Leben mit Minimalismus: Christie’s versteigert die Sammlung McNeil  |  | Bei Henry S. McNeil Jr. zuhause: Dan Flavin trifft auf Carl Andre und Donald Judd | |
Innerhalb seiner Spring Marquee Week versteigert Christie’s am 20. Mai in New York die Minimalismus-Sammlung von Henry S. McNeil Jr. Unter dem Titel „Defined Space“ sind zwölf charakteristische Werke von Dan Flavin, Donald Judd, Carl Andre, Fred Sandback, Richard Artschwager, Richard Tuttle und Sol LeWitt zu haben. Die Objekte stammen hauptsächlich aus dem Wohnhaus des 1943 geborenen Sammlers in Philadelphia und zeigen, wie McNeil mit ihnen lebte. Laut Marc Porter, dem Vorsitzenden von Christie’s Americas, habe McNeil den Minimalismus in einen völlig neuen Kontext gebracht, der mit dem Wohnambiente harmonierte. Es sei ihm gelungen, eine seltene Wärme in der minimalistischen Praxis zu entdecken und die Strömung aus ihrem typischen kühlen akademischen Umfeld herauszuholen. Die untere Schätzpreissumme der zwölf Arbeiten liegt bei rund 22 Millionen US-Dollar.
Den Höhepunkt bildet Donald Judds titellose Arbeit von 1969 aus seiner Werkreihe „Stack“. Die zehn querrechteckigen Quader aus Kupfer und pinkrotem Plexiglas, die sich wie ein unterbrochener Pfeiler aus Metall emporarbeiten und ein farbiges Licht an der Wand erzeugen, sollen 10 bis 15 Millionen US-Dollar einspielen. Ein zweites Werk von Judd zeugt in einer horizontalen, golden glänzenden Messingskulptur von 1972 von seiner Auseinandersetzung mit positivem und negativem Raum (Taxe 5 bis 7 Millionen USD). Von Dan Flavin ist eine frühe Arbeit seiner konsequenten Beschäftigung mit Neonlicht zu haben: die schräg gesetzte, gelb leuchtende Neonröhre „the diagonal of May 25, 1963 (to Constantin Brancusi)“ aus dem Jahr 1963 für 1,5 bis 2 Millionen US-Dollar.
Sol LeWitt stellt zum einen die ungewöhnlich von der Decke ausgehende „Hanging Structure 24 D“, gebildet 1991 aus kleinen weißen Gitterkuben (Taxe 300.000 bis 500.000 USD), und das große bunte Wall-Drawing „#1112, Square with Broken Bands of Color“ von 2003 zur Verfügung. Die unterschiedlich rhythmisierten schmalen Rechtecke in Primärfarben und Komplementärkontrasten, die sich zu einem großen Quadrat zusammenschließen, sind mit 200.000 bis 300.000 Dollar bewertet. Für das Schaffen von Carl Andre ist seine Bodenarbeit „Steel-Zinc Alloy Square“ kennzeichnend, in der er 1970 je 50 quadratische Stahl- und Zinkplatten in hell- und dunkelgrauem Kolorit zu einem Schachbrett anordnete (Taxe 1 bis 1,5 Millionen USD). Mit jeweils 60.000 bis 80.000 Dollar sind Richard Artschwager designlastige Wand- und Bodenskulptur „Two-Part Invention“ in Holzanmutung von 1967 und Fred Sandbacks dreiteilige Wandeckenzeichnung „Untitled (LLR of A Series of Eight Sculptures, Open Series)“ von 1969 die günstigsten Werke der Auktion.
Henry S. McNeil Jr. stammt aus einer Familie, die ihr Vermögen aus der Pharma- und Nahrungsergänzungsmittelindustrie bezog. Er trat als Naturschützer und Kunstsammler hervor, der häufig persönliche Beziehungen zu den Künstlern unterhielt, deren Werke er sammelte, etwa zu Sol LeWitt. Von 1981 bis 1984 war er Mitinhaber der Protetch-McNeil Gallery in New York, die 1983 die wegweisende feministische Ausstellung „The Revolutionary Power of Women’s Laughter“ unter anderem mit Werken von Barbara Kruger und Jenny Holzer präsentierte. Später eröffnete McNeil die Vanguard Gallery in Philadelphia. Mit seiner Kollektion stand er mehrfach auf der Liste der weltweiten Topsammler der Zeitschrift „ArtNews“. Zudem überließ er wichtige Kunstwerke seiner Sammlung mehreren öffentlichen Einrichtungen. 1993 kaufte er in New Jersey ein großes Grundstück, das er gemeinsam mit der Landschaftsarchitektin Martha Schwartz zum „Winslow Farm Conservancy“ umformte. Hier sind unter anderem eine zertifizierte Biofarm, ein Habitat für Wildtiere und Künstlerresidenzen untergebracht. Henry S. McNeil Jr. starb im Juli 2025 mit 81 Jahren in Philadelphia. Weitere Kunstwerke aus seiner Sammlung wird Christie’s in den Auktionen mit Nachkriegskunst, zeitgenössischer Kunst und Design anbieten. |