967 für 60.000 bis 70.000 Euro und Maurice Utrillos stiller Vedute „Église de Murato“ auf Korsika für 40.000 bis 45.000 Euro stellt Pierre-Auguste Renoir das Highlight dieser Gruppe. Sein Kinderportrait „Coco mangeant sa soupe“ in warm abgestimmten Farbvaleurs aus dem Jahr 1905 vermittelt den einfühlsamen Blick eines Vaters auf sein jüngstes Kind (Taxe 500.000 bis 600.000 EUR). Mit weiteren Werken aus Frankreich ist die Auktion gut ausgestattet und hält unter anderem Henri Le Sidaners Ausschnitt „Les Petites barques, automne“ von 1923 in der mittelalterlich geprägten Stadt Quimper in der Bretagne mit dem ruhig dahinfließenden Fluss Odet und Ruderbooten vor einer Steinbrücke im pointillistischen Stil bereit (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR). Dazu gesellt sich Raoul Dufy mit seiner Stadtansicht „L’Allée d’Arbres“ von 1922 aus der Normandie, in der er die Farbexplosion des Fauvismus schon hinter sich gelassen hat (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).
Max Ernsts Spätwerk „L’Ecclésiaste (Opus Dei)“, in dem er mit einem roten Kreuz und einem Priestervogelkopf sein Verhältnis zur katholischen Kirche auslotet, datiert schon ins Jahr 1963 und damit in die Nachkriegszeit (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Hier kommen etwa noch Josef Albers mit der dunklen „Study to homage to the square: Small and large Dark against light Brown“ von 1954 für 250.000 bis 350.000 Euro, Hans Arp mit seiner ausgeschnittenen organisch-abstrakten Bronze „Architektonische Skulptur“ von 1958 für 250.000 bis 300.000 Euro oder Pierre Soulages mit einer schweren Balkenkonstruktion aus dem Jahr 1951 in der typischen Walnussbeize für 180.000 bis 220.000 Euro zum Zug. Für die Konkrete Kunst steht Richard Paul Lohse, der bunte Farbquadrate 1955/67 so angeordnet hat, dass „Acht systematische Farbreihen“ entstehen (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR), für die Op-Art Carlos Cruz-Diez, der 1971 in seiner „Physichromie No. 548“ Kunststofflamellen vor dem Farbgrund so bemalt hat, dass nun Rechtecke zu schweben scheinen (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), und für den Wiener Aktionismus die mit roter Acrylfarbe und Blut bespritzte, zweiteilige Reliktinstallation „6-Tage-Spiel: Schüttbild und Kreuztragbahre“ von Hermann Nitsch aus dem Jahr 1998 (Taxe 80.000 bis 100.000 EUR).
In der jüngeren Kunst wechseln sich Figuration und Ungegenständlichkeit ungeniert ab. Für eine radikale Neubestimmung des Figurativen steht das Schaffen des kürzlich verstorbenen Georg Baselitz, was sich etwa in seiner malerisch expressiven, auf dem Kopf stehenden Gesichtsform unter dem Titel „Borcke“ von 1986 zeigt (Taxe 400.000 bis 450.000 EUR). Als Hauskünstler von Lempertz kann man Zdenek Sýkora ansprechen. Diesmal gibt es von dem 2011 verstorbenen Tschechen die „Linie Nr. 145“ aus dem Jahr 1998, die auf dem Leinwandquadrat viel leeren Raum lässt und anscheinend spielerisch, aber genau berechnet einen runden Punkt und fünf, teils schwungvolle Farbadern setzt (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Locker und unbeschwert hat Imi Knoebel 2013 für „Triller E“ die variantenreich geformten und verschiedenfarbig bemalten Aluminiumtafel hintereinander gestaffelt und damit das strenge Geviert der Leinwand reliefhaft hinter sich gelassen (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Mit einem gemusterten Dekorstoff, Rasterpunktstrukturen, weißen Farbseen und fließenden Linien kombinierte Sigmar Polke 1993 verschiedene visuelle Ebenen zu einer spanungsvollen Abstraktion (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).
In internationale Gefilde der jüngeren Kunst geht es mit Yoshitomo Nara und seinem ikonischen Gemälde „Bunny in Blue“ von 1997. Dem Japaner gelingt hier die Verbindung von kindlicher Bildsprache und psychologischer Tiefe, indem er mit dem jungen Menschenhasen beim Essen einer Möhre zwischen Unschuld und existenzieller Vereinzelung pendelt (Taxe 350.000 bis 450.000 EUR). Tier-Mensch-Konstruktionen nutzt gleichfalls Cosima von Bonin. Eine ihrer Schlüsselfiguren ist die lispelnde Ente Daffy Duck aus der Trickfilmserie „Looney Tunes“, ein exzentrischer Antiheld, den Bonin als egoistisch, hinterhältig, großspurig und feige beschreibt. Er besetzt auch ihre Stoffarbeiten „Dandy Doc (The Apprentice #5)“ von 2009 und „Doc Daffy“ von 2025, die zum zentralen Werkkomplex der Künstlerin gehören (Taxen 30.000 bis 50.000 EUR bzw. 20.000 bis 30.000 EUR). Das Textile spielt bei Ghada Amer ebenso eine wichtige Rolle, die Stickerei mit Malerei verbindet, um bildende Kunst mit einer traditionell weiblich konnotierten Handarbeit zusammenzuführen, so auch auf der Arbeit „The Garden of Eden of Reza“ von 2000, auf der sich nackte Frauen aus pornografischen Magazinen räkeln. Damit macht die Ägypterin deutlich, dass Frauen immer noch nicht frei über ihren eigenen Körper verfügen dürfen, und legt Stereotypen zu Sexismus und Terrorismus offen (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR).
Die Auktion „Evening Sale – Moderne und Zeitgenössische Kunst“ beginnt am 5. Juni um 18 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum 3. Juni täglich von 10 bis 17:30 Uhr, am 4. Juni nach Vereinbarung möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.lempertz.com. |