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In der Schau „Zeitfragmente“ präsentiert die Kunsthalle Lingen fünf Mixed Media-Installationen des Berliner Künstlers Daniel Laufer und fordert damit den Intellekt der Betrachter*innen heraus

Als die Bilder denken lernten



in der Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“

in der Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“

Beim Betreten der hohen und jetzt im Frühjahr besonders vom Tageslicht durchfluteten Kunsthalle Lingen in den Räumen eines ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks aus dem 19. Jahrhundert stößt man derzeit auf Daniel Laufers Videoinstallation „Train of Thought“ aus dem Jahr 2015. Was zunächst ins Auge fällt, ist ein historisch anmutendes Arrangement aus einem opulenten Perserteppich, auf dem ein runder Tisch aus dunklem Holz und ein Lehnstuhl platziert sind. Auf dem Tisch wiederum befindet sich ein kleiner „Handapparat“ aus antiquarischen Büchern. Dieser wird von zwei antik wirkenden Buchständern in Form von Miniweltkugeln gestützt. Laufer hat dieses Setting noch durch ein Wasserglas mit Fake-Eiswürfeln und dem darin liegenden Modell eines kleinen Segelschiffs komplettiert. Das Ganze erinnert an die inszenierende, oft nur Authentizität vorgaukelnde Ausstellungspraxis, wie man sie aus Dichter-, Komponisten-, Künstler- oder Wissenschaftlerhäusern kennt. Frei nach dem Motto: Hier hat XY also gesessen und diese oder jene geistige Leistung hervorgebracht. Das Ergebnis sind oft romantisch verklärte Pseudowirkungsstätten, die vom breiten Publikum jedoch bereitwillig goutiert werden.


Bei Daniel Laufer geht es aber um etwas anderes. Dieses Möbelarrangement ist nur ein Element einer mehrteiligen Arbeit, die gleichsam wie ein Prototyp für Laufers andere „Situationen“ wirkt. Es handelt sich jeweils um Videoarbeiten, die von weiteren Artefakten, Requisiten oder technischen Gerätschaften und Hilfsmitteln aus der Filmproduktion flankiert werden. In diesem Fall entführt uns der Künstler auf der filmischen Ebene an den Stadtrand von Paris. Die Kamera folgt einer Protagonistin in eine offen stehende Villa mit Garten, in der wir den physisch im Ausstellungsraum präsenten Objekten wieder begegnen. Daneben gibt es eine zweite Protagonistin, und auch Daniel Laufer selbst, mit weißem Hemd und schwarzem Sakko neutral und zeitlos gekleidet, ist zugegen. Seine Art, durch die Räume zu schreiten, Bücher aus dem Regal zu ziehen, Schiffsmodelle und das Mobiliar zu begutachten, ähnelt dabei der eines mit größtmöglicher Diskretion vorgehenden Forschers oder Spurensuchers, der für die anderen mehr oder weniger unsichtbar durch die Räume wandert. Die drei scheinen denn auch nicht wirklich voneinander Notiz zu nehmen. „Train of Thought“ besteht aber noch aus weiteren Elementen. So greifen an der Wand hängende Gemälde und Spiegel, in denen wir als Publikum uns selbst erblicken, einzelne Motive aus dem Film wieder auf und führen die im Film angedeuteten Themen und Fragestellungen fort. Oder ist es anders herum? Was war eigentlich zuerst da? Der Film oder die Rauminstallation? Laufer regt die Betrachter*innen dazu an, sich über Fragen dieser Art ein eigenes Bild zu machen.

Daniel Laufer arbeitet in den Medien Video, Fotografie, Malerei, Zeichnung, Skulptur, Objektkunst, Installation und Bühnenbild. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, da gerade diese mediale Offenheit zu den Charakteristika seiner Arbeitsweise gehört. Jenseits der bildenden Kunst ist er aber auch als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und immer wieder auch als Schauspieler tätig. Letztlich greifen alle diese Aspekte ineinander und bedingen zum Teil komplexe, mit viel Inhalt, aber auch medientheoretischen, historischen oder philosophischen Reflexionen angereicherte Werke, wie sie die Kunsthalle Lingen jetzt unter dem Titel „Zeitfragmente“ zeigt. Man könnte sagen, Laufers Arbeiten sind so etwas wie installative Erweiterungen des Mediums Film. Oder vielleicht auch umgekehrt? Fest steht jedenfalls, dass er die intermedialen Aspekte beim Übertritt eines Objekts oder Narrativs von einem Medium ins andere sicht- und erfahrbar macht. Studiert hat der 1975 in Hannover geborene Künstler bei Marina Abramovic, Birgit Hein und Walter Dahn an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 2005 machte er dort seinen Abschluss.

Mit der Arbeit „Train of Thought“ rekurriert Laufer auf ein literarisches Vorbild aus dem späten 18. Jahrhundert rekurriert: Auf das Werk „Reise um mein Zimmer“ des französischen Schriftstellers Xavier de Maistre aus dem Jahr 1795. Mit diesem Roman begründete de Maistre ein eher marginales, aber umso interessanteres literarisches Genre, nämlich das der sogenannten „Zimmerreise“. Darunter versteht man das intensive Sich-Einlassen auf die eigene unmittelbare Alltagsumgebung und die darin befindlichen Objekte. Die Maserung von Holz, das in den Raum hereinfallende Licht, Schattenwürfe, die Oberflächenstruktur eines Buchumschlags, die verschlungenen Muster eines Teppichs. All das kann Anlass sein, sich auf eine imaginäre Reise nach der verborgenen Welt der eigenen vier Wände zu begeben, ohne irgendeinen Ortswechsel vorzunehmen. Übrigens hatte der tschechische Fotograf Josef Sudek einen ähnlichen Ansatz. Für seine berühmte Serie „Das Fenster meines Ateliers“ fotografierte er vor der Folie der oft beschlagenen oder mit Regentropfen benetzten Scheibe seines in einem Hof befindlichen Ateliers die Objekte auf der Fensterbank und den Wechsel der Jahreszeiten.

Die letzte Arbeit auf dem Lingener Ausstellungsparcours trägt den Titel „MacGuffin of a Daydream“, die Daniel Laufer im vergangenen Jahr schuf, und besteht aus einer filmischen Ebene, die auf einem auf dem am Boden liegenden Flatscreen gezeigt wird, sowie weiteren Elementen im Realraum. Angesichts des etwas rätselhaften Titels lohnt an dieser Stelle ein kleiner filmtheoretischer Exkurs. Ein MacGuffin ist ein Handlungselement. Er kann ein Objekt sein, aber auch ein der Geschichte innewohnendes Geheimnis oder ein ideelles Ziel, das die Handlung einer Geschichte vorantreibt und die Protagonist*innen charakterisiert. Für sich genommen, kann er jedoch relativ bedeutungslos sein. Von Alfred Hitchcock populär gemacht, fungiert der MacGuffin als „Vorwand für die Handlung“, etwa in Form gestohlener Dokumente, geheimnisvoller Aktentaschen oder Briefumschläge, eines Schatzes oder eines Rätsels. Dieses Instrument wird in Film und Literatur häufig eingesetzt, um eine Geschichte in Gang zu bringen. Er ist also eine Art Katalysator oder Antreiber der Erzählung. Der Malteser Falke aus dem gleichnamigen Film ist ebenso ein MacGuffin wie der Umschlag mit gestohlenem Geld in „Psycho“. Alfred Hitchcock hat denn auch eine einfache Begriffsbestimmung formuliert: „It’s the thing that the characters on screen worry about, but the audience don’t care“.

In „MacGuffin of a Daydream“ präsentiert Daniel Laufer ist ein kleines Mädchen, das davon träumt, sich in ein Huhn zu verwandeln. Gleichzeitig recherchiert ein männlicher Protagonist in einem Buch über den italienischen Universalgelehrten, Humanisten und Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti, einen der wichtigsten Repräsentanten und Vordenker der Renaissance. Das sechsjährige Kind, das sich einmal selbst als Prinzessin bezeichnet, reflektiert mit den Worten und Formulierungen einer erwachsenen Person über Selbsterkenntnis durch das Annehmen mehrfacher Identitäten, Erkenntnisgewinn durch das Hören auf innere Stimmen und die Versenkung in Geschichten aller Art. Zwischenauftritte haben der Vater des Kindes, ein echtes Huhn und medizinisches Personal, wobei Stimmen, Personen und innere Monologe stellenweise miteinander zu verschmelzen scheinen. Alles in allem transportiert die Handlung den flammenden Appell, sich auf Erzählungen aller Art als Mittel der Welt- und Selbsterkenntnis neugierig und vorbehaltlos einzulassen.

Diese Arbeit ist wiederum eingebettet in eine kleine Gruppe von Wandarbeiten, die auf den ersten Blick so wirken, als habe man mit Werbestickern und Plakaten beklebte Teile von roten Klinkerwänden samt den Abrissen, Graffiti, Überklebungen und kapitalismuskritischen Sprüchen einfach in den Ausstellungsraum transferiert. Was wie im Stadtraum gefunden aussieht und im ersten Moment an Décollage-Arbeiten der französischen Nouveaux Réalistes um Raymond Hains und Jacques de la Villeglé aus den 1960er Jahren erinnert, ist bei Daniel Laufer allerdings bis ins letzte Detail selbst gefertigt. So nimmt er dann etwa den Erzählfluss des Films wieder auf, indem er einen Aushang für „Creative Writing Workshops“ nachahmt und selbstironisch mit dem handschriftlichen Kommentar „The Best Stories Never Make Sense“ versieht. Hier, wie auch in anderen Arbeiten verwendet Daniel Laufer auch Profi-Dreibein-Stative der Marke Avenger mit verchromten Stahlarmen, um weitere Elemente wie eigene Gemälde oder ein Silbertablett in seine installativ erweiterten filmischen Arbeiten einzubringen.

Der Rekurs auf den filmischen Apparat taucht dann auch an anderer Stelle wieder auf, etwa wenn Daniel Laufer die Wände in der Lingener Ausstellung monochrom in Blau streicht, um den Blick der Betrachter*innen auf die als Bluebox oder Greenbox bezeichneten Verfahren der farbbasierten Freistellung von Personen und Objekten zu lenken. In der Arbeit „Timeline“ von 2019 untersucht Laufer das Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, indem er mittels filmischer Methoden gegen das Konzept der Linearität anarbeitet.

In „The Geometry of Hope“ aus dem Jahr 2022, der mit knapp 30 Minuten längsten Arbeit in der Lingener Ausstellung, wendet sich Laufer einem heute kontrovers betrachteten Buch zu, das über viele Generationen hinweg Pflichtlektüre im Deutschunterricht war. Annette von Droste-Hülshoffs 1842 erschienene Erzählung „Die Judenbuche“ enthält aus heutiger literaturwissenschaftlicher Sicht etliche antisemitische Stereotype. Daniel Laufer unterzieht den Stoff einer Art Revision, indem er eine Nebenfigur der Erzählung, nämlich die Witwe des Mordopfers Aron, zur Protagonistin macht. Deren Sätze collagiert er mit Textsequenzen aus der Tagesschau zu einem Konglomerat, in dem die Not eines Individuums, sich exakt an etwas Traumatisches zu erinnern, auf die offiziöse Sprache eines heutigen Nachrichtenmediums trifft.

Daniel Laufers Ausstellung konstruiert auf vielfältige Art und Weise Dialoge zwischen bewegten und unbewegten Bildern. Sie operiert dabei an der Schnittstelle medialer Übergangsphänomene und bringt ihr Publikum dazu, sich den grundsätzlichen Fragen bezüglich der Konstruktion von Erinnerung im Spannungsfeld von Dokumentation, Historizität, Temporalität und der Lust am freien Erzählen zu stellen. Walter Benjamin schreibt: „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten“. Daniel Laufer würde diesen Satz sicherlich unterschreiben.

Die Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“ ist bis zum 7. Juni zu sehen. Die Kunsthalle Lingen hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende erst ab 11 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

Kontakt:

Kunsthalle Lingen

Kaiserstraße 10a

DE-49809 Lingen

Telefon:+49 (0591) 599 95

Telefax:+49 (0591) 599 05

E-Mail: info@kunsthallelingen.de

Startseite: www.kunsthallelingen.de



29.05.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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11.04.2026, Daniel Laufer. Zeitfragmente

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Film und Video

Kunstsparte:


Installationskunst

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

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Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025
Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Variabilder:

Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025
Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Variabilder:

Daniel
 Laufer, Timeline, 2019
Daniel Laufer, Timeline, 2019

Variabilder:

Daniel
 Laufer, Timeline, 2019
Daniel Laufer, Timeline, 2019







Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Daniel Laufer, Timeline, 2019

Daniel Laufer, Timeline, 2019

Daniel Laufer, Timeline, 2019

Daniel Laufer, Timeline, 2019

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

Daniel Laufer, MacGuffin of a Daydream, 2025

in der Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“

in der Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

Daniel Laufer, Train of Thoughts, 2015

in der Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“

in der Ausstellung „Daniel Laufer. Zeitfragmente“




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