Pierre Molinier mit zeitgenössischer Resonanz in Gießen  |  | Pierre Molinier, La poupée, 1956/57 | |
Mit der Ausstellung „Sui Generis“ würdigt die Kunsthalle Gießen ab heute das Schaffen von Pierre Molinier. Anlass ist der 50. Todestag des Franzosen, der mit seinen sexuell aufgeladenen und mit Fetischen bestückten Fotografien ab den 1950er Jahren für Aufsehen sorgte. Dazu haben die Kurator*innen Nadia Ismail, Christophe Gaillard und Camille Gouget Fotografien, Archivmaterial und persönliche Objekten aus Moliniers Wohnatelier ausgewählt und geben mit ihnen einen Einblick in sein Leben und Werk, die eng miteinander verknüpft sind. Denn Pierre Molinier machte den eigenen Körper zum Werkzeug seiner Kunst und schuf vorwiegend surreale Portraits von sich selbst mit weiblichen Attributen. Als zeitgenössischen Reflex auf Molinier stellt das Kuratorenteam eine neue Arbeit von Angélique Aubrit und Ludovic Beillard vor.
Mit seiner Kunst schuf der 1900 im südfranzösischen Agen geborene Molinier eine obsessive Selbstinszenierung und körperliche Selbstbefragung. Seinen eigenen Leib formte er durch fotografische Verfahren wie Montage, Fragmentierung und Vervielfältigung immer wieder neu und setzte sich dadurch in anderen Zusammenhängen in Szene. Dabei nutzte er speziell angefertigte Requisiten und umgab sich fetischhaft mit Puppen, verschiedene Prothesen, Strümpfen, Stöckelschuhen oder Dildos, die seine Person zugleich betonten, aber auch auflösten. So entstanden hybride Bildkörper und eine von ihm neugeschaffene Spezies, die zwischen Mann und Frau, Mensch und künstlicher Schöpfung oszillieren und klassische Vorstellungen von Identität und Geschlecht gezielt unterlaufen.
Seine erotisch aufgeladenen Fotos inszenierte Pierre Molinier in seinem Wohnatelier in Bordeaux, das als theatralisches Setting und konstante Kulisse eine entscheidende Rolle in vielen seiner Bilder spielt. Eine barocke Tapete, ein ebenso opulent anmutender Paravent und ein gepolsterter Stuhl tauchen immer wieder als Requisiten auf und verweisen auf die boudoirhafte Atmosphäre, mit der Molinier sich umgab. Seine Wohnung war zugleich Bühne und Atelier und gefüllt mit Perücken, Masken, Kostümen, phallischen Requisiten und Schaufensterpuppen, die wiederholt in seinen Fotografien zum Einsatz kamen.
Angélique Aubrit und Ludovic Beillard, die seit 2021 als Duo zusammenarbeiten, verbinden Skulptur, Installation, Video und Performance zu immersiven Environments, die von grotesken Figuren bevölkert sind. In diesen burlesken, oft absurden Szenarien verschränken sich Theater, Bildhauerei und Film zu dichten Erzählräumen. Für die Schau in Gießen führen sie ihr 2024 begonnenes Projekt „une solitude vraiment terrible“ weiter, haben dafür ein begehbares Apartment eingerichtet, in dem ihre oft unheimlich anmutenden Figuren mit hölzernen Köpfen, Händen und Füßen und Kleidern aus Stoffen leben, und schlagen ein weiteres Kapiteln für ihren umfassenden Film auf, der vom Zusammenbruch des kapitalistischen Systems handelt. In „Le moineau“ (Der Spatz) treten zwei Schwestern auf, die von Aubrit und Beillard oder Laienschauspielern in einer Performance zum Leben erweckt und filmisch festgehalten werden. Das Schwesternpaar hat sich dazu entschieden, zusammenzuleben und zum Selbstschutz ihre Kontakte zur Außenwelt einzuschränken, um innerhalb ihrer Wohnung ein paralleles Leben zu erfinden. „Le moineau“ ist somit ein Echo auf Leben und Werk von Pierre Molinier.
Die Ausstellung „Pierre Molinier. Angélique Aubrit & Ludovic Beillard – Sui Generis“ läuft vom 24. April bis zum 12. Juli. Die Kunsthalle Gießen hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Kunsthalle Gießen
Berliner Platz 1
D-35390 Gießen
Telefon: +49 (0)641 – 306 20 22 |