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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Das Heidelberger Auktionshaus Winterberg versteigert Gemälde und vor allem Arbeiten auf Papier aus fünf Jahrhunderten

Im stillen Arkadien



Jean Jacques de Boissieu,  Flusslandschaft mit rastender Hirtenfamilie in der Nähe von Rom, 1786

Jean Jacques de Boissieu, Flusslandschaft mit rastender Hirtenfamilie in der Nähe von Rom, 1786

Arkadien galt schon in der Antike als Ort unbeschwerten Lebens in Harmonie mit der unberührten Natur. Dabei waren die Arkadier ein raues Hirtenvolk, geprägt von dem bergigen Hochland auf der Peloponnes, das durch seine isolierte geografische Lage nicht gerade die Menschen anzog. Dennoch entwickelte sich Arkadien zu einem poetischen Begriff für die idyllische Vision vom einfachen Hirtenleben, unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck. So stellte sich auch Jean Jacques de Boissieu sein Arkadien vor, als er 1786 mit Feder und Pinsel eine Flusslandschaft mit rastender Hirtenfamilie in der Nähe von Rom ausarbeitete. Nichts trübt den weiten Blick des Franzosen, der erstmals 1764 Italien bereiste, über die geschmeidige heitere Natur, in der sich eine Hirtenfamilie mit ihren Ziegen sorglos an dem Flusslauf niedergelassen hat. Boissieus mit 2.400 Euro taxierte Zeichnung ist eines von weiteren Arkadienbildern des 18. Jahrhunderts, die das Heidelberger Auktionshaus Winterberg in seiner kommenden Auktion offeriert.


Darum gruppieren sich Salomon Gessners braunes Tuschfederblatt einer bukolischen Szene mit einem musizierenden Trio auf einem Fels am Wasser von etwa 1767 (Taxe 1.850 EUR), mehrere Arbeiten von Ferdinand Kobell, darunter eine Landschaft mit Bogenbrücke und Tempel bei Sonnenaufgang oder seine bewaldete Gegend, die er mit antiker Ruine und Sarkophag etwas heroischer ausformuliert hat (Taxe je 750 EUR), oder Johann Christian Reinharts wiederum italienische Landschaft an einer Meeresbucht mit einem Bauern samt Vieh (Taxe 1.200 EUR). Mit Adrian Zingg und seiner Pinselzeichnung eines Felsabhangs samt Kirche, vor dem im Vordergrund Ziegen, eine Frau mit Tragekorb und zwei Männer ihren unanstrengenden Tätigkeiten nachgehen, geht es dann in nördliche Gefilde (Taxe 400 EUR). Hier haben zudem Johann Christian Klengel seine Burgruine an einem flachen baumbestandenen Gewässer mit einigen Kühen (Taxe 1.250 EUR) und Nicolaas Wicart sein Aquarell mit einer Flusslandschaft samt Gehöft angesiedelt (Taxe 2.800 EUR). Auch der Schweizer Balthasar Anton Dunker zeigt sich bei seinem bewegten Flusslauf mit einigen Häusern heimatverbunden und arbeitete seine aquarellierte Zeichnung mit einem kleinen Boot, das über ein Wehr schippert und zu kentern droht, etwas lebhafter aus (Taxe 1.800 EUR). In Johann Caspar Schneiders Ölgemälde einer idealen, südlich inspirierten Landschaft mit rastender Hirtin und einem Bauern samt seinem Esel auf einer Brücke von 1789 klingt noch eine arkadische Sehnsucht an (Taxe 2.500 EUR).

Alte Städte

Für seine Frühjahrsauktion am 18. April hat Thilo Winterberg wieder eine ansprechende Auswahl vor allem an Arbeiten auf Papier aus fünf Jahrhunderten zusammengetragen und sie mit Gemälde und Skulpturen durchsetzt. Zu den ältesten Stücken gehören vier Stadtansichten aus der „Schedelschen Weltchronik“, verlegt beim Nürnberger Buchdrucker Anton Koberger im Jahr 1493. Die illustrierenden Holzschnitte von Michael Wolgemut zeigen Florenz und Venedig (Taxe je 980 EUR) sowie Konstanz (Taxe 750 EUR) und München in ihrer noch mittelalterlichen Gestalt (Taxe 720 EUR). Aus dem Bereich der Buchminiaturen liegt eine Darstellung von Christus am Kreuz mit den trauernden Maria, Johannes und Maria Magdalena, die kniend den Kreuzesstamm umfasst, aus einem oberitalienischen Missale um 1600 vor (Taxe 1.200 EUR). Salvator Rosa steuert die dramatische Radierung „Der Gigantensturz“ aus dem Jahr 1663 bei (Taxe 1.380 EUR), Giovanni Battista Piranesi die ebenfalls bewegte Grafik „Der Triumphbogen“ aus seiner Folge der „Grotteschi“ von 1750“, obwohl hier alles leblos und ruinös ist (Taxe 1.200 EUR), und Giovanni Domenico Tiepolo mit der „Heiligen Familie bei einer Pyramide vorbeiziehend“ und der „Rast der Heiligen Familie in einem Wald“ zwei Radierungen auf der „Fuga in Egitto“ von 1750/53 (Taxe je 1.450 EUR).

Zahlreiche Künstler zog es im 19. Jahrhundert nach Italien, die von der klassischen Antike, der Kunst der Renaissance und der mediterranen Landschaft hierher gelockt wurden, darunter Christoph Heinrich Kniep, der seinen Ausblick aus einer Meeresgrotte auf ein Segelboot in einem frühromantischen Gestus zeichnete (Taxe 900 EUR), oder Carl Rottmann, der sein Panorama „Cap Zaffarano auf dem Weg nach Termini“ in der Bucht bei Palermo zart mit Bleistift ausführte (Taxe 2.800 EUR). Friedrich Salathé legte seine Ansicht von Grottaferrata in den Albaner Bergen vermutlich um 1816 an, als er in Rom weilte und von dort aus Zeichenausflüge in die Umgebung unternahm, Friedrich Nerly das Castello Orsini-Odescalchi di Palo aus dem 16. Jahrhundert am Strand von Ladispoli am Tyrrhenischen Meer im Jahr 1834 (Taxe je 980 EUR). Carl Wagner ließ 1824 seinen Blick über Palestrina, das antike Praeneste, am Hang des Monte Ginestro schweifen (Taxe 780 EUR), und August Leopold Venus entdeckte 1869 ein Bauernhaus in Albano mit einigen Landleuten davor (Taxe 980 EUR).

Malerisch wird es bei den Neueren Meistern unter anderem mit Eugen Napoleon Neureuther. Für den kunstbegeisterten Münchner Juristen Georg von Dessauer, Rechtsberater des bayerischen Königshauses, schuf er 1835 vier Enkaustiken mit den Kindern des Advokaten, die die sechs Wandgemälde mit Motiven aus dem Amor- und Psychemythos Wilhelm von Kaulbachs im Musikzimmer der Villa Dessauer rahmten. Die Gemälde, auf denen ein Gartenzaun, hinter dem die Kinder in der blühenden Natur ihren sorglosen Beschäftigungen nachgehen, das wiederkehrende Motiv ist, wurden später ausgebaut, galten lange als verschollen und treten nun für 45.000 Euro ihre nächste Station an. Zu Beginn der 1850er Jahre schuf Bernhard Fries seine „Heuernte am Necker“ mit großen Figuren in einem spätbiedermeierlichen Stil, der schon in Richtung Realismus tendiert. Der polnische Genre- und Jagdmaler Jan Chelminski hat 1875 seine „Preußische Jagdgesellschaft zu Pferde“ historistisch in Rokokokleidung gewandet (Taxe je 2.200 EUR). Als eine der wenige Malerinnen ist Clara Lobedan in der Versteigerung mit von der Partie und stellt ihr Blumenstilleben mit Lilien, Anturien und weiteren Treibhauspflanzen von 1872 für 750 Euro zur Verfügung.

Pointillistischer Spitzenreiter

Die Abteilung mit Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert startet wiederum mit einer Frau: Anni Albers schuf 1970 zum 25jährigen Jubiläum der renommierten Kölner Galerie „Der Spiegel“ die Farbserigrafie „St.“, auf der sie kleine weiße Rauten wild durcheinander auf einem beigefarbenen Grund anordnete (Taxe 1.850 EUR). Ansonsten dominiert das männliche Kunstschaffen, in der Moderne etwa Max Beckmann mit seinen expressiven Kaltnadelradierungen „Die Vergnügten“ von 1912 (Taxe 2.800 EUR) und das „Liebespaar I“ aus der Folge „Gesichter“ von 1916 (Taxe 3.400 EUR) oder Arnold Balwé mit seinem spätimpressionistischen sommerlichen Ölgemälde „Kornernte“ (Taxe 5.800 EUR). Karl Hubbuch ist mit über zwanzig Positionen seiner neusachlichen, häufig gesellschaftskritischen Kunst zugegen, darunter dem frechen Frauenkopf „Marianne“, einer Tuschfederzeichnung von 1929/31 für 850 Euro, oder der Radierung „Das Erlebnis dreier Tage. Erinnerungen an Heidelberg und Weinheim“ von 1921 für 980 Euro. Als weiterer regional verankerter Künstler beteiligt sich Rudolf Schlichter mit sechs Zeichnungen, etwa der hügeligen Landschaft mit einem Dorf hinter einer Bahnstrecke (Taxe 380 EUR). Mit einem Schätzpreis von 48.000 Euro erhebt Gottardo Segantini mit seinem divisionistischen Ölgemälde „Vecchio Palazzo Brentano a Bonzanigo“ bei Tremezzo am sommerlichen Comer See von 1927 Anspruch auf die Führungsrolle.

Pablo Picasso mischt mit seinen Grafiken zahlen-, aber auch wertmäßig wiederum gut mit. Zu haben sind unter anderem die Kaltnadelradierung seiner Geliebten „Marie-Thérèse agenouillée contemplant un Groupe sculpté“, Blatt 66 aus der „Suite Vollard“ von 1933 (Taxe 18.500 EUR), die aufeinanderfolgenden Blätter „Minotaure aveugle guidé par une petite Fille au Pigeon“ und „Minotaure aveugle guidé dans la Nuit par une petite Fille au Pigeon“ aus diesem Werkkomplex von 1934 (Taxe je 9.000 EUR) oder das Profilbildnis seiner zweiten Ehefrau „Jacqueline au Mouchoir noir“ von 1958 (Taxe 15.500 EUR). Damals war schon die ungegenständliche Kunst angesagt, in Deutschland etwa das Informel. Dafür listet der Katalog unter anderem Eugen Batz’ gesteinsartigen Aufbau in Erdfarben von 1979/80 (Taxe 1.450 EUR), vWilhelm Friedrich Baier-Burcardos locker verspielte bunte Komposition (Taxe 980 EUR) oder Conrad Westpfahls filigrane rhythmisierte Strukturen aus dem Jahr 1964 (Taxe 1.850 EUR). Aus den USA treten dann Robert Mangold mit seiner minimalistischen Dreieckskonstruktion „A Square within two Triangles“ auf einer Farbserigrafie des Jahres 1977 (Taxe 450 EUR) und Alex Katz mit der poppigen Paarbeziehung „Pas de Deux V (Red Grooms und Liz Ross)“ von 1993/94 hinzu (Taxe 3.500 EUR).

Ungewöhnlich für das Schaffen von Peter Dreher ist die rote terrassierte Landschaft mit einem Bauern und seinem Esel aus seinem Frühwerk um 1955 in expressionistischer Farbgebung (Taxe 2.800 EUR). Besser bekannt ist der Freiburger Maler für seine konzeptionellen Werkreihen zu Alltagsgegenständen mit kaum wahrnehmbaren kleinen Veränderungen. Daraus gibt es die Gemälde „Tag um Tag ist guter Tag“ mit zwei Schlüsseln von 1997 (Taxe 1.800 EUR) und Glasschale „Vitrine with tomato day Räucherfaß I“ von 2001 (Taxe 4.000 EUR) sowie die stille Meereslandschaft mit hohem Himmel unter dem Titel „Seascape“ von 1998 (Taxe 2.400 EUR). Auch Helmut Goettl gehört in den südwestdeutschen Kunstkreis und beschäftigte sich als Realist häufig mit seiner Heimatstadt Karlsruhe, so auch 1962, als er seinen Blick auf die tristen Gleise des Karlsruher Hauptbahnhofs richtete (Taxe 3.500 EUR), ebenso der 1961 in Mannheim geborene Dietmar Brixy, der auf seiner abstrakten Leinwand „Discover“ von 2012 eine verwischte Farbfläche als Grundlage für eine pastos aufgetragene, teils kurvenreiche Farbbahn in Violetttönen anlegte und darüber in der Technik des Dripping noch mehrere Farbspritzer in Grün platzierte (Taxe 2.200 EUR).

Die Auktion beginnt am 18. April um 14 Uhr. Die Vorbesichtigung ist noch bis zum 15. April täglich von 10 bis 17:30 Uhr möglich, der Internetkatalog unter www.winterberg-kunst.de abrufbar.

Kontakt:

Winterberg Kunst

Hildastraße 12

DE-69115 Heidelberg

Telefon:+49 (6221) 915 990

Telefax:+49 (6221) 915 99 29

E-Mail: info@winterberg-kunst.de

Startseite: www.winterberg-kunst.de



14.04.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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