 |  | auf der Art Brussels 2026 | |
Auf einmal diese Übersicht: Regelmäßige Besucher*innen der Art Brussels haben einen großen Teil der Halle 6 des Brüsseler Messegeländes noch als Entdeckerforum in Erinnerung, in dem sich exklusiv die jüngeren Galerien des „Discovery“-Sektors tummelten. In diesem Jahr ist das erstmals anders. Der bei jüngeren und couragierten Sammler*innen besonders beliebte Bereich der Art Brussels hat an Attraktivität zwar nichts eingebüßt. Allerdings bildet er nunmehr einen langen Gang in der Haupthalle. Aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Krise ist die Zahl der Aussteller auf der 42. Ausgabe der Kunstmesse von 165 im Vorjahr auf heuer 139 zurückgegangen. Betroffen davon ist aber in erster Linie der Hauptsektor „Prime“. Dieser hat kräftig Federn lassen müssen. Die Anzahl der Galerien ist hier von 108 auf 83 gesunken. Daher bot die Halle 5 in diesem Jahr Platz für alle Galerien. An Internationalität hat die Messe nichts eingebüßt. Das Teilnehmerfeld setzt sich aus immerhin 26 Nationen zusammen.
Messedirektorin Nele Verhaeren, die gleichzeitig für die im Dezember stattfindende Art Antwerp verantwortlich ist, führt für den Schwund diverse Gründe an: „Wie wir wissen, sind Galerien deutlich wählerischer bei ihren Teilnahmeentscheidungen geworden. Und auch Sammler*innen überlegen sich heute ganz genau, wie oft und wie weit sie reisen wollen.“ Kein Zweifel. Eine gewisse Messemüdigkeit ist durchaus spürbar, nicht nur in Brüssel. Abhängig vom Ausgang des Iran-Konflikts und dessen Auswirkungen auf den weltweiten Reiseverkehr könnte sich diese Zurückhaltung sogar noch weiter verschärfen.
Nele Verhaeren hat den krisengedingten Aderlass zum Anlass genommen, die frei gewordenen Flächen in der Halle 6 für die neu geschaffene Sektion „Horizons“ und ein großflächiges Gastronomieangebot zu reservieren. Sie hat aus dem geänderten Verhalten seitens der Aussteller und des Publikums folgende Schlüsse gezogen: Erstens muss sich die Messe noch stärker als zuvor als kulturelles Event verstehen. Dazu gehört etwa die enge Zusammenarbeit mit wichtigen Brüsseler Sammlern wie Frédéric de Goldschmidt, der wenige Tage vor Beginn der Art Brussels unter dem Titel „Is that all there is?“ eine hochkarätige und sorgsam kuratierte Neupräsentation seiner auf Minimal Art, Arte Povera, konzeptuelle und post-konzeptuelle Positionen konzentrierten Sammlung im Zentrum der belgischen Hauptstadt eröffnete. Arbeiten von rund 50 Künstler*innen, darunter von Alighiero Boetti über Roni Horn bis hin zu Alicja Kwade und Julian Charrière, sind darin zu sehen.
Die Ausrichtung eines spannenden Talk-, Screening- und Performance-Programms auf der Messe selbst gehört für Nele Verhaeren ebenfalls dazu. Die Tribüne in Halle 6 diente der kolumbianisch-amerikanischen Künstlerin und Poetin Ana María Caballero ebenso als Plattform wie der in New York lebenden Britin Nicola Tyson. Für eine auf Verkauf ausgerichtete Messe ungewöhnlich selbstironisch war die von dem belgischen Kurator Bernard Marcelis verantwortete Ausstellung „Not Everything is for Sale“, in der 15 belgische Galerist*innen jeweils ein Werk zeigten, das sie nie im Leben verkaufen würden. Versammelt waren etwa ein früher Leuchtkasten von Jeff Wall aus der Sammlung von Greta Meert oder ein von Andy Warhol gemaltes Porträt der New Yorker Galeristenlegende Leo Castelli aus der Sammlung von Daniel Templon.
Zweitens: Die frei gewordene Fläche muss auf anderweitige Art genutzt werden. In der neuen Messesektion „Horizons“ präsentierten, ausgewählt von Devrim Bayar, Kuratorin am Kanal Centre Pompidou, sieben Galerien raumgreifende Arbeiten. Mit dabei war die in Den Haag ansässige Galerie Dürst Britt & Mayhew, die ein wandfüllendes Gemälde aus der „Sailcloth“-Serie der 2024 verstorbenen Niederländerin Jacqueline de Jong mit nach Brüssel gebracht hatte. Es handelt sich um eines der größten Bilder, das die Malerin je realisiert hat. Darstellungen von Gewalt, Erotik und Humor verschmelzen auf dem Monumentalbild zu einem absurden Szenario voller menschlicher Figuren und Fantasiegestalten. 150.000 Euro standen hier auf dem Etikett. Noch ausladender nahm sich mit 4 auf 17,5 Metern das Gemälde „Paradiesgarten“ von Oswald Oberhuber aus, das er 1983 für den Steirischen Herbst gemalt hatte. Offeriert wurde es gemeinsam von den Galerien Krinzinger und nächst St. Stephan aus Wien. Im nächsten Jahr wird Chris Dercon, Generaldirektor der Fondation Cartier in Paris, den Sektor „Horizons“ organisieren.
Es ist kurz nach drei Uhr am Vernissagetag der Messe. Wir befinden uns am Stand der Berliner Galerie Office Impart in der „Discovery“-Abteilung, als die Künstlerin Lena Marie Emrich in bester Laune auftaucht. Vor wenigen Minuten ist die in Brüssel lebende Deutsche, Jahrgang 1991, mit dem „Discovery Acquisition Prize 2026“ ausgezeichnet worden. Verbunden sind damit ein Ankauf und die Beteiligung an einer Ausstellung in einem Brüsseler Museum. Die Nachricht hat sich offenbar schnell herumgesprochen. Wenige Minuten später steht der Brüsseler Sammler Alain Servais am Stand und lässt sich die Arbeiten erklären. Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz, die Betreiberinnen der in Moabit gelegenen Galerie, nehmen regelmäßig an der Art Brussels teil. „Wir haben uns für einen konzeptuellen Stand entschieden“, erklären sie. Mit Lena Marie Emrich und der 1981 geborenen kolumbianisch-amerikanischen Künstlerin Ana María Caballero machen sie auf zwei jüngere Positionen aufmerksam, die von Sprache und Dichtung ausgehen und sensuell aufgeladene, skulpturale Objekte kreieren. Ihre Arbeiten werden zu Preisen zwischen 4.200 und 11.000 Euro angeboten.
Office Impart gehörte zu den 38 Galerien in der Entdeckersektion „Discovery“, die genauso viele Teilnehmer wie im letzten Jahr umfasste. Die meisten der 139 verbliebenen Aussteller gaben sich mit der neuen Übersichtlichkeit zufrieden. „Ich finde diese Größe für die Messe gut“, sagt Sébastien Janssen von der Brüsseler Galerie Sorry We’re Closed. „Alle Galerien sind dicht an dicht in einer Halle konzentriert. Die Qualität lässt sich so halten. Die Art Brussels ist europaweit eine der besten Messen im mittleren Segment und das sollte auch so bleiben.“ Auf einem rundumlaufenden Podest zeigte die eklektisch agierende Galerie Skulpturen und Malerei. Mit Werken von 19 verschiedenen Künstlern, darunter auch der Berliner Thomas Kiesewetter, vermittelte sie für Preise zwischen 5.000 und 100.000 Euro einen breit gefächerten Überblick über ihr Programm.
Die Galerie Calvaresi aus Buenos Aires stellte zum ersten Mal in Europa Werke des argentinischen Malers Alfio Alfredo Spampinato (1925-2012) vor. Seine lakonischen Kompositionen in cremig aufgetragenen Gelb- und Ockertönen verbildlichen die Einsamkeit der argentinischen Pampa, aber auch das Vorrücken urbaner Strukturen. Bei Preisen zwischen 5.000 und 10.000 Euro stießen die Gemälde bereits an der Vernissage auf großes Interesse. Die in Brüssel und New York ansässige Galerie Nino Mier konzentrierte sich auf eine Solopräsentation der 1960 in London geborenen und seit 1989 in New York lebenden Britin Nicola Tyson, die sich in ihren Arbeiten mit Identitäts- und Genderfragen beschäftigt. Sie gilt als Enkelin figurativer britischer Maler wie Francis Bacon oder Frank Auerbach. Nino Mier baute an seinem Stand, fast schon einer kleinen Retrospektive gleich, eine Übersicht von Tysons malerischem und zeichnerischem Werk von den 1990er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart auf und verlangte dafür zwischen 3.250 Euro und 43.500 Euro.
Die Pariser Galerie Dix9 – Hélène Lacharmoise überzeugte mit einer Einzelschau zu Kwama Frigaux, Jahrgang 1993. Das derzeit bevorzugte Material der französisch-ghanaischen Künstlerin sind leere Tablettenblister. Deren Inneres malt sie teilweise farbig aus, so dass sie an Kirchenfenster oder Edelsteinschatullen erinnern. Zu quiltartigen Wandobjekten verdichtet, wecken Frigaux’ feinsinnige Blistertableaus beim Betrachter Vorstellungen von Verletzlichkeit und zwischenmenschlicher Fürsorge. Während diese schillernden Gehänge eher wandfüllend daherkommen, bedienen Kwama Frigaux und ihre Galeristin aber auch den Wunsch der Sammler*innen nach kompakteren Werken. Inspiriert durch einen Gastaufenthalt in einem Kloster hat die Künstlerin eine Serie von kleineren Arbeiten geschaffen. Fragmente der mit den Medikamentennamen bedruckten Aluminiumfolien auf der Rückseite der Blisterpackungen verdichtet Frigaux mittels filigraner Vernähungen auf weißem Seidenorganzastoff zu vielfach verzweigten floralen Gebilden. Gehängt in traditionellen Flammleistenrahmen aus mehrfach kassettiertem dunklem Holz wecken sie Assoziationen an Werke der flämischen Renaissance (Preise zwischen 3.400 und 12.000 Euro).
Die Antwerpener Pizza Gallery lenkte die Aufmerksamkeit auf den in Gent lebenden belgischen Bildhauer Kasper De Vos, Jahrgang 1988. Vielfach stehen Lebensmittel im Zentrum seiner tiefsinnig ironischen, gleichsam persönlich-autobiografisch aufgeladenen Arbeiten. Denn Muscheln, Pommes Frites, Waffeln oder beliebte Käsesorten sind es, die das Land trotz aller sprachlichen und politischen Zerrissenheit zwischen Flamen, Wallonen und der deutschsprachigen Minderheit zusammenhalten. In der Koje machten sich denn auch überdimensionale Esskastanien, Kirschen oder Käsestücke breit. Kasper De Vos’ bildhauerisches Können entfaltet aber eine Arbeit, die der Künstler als Selbstporträt betrachtet: Zwei übergroße Männerhände umfassen einen Holzstampfer, der in einer Art Butterfass steht, das allerdings aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einem blauen Deckelfass, wie es in der Chemieindustrie verwendet wird, eher etwas irritiert (Preise zwischen 1.200 und 8.000 Euro).
Auch wenn die Art Brussels in diesem (Krisen-)Jahr etwas kleiner und überschaubarer auftrat, muss man sich um die Zukunft der Messe wohl keine Sorgen machen. „Die Belgier sind neugierig auf Künstler, die sie noch nicht kennen, ganz im Gegensatz zu den Franzosen“, sagt Sébastien Janssen. „Sie lassen sich gerne überraschen. Das gehört zum belgischen Spirit. Und sie nehmen sich Zeit, um über Kunst zu diskutieren.“ Und wo sollten sie das lieber tun, als auf der auch in diesem Jahr mit viel frischer Ware aus aller Welt ausgestatteten Art Brussels? Die Besucherzahl gibt Janssen und der Messe jedenfalls recht: Sie lag mit knapp 26.000 Gästen um rund 1.200 höher als im vergangenen Jahr.
Die Art Brussels findet im kommenden Jahr vom 15. bis 18. April 2027 statt.
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