 |  | in der Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ | |
Den meisten ist Günther Uecker als der Künstler, der mit Nägeln arbeitet, oder kurz als „Nagelkünstler“ bekannt. Dass dieses Etikett zwar bedingt stimmt, gleichzeitig aber der Tiefe seines Werkes überhaupt nicht gerecht wird, untermauert jetzt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck mit der Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“. Es handelt sich dabei um die erste Museumsschau nach dem Tod des im Juni 2025 mit 95 Jahren verstorbenen Künstlers und die letzte Ausstellung, an der er in der Planungsphase noch konzeptuell mitgewirkt hat. Kuratorin Jutta Mattern und Jacob Uecker, Sohn des Künstlers, der das Uecker Archiv leitet, haben rund 45 Werke aus den Jahren 1957 bis 2020 ausgewählt und geben damit einen Überblick über sieben Jahrzehnte aus Ueckers künstlerischem Schaffen.
Den von dem amerikanischen Architekten Richard Meier entworfenen Neubau des Arp Museums erreicht man, indem man vom unten im Bahnhof Rolandseck gelegenen Eingang bis ans Ende eines Fußgängertunnels geht, der in die felsige Uferpartie des Rheins hineingetrieben wurde. Dort direkt vor den Aufzügen, die einen dann in die eigentlichen Ausstellungsräume hinauftransportieren, hat Jutta Mattern, die sich mit dieser Schau übrigens in den Ruhestand verabschiedet, den nur wenige Minuten langen Schwarzweißfilm „Die Treppe“ aus dem Jahr 1964 platziert.
Zu sehen ist der in weiße Arbeitskleidung gewandete Günther Uecker, wie er zunächst im Außenraum, dann aber auch auf der Holztreppe des alten Bahnhofsgebäudes eine Spur aus Nägeln hinterlässt, indem er diese, einen nach dem anderen, in die zurückgelegte Wegstrecke einschlägt. Auf der Tonspur hört man lediglich die unausweichlichen Hammerschläge und zwischendurch einmal das rhythmische Rattern eines vorbeifahrenden Schnellzuges. Es wird rasch klar, dass der Künstler als junger Mann im Rahmen dieser Aktion bereits einmal am Bahnhof Rolandseck war und die Ausstellung daher ganz bewusst an diesem Ort stattfindet.
Rückkehr an eine frühe Wirkungsstätte
Das Arp Museum, das 2027 sein zwanzigjähriges Bestehen feiert, wäre ohne die Pionierarbeit des rheinischen Galeristen und Kunstsammlers Johannes Wasmuth (1936-1997) gar nicht zustande gekommen. Dieser transformierte den heruntergekommenen Bahnhof Rolandseck Anfang der 1960er Jahre zusammen mit einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern zu einem Kulturort an der Peripherie der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Der Künstlerbahnhof Rolandseck war geboren. Mit dabei war neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Yves Klein oder Gotthard Graubner eben auch Günther Uecker.
Die aktuelle Ausstellung stellt insofern die folgerichtige Rückkehr Ueckers an eine frühere Wirkungsstätte dar und spannt einen weiten Bogen durch sein Werk. Mit der Präsentation der Arbeit „Bett zum Aufwachen“ aus dem Jahr 1965 knüpft Jutta Mattern noch einmal an die Vorgeschichte an. Uecker hatte die monumentale Schlafstätte damals gebaut, um für Johannes Wasmuth in dem damals noch unrenovierten Bahnhofsgebäude einen Ort des Rückzugs und der Regeneration zu schaffen. Das minimalistische Möbel aus Holz verfügt über eine 260 Zentimeter hohe Rückwand und eine Art Baldachin. Beide sind in typisch Ueckerscher Manier mit wogenden Feldern aus Eisennägeln „besiedelt“.
An Tafelbilder erinnernde Nagelformationen der unterschiedlichsten Art finden sich in der Ausstellung natürlich etliche. Neben Kompositionen auf Leinwand, die an wogende Weizenfelder, diffuse Wolkenformationen oder sich auftürmende Meeresbrandungen erinnern, versammelt die sehenswerte Schau aber auch etliche Übernagelungen von Alltagsgegenständen. So konterkariert Uecker die wohlstandsverliebte Biederkeit der frühen 1960er Jahre, indem er in der Arbeit „TV auf Tisch“ von 1963 einen kleinen Fernseher mit Holzgehäuse auf einem runden Tisch im Chippendale-Stil platziert und beide Objekte mit einer sich nach oben hin zunehmend verdichtenden Nagelinvasion überzieht. Weitere bearbeitete Fundstücke wie etwa ein Piano, ein Stuhl oder ein kleiner Beistelltisch setzen diese Akte der Aneignung und Anverwandlung von Alltagsobjekten fort.
Kritische Neukontextualisierung von Konsumfetischen
Ueckers Neukontextualisierung von Alltagsgegenständen erinnert dabei entfernt an Marcel Duchamps Readymades. Doch während bei Duchamp eher der nüchtern-intellektuelle Akt des Auswählens und Ausstellens im Vordergrund steht, nähert sich Uecker den Gegenständen mit geradezu transformatorischem Furor. Was er haptisch bearbeitet, verliert seine eigentliche Funktion und wird zu etwas gänzlich Neuem umdefiniert. Dabei wird er im Laufe seiner Karriere von unterschiedlichen Motivationen angetrieben. Dominiert zunächst noch mehr die an Formfragen sich abarbeitende Modellierung von Oberflächen, das Wechselspiel von Licht und Schatten, Verdichtungen und Verstreuungen des Nagelmaterials, so kommt nach und nach ein zunehmend von Gesellschafts- und Konsumkritik motivierter Antrieb hinzu.
Die Ausstellung in Remagen verdeutlicht auch das an mehreren Exponaten. Er habe „Kulturfetische übernagelt wie Pianos oder einen Fernsehapparat, der damals ein ungeheures Wertobjekt war“, so Uecker in einem Interview von 1972. Und weiter: „Da habe ich einfach dieses optische Material, das sich mit Hilfe des Nagels darstellt, auf die Gegenstände geschwemmt.“ Häufig jedoch gesellt sich zu den Nägeln auch noch ein zweiter Überzug in Form weißer Farbe hinzu. Die malerische Geste hat Uecker zeitlebens nicht aufgegeben, sie jedoch in immer wieder neue, ihm und seiner Zeit gemäße Experimente und Innovationen überführt.
Die Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt aber auch eher selten präsentierte Werkaspekte. Ende der 1960er Jahre beginnt Günther Uecker, seinen Materialkosmos zu erweitern. Jetzt werden auch Materialien wie Sand, Erde, Holz und Textilien zu physischen Trägern seiner künstlerischen Ideen. In Remagen ist etwa die raumfüllende Arbeit „Sandmühle“ zu sehen, ursprünglich gestaltet im Jahr 1969. In der Mitte eines aus relativ grobem Sand geformten Kreises mit einem Durchmesser von sieben Metern befindet sich ein elektrischer Antrieb, der an langen Holzstangen befestigte dünne Seile mit kleinen Knoten an den Enden in gleichbleibendem Tempo langsam durch den Sand pflügen lässt. Die Arbeit strahlt eine große meditative Ruhe aus und gemahnt das Publikum an Vorstellungen von Gelassenheit, kosmischer Ordnung und universeller Spiritualität.
Nachdenken über die Verletzlichkeit der Welt
In den 1970er Jahren, zu einer Zeit also, als, angeregt durch die aufrüttelnden Stellungnahmen der internationalen Wissenschaftlervereinigung „Club of Rome“, ein intensiveres Nachdenken über Umwelt-, Klima- und Gerechtigkeitsfragen einsetzte, beginnt Günther Uecker vermehrt damit, auch abgelegene Weltgegenden zu bereisen und sich intensiv mit außereuropäischer Kultur und der oft prekären Situation indigener Völker zu beschäftigen. Gleichzeitig fängt er im Fahrwasser der Studentenunruhen zudem damit an, die Exklusivität der Kunstinstitutionen zu verlassen und in Form von Aktionen oder Performances im öffentlichen Raum zu agieren.
In Remagen sind dazu Exponate ausgestellt, die aus Ueckers Beschäftigung mit neuen Themenfeldern wie dem Waldsterben erwachsen sind, etwa die zwölfteilige Installation „Wald, Hängende Steine“ von 1989/90, die Uecker aus auf dem Boden stehenden, unterschiedlich hohen Baumsegmenten konstruiert hat, an denen mit Stoffstreifen befestigte Steine hängen. Ein Überzug mit Leim und Asche verleiht dieser Arbeit zudem eine schamanistische Komponente. Von der Verletzbarkeit des Menschen durch seine Artgenossen zeugt die Arbeit „Verletzungen – Verbindungen“ aus dem Jahr 1982. Aggression und der Versuch der fürsorglichen Heilung oder des notdürftigen Zusammenflickens bilden die zwei miteinander konkurrierenden Pole dieser Arbeit. Von einer stangenartigen Befestigung herabhängende und zu unregelmäßigen Streifen zerrissene Baumwollfetzen erinnern an Verbandstoffe und fungieren als notdürftige Aufhängung für teils mit Nägeln versehene Elemente aus einfachem unbehandeltem Holz.
„Wenn ich dem Erfahrenen und Erinnerten eine Struktur gebe, es dynamisiere und mit Zwischenräumen versehe, ist dies ein Palaver des Unalphabetischen“. So charakterisierte Günther Uecker in einem Gespräch mit dem Autor Heinz-Norbert Jocks aus dem Jahr 2011 seine künstlerische Methode. Die Ausstellung in Remagen zeigt Günther Uecker als einen bis zu seinem Lebensende stets wachen, innovationsfreudigen und zunehmend auf gesellschaftliche Veränderungen und Prozesse reagierenden Künstler, dessen ästhetisches und gesellschaftlich-visionäres Vermächtnis mit Sicherheit noch lange nachhallen wird.
Die Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ ist bis zum 14. Juni zu sehen. Das Arp Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 9 Euro. Zur Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König ein Katalog mit historischen Texten alter Weggefährten sowie Gedichten und Textauszügen von Günther Uecker erschienen. Er kostet 39 Euro. |