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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Schafft eine kopflose Maria Magdalena trotz ihrer bedeutenden Schöpferin den Absprung im Wiener Dorotheum? Wer sich nicht auf derart gewagte Unternehmungen einlassen will, findet bei der Auktion „Alte Meister“ genügend qualitätvolle Wahlmöglichkeiten

Die Ästhetik der Leerstelle



Artemisia Gentileschi,  Maria Magdalena

Artemisia Gentileschi, Maria Magdalena

Da fehlt doch etwas! Mitten in der Darstellung der heiligen Maria Magdalena klafft eine Lücke. Das Wichtigste ist herausgeschnitten: Ihr Kopf, ihre Schultern, ihre Brust und ihre linke Hand. Wie das zustande kam, lässt sich nicht mehr klären. Die Experten im Dorotheum gehen davon aus, dass der Verlust wohl von den chaotischen Zuständen nach dem Zweiten Weltkrieg herrührt. Das Gemälde lag danach zusammengerollt im Keller einer Berliner Privatsammlung, bevor seine malerische Qualität erkannt und es restauriert wurde. 2011 wurde das Fragment dann erstmals wieder öffentlich im Palazzo Reale in Mailand präsentiert und Artemisia Gentileschi als gesicherte Arbeit zugewiesen. Der Kunsthistoriker Roberto Contini, langjähriger Kustos an der Berliner Gemäldegalerie, identifizierte es als eigenhändige Wiederholung ihrer Maria Magdalena aus dem Palazzo Pitti in Florenz und datiert es in ihre frühe Florentiner Schaffensperiode zwischen 1615 und 1618.


Artemisia Gentileschi ist heutzutage eine der gefeiertsten Malerinnen des Barock und eine sichere Nummer bei Versteigerungen. Aber genügen die dramatische Verlustgeschichte und die Modernität des Gemäldes nun, um einen Schätzpreis von 100.000 bis 150.000 Euro zu rechtfertigen? Oder löst das Rätselhafte, das Maria Magdalena mit der Leerstelle in sich trägt, gar eine noch höhere Begeisterung aus? Zeigen wird es die Auktion „Alte Meister“ am 28. April in Wien. Dort hat das Dorotheum rund 180 weitere Gemälde vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert zusammengetragen und präsentiert mit ihnen die künstlerischen Entwicklungen jener Epochen vor allem in Italien und den Niederlanden. Zu den ältesten Stücken gehören einige noch auf Goldgrund als Zeichen der göttlichen Sphäre gemalte Altarbilder, darunter die Zusammenkunft der Heiligen Stephanus, Antonius, Julianus, Bartholomäus und Katharina von Alexandrien sowie einer Märtyrerin mit Märtyrerpalme auf zwei Flügeln eines größeren Altarzusammenhangs des Florentiner Malers Lorenzo di Bicci (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR) oder die Halbfigur der sanften heiligen Margarete von Jacopo del Casentino (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Dann macht sich auch schon die Renaissance breit. Der Maestro del Tondo di Cortona, der im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert in der Toskana tätig war und als Schüler Peruginos angesehen wird, hat eine felsige Küstenlandschaft im Rund angelegt, in der Maria als übergroße Zentralgestalt und der Johannesknabe den neugeborenen Jesus anbeten, während Josef nebenbei ausruht, Ochs und Eseln von der Seite andächtig zuschauen und ein Engel in der Ferne den Hirten die Geburt des Gottessohns verkündet. In der Kindheit Jesu bleibt es mit Lorenzo di Credis „Maria lactans“, der stillenden Gottesmutter, Marco d’Oggionos Madonnendarstellung, in der Jesu gerade mit einer Pflanze spielt, während Maria ihm eben eine Blume reicht und im Landschaftsausschnitt des Hintergrunds eine Flucht nach Ägypten zu sehen ist (Taxe je 80.000 bis 120.000 EUR), oder Girolamo dai Libris herbe, gleichwohl innige Geburtsszene vor einer Grotte, in der nur Jesus, Maria, Josef, Ochs und Esel aufeinandertreffen (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Staatstragender ist da schon Lazzaro Grimaldis Sacra Conversazione, in der sich die Heiligen Sebastian, Johannes der Täufer, Bernhardin von Siena und Franziskus um die auf einem Aufbau thronende Madonna im Engelskopfkranz versammelt haben. Grimaldi, der in der „Andachtsästhetik“ der Ferrareser Schule verwurzelt war, akzentuierte in dem Altarbild die gefühlsbetonte Anmut seiner Protagonisten, während er in der Landschaft und dem Thronaufbau die Präzision eines Miniaturmalers an den Tag legte (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Über einen kurzen Schwenk in die spanische Kunst, in der Pedro Machucas büßender asketischer heiliger Hieronymus an einem Felsvorsprung mit seinen traditionellen Attributen der Kardinalsrobe, der Bibel, seinem treuen Löwen und dem Kruzifix überzeugt (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR), geht es in die Malerei der Niederlande.

Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Herri met de Bles’ kleines, aber dennoch figurenreiches Tafelbild mit dem Kreuzweg Christi zum Kalvarienberg (Taxe 180.000 bis 220.000 EUR) oder den herbstlichen und frühlingshaften Landschaftspendants, in die Jacob Grimmer klein die „Flucht nach Ägypten“ und die „Noli me tangere“-Begegnung zwischen dem Auferstandenen und Maria Magdalena integriert hat (Taxe je 15.000 bis 20.000 EUR), handelt dieser Bereich vorwiegend von weltlichen Themen. Für die Gattung Stillleben stehen etwa Balthasar van der Asts gut gefüllter Korb mit Trauben, Äpfeln, Kirschen, Pfirsichen und weiteren Früchten, um den sich seit 1624 auf einem steinernen Sims Rosen, eine Tulpe, eine Melone und Johannisbeeren mit einer Libelle und anderen Insekten gruppiert haben (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR), oder Jan Davidsz de Heems dem gegenüber zurückhaltendes Arrangement aus einer Zitrone, Austern, Pfirsichen und einem Weinglas (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Ein leuchtendes Kolorit hat Jacob van Hulsdonck in den 1640er Jahren für seine Granatäpfel, Orangen und Zitronen samt Fliege in einer Porzellanschale gewählt, die von einer geschälten Zitrone, einem Schmetterling und einem Käfer auf einem hölzernen Tisch begleitet werden (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR).

Eine Schätzung von je 60.000 bis 80.000 Euro hat das Dorotheum für die kleine mythologische Verwandlungsszene „Diana und Actaeon“, ein farbleuchtendes Gemeinschaftswerk Hendrik van Balens d.Ä. und Jan Brueghels d.Ä., für Sebastian Vrancx’ allegorische Gegenüberstellung des ländlichen und des höfischen Lebens, eingebettet in eine detailreiche Park- und Weidelandschaft, oder für Salomon van Ruysdaels monochrome, eher beiläufig gemalte Flusslandschaft mit einem befestigtem Turm von 1662 vorgesehen. Gerard ter Borch d.J. führt mit seinem ovalen Bildnis eines vornehmen Herrn mit schwarzem Hut und graubraunem Mantel die Portraitkunst ebenfalls bei 60.000 bis 80.000 Euro an. Dahinter folgen Giulio Campi mit dem Brustbild eines ebenfalls unbekannten Mannes samt dem Kreuz des Malteser Ritterordens, hinter dem vielleicht der bedeutendste cremonesische Malteserritter des 16. Jahrhunderts, Graf Brocardo Persico, stehen könnte (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR), und Adriaen Thomasz Keys Portrait eines älteren bärtigen Mannes mit naturalistisch wiedergegebenem Gesicht und nachdenklichem Blick (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR).

Den Beginn der italienischen Barockmalerei repräsentieren Antiveduto Grammatica und sein kraftvoll in einem klassizistischen Stil ausformuliertes Gemälde „Herkules bändigt den kretischen Stier“, dessen Provenienz außergewöhnlich gut dokumentiert ist. Es ist im Inventar der berühmten Sammlung von Kardinal Scipione Borghese aus dem Jahr 1633 verzeichnet und hing wohl bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Villa Borghese in Rom. Die Wiederentdeckung schlägt mit 150.000 bis 200.000 Euro zu Buche, ebenso wie Giovanni Francesco Barbieris auf die beiden Personen konzentrierte alttestamentarische Episode „Amnon und Tamar“ aus dem Zweiten Buch Samuel, deren tragische Erzählung von Vergewaltigung, Inzest und Rache in der Familie König Davids handelt. Anders als Gentileschis selbstbewusste Heilige legte Alessandro Turchi seine büßende Maria Magdalena althergebracht als zerknirschte Gestalt in der Einöde mit Kreuz, Dornenkröne, Salbgefäß und Totenkopf samt aufgeschlagener Bibel an (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Eine unbekannte Geschichte erzählt der Bologneser Maler Giuseppe Maria Crespi mit seiner Darstellung „Die heilige Franziska von Rom legt das Jesuskind in die Arme ihres Beichtvaters“. Die intime Szene aus der Legende der römischen Heiligen des Mittelalters wurde um 1735 von dem Olivetanerabt Corsi mit dem Gegenstück „Der selige Bernardo Tolomei bittet für das Ende der Pest in Siena“ bei Crespi in Auftrag gegeben. Während die heilige Franziska jahrzehntelang verschollen und der Forschung nur durch Fotografien bekannt war, hängt der selige Bernardo Tolomei seit 1987 im Getty Museum in Los Angeles. Mal sehen, ob die finanzkräftige Institution nun beim Dorotheum für 100.000 bis 150.000 Euro zuschlägt. Für die österreichische Kunst jener Epoche stehen Johann Michael Rottmayrs barock bewegte, biblische Adaption „Joseph und Potiphars Frau“ aus dem Jahr 1695 (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), Johann Georg Platzers feinmalerischer und mit Figuren sowie Gegenständen überbordend ausgestatteter „Tanz der Salome vor Herodes“ aus dem Jahr 1745 (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR) oder ein Gemäldepaar von Franz Sigrist. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben seine alttestamentlichen Erzählungen „Abraham bewirtet die drei Engel“ und „Lot und seine Töchter“ erst im Herbst des vergangenen Jahres an die Nachfahren der Münchner Kunsthandlung Brüder Lion restituiert, jetzt sind sie für 4.000 bis 6.000 Euro zu haben.

Gaetano Gandolfi hat sich eine tragische Episode aus Ovids „Metamorphosen“ ausgewählt und schildert den verhängnisvollen Moment, in dem Jupiter sich Semele in göttlicher Gestalt offenbart. Vorausgegangen war wieder einmal ein erotisches Techtelmechtel: Der Göttervater hatte sich in die sterbliche Semele verguckt. Als seine Gattin, die eifersüchtige Göttin Juno, davon erfuhr, brachte sie die Prinzessin aus Theben dazu, Jupiter zu bitten, sein wahres göttliches Wesen zu zeigen. Als er dies tut, erweisen sich die Kraft seines Blitzes und seine Herrlichkeit als zu viel für eine Sterbliche, und Semele findet den Tod. Das bereits klassizistische Gemälde datiert in Gandolfis Reifezeit Mitte der 1790er Jahre und soll 120.000 bis 180.000 Euro einfahren. Mit venezianischen Veduten schließt wie üblich die Auktion, wobei Antonio Visentinis ruhige Ansicht der „Rialtobrücke mit dem Fondaco dei Tedeschi und dem Palazzo dei Camerlenghi“ (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), Giuseppe Bisons historisches Ereignis des Zusammentreffens von König Vittorio Emanuele II. von Italien und Kaiser Franz Joseph I. von Österreich im Canal Grande am 5. April 1875 (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR) und Francesco Zanins Gegenstücke mit dem Blick in den Canal Grande bei San Simeone Piccolo und dem nicht minder geschäftstüchtigen Treiben im Bacino di San Marco vor dem Dogenpalast herausragen (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR).

Die Versteigerung beginnt am 28. April um 18 Uhr. Eine Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 18 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



27.04.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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