Die Entwicklung homosexueller Identitäten im 19. Jahrhundert  |  | Andreas Martin Andersen, Interieur mit Hendrik Christian Andersen und John Briggs Potter in Florenz, 1894 | |
Das Kunstmuseum Basel beleuchtet in der Schau „The First Homosexuals“, wie sich ab der ersten bekannten Nutzung der Bezeichnung „homosexuell“ im deutschsprachigen Raum im Jahr 1869 neue Bilder von Sexualität, Geschlecht und Identität bildeten und nimmt damit die frühe Geschichte der LGBTQIA+-Gemeinschaft in den Blick. Die Kurator*innen Rahel Müller und Len Schaller haben die Ausstellung, die zuerst in Chicago zu sehen war, für Basel adaptiert und etwa 80 Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und Fotografien versammelt, darunter Werke von David Paynter, Okada Tamechika, Ottilie Wilhelmine Roederstein, Andreas Martin Andersen, Gustave Courtois, Gabriel Morcillo, Tamara de Lempicka, Karl Pärsimägi und Nasta Rojc. Damit arbeiten sie die frühe Sichtbarkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens und der Geschlechtervielfalt in der Kunst heraus, weisen auf die gegenseitige Prägung homo- und transsexueller Identitäten und zeichnen die Herausbildung einer eigenständigen Transidentität nach, wie sie moderne Künstler*innen seit der Einführung des Begriffs „trans“ im Jahr 1910 entworfen haben.
Ausgangspunkt der modernen Begrifflichkeit war ein Briefwechsel zwischen dem ostfriesischen Juristen Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) und dem ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (1824-1882). In den 1860er Jahren beschrieb Ulrichs den „Urning“, ein Menschen mit angeborenem gleichgeschlechtlichem Begehren, der als „drittes Geschlecht“ zugleich weiblich und männlich sei. Kertbeny hingegen lehnte die Idee dieser angeborenen, biologischen Identität ab und setzte stattdessen auf ein universelles Menschenrecht auf Begehren.
Künstler*innen, die sich damit auseinandersetzten, fanden in der Malerei und Bildhauerei Freiräume und Mittel, etwas auszudrücken, wofür es noch keine treffende Sprache gab. So portraitierten sie etwa Freunde und Liebhaber*innen, hielten den Alltag fest oder spielten mit Geschlechterrollen. Sie bezeugten die Verschiebungen im Verständnis von Körper, Begehren und Geschlecht: So ist etwa bei Genre Akt eine Entwicklung mit den sich wandelnden Vorstellungen von Sexualität zu beobachten, darunter der Einsatz von kunsthistorischen Motiven als mehr oder weniger diskrete Codes für gleichgeschlechtliches Verlangen. In Nord-, Mittel- und Südamerika galten gleichgeschlechtliches Begehren und andere Geschlechtsvorstellungen bei der indigenen Bevölkerung als selbstverständlich. Erst die Kolonialisierung schürte gezielte Ablehnung, wie es Theodor de Brys Darstellung des um 1513 in Panama stattgefundenen Massakers an indigenen Menschen des „dritten Geschlechts“ durch den Spanier Vasco Núñez de Balboa zeigt.
Die Ausstellung „The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869-1939“ ist bis zum 2. August zu sehen. Das Kunstmuseum Basel hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 30 Franken, ermäßigt 20 Franken beziehungsweise 12 Franken. Der begleitende umfassende Katalog kostet 72 Franken.
Kunstmuseum Basel | Neubau
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