 |  | Constantin Brancusi, La Muse endormie, 1910 | |
Ausgangspunkt und Basis für das Schaffen vieler Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war die heimatliche Volkskunst. Dies gilt auch für den aus Rumänien stammenden Bildhauer Constantin Brancusi. Geboren 1876 im Dorf Hobita in der Kleinen Walachei, kam er schon früh mit der dortigen traditionellen Schnitzkunst in Berührung. Von ihr entlehnte Ornamente finden sich später in seinen Holzskulpturen und Sockeln. Ab 1894 besuchte Brancusi die Kunstgewerbeschule in Craiova, anschließend die Bildhauerklasse der Kunstakademie Bukarest. Ab 1904 lebte er in Paris, wo er für drei Jahre an der École nationale supérieure des beaux-arts studierte und im Anschluss kurzzeitig im Atelier des Bildhauers Auguste Rodin arbeitete. All diese Erfahrungen und Lehrinhalte aufnehmend, entwickelte Brancusi ab 1907 seinen individuellen Stil und führte seine organisch-minimalistischen Skulpturen mit überwiegend hell glänzend polierten Oberflächen an die Grenze zur Abstraktion.
Den gesamten Kunstbesitz samt Atelier vermachte Brancusi, der seit 1952 die französische Staatsbürgerschaft besaß und 1957 in Paris starb, dem französischen Staat. Heute wird dieser Korpus im Centre Pompidou verwahrt. Dessen derzeitige Sanierung ermöglichte die Ausleihe seiner Werke an die Neue Nationalgalerie in Berlin, die lediglich eine Arbeit Brancusis besitzt. Die große puristische Glashalle des Mies van der Rohe-Baus mit ihren klaren Kanten bietet nun einen kongenialen Rahmen für eine Schau, in der erstmals seit 1957 ein Teilensemble des Künstlerateliers außerhalb von Paris gezeigt wird. Constantin Brancusi betrachtete es als eigenständiges Kunstwerk; das Atelier gilt als Schlüssel zum Verständnis seines Schaffens. Um das mittig in der Halle inszenierte Raumensemble mit Werkzeugen und Mobiliar versammeln sich im großen Bogen Archivalien, Objekte, Fotografien und Filme, die das Leben des Bildhauers illustrieren, darunter auch ein von Oskar Kokoschka gemaltes Porträt. Umgeben ist das Herzstück der Schau von rund 150 weitgehend chronologisch angeordneten Hauptwerken, die das Kuratorenduo Klaus Biesenbach und Maike Steinkamp in einer aus Podesten und gerundeten Vitrinen bestehenden Ausstellungsarchitektur anordnete.
Mit Werken aus der um 1907 einsetzenden, auf das Wesentliche reduzierten Formensprache startet die Schau. Während sich in der Skulptur „Schlaf“ aus dem Jahr 1908 der Kopf noch in der Tradition Rodins aus dem Marmor schält, verzichtete Constantin Brancusi kurz darauf bei dem „Kopf eines schlafenden Kindes“ oder den drei Versionen der 1910 entstandenen „Schlafenden Muse“ immer mehr auf naturalistische Details. Die stilisierten, polierten archaischen Gebilde erinnern an Eier, Zellen oder vom Meer geschliffene Kieselsteine und versinnbildlichen Brancusis Suche nach den Ursprüngen des Lebens. Ab 1909 kontrastieren bei Experimenten mit weiblichen Torsi unbehauene Flächen mit geschliffenen Partien. In der Folge weiterer Stilisierungen verschmolzen dann weibliche und männliche Zuordnungen. Brancusi neigte zum Spiel mit Doppeldeutigkeiten und Wandlungen, bei denen das Geschlecht unbestimmt bleibt, was einen dadaistischen Geist des Protestes reflektiert. Des Weiteren wechseln glatte Formen mit grob behauenen Partien ab, die vor allem für die Sockel kennzeichnend sind. Für Brancusi sind die geometrischen Podeste nicht nur Standflächen, sondern gehören fest zur Skulptur. Ab 1916 verkaufte er Werke und Sockel gemeinsam.
In den weiteren Abschnitten widmet sich die Auswahl den wenigen Motiven, auf die sich Constantin Brancusi konzentrierte und die er formal und mit wechselnden Materialien und Oberflächen variierte. Dazu zählen besonders Porträts. Manche tragen Namen von ihm bekannten Personen, die ihn inspirierten. Dabei reduzierte er die Gesichtszüge auf einfache Linien und allgemeingültige abstrakte Prägungen ohne eine individuelle physische Ähnlichkeit. Der Kuss ist ein immer wiederkehrendes Sujet. Zwei zugewandte, ineinander aufgehende Personen presste er stark vereinfacht in eine Blockform. Hier kommt ein Verlangen nach Monumentalität zum Ausdruck, was ab 1917/18 in Gestalt von „Endlosen Säulen“ mündete. Bis zu fast dreißig Metern Höhe stapelte Brancusi rhombenförmige Module aufeinander, um so die Verbindung zwischen Himmel und Erde zu markieren.
Zeitlebens arbeitete Brancusi an verschiedenen Serien von Tierskulpturen, von denen sich zahlreiche in den letzten Kapiteln versammeln. Fische, Hähne, Robben, Schwäne oder Schildkröten kreierte er in verschiedenen Formaten und Materialien, wobei es ihm nicht um ein realistisches Abbild, sondern um die Bewegung der Tiere und deren symbolischen Gehalt ging. Dies erreichte er durch die Kombination glatter, reflektierender Oberflächen mit Fokussierung auf das typische Agieren der Tiere. Besonders oft verewigte er den Vogel in Bronze, Gips oder Marmor. Ausgehend von dem in rumänischen Volksmärchen beheimateten, magischen, prachtvollen Vogel „Maiastra“ streckte und verschlankte er die Figur weiter. Mit ihren langgestreckten Bronzekörpern thronen sie auf langen schmalen Sockeln, wobei ihnen die stark glänzenden Oberflächen eine fast überirdische Aura verleihen. Sie entfalten sich in den Raum, spiegeln und verzerren die Umgebung, was für Brancusi ein Entkommen der irdischen Existenz und den Aufstieg zur Spiritualität bedeutete.
Die am Schluss des Rundganges stehende Plastik „Leda in Bewegung“ setzte er auf eine rotierende Scheibe aus Metall mit dem Ergebnis einer ständigen Wandlung. Die polierte, eine Wasseroberfläche signalisierende Scheibe bewirkt eine Verdopplung des Bildes und eine Entfaltung unzähliger Reflexionen, die er in einem Film festhielt. Mit Filmaufnahmen und selbst gefertigten Fotografien inszenierte Brancusi die „Verlebendigung“ seiner Werke, wobei sich die Grenzen zwischen Objekt und Raumspiegelung ins Immaterielle und Mystische verschieben. In dieser Stimulation finden Brancusis Werke ihre Vollendung.
Die Ausstellung „Brancusi“ ist bis zum 9. August zu sehen. Die Neue Nationalgalerie hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Distanz Verlag erschienen, der im Museum 38 Euro, im Buchhandel 44 Euro kostet. |