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Das für seinen mittelalterlichen Stadtkern berühmte flämische Brügge leistet sich eine neue multifunktionale Kunsthalle. Jetzt öffneten sich die Türen des zweckmäßigen Gebäudes aus viel Glas und Beton mit zwei selbstverliebten Ausstellungen

Ein Haus für alles und für jeden



In Brügge hat die Kunsthalle Brusk eröffnet

In Brügge hat die Kunsthalle Brusk eröffnet

Auch Großes kann sich dezent verstecken. Dies erfährt der Gast der alten flämischen Handelsstadt Brügge auf der Suche nach der neuen Kunsthalle Brusk. Gefangen vom malerischen Umfeld entlang der Dijver-Gracht schlendert wohl jeder erst einmal an dem unscheinbar zwischen alten Backsteinbauten gelegenen Torbogen mit dem Abzweig zur neuen Kunsthalle vorbei. Zwischen engen, von Mauern umwehrten Hinterhöfen führt der begrünte Pfad auf einen kleinen Platz, zu dem sich der Hauptzugang öffnet. Wie ein Fremdkörper erstreckt sich der in seinen gesamten Dimensionen nicht wahrnehmbare, gläserne Baukörper mit den markanten rhombenförmigen Dächern und verbirgt sich im Innern eines dicht bebauten Karrees.


Asymmetrisch nach links verschoben durchschneidet die sogenannte „Scala“ als öffentliche Passage in Nord-Süd-Ausrichtung das kompakte Gehäuse. Vom Haupteingang gelangt man geradeaus in den rückseitigen Park, vorbei an zwei steilen Stiegen und Aufzügen, die in das Obergeschoss mit den zwei Ausstellungshallen führen. Unten links liegt das großflächige Foyer. Etagenhohe Scheiben lassen das Licht einströmen und verhelfen der von nackten Betonböden und -wänden ausstrahlenden Kühle resolut zur Wirkung. Spritzputzdecken mit eingelassenen Strahlern, Videoprojektionen, frei stehende Bezahlautomaten, die Check-in-Automaten in Flughafenterminals ähneln, ein Buchladen mit dem Charme eines Duty-free-Shops sowie auf der gegenüberliegenden Seite die Gastronomie mit der Anmutung einer First Class-Lounge lassen eher an sachliche Bahnhöfe, Sportarenen oder Messegebäude denken als an eine Kunsthalle. Etwas versteckt direkt links neben dem Eingang ist das Forum platziert, ein ebenso nüchterner, variabel nutzbarer Saal, dessen demontierbare tribünenartige Abstufung schon während der Eröffnungspressekonferenz wackelnd Gepolter verursachte, wenn jemand sich von den harten Schalensitzen entfernte.

Um die frostig-zweckmäßige Aura etwas abzumildern, beauftragte die Stadt Brügge als Bauherrin die französische, in London lebende und 2013 mit dem Turner Prize ausgezeichnete Multimediakünstlerin Laure Prouvost mit der Realisierung eines permanent verorteten Kunstwerks, das sie in historischer Fresko-, Secco- und Strappo-Technik an den Obergeschosswänden der „Scala“ ausführte. Schroff unterbrochen durch eine Glasbrücke zwischen den beiden Sälen entführt das surrealistische vierteilige Wimmelbild in fantastische Welten Brügges. Unter dem Titel „The Whispering Walls Rêve“ kombiniete Prouvost auf 350 Quadratmetern fiktive Begebenheiten oder reale Situationen der Stadtgeschichte in einem narrativen Konstrukt. Dies geschah in recht eintöniger, den unterkühlten Charakter des Umfeldes aufnehmender, lichter Grisaillemalerei. Von den Treppenstufen aus taucht der emporsteigende Gast vor dem Hintergrund der Stadtsilhouette in eine Fantasiewelt, die mit markanten örtlichen Türmen, Personen, Häusern oder Episoden bestückt ist. Besucher werden zudem herausgefordert, ihre Wahrnehmung durch Interaktionen zu überprüfen. So führt etwa der Weg an einem mandelförmigen Spiegel vorbei, in dem man sich als Teil von Prouvosts Kunstwerk wiederfindet.

Das Obergeschoss teilt sich in zwei ausladende, bis zu 13,5 Meter hohe, 1.600 und 800 Quadratmeter große, stützenfreie Hallen, deren Ausmaße und Grobheit eher an die eines Hangars erinnern. Nach Norden ragen riesige Fenster steil nach oben, von deren höchster Stelle sich die Dächer nach Süden neigen, um mittels in Glasfachpaneelen integrierten Solarzellen Energie zu gewinnen. Während im Norden eine vorgesetzte verglaste Galerie die Verbindung zum angrenzenden Groeningemuseum herstellt und dem sicheren Transport von Kunstwerken dient, bietet sich ein breiter offener Umgang an der Südfront zum Park für Interaktionen mit der Natur an. Von hier aus hat man auch einen Blick auf den östlich angrenzenden Flügel des bereits 2025 eröffneten Forschungszentrums Bron, in dem Restaurierungswerkstätten, Depots, Büros, das Kupferstichkabinett und die Bibliothek untergebracht sind. Die Architekturbüros Robbrecht en Daem aus Gent und Olivier Salens aus Brügge erstellten die Pläne für das 60 Millionen Euro teure Projekt.

Das nach Südwesten angrenzende, für seine bedeutende Gemäldesammlung „flämischer Primitiver“ berühmte Groeningemuseum wird nun geschlossen und generalsaniert. Bis zur Wiedereröffnung im Jahr 2031 wandern dessen Meisterwerke ins Brusk. Doch zur Eröffnung wartet der neue zweckmäßige Hallenbau mit zwei recht prätentiösen Ausstellungen auf, die auf den Ort und die künftige Funktion des Brusk als internationalen, innovativen sowie kritisch reflektierenden Schauplatz hindeuten sollen. In der großen, nun vollständig abgedunkelten Halle ist ein Panorama erlesener Exponate eingezogen, die unter dem Titel „Gesamtbild. Vernetzte Welten von Brügge 900-1550“ die enge weltweite Verflechtung der Stadt im Mittelalter und den Ruf Brügges als Epizentrum der damaligen Handelswelt selbstbewusst, aber auch ein wenig selbstgefällig thematisieren. Als Chefkurator oblag es dem renommierten britischen Historiker Peter Frankopan, dies am Beispiel von 250 Werken aus den eigenen Beständen und mithilfe erlesener Leihgaben zu bewerkstelligen.

In fünf zeltartig mit Wandschirmen inszenierten Themeninseln kompakt thematisch gegliedert, deutet Frankopan die Netzwerke der Handelsstadt an. Unter der Schlagzeile „Nordseewelt“ finden sich Alltagsobjekte aus der Seefahrt wie das Steuerruder oder eine um 1000/50 datierte vergoldete Wetterfahne eines Schiffes. Durch die Intensivierung der Beziehungen zu den spirituellen und politischen Zentren Jerusalem und Konstantinopel im 12. Jahrhundert sowie der Zunahme von Pilgerreisen gelangten zahlreiche sakrale Kunstwerke und Reliquien nach Brügge. In der Sektion „Christliche Welt“ beherrschen golden funkelnde Artefakte wie das von einem Bergkristall überfangene Reliquiar aus Moûtiers-en-Tarentaise um 1200 oder eine aus dem Schatz der Kathedrale von Namur stammende, vergoldete und gleichfalls mit Edelsteinen besetzte Reliquienkrone der Heiligen Dornen um 1210 die Szene. Aus den Berliner Staatlichen Museen bereichert ein ins sechste oder siebte Jahrhundert datiertes Textilfragment mit dem Motiv des reitenden, einen Drachen tötenden Theodor und einer Rosette die Auswahl.

Illustrierte Handschriften, Luxusobjekte aber auch medizinische Instrumente oder Traktate zur Alchemie vereinen sich unter der Überschrift „Mediterrane Welten“. Der innovative Einsatz von Farbpigmenten in Gemälden Jan van Eycks soll belegen, wie sehr der Technologie- und Wissenstransfer aus der islamischen Welt auch in der flämischen Kunst Anwendung fand. Porträts von Personen aus elitären Kreisen und mächtigen Dynastien verdeutlichen im Kapitel „Welt des Hofes“ politische wie wirtschaftliche Ansprüche und Ambitionen. Sie zeigen aber auch das handelsbedingte Zusammenwachsen von Flamen, Venezianern und Osmanen. Im 15. Jahrhundert richtet sich der Blick dann abschließend auf weit entfernte, bislang unbekannte Regionen wie Afrika oder die Azoren. Artefakte aus dem Bereich der Zeitmessung, Astronomie, Geografie und Navigation demonstrieren unter der Überschrift „Andere Welten“, wie Expeditionen den Weg für einen weiteren Aufschwung des Welthandels ebneten.

Der kleinere Obergeschosssaal hält eine raumgreifende Installation des türkischstämmigen, in Los Angeles lebenden Refik Anadol bereit. Die von dem Digital- und New Media-Künstler selbst kuratierte Schau unter dem Titel „Verborgene Stadt“ versucht, einen Blick hinter Realitäten zu werfen. Basierend auf traditionellen Medien und Motiven aus Brügge, Rhythmen des Stadtlebens und unter Zuhilfenahme KI-generierter Datenströme, projiziert er in einem zehn Meter hohen, diagonal aufgestellten, geöffneten und oben und unten verglasten Kubus eine flimmernde Traumwelt. Wer sich konzentriert in die wellenartigen Farbschwärme hineinbegibt, entdeckt an und ab eine Windmühle, so als ob ihre Zeit Lichtjahre zurückliegt. Mit zwölf ergänzenden digitalen Gemälden aus anderen Städten will Anadol einen urbanen Dialog entfachen. All diese poetischen Farbuniversen stoßen die Frage an, wie neue Technologien eine Stadt darstellen können. Benommen von den immersiven Erfahrungen an der Schnittstelle von Kunst und Geschichte, Technologie und Ethik verlässt der Besucher gewissermaßen ein Raumschiff, das zwischen vorgestern und morgen pendelt.

Die Ausstellung „Gesamtbild. Vernetzte Welten von Brügge 900-1550“ ist bis zum 6. September, die Schau „Verborgene Stadt“ bis zum 8. November zu besichtigen. Das Brusk hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 25 Euro, ermäßigt 20 Euro. Zu beiden Ausstellungen sind Begleitpublikationen erschienen.

Kontakt:

Brusk

Dijver 12

BE-8000 Brügge

Telefon:+32 (050) 44 87 11



23.05.2026

Quelle/Autor:Kunstmartkt.com/Hans-Peter Schwanke

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In Brügge hat die Kunsthalle Brusk eröffnet
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in der Ausstellung „Refik Anadol. Verborgene Stadt“
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in der Ausstellung „Refik Anadol. Verborgene Stadt“
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Die Kunsthalle Brusk vom Belfried aus
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Die Gartenfassade der Kunsthalle Brusk
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Die Kunsthalle Brusk liegt versteckt hinter Häusern in Brügge
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Die funktionalen Ausstellungssäle im Obergeschoss der Kunsthalle Brusk
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Die funktionalen Ausstellungssäle im Obergeschoss der Kunsthalle Brusk
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in der Ausstellung „Gesamtbild. Vernetzte Welten von Brügge 900-1550“
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in der Ausstellung „Gesamtbild. Vernetzte Welten von Brügge 900-1550“

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Die Gartenfassade der Kunsthalle Brusk

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Laure Prouvost, The Whispering Walls Rêve, 2026

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Laure Prouvost, The Whispering Walls Rêve, 2026

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Die Kunsthalle Brusk vom Belfried aus

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in der Ausstellung „Refik Anadol. Verborgene Stadt“

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Die funktionalen Ausstellungssäle im Obergeschoss der Kunsthalle Brusk

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Laure Prouvost, The Whispering Walls Rêve, 2026

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