Bild und Ton: Wiener Ausstellung zu Vally Wieselthier  |  | in der Ausstellung „Vally Wieselthier: Bild und Ton“ | |
Bildhauerin, Textilkünstlerin, Gebrauchsgrafikerin, Malerin, Modedesignerin, Illustratorin – all diese Begriffe beschreiben die Karriere des Multitalents Vally Wieselthier. Sie war besonders bekannt für ihre Keramikarbeiten und ihren selbstbewussten Charakter, mit dem sie regelmäßig die Normen der Kunstwelt und der Gesellschaft sprengte. Mit der Ausstellung „Vally Wieselthier: Bild und Ton“ bietet das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) erstmals eine umfassende Darstellung ihrer Karriere in Europa und Amerika. Der Titel verweist auf die zwei wichtigsten Aspekte ihrer Kunst – Illustrationen und Keramik. Anhand von 160 Objekten beleuchtet das Kuratorenduo Rainald Franz und Anne-Katrin Rossberg Wieselthiers nachhaltigen Einfluss auf die Kunstkeramik in Österreich.
Die 1895 geborene Wienerin zeigte bereits als Kind vielseitige Begabungen und gewann zahlreiche Wettkämpfe in diversen sportlichen Disziplinen. Der Kunst wandte sie sich schließlich im Jahr 1914 heimlich zu, als sie die Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunstgewerbeschule absolvierte und bestand. Dies war ein entscheidender Moment in Wieselthiers Leben: drei Jahre später wurde sie durch ihren Lehrer Josef Hoffmann Teil der Wiener Werkstätte, in der sie mit verschiedenen Materialien experimentieren konnte. Wieselthier entwarf hier neben Keramiken auch Glasdekore, Stoffmuster, Stickereien, Schmuck, Silberobjekte, Plakate und Werbeanzeigen. Sie war ebenfalls an der Gestaltung der Verkaufsräume beteiligt, in denen sie fantasievolle Wandmalereien schuf. 1927 übernahm sie schließlich die Leitung der Produktionsstätte und entwickelte eine neue Form der Keramikskulptur von „bis dahin unbekannter Expressivität“. Laut dem Kuratorenteam gilt sie mittlerweile als „prominenteste Vertreterin der ganz von Künstlerinnen geprägten Wiener-Werkstätte-Keramik“. Ihre Kunst erreichte internationale Anerkennung und wurde in Artikeln sowie auf Ausstellungen rezipiert.
Mit der vor kurzem erfolgten Übernahme von Wieselthiers Nachlass auf Papier aus ihrer amerikanischen Familie kann das MAK innerhalb der Ausstellung eine besondere Perspektive entwickeln. Ergänzt durch Werke aus europäischen Sammlungen sowie Bestände des Archivs der Wiener Werkstätte, eröffnet die Schau Einblicke in zentrale, teils bislang unveröffentlichte Arbeiten und Dokumente. Auf diese Weise wird sowohl die künstlerische Entwicklung Wieselthiers in Europa als auch ihre bislang wenig beleuchtete Karriere in den USA ab 1928 nachvollziehbar.
Als eines der Schlüsselwerke ihres Œuvres wird die Keramikfigur „Flora“ aus dem Jahr 1928 aufgeführt. Die kniende Frauengestalt, überzogen von orangefarbenen Blüten und blauen Schraffuren, vereint mehrere Bedeutungsebenen: Sie lässt sich sowohl als Selbstbildnis lesen und ist damit ein wiederkehrendes Motiv in Wieselthiers Schaffen, als auch als Darstellung eines neuen Frauenbildes der Zwischenkriegszeit: souverän, unabhängig und selbstbestimmt. Diese Haltung verkörperte die Künstlerin auch persönlich. Als Reaktion auf ihre Kündigung an der Louisiana State University, mutmaßlich wegen ihres unkonventionellen Auftretens, formulierte sie jenen Satz in einem Telegramm an Präsident Roosevelt, der ihren künstlerischen Anspruch prägnant verdichtet: „Tell these people who I am“.
Die Ausstellung „Vally Wieselthier: Bild und Ton“ läuft bis zum 10. Januar 2027. Das MAK hat dienstags von 10 bis 21 Uhr, mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt vor Ort 19 Euro und online 18 Euro, ermäßigt 15,50 Euro und 14,50 Euro online. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er kostenlos.
MAK – Museum für angewandte Kunst
Stubenring 5
A-1010 Wien
Telefon: +43 (0)1 – 711 360 |