 |  | Julian Schnabel, Ohne Titel, 2022 | |
Da sprießt und gedeiht es allenthalben. Die rosafarbenen Blüten von wilden Strandrosen, die in der Einfahrt von Julian Schnabels Haus in Montauk, einem Ort an der Ostspitze von Long Island, wachsen, ziehen sich über das gesamte Bildformat und tanzen in schier unendlicher Spielfreude über das smaragdgrüne dichte Buschwerk. Hinterfangen ist alles von einem hell leuchtenden Azur, in dem sich der Himmel und das Meer des Küstenorts spiegeln. Doch etwas stört die heitere frühlingshafte Stimmung. Tiefe Risse tun sich in dem pointillistischen Tupfenmeer auf und werfen dunkle Schatten. Denn wie für sein Schaffen charakteristisch hat Julian Schnabel zerbrochene Scherben von Keramikobjekten in sein Bild eingearbeitet, um die Flächigkeit der traditionellen Malerei aufzureißen. Die Strukturen der kaputten Teller und Tassen bilden einen unruhigen Rhythmus, der von der Ölfarbe aufgenommen und weitergeführt. Die objekthafte Naturparaphrase von 2022 aus der Serie „Victory Plate Paintings“, mit der Schnabel an jenem Tag des Jahres 2020 startete, als Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl verlor, ist nun einer der Höhepunkte in der Auktion „Zeitgenössische Kunst“ im Dorotheum und soll 180.000 bis 260.000 Euro erzielen.
Vor allem mit österreichischer, deutscher, italienischer und amerikanischer Kunst seit den 1950er Jahren sowie einigen asiatischen Einsprengseln hat der Wiener Versteigerer seine Auktion am 20. Mai wieder prominent besetzt. Neben Schnabel treten als weitere Klassiker aus den USA Robert Rauschenberg mit seiner Assemblagegrafik „Tower Terrain (Spread)“ aus Zeitungsausschnitten, Kultur- und Naturzeugnissen, mit der er bereits 1978 die traditionellen Kunstgattungen gesprengt hat (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR), Andy Warhol mit seinem Fetischismus für Schuhe auf der frühen collagierten Zeichnung „Babs“ aus der Mitte der 1950er Jahre (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR) oder Robert Longo mit seinem 2017 hyperrealistisch mittels Kohle gezeichneten Vogelflügel „Study of Right Wing“ an, der wie ein lichterfülltes Schwarzweißfoto erscheint und ebenfalls eine politische Dimension eröffnet (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR). In diese Preiskategorie ragt zudem Wade Guytons titellose, in zwei Hälften geteilte, stoffartige Struktur in Grautönen hinein. Dabei ließ er 2015 eine Leinwand durch einen Epson-Tintenstrahldrucker mit etwa hundert individuell gesteuerten Druckköpfen laufen, was zwangsläufig zu „Fehlern“ und Zufällen führt, die seinen „Print Paintings“ inhärent sind (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR).
Die „Gitterbilder“ gehören zu einer der wichtigsten Serien im Œuvre Günther Förgs. Dabei erzeugte der 2013 früh verstorbene Deutsche mit dem intuitiv und rasch gesetzten Pinselduktus der Gitterschraffuren und den akzentuierenden Farbflächen einen Kontrast zwischen Struktur und Fläche, so auch auf einer titellosen Arbeit des Jahr 1996, die jetzt mit 260.000 bis 350.000 Euro zu Buche schlägt. Bei Günther Uecker sind die Nägel das konstruktive Element der Gestaltung, die auf seinem „Strukturfeld“ des Jahres 1973 wirbelartig um ein Zentrum kreisen (Taxe 180.000 bis 260.000 EUR). Die verschrumpelte Bronzefigur „Vater Staat“ mit langem Kittel und Kapuze aus der gleichnamigen bekannten Serie, deren monumentale, etwa vier Meter hohe Variante seit 2010 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin steht, deutete Thomas Schütte selbst und gab hierzu an: „Bei mir ist der Name fast immer nur ein Jux, Namen sind Etiketten, sie sind nicht weiter wichtig. Im Modell sah der ‚Vater Staat‘ unserem Finanzminister so ähnlich, ich konnte es zwar schlecht ‚Schäuble Standing‘ nennen, aber mit ‚Vater Staat‘ waren alle zufrieden.“ Für die 49 Zentimeter hohe Version auf einen Stahlsockel werden 300.000 bis 500.000 Euro fällig.
Unter der gegenwärtigen Weltpolitik lässt sich auch Chris Ofilis wandfüllende Arbeit „Trump“ von 1998 hintergründig deuten. Denn in der Arbeit des afrobritischen Künstlers verschmelzen Black Culture, Religion, Geschichte und Pop miteinander, so auch bei dieser Hommage an eine schwarze Frau. Hierfür kombinierte er ein Frauengesicht mit der Spielkarte Pik und fügte noch typischerweise Elefantendung aus der Heimat seiner Vorfahren hinzu. In einem transkulturellen Prozess brachte er derart Elemente aus unterschiedlichen Kulturen zusammen und zog damit den titelgebenden „Trumpf“, der US-Präsident Trump so gar nicht gefallen dürfte (Taxe 300.000 bis 500.000 EUR). Ein typisches amerikanisches Produkt ist die Mickey Mouse. Doch bei Gottfried Helnwein mutiert die immer frohgemute Zeichentrickfigur aus der Disney-Welt auf seinem großformatigen Gemälde „Purple Mouse“ von 2010 zu einem bösartigen Kinderschreck (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Mit dem über fünf Meter breiten Panoramaformat „Irish Landscape 5 (Sky Tullamaine Castle)“ von 2004 beschwört Helnwein gleichfalls in hyperrealistischer Malweise die Schönheit seiner Wahlheimat Irland, die für ihn „irgendetwas ganz Besonderes, etwas Magisches“ hat (Taxe 150.000 bis 250.000 EUR).
Während Hermann Nitsch für ein wandfüllendes Schüttbild im Jahr 1990 ganz auf die Farbe Schwarz setzte (Taxe 70.000 bis 140.000 EUR), schuf Herbert Brandl 2005 eine lichtvolle goldene Abendstimmung, die eher unbeabsichtigt einen See mit einem Waldrand evoziert (Taxe 60.000 bis 100.000 EUR). Bei Heimo Zobernig wird es dann glitzernd weiß, wenn er im selben Jahr unzählig kleine Swarovski-Kristalle auf das grundierte Leinwandquadrat aufbrachte und damit zarte abstrakte Strukturen ausarbeitete (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Dem steht der malerische Impuls bei Rudolf Polanszkys dunkel grundiertem, schrundig aufgerissenem Werk von 1986 (Taxe 34.000 bis 60.000 EUR) oder bei Martha Jungwirths ebenfalls ungegenständlichen poetischen Farbüberlagerungen des Jahres 2013 gegenüber (Taxe 90.000 bis 150.000 EUR).
Kraftvoller, fast verletzender malte Emilio Vedova 1983 mit Blau, Schwarz und Weiß seine Leinwand „Emerging ’83 (A Bruno Taut)“ (Taxe 180.000 bis 250.000 EUR). Einen gestischen Furor legte zudem Lucio Fontana 1957 bei seinem bunt gefassten Keramikrelief einer „Crocifissione“ an den Tag (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Mit seiner unruhig gemalten Grablegung „Deposto terza rete“ eines toten Leichnams griff auch Mario Schifano 1988 ein religiöses Sujet auf (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Dafür beschäftigte sich Ettore Spalletti 2001 bei seiner himmelblauen Malfläche, die auf drei Seiten von einem goldenen Rahmen abgesetzt wird, mit Fragen des Raums und der Malerei an sich, obwohl man das Werk auch theologisch als Sinnbild des Himmels und der Zone des Göttlichen deuten könnte (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Piero Dorazio erzeugt bei „Ornato Bianco“ von 1984 mit seiner Überlagerung von bunten Vertikalen und Diagonalen mit abschließendem Weiß ein dichtes geordnetes Gewebe (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR), wohingegen Carla Accardis doppelseitig bemalter Paravent „Fonda notte – Pieno giorno“ von 1986 oder Gastone Novellis „Senpink“ von 1961 an ein wildes Durcheinander skripturaler Zeichen erinnern (Taxe je 40.000 bis 60.000 EUR).
Der Chinese Xu Bing greift bei seinen „Poems of Longfellow (from „Birds of Passage“ by H. W. Longfellow)“ aus dem Jahr 2007 auf die traditionelle Kalligrafie seiner Heimat zurück, verwendet jedoch Zeichen, die chinesischen Schriftzeichen täuschend ähnlich sehen, jedoch vom ihm selbst erfunden wurden und die keine lesbare Bedeutung haben (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Maria Helena Vieira da Silva gibt auf ihrer mit Kohle gezeichneten Leinwand „Les irrésolutions résolues XXVI“ von 1969 eine Ahnung von urbanen Hochhausstrukturen und zugleich eine Reflexion von Raum (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Der Spanier Manolo Valdés verbindet in seiner Kunst Pop Art mit historischen Anspielungen und überführt das Porträt des Königs „Fernando VII“ von 1815 aus der Hand seines Landsmannes Francisco de Goya in eine gesichtslose marionettenhafte Gestalt (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).
Bereits in den vergangenen Auktionsrunden war das Dorotheum mit den geheimnisvollen düsteren Abstraktionen des Tschechen Mikuláš Medek erfolgreich. Diesmal sollen es 150.000 bis 200.000 Euro für das Gemälde „Too Deep a Sleep V“ von 1966 und 90.000 bis 140.000 Euro für das titellose vogelartige Konstrukt von 1968 werden. Als Protagonist der Op-Art und der kinetischen Kunst gilt der nach Paris ausgewanderte Venezolaner Jesús Rafael Soto. Zu Beginn der 1980er Jahre schuf er mit den bunten kleinen Holzquadraten, die er vor einen Hintergrund aus dichten, regelmäßigen vertikalen schwarzen und weißen Linien setzte, ein pulsierendes visuelles Feld und damit eine optische Täuschung (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).
In den jüngeren Künstlergenerationen des 20. Jahrhunderts treten zunehmend Frauen hervor, etwa Miriam Cahn, die mit ihrer geisterhaften weiblichen Erscheinung „Unklar“ von 1996 die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz thematisiert (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Bei der 1983 in Chicago geborenen Amerikanerin Sam Moyer geht es um die Berührungspunkte zwischen Malerei und Skulptur. So setzt sie auch in „The Banks“ von 2015 die gefärbte Leinwand zu den natürlichen Farbtönen der eingebetteten Marmors in Beziehung (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Maria Zerres greift dagegen tief in die Farbtöpfe und erzählt auf ihren Leinwänden beinahe übermütig vom prallen Leben. Auf ihrem Quadrat „Margit by Mondrian (Roxana)“ von 1999 stellt sie der Malweise Piet Mondrians mit seinen typischen Farbrechtecken ein expressives Frauenportrait gegenüber (Taxe 34.000 bis 48.000 EUR).
Auf einem Siebdruck des Jahres 2017 nutzte Anne Imhof ein Motiv aus ihrer Performance „Angst“, mit der sie ein Jahr zuvor im Hamburger Bahnhof in Berlin gastierte. Ihr Portrait beim Schreien vervielfältigte sie schemenhaft auf der Leinwand und drehte sie um 90 Grad, so dass sie beinahe aus dem Bild zu fallen scheint (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Für ihr „Morgenlied (ré, do, ré, la)“ von 2012 verwendete die Marokkanerin Latifa Echakhch die Metallgalerieschiene und damit ein traditionelles museales Hängesystem für Gemälde. Mit den Stäben und Haken erzeugte sie eine abstrakte, lineare und rhythmisierte Komposition an der Wand, die an eine musikalische Partitur erinnert. Durch die zweifache Abwesenheit der nicht sichtbaren Gemälde und der nicht hörbaren Musik macht Echakhch die evokative Kraft des Ausstellungssystems selbst sichtbar (Taxe 18.000 bis 25.000 EUR).
Die Auktion „Zeitgenössische Kunst“ beginnt am 20. Mai um 18 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 18 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com. |