 |  | Augsburg, Kabinettschränkchen, um 1660/70 | |
Im 16. und 17. Jahrhundert war Augsburg ein führendes Zentrum in der Produktion von Luxusmöbeln. Schon die Zeitgenossen staunten etwa über den um das Jahr 1606 ausgeführten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten „Pommerschen Kunstschrank“, an dem 24 Künstler und Kunsthandwerker gearbeitet haben sollen. Solche repräsentativen Kabinettschränke, die wohl der maurischen Tischlerei Spaniens entsprangen, wurden aus teuren Materialien gefertigt, dienten mit ihren Schubladen und Geheimfächern der Aufbewahrung und Präsentation wertvoller Sammlungsobjekte und waren ein Blickfang in den Wunderkammern der europäischen Fürstenhöfe. Eines dieser reich verzierten Statussymbole ist nun ein Höhepunkt in der kommenden Auktionsrunde im Wiener Dorotheum. In opulenter Gestalt tritt uns eine nach architektonischen Gesichtspunkten gegliederte Fassade mit korinthischen Säulen, Gebälk, Giebeln und Nischen aus Schildpatt, Ebenholz, Silberapplikationen und Marmor entgegen, die die Faszination der Renaissance an der Antike wiedergibt. Sechszehn Schubladen rahmen eine Tür im Zentrum, die mit ihrem Boden in Perlmutt-Marketerie eine perspektivische Wirkung erzeugt. Dahinter verbirgt sich eine Inneneinrichtung in Form eines verspiegelten gotischen Raums mit bemaltem Kreuzrippengewölbe und Balustrade. Dieses kunstvolle Augsburger Mini-Universum hat seinen Preis: Das Dorotheum will dafür 70.000 bis 100.000 Euro sehen.
Wer am 28. April in Wien nicht so viel Geld ausgeben will, kann sich ein kleineres flämisches Kabinettkästchen aus ebonisiertem Weichholz zulegen, dessen Türen und Schubladen um 1700 mit Landschaftsmalereien verziert wurden. Hier stehen nur 4.500 bis 6.500 Euro auf dem Preisschild. Für seine Auktion mit Möbeln, Einrichtungsgegenständen, Teppichen, Skulpturen, Glas, Uhren und Porzellan hat das Dorotheum wieder eine geschmackvolle Auswahl von der Romanik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus zusammengestellt und feiert damit die Meisterschaft der europäischen Kunsthandwerker. Mit Kommoden des 18. Jahrhunderts ist die Möbelabteilung zu Beginn gut bestückt und hält aus französischer Produktion unter anderem Pierre Roussels Exemplar im Tombeauform mit Palisandermarketerie und elegant geschwungenen Bronzebeschlägen (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR) oder eine von Jacques Dautriche, eigentlich Jan van Oostenryk, gestempelte Lackkommode mit fernöstlicher Pagodenlandschaft sowie reicher Figuren- und Tierstaffage auf schwarzem Grund bereit (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). In den frühen Klassizismus weist Roger Vandercruses strenge Kommode mit ihrem ruhigen Furnierbild aus Satinholz und den rechteckigen Bronzerahmungen von circa 1780 (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR).
Möbel aus Europa
Claude-Louis Burgat trat als Stuhlmacher hervor und versorgte die französischen Adelshäuser ab Mitte der 1740er Jahre mit Sitzmöbeln von höchster Qualität. In diese Zeit datieren auch seine beiden geschweiften Fauteuils mit Blumen- und Blattschnitzereien auf dem Gestell, die 6.000 bis 9.000 Euro einfahren sollen. Aufgrund seines dichten Furnierbilds aus Blättern, Blattranken und Blüten weist ein zierlicher Damenschreibtisch aus dieser Zeit in die Niederlande (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Mit einem Kommodenpaar auf Löwenklauen, das in Rom oder Neapel mit Vögeln und Blumen auf Nusswurzelgrund eingelegt wurde, kommt die italienische Möbelproduktion des 18. Jahrhunderts zum Zug (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Dazu gesellt sich aus Italien ein kleines rundes Salontischchen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dessen Platte mit mehreren Tondi bedeutender römischer Bauwerke, darunter dem Petersplatz, in Mikromosaik belegt wurde (Taxe 16.000 bis 20.000 EUR).
Wohl eine italienische Werkstätte ließ sich um 1810/15 bei ihrem Empire-Schreibtisch von einem Modell des Wieners Josef Ulrich Danhauser inspirieren, stattete das ovale Möbel mit dem vergoldeten Zierrat an geflügelten Löwenköpfen, Eichenlaubranken, Blatt- und Zierfriesen aber deutlich verspielter und prunkvoller aus (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR). Trotz ihres repräsentativen Charakters nimmt sich eine drei Meter breite Wiener Büchervitrine aus Ahornfurnier um 1800/10 dagegen schlicht aus (Taxe 14.000 bis 18.000 EUR). Wieder mehr Pracht entfaltet ein russischer Kronleuchter um 1830 aus einem Messinggestell mit umlaufendem Wellen- und Palmettendekor und seinem reichen Glasbehang (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR).
Skulpturen seit der Gotik
Noch in der Spätgotik sind der heilige Kirchenvater Gregor der Große mit ausladendem Bart, Tiara und Buch, entstanden um 1490 in der Werkstatt des Brixener Bildhauers Hans Klocker, und eine etwas jüngere fränkische Anna Selbdritt in verinnerlichter Haltung anzusiedeln (Taxe je 18.000 bis 25.000 EUR). Am Übergang zur Renaissance steht bei den Skulpturen dann eine schwäbische Madonna, die um 1500/20 den Jesusknaben vor ihrem Körper hält und ihn den Gläubigen segnend präsentiert (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR). Mit Johann Peter Schwanthaler d.Ä. und seiner Kleinplastik eines fein geschnitzten Christus am Kreuz ist dann schon das Rokoko erreicht. Aus dem Umfeld der großen Schwanthaler-Sippe in Ried am Innkreis stammt ein Christus bei der Taufe im Jordan, der mit einem Bein im Wasser steht und sich mit gekreuzten Händen vor Brust hinabneigt. Johannes der Täufer aber fehlt (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Johann Christian Jegg wird ein großer, ungefasster Engelskopf zugeschrieben, der den beiden Atlantenputten am Gehäuse der Bruckner-Orgel in Stift St. Florian ähnelt (Taxe 4.500 bis 5.500 EUR).
Die Urheberschaft Giovanni Battista Fogginis für einen nackten Orpheus mit Harfe und den Drachen von Kolchis ist ebenfalls nicht gesichert. Doch die kunstvoll gedrehte Marmorgestalt des mythischen Sängers mit überkreuzten Beinen wird dem Florentiner Bildhauer und Architekten des Spätbarocks zugewiesen (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Nicht gerade als willensstarke und entschlossene Frau gestaltete Pasquale Romanelli im 19. Jahrhundert die Gestalt der Rebekka, wie sie in der Bibel eigentlich auftritt. Seine erotische Marmorfigur ist eher von Zurückhaltung geprägt (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Technische Virtuosität beweist ein Mitarbeiter aus der Werkstatt Orazio Andreonis bei einer blumenstreuenden Vestalin; ihren faltenreichen Schleier hat er um 1860/80 so fein aus dem Marmor herausgearbeitet, dass man meint, die Figur sei tatsächlich in Stoff gehüllt (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR).
Bronzen des Manierismus
Glanzpunkte verspricht eine deutsche Privatsammlung, die in den 1990er und 2000er Jahren mit Sachverstand und Geschmack Bronzeplastiken des italienischen Manierismus und davon inspirierte Schöpfungen aus späteren Jahrhunderten zusammengetragen hat. Mit dem Mailänder Bildhauer und Medailleur Annibale Fontana wird die bewegte Gruppe eines Barbaren mit exaltiert hochgeworfenen Armen auf einem steigenden Pferd in Verbindung gebracht, wobei die schwere und solide Modellierung des Tieres sogar Rückschlüsse auf Leonardo da Vinci zulässt (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR). Auf Severo Calzetta geht die Darstellung des knienden Titanen Atlas mit zwei großen Turboschnecken zurück, die als Behältnisse für Tinte dienten (Taxe 5.000 bis 10.000 EUR). In der Werkstatt des in Ravenna, Padua und Ferrara tätigen Bildhauers entstand ein weiteres Tintenfass, das mit einer Chimäre, die eine Vasentülle auf ihrem Schweif trägt, auch als Kerzenleuchter dient (Taxe 2.000 bis 4.000 EUR).
Funktional ist auch ein venezianischer Kaminbock aus dem frühen 17. Jahrhundert, der über zwei geflügelten Löwenhäuptern, zwei grotesken Masken und zwei Putten mit Trauben bis zu einer Venus Marina samt Delphin als Allegorie des Wassers aufwächst (Taxe 10.000 bis 20.000 EUR). Obwohl Hans Mont um 1545 in Gent geboren wurde, arbeitete er im Stil des südlichen Manierismus in Italien, Österreich, Böhmen und Deutschland. Darauf verweist die aufgewühlte Bronzegruppe „Neptun und Caenis“, die Umsetzung einer kaum bekannten Erzählung aus Ovids „Metamorphosen“, mit ihrer exzentrischen Gestik, die wohl in seiner Werkstatt entstand (Taxe 5.000 bis 10.000 EUR). Höhepunkt der Sammlung ist ein weiterer Frauenraub: hinter der manieristischen Gruppe „Nessus entführt Deianira“ steckt der große flämisch-florentinische Bildhauer Giambologna, die Ausführung lag wohl in Händen seines langjährigen Schülers und Assistenten Antonio Susini. Hier stehen 90.000 bis 150.000 Euro auf dem Etikett.
Erdkugeln, Uhren, Glas, Porzellan und Öfen
Über einen Erdglobus von Joseph Jüttner aus dem Jahr 1839, der sich gut in einer Bibliothek ausmacht (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR), und zwei raumhohen Wiener Bodenstanduhren des Biedermeier in Laterndlform, die mit ausladenden Pendeln und Gewichten ausgestattet sind (Taxen 15.000 bis 20.000 EUR und 20.000 bis 25.000 EUR), geht es zur Abteilung Glas, in der vor allem maurisch inspirierte Fabrikate der Wiener Firma J. & L. Lobmeyr aus dem späten 19. Jahrhundert an vorderster Front stehen, darunter ein Paar Moscheeampeln aus satiniertem Glas mit dunkelrotem Arabeskendekor und Felder mit nachgeahmten arabischen Schriftzeichen (Taxe 10.000 bis 18.000 EUR). Die abschließende Keramiksektion ist wieder etwas breiter aufgestellt und startet beim Porzellan mit der 1718 errichteten Wiener Manufaktur von Claudius Innocentius du Paquier und einem Doppelhenkelbecher sowie einem Koppchen mit Unterschale, die mit Landschaften in Schwarzlotmalerei staffiert sind (Taxe je 1.200 bis 1.600 EUR).
Der wirtschaftliche Erfolg der Manufaktur ließ aber zu wünschen übrig. Wegen der Schuldenlast musste du Paquier sein Unternehmen schließlich 1744 an Kaiserin Maria Theresia verkaufen. Aus der Frühzeit der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur Wien stammen etwa eine weibliche Allegorie auf die Astronomie mit Fernrohr von 1744/49 oder die Gruppe „Pantalone und Columbine“ um 1750 aus der damals allseits beliebten Figurenfolge der Commedia dell’arte (Taxe je 800 bis 1.200 EUR). Mit einer Kratervase, die Joseph Nigg um 1825 im biedermeierlichen Gestus mit „fleurs en terrasse“ bemalt hat, strebt das Angebot der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur bei 70.000 bis 90.000 Euro seinem Höhepunkt zu. Da kann Meißen diesmal nicht ganz mithalten und kommt nur auf 45.000 bis 60.000 Euro für die beiden Freimaurer, die Johann Joachim Kändler und Johann Friedrich Eberlein 1742 mit Zirkel, Kelle, Winkelmaß und einem korinthischen Kapitell als Symbole für Menschenliebe, Zusammenhalt, Moral und Tugend sowie dem obligatorischen Mops ausgestattet haben. Aus der Meißner Commedia dell’arte-Folge liegt das Duo „Scaramuz und Columbine“ mit Vogelkäfig ebenfalls aus der Zeit um 1750 vor (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR).
Den Wedgwood-Stil ahmte Meißen um 1817/24 mit einem Paar Kratervasen nach, die auf resedagrünem Fond Motive nach der sogenannten „Portlandvase“ respektive den neun Musen mit Apoll aus weißem Biskuitporzellan zeigt (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Um 1860/70 griff Meißen noch einmal auf fernöstliche Dekore zurück und verzierte ein hohes blauweißes Vasenpaar nach chinesischem Vorbild mit Lambrequins aus Blattwerk und Blüten, Päonien, Blumen auf halben Blüten, Rautenbordüre, Gitterwerk, Phönix, Lanzettblättern und buddhistischen Löwe. Der Kontrast Blau-Weiß ist ebenfalls bei drei Kratervasen um 1950/70 vorherrschend, die Limoges-Malerei mit antik-mythologischen Sujets imitieren (Taxen zwischen 24.000 EUR und 40.000 EUR). Mit drei Potpourrivasen in Neorokokoformen aus dem frühen 20. Jahrhundert beteiligt sich auch KPM an der Versteigerung in Wien: Eine präsentiert Ansichten des Berliner Stadtschlosses mit den Eosanderportal und der Langen Brücke (Taxe 28.000 bis 40.000 EUR), die beiden anderen dichte Blumenbouquets in Weichmalerei (Taxen zwischen 38.000 EUR und 65.000 EUR). Mit einem barocken, elfenbeinfarben glasierten Kachelofen samt pagodenartiger Laterne (Taxe 12.000 bis 20.000 EUR) und seinem jüngeren klassizistischen Pendant mit reliefierten Blättern und halbplastischen Lorbeerfeston in Türkisblau schließt die Auktion (Taxe 11.000 bis 18.000 EUR).
Die Versteigerung beginnt am 28. April um 13 Uhr. Eine Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 18 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com. |