 |  | Timm Ulrichs, Ich kann keine Kunst mehr sehen, 1968/2011 | |
Timm Ulrichs arbeitete gerne mit Humor, Hintersinn und Widerspruchsgeist. Da die Welt voll von Kunst sei, die nicht wie Möbel oder ein Auto irgendwann einmal entsorgt wird, trat er 1975 beim „Internationalen Kunstmarkt Köln“ als blinder Künstler auf und hatte ein Schild mit der Aufschrift „Ich kann keine Kunst mehr sehen“ vor der Brust hängen. Mit Blindenstock und Armbinde kritisierte er schon damals den ausufernden zeitgenössischen Kunstbetrieb und die nach seinen Worten „immer weiter um sich greifenden musealen Friedhöfe“. „Ich war auch immer groß in der Vermeidung von Kunst“, sagte Ulrichs im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem SWR. „Man müsste eigentlich Künstler dafür bezahlen, dass sie nichts produzieren oder alle Jubeljahre mal ein Werk vorlegen und sich nur Gedanken machen.“ Deswegen wollte er eigentlich auch einen Œuvre-Katalog über die Werke erstellen, die er der Menschheit erspart habe. Dazu kommt es aber nun nicht mehr.
Denn wie der Kunstverein Hannover heute mitteilte, ist der selbsternannte „Totalkünstler“ gestern in Berlin gestorben. Er wurde 86 Jahre alt. „Als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst hat er mehr als ein halbes Jahrhundert das künstlerische Feld mit provokanten Arbeiten voller Entschlossenheit geprägt“, würdigte der Kunstverein sein Schaffen. „Streitbar, scharfsinnig, hintergründig, humorvoll und rigoros – Timm Ulrichs war einer der wenigen Pioniere, der äußerst konsequent an die Kraft der Kunst glaubte, mit ihr rang und sie händisch zu den Menschen brachte. Mit Timm Ulrichs verlieren wir einen der markantesten konzeptuellen Künstler der Nachkriegszeit, der eine ganze Generation prägte; als ältestes Mitglied des Kunstvereins Hannover einen treuen Begleiter, der stets polarisierte.“
Der 1940 in Berlin geborene Künstler, der nach der Flucht vor der Roten Armee in Niedersachsen und Bremen aufwuchs, wurde in den 1960er Jahren nach einem abgebrochenen Architekturstudium an der Technischen Hochschule Hannover in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftspolitscher Debatten künstlerisch sozialisiert. So gründete er damals die „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“ in Hannover zur Verbreitung, Entwicklung und Produktion seiner Kunst, erklärte sich schon 1961 zum „ersten lebenden Kunstwerk“ und geriet als Provokateur häufig mit traditionellen Vorstellungen von Kunst in Konflikt. Dabei ging es ihm nie um die Provokation an sich. Vielmehr wollte Timm Ulrichs unreflektierte Gewohnheiten und Rituale des Sehens, Sprechens und Denkens fundamental erschüttern.
Als Vertreter von Neodadaismus, Body und Land Art, Konzeptkunst und Konkreter Poesie schuf der Autodidakt ein multimediales Werk zwischen Objektkunst, Environments, Druckgrafik, Performances, Klang und Sprache, Multiples, Aktionen, Künstlerbuch und Fotografie. In Zentrum standen dabei sein eigener Körper, sein Leben und sein Alltag. Mit sprachlichen Mitteln, wie verbalen Konzepten, Tautologien, Paradoxien und ambivalenten Bedeutungen, visualisierte er häufig existenzielle Gefühle, etwa in der Wortspielerei „Am Anfang war das Wort am“, eine „Exegese“ des Johannes-Evangeliums 1.1 von 1962/71, wortmaterialistisch „interpretiert“, wie Ulrichs es ausdrückte.
Für Aufsehen sorgten 1966 seine Selbstausstellung als „Erstes lebendes Kunstwerk“ in der Galerie Patio in Frankfurt am Main, 1969 die Gründung einer „Kunstpraxis (Sprechstunden nach Vereinbarung)“ oder 1970 die erste Totalkunst-Retrospektive in Krefeld. 1977 war Timm Ulrichs mit seiner radikalen Position Teilnehmer der Documenta in Kassel. Den eigenen Körper und sein Verhältnis zur Natur machte er im selben Jahr bei der Aktion „Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend“ zum Thema und lief bei Gewitter mit einer fünf Meter langen Metallantenne nackt auf einem Feld herum. 1978 schloss sich Ulrichs in der Aktion „Der Findling“ vor der Galerie Nordhorn für zehn Stunden in einen Stein ein, aus dem vorher die genaue Negativform seines Körpers ausgehöhlt wurde. Stets schuf er Kunst für den öffentlichen Raum, etwa mit der „Erd-Achse“ vor dem Magdeburger Hauptbahnhof, dem „Versunkenen Dorf“ nahe der Allianz-Arena in München oder mit der „Quadratur des Kreises“ am Museum Ritter in Waldenbuch. Aus Betonabgüssen seines eigenen Schädels schuf er 1980 in Hannover sein „Kopf-Stein-Pflaster“.
Timm Ulrichs wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter 1980 mit dem Kunstpreis der Stadt Nordhorn, 1985 mit dem Will-Grohmann-Preis der Akademie der Künste Berlin, 1998 mit dem Niedersächsischen Kunstpreis oder 2020 mit dem Käthe-Kollwitz-Preis wiederum von der Akademie der Künste. Die Jury lobte damals seine unangepasste Existenz jenseits von Mainstream und Kunstmarkt und seine Rolle als kritischer Beobachter der Szene, die ihn zu einem einflussreichen Vorbild für die folgenden Generationen gemacht hätten. Dabei habe er mit seinem Ideenreichtum kein durchgehendes Konzept verfolgt, sondern Originalität in jeder einzelnen Idee gesucht. „Die schiere Masse und Vielfältigkeit dieser unterschiedlichsten Einfälle sucht ihresgleichen.“
Dass er trotz der vielen Preise mit seinen Werken, die er grob auf eine Zahl von 1.000 bis 1.500 schätzte, viel Geld gemacht hatte, verneinte Timm Ulrichs stets. „Seit Beginn meiner Tätigkeit arbeite ich immer mit Verlust“, sagte er gegenüber dem SWR und sprach davon, dass er seinen Kunstbetrieb aus dem Gehalt und der Pension subventioniert habe, die er aus der Anstellung als Professor für Bildhauerei und Totalkunst an der Kunstakademie Münster von 1972 bis 2005 bezog. Mit den Arbeiten „Geld/Wechsel/Geld: Ein Umlauf durch zwanzig Währungen“ oder auch „Das aktualisierte Märchen von Hans im Glück“ aus den Jahren 1968/78 thematisierte Ulrich die Mechanismen der Werterzeugung und Wertminderung und hinterfragte die Bedingungen des Materialismus.
Letztendlich kulminierten all diese Fragen in einer Suche nach dem Sinn des Lebens. Ulrichs’ Spiel mit der Präsenz und dem Prozess des Verschwindens warf stets ein Schlaglicht auf die menschliche beziehungsweise materielle Vergänglichkeit. So entschwindet Timm Ulrichs in seiner Videoarbeit „Meta-Atem. Über Inspiration und Exspiration“ mit jedem Atemzug mehr hinter einer Glasscheibe, die beschlägt und ihn dadurch vor den Blicken anderer verbirgt. „Ein Leben für die Kunst: das kann dann nur bedeuten ein Leben, um sich auf den Tod vorzubereiten, ihn zu gestalten, zu inszenieren, als Höhe- und Kulminationspunkt“, so Ulrichs, der sein Ableben immer als Konstante mitdachte. Daher ließ er sich 1981 die Worte „The End“ auf sein rechtes Augenlid tätowieren. Bereits 1992 traf er Vorkehrungen für sein Grabmal in der Kasseler Künstlernekropole: Das Monument „Kopfstehendes Hohlkörper-Denkmal II“ ist ein kopfüber im Boden versenkter, hohler Körperabguss Ulrichs, der seine Asche aufnehmen soll. Für den Betrachter bleiben im Anschluss nur seine Fußabdrücke sichtbar und der Grabstein mit der eingravierten paradoxen Inschrift: „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen. Timm Ulrichs!“ |