 |  | Nicholas Chevalier, Buddhistischer Mönch im Garten eines chinesischen Klosters, 1884 | |
Der Katalogumschlag ist schön bunt. Exotische Vögel treffen auf einen silbernen Elefanten, ein Leopard lagert neben der Blüte der Gemeinen Drachenwurz vor den Pyramiden von Gizeh, und eine afrikanische Seidenpflanzenheuschrecke ragt auf einem dürren Ästchen in den anbrechenden Nachthimmel hinein, in dem bereits die Mondsichel, mehrere Sterne und der Saturn aufleuchten. Auf der Rückseite ist ein junger buddhistischer Mönch in einem Blättermeer hinter einer blühenden Königin der Nacht, die hauptsächlich in Mittelamerika und der Karibik beheimatet ist, und einer Kaiserkrone über seiner Lektüre eingeschlafen und wird von einem weiteren Leoparden aufmerksam beobachtet, während blau schimmernde Morphofalter ihn umschwirren. All das und noch vieles mehr gibt es in der Auktion „Horizonte – Zauber ferner Welten“, die der Berliner Versteigerer Bassenge aus allen seinen Sparten zusammengestellt hat und mit ihnen Fernes und Entlegenes erkundet. Dabei ist der Horizont, wie Stephan Schurr in seinem einleitenden Essay schreibt, immer dort, wo wir nicht sind und nie sein werden. Er ist vielmehr immer diese Grenzlinie zwischen Himmel und Erde, die unsere Fantasie speist und unsere Sehnsucht weckt.
Dass das Exotische gar nicht so entfernt liegen muss, beweist etwa Heinrich Breling. Mit seiner farbenfrohen Gouache gibt er einen Einblick in das Marokkanische Haus, das heute im Park von Schloss Linderhof steht. König Ludwig II. erwarb den Ausstellungspavillon nach der Weltausstellung 1878 in Paris, ließ ihn nach seinen Wünschen im Inneren umgestalten, stellte ihn ursprünglich auf der Stockalpe in der Nähe der österreichischen Grenze auf und träumte sich hier in einer Realitätsflucht an seine Sehnsuchtsorte (Taxe 18.000 EUR). Dass die Orientbegeisterung nicht erst im 19. Jahrhundert ausbrach, zeigen mehrere grafische Arbeiten aus der Renaissance. So reiste Melchior Lorch im Gefolge einer kaiserlichen Gesandtschaft zwischen 1555 und 1559 nach Konstantinopel. Die Eindrücke dieser Jahre bildeten die Grundlage für eine zwischen 1570 und 1583 entstandene Folge von insgesamt 127 Holzschnitten, zu denen etwa der „Qadi, ein muslimischer Richter“ von 1581 oder „Ein Blutsverwandter des Propheten“ von 1582 gehören (Taxe je 450 EUR). Fast hundert Jahre früher bediente schon Albrecht Dürer auf dem Kupferstich „Der Orientale und sein Weib“ das Interesse an den fernen Ländern, was nicht zuletzt durch das unaufhaltsame Vordringen der osmanischen Heere Ende des 15. Jahrhunderts nach Europa ausgelöst wurde (Taxe 6.000 EUR).
Als seltene Naturalien fanden Kokosnüsse häufig Eingang in die Kunst- und Wunderkammern der Renaissance und des Barock und wurden als Schaustücke dafür aufwendig gefasst, wie bei einem süddeutschen Deckelpokal des 17. Jahrhunderts in feuervergoldetem Kupfer (Taxe 6.000 EUR). Die Schönheit der Schöpfung feierte auch Basilius Besler in seinem berühmten „Hortus Eystettensis“, etwa in Gestalt der „Corona Imperialis Polyanthos“. Sein Kupferstich der Kaiserkrone um 1613 mit zeitgenössischem Kolorit verlangt 3.000 Euro. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts konnte man in Kassel Wundersames bestaunen: ein gutes Dutzend Affen, allerlei exotische Vögel, darunter Papageien und Pelikane, ein weißes Kamel, Mufflons von Insel Korsika, und als größten Blickfang einen indischen Elefant. Versammelt waren sie mit vielen anderen Tieren in der Menagerie der Grafen von Hessen-Kassel. Dort wohnte seit 1771 auch ein Leopardenpaar, das sich unüblich für die damalige Zeit in Europa rasch vermehrte. Vielleicht waren es diese Raubkatzen, die Johann Heinrich Wilhelm Tischbein sah, als er in Kassel seinen älteren Bruder Johann Heinrich besuchte, der dort die Gemäldegalerie leitete, und sie später mit ihren beiden kleinen weißen Jungen auf einem Aquarell verewigte (Taxe 18.000 EUR).
Vasenfantasien
Ungewöhnlich, fast schon skurril mutet Benigno Bossis „Suite des Vases“ aus dem Jahr 1764 an. Der Maler, Stuckateur und Kupferstecher griff bei seiner grafischen Umsetzung auf Vorlagen Ennemond Alexandre Petitots zurück, die beide in den Diensten des Herzogs von Parma standen. Die ersten vier Blätter der insgesamt 30 Radierungen zeigen noch traditionelle klassizistische Ziervasen, wie Petitot diese für die herzoglichen Gärten in Parma entworfen hatte. Dann steigert sich seine eigenwillige Fantastik zu einer fast arcimboldesken Formenvielfalt, die die Vasenformen mit Genien, Satyrn und Nymphen, aber auch unterschiedlichen Kreaturen wie Elefanten, Löwen, Heuschrecken und Schildkröten kombiniert (Taxe 12.000 EUR). Als Naturalienmaler spezialisierte sich der Wiener Franz Anton von Scheidel auf getreue, meist großformatige Darstellungen aus der Tier- und Pflanzenwelt und avancierte zu einem der gefragtesten Illustratoren für die enzyklopädischen Werke der Naturwissenschaft. Dergestalt aquarellierte er auch den Schuppenpanzer einer Echten Karettschildkröte (Taxe 3.000 EUR), der auf der gegenüberliegenden Katalogseite passend von mehreren englischen und deutschen Tabaksdosen des 18. und 19. Jahrhunderts aus den Gehäusen von Wasserschnecken und Muscheln begleitet wird (Taxen zwischen 450 und 900 EUR).
Der eigenbrötlerische oberösterreichische Färbermeister Aloys Zötl ist für sein enzyklopädisches Bestiarium an fantasievollen Tieraquarellen bekannt. Von ihm liegt das Blatt „Die Lorbärblättrige Passionsblume und Tropische Bartvögel“ von 1878 vor (Taxe 6.000 EUR). Der 1957 geborene Brite Mark Fairnington findet seine Grenzwahrnehmung in heimischen musealen Forschungssammlungen, hat sich für seine Serie „Fabulous Beasts“ unter anderem ins Oxford Museum of Natural History begeben, um dort um das Jahr 2000 Gottesanbeterinnen zu portraitieren. In einem gesteigerten Hyperrealismus zoomt er in „Specimen 1“ die kleine Fangschrecke überlebensgroß auf eine zwei Meter hohe Leinwand (Taxe 3.000 EUR), während er in „Specimen 3“ die ausgetrocknete und präparierte Gottesanbeterinnen frontal abmalt (Taxe 2.400 EUR). Tierisches wurde dann auch noch zu Objekten verarbeitetet, etwa zwei Schwerter eines Schwertfisches zu einem Paar Tafelaufsätze über Balustervasen aus Holz mit einem Kranz aus kleinen Turboschnecken (Taxe 2.200 EUR) oder ein Seeigel zu einer Kunstkammerpretiose mit blauen Glaselementen und Messingappliken auf einem schwarzen Steinsockel (Taxe 450 EUR). Der Elefant vom Katalogcover begegnet uns als silberne Tischzier des 19. oder 20. Jahrhunderts aus Indien (Taxe 2.400 EUR), die Morphofalter in einem französischen Arrangement um 1850 als aufsteigende Schmetterlinge unter einem Glassturz (Taxe 1.200 EUR).
Aber auch die Menschen aus fremden Ländern faszinierten die Künstler. So legte Peter Paul Rubens vier Kopfstudien eines unbekannten, schwarzen Mannes, der wohl als Diener in Antwerpen arbeitete, in vier verschiedenen Haltungen auf einer Tafel an. Nachdem das Werk lange Zeit in französischen Privatsammlungen verborgen war, tauchte es 1883 auf einer Pariser Versteigerung auf und sorgte wegen seines lebensnahen Motivs für allgemeine Bewunderung. Bassenge kann eine Kopie davon anbieten, die aufgrund der recht genauen Übernahme der Farbwerte wohl aus direkter Anschauung entstand (Taxe 12.000 EUR). Für Schwarzafrika stehen außerdem David Shepherds realistische Natur- und Menschenschilderung „The Land of the Massai“ von 1984 (Taxe 6.000 EUR) und zwei Holzmasken von Ethnien der Elfenbeinküste: Die ovale Gesichtsmaske „Tankagle“ mit schmalen Augenschlitze der westlichen Dan um 1920/40 (Taxe 6.000 EUR) und die ebenfalls anthropomorphe „kpeliye’e-Maske“ der Senufo, die bei Bestattungszeremonien getragen wurde, um den Geist des Verstorbenen aus dem Haus zu vertreiben (Taxe 4.000 EUR).
Orientalismus pur
Das orientbegeisterte 19. Jahrhundert nimmt mit seinen Bildern und Klischees einen Großteil des Katalogs in Beschlag. Der Wiener Daniel Israel wirft einen Blick in einen „Harem“ und zeigt drei Kurtisanen, die sich über einen kurzsichtigen Freier beim Würfelspiel lustig machen (Taxe 7.500 EUR). Sein österreichischer Kollege Ludwig Hans Fischer stellt uns auf einem Aquarell den „Souk von Tanger“ an einem heißen Sommertag des Jahres 1882 vor (Taxe 2.400 EUR), der Pole Marceli Maszkowski auf einer Bleistiftzeichnung seinen Wasserpfeife rauchenden „Teppichhändler in Smyrna“ von 1859 (Taxe 1.200 EUR). Charles Christian Nahl nimmt uns 1843 zu einem intimen nächtlichen „Tête-à-Tête im Serail“ mit (Taxe 12.000 EUR), während Frederick Arthur Bridgman seinen „Morgen auf dem Bosporus“ samt einer Bootspartie mit Ruderern und vier bunt gekleidete Haremsdamen, die sich den Klängen der Oud hingeben, auf einer Malerpalette ausführte (Taxe 15.000 EUR). Bei Émile Regnault de Maulmain hat es schon gefunkt: Eine kleine Karawane aus Reitern auf Pferden und Kamelen sowie einigen Beduinen zu Fuß geleitet in der Wüste eine Braut zur Hochzeit, die sich im Howdah, einer auf dem Rücken des Kamels befestigten Sänfte, befindet und von kostbaren Tüchern vor den Blicken der Männer verborgen ist (Taxe 12.000 EUR).
Die Sphinx und Pyramiden in Gizeh hat Carl Friedrich Heinrich Werner 1880 in anbrechendem Abendrot auf einen Aquarell festgehalten (Taxe 900 EUR). Auf Eduard Hildebrandts Ölgemälde von 1852 rücken die Pyramiden im Abendlicht in den Bildhintergrund; davor tut sich die Nillandschaft mit einer Herde auf, die eben durch das Wasser zum Sonnenuntergang zieht (Taxe 8.000 EUR). Bei Alexius Geyer ist an der Küste Nordafrikas ebenfalls schon der Abend angebrochen. Eine Gruppe arabischer Frauen und Männer, die sich am Fuß einer Dattelpalme direkt am türkisfarbenen Meer versammelt hat, genießt die ungezwungene Stimmung (Taxe 12.000 EUR). Joseph-Paul Alizard konzentrierte sich 1891 dagegen auf die Figur eines jungen Mannes mit wallendem Haar und Fes im türkisfarbenen Gewand mit Goldstickerei in rotem Abendlicht (Taxe 4.500 EUR).
Von fremden Ländern und Menschen und den Sternen
Die Reise zum Horizont führt über den afrikanischen Kontinent hinaus und über fünf Fotoportraits der Studios von William Louis Henry Skeen und Charles T. Scowen im kolonialen Ceylon des späten 19. Jahrhunderts noch in weiter entfernte Gefilde (Taxe 400 EUR). Aus China grüßen etwa der farbig gefasste Keramikkopf eines Arhat aus der Liao-Dynastie des elften Jahrhunderts, der trotz seiner Erlösung im Nirwana etwas grimmig schaut (Taxe 6.000 EUR), oder die ländliche Szene einer Seidenraupenzucht unter einem Strohpavillon auf einem Aquarell der späten Qing-Dynastie des 19. Jahrhunderts (Taxe 800 EUR). Der 1962 geborene Chinese Jin Wang findet seinen „Dream of China“ in der Nachbildung eines klassischen Drachengewandes. Die aus Kunststofffäden gewebte Robe mit detailreichen traditionellen Stickereien erscheint in ihrer Farblosigkeit transparent und verleiht dem Werk eine fast immaterielle Wirkung (Taxe 15.000 EUR). Dafür griff Zhu Yiyong bei seinem „Mid-Autumn Festival“ kräftig in den Farbtopf. Das Triptychon aus dem Jahr 2000 mit fünf jungen, traditionell gekleideten Frauen, die mit ihren schlichten Handlaternen das dunkle, fein ornamentierte Interieur zart ausleuchten, erzeugt eine geheimnisvolle Atmosphäre und eine visuelle Poesie (Taxe 25.000 EUR).
Der junge buddhistische Mönch mit gelben Gewand findet sich dann auf Nicholas Chevaliers Aquarell des Jahres 1884 im Garten eines chinesischen Klosters wieder und verpasst, da er ja eingeschlafen ist, die Teezeremonie im Hintergrund (Taxe 9.000 EUR). Japan beteiligt sich unter anderem mit drei Inros der Meiji-Zeit an der Auktion. Die mit Fächern, Kirschblüten, Enten oder Schmetterlingen lackierten Behältnisse dienten ursprünglich der Aufbewahrung kleinerer Gegenstände wie Münzen, Arzneien, Salben oder Siegel und wurden mangels Taschen in der traditionellen japanischen Kleidung außen am Obi, dem Gürtel des Kimonos, getragen (Taxen zwischen 1.200 und 2.800 EUR). Albert Berg warf 1861 dann noch einen flüchtigen Blick in den Friedhof von Nagasaki auf Kyushu. Die Zeichnung diente als Vorlage für eine Illustration im zweiten Band seines Bildatlasses „Die Preußische Expedition nach Ost-Asien. Ansichten auf Japan, China und Siam“ (Taxe 400 EUR).
Über Bernhard Wiegandts braunlastigem Aquarell aus dem „Brasilianischen Urwald“ von 1879 (Taxe 1.800 EUR) und Robert Krauses 1847 gemaltem Panoramablick auf den Vulkan Antuco in Chile, der so hoch liegt, dass er schon vergletschert ist (Taxe 3.000 EUR), geht es in deutlich kältere Gefilde. Der 1962 geborene argentinisch-österreichische Maler Helmut Ditsch, der sich auch als Extrembergsteiger hervortut, ist von der Erhabenheit der Bergwelt ob in den Anden oder den Alpen fasziniert und widmet sich immer wieder der Naturerscheinung des Gletschers, so auch 2005 in „Time XIX“, wo er das berstende Eis in verschieden schimmernden Blautönen in einer feinsinnigen Gestaltung von Licht und Schatten nahezu hyperrealistisch einfing (Taxe 15.000 EUR). Dazu tritt noch Franz von Lenbachs typisches brauntöniges Portrait des Polarforschers Fridtjof Nansen (Taxe 6.000 EUR).
Und schließlich macht sich die Tour d’Horizon noch ins Universum auf, etwa bei dem farbigen Portraitdruck der NASA mit den freudig lächelnden Astronauten der Apollo 11-Mission, den Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin eigenhändig signiert haben (Taxe 750 EUR), und mit den Werken von Wilhelm Kranz. Der 1853 geborene Maler schuf vor allem für die Berliner Urania, einer über Deutschland hinaus bekannten Kultur- und Bildungseinrichtung mit öffentlicher Sternwarte, wissenschaftlichem Museum, experimentellem wissenschaftlichem Theater und physikalischem Kabinett, deren Ziel es war, wissenschaftliche Erkenntnisse auch einem Laienpublikum zugänglich zu machen, als Vorstand der Abteilung „Wissenschaftliches Theater“ zahlreiche Bühnenbilder für Vorträge und farbige Lichtbilder. In diese dramatisierte Richtung gehören auch sein Ölgemälde „Ideale Mondlandschaft: Blick aus einem Mondkrater auf die Erde“ (Taxe 4.500 EUR) und die drei kleineren Gouachen der Planeten Jupiter, Saturn und Mars (Taxe je 1.500 EUR).
Die Auktion „Horizonte – Zauber ferner Welten“ beginnt am 4. Juni um 15 Uhr. Die Vorbesichtigung läuft bis zum 1. Juni täglich von 10 bis 18 Uhr, am 2. Juni von 10 bis 17 Uhr. Der Online-Katalog ist im Internet unter www.bassenge.com abrufbar. |