 |  | Judith Leyster, Selbstportrait, um 1630 | |
Besucht man derzeit das Museum der schönen Künste in Gent gerät eine Gruppe von Malerinnen in den Blick, die sich selbstbewusst bei ihrer Profession präsentieren. Die Farbpalette fest im Griff der linken Hand, sitzen sie in souveräner, stolzer Haltung und mit aufgewecktem Blick vor ihrer Staffelei. So malte sich um 1630 Judith Leyster. Ihr Ölporträt zeigt, wie sie gerade an der Illustration eines Violine spielenden Komikers arbeitet. Keineswegs zufällig wirkt die motivische wie auch malerische Nähe zu Frans Hals. Denn lange wurde die 1609 in Haarlem geborene Künstlerin als dessen Schülerin gehalten, was aber nicht gesichert ist. Nur rund 50 authentische Werke lassen sich bislang von Leyster nachweisen, da nach ihrer Eheschließung mit dem Maler Jan Miense Molenaer im Jahr 1636 Hausarbeit angesagt war. Ein spätes Selbstporträt wurde im Dezember 2016 bei Christie’s in London für 485.000 Pfund brutto versteigert, ihre „Lustige Gesellschaft“ erzielte zwei Jahre später über 1,8 Millionen Pfund. Aber auch Maria Schalcken, eine Mitte des 17. Jahrhunderts im niederländischen Made geborene Pfarrerstochter, gehört zu den Barockmalerinnen des Goldenen Zeitalters, von der gleichfalls nur wenige Werke bekannt sind. In ihrem Selbstporträt sitzt sie vor einem Landschaftsbild, auf das sie stolz mit der rechten Hand hinweist und so für sich wirbt.
Alle diese Gemälde bestechen durch eine technisch virtuose, feinmalerisch routinierte Ausführung, bei der man sich fragt, wieso die Barockkünstlerinnen bislang in einer von Männern dominierten Malereigeschichte nicht stärker in den Vordergrund traten. Erstmals möchte nun das Museum voor Schone Kunsten in Gent mit der Schau „Unvergesslich. Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600-1750“ einen Überblick über weibliches Kunstschaffen jener Epoche geben. Dabei weisen die Exponate zugleich auf einige widrige Umstände hin, etwa das anonyme Schaffen vieler Frauen, was zu Beginn der Ausstellung ein großformatiges Ölporträt einer unbekannten Malerin verdeutlicht. Immerhin gelang es der Kuratorin Frederica Van Dam, rund 140 Exponate in sieben thematischen Kapiteln zu platzieren. Neben 60 hochkarätigen Gemälden, meist Glanzlichter aus renommierten, oft amerikanischen Museen, finden sich Arbeiten aus weiteren künstlerischen Disziplinen, speziell der Druckgrafik, Bildhauerei oder des Kunsthandwerks. Damit möchte Frederica Van Dam wirtschaftliche, soziale und gesellschaftlich-familiäre Aspekte beleuchten. Immer wieder begegnet man im Verlauf des großzügig arrangierten Parcours den eingangs in stolzer Positur vorgestellten Malerinnen, deren Erscheinung als Bühne maximaler Selbstoptimierung zu verstehen ist.
Wie Tradition und Ehrgeiz ineinandergreifen, demonstrieren im Folgenden Arbeiten von Susanna van Steenwijck oder Maria Tassaert. Von letzterer kann das Stillleben mit einer Girlande aus Früchten, die an blauen Bändern hängt und eine Nische mit einem gefüllten Römer rahmt, bewundert werden, das einzige bekannte signierte Werk der Tochter eines Malers und einer Malerin. Sie spezialisierte sich auf die Kombination von Blumen- und Fruchtgirlanden mit Figuren. Auch Steenwijck griff auf traditionelle und beliebte Sujets zurück und war von der Familie beeinflusst. Ihr wiederum schmales Œuvre legt einen Schwerpunkt auf die Architekturmalerei; in Gent sind ein bemaltes Kabinett oder eine Ansicht der Lakenhal von Leiden zu sehen. In mehrerlei Hinsicht war Michaelina Wautier eine Ausnahme, verband sie doch mit großformatigen Historiengemälden den Anspruch auf eigene Kreativität und Schöpferkraft. Aber auch sie wurde nach ihrem Ableben vergessen und ihre Werke anderen Malern zugeschrieben. Ihr Schaffen wird seit 2018 wiederentdeckt und in Ausstellungen gewürdigt, zuletzt im Kunsthistorischen Museum in Wien. Europäischen Rang erarbeitete sich Rachel Ruysch mit außergewöhnlich qualitätvollen Stillleben, zu denen sie seit ihrer Kindheit von der beruflichen Profession ihres Vaters als Botaniker angeregt wurde. Mit ihren Bouquets erzielte sie einen überregionalen Ruf, der ihr temporär die Stellung einer Hofmalerin beim Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz einbrachte.
Abgesehen von einigen aus der wohlhabenden Elite stammenden Malerinnen sind nahezu alle anderen der Mittelschicht zuzuordnen. Sie lernten im familiären Umfeld oder wurden zur weiteren Ausbildung über Kontakte an bedeutende Meister vermittelt. Ihre Werke wurden fast nie vermarktet, sondern dienten als Geschenke im Freundeskreis oder als Mittel persönlicher Entfaltung. Auf die traditionellen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen verweisen in der Schau großartige Spitzen und Stickereien. Die zuhause anonym ausgeübte künstlerische Textilproduktion trug zum Einkommen der Familien teils erheblich bei, denn die schönen, technisch anspruchsvollen kunsthandwerklichen Artikel erfreuten sich breiter globaler Nachfrage. Dies leitet in der Schau in die beiden lokalen und weltweiten Netzwerken gewidmeten Abschnitte über. Neben Frauen, die in der künstlerischen Textilindustrie tätig waren, wie beispielsweise die durch Alben und Musterbücher hervorgetretene Gesina ter Borch, schufen Künstlerinnen für die Massenkundschaft aufgelegte Radierungen und Stiche. Vor allem Geertruydt Roghman wurde durch ihre zahlreich vertriebenen Sujets aus dem Arbeitsleben bekannt.
Die Schau in Gent macht zudem den internationalen Kunstaustausch deutlich. Europäische Herrscherhäuser schätzten und erwarben zahlreiche von Künstlerinnen produzierte Arbeiten. Im Rahmen der Kolonialisierung ferner Überseegebiete wie Niederländisch-Ostindien, Kanton-China oder Niederländisch-Brasilien florierte der Transfer mit Asien und Lateinamerika. In diesem Zusammenhang bestechen vor allem die handkolorierten Gravuren der in Frankfurt am Main geborenen Maria Sibylla Merian. Von 1699 bis 1701 bereiste Merian die niederländische Kolonie Surinam und publizierte danach ihr berühmt gewordenes Hauptwerk „Metamorphosis insectorum Surinamensium“. Auch Cornelia de Rijck erstelle eine eindrucksvolle grafische Serie surinamischer Schmetterlinge und Insekten und richtete ihre Arbeit ebenso an ein wissenschaftlich interessiertes Publikum.
Trotz Ruhm und Ankerkennung einiger Künstlerinnen zu ihren Lebzeiten wurden sie von der Kunstgeschichtsschreibung weitgehend ignoriert. Vorurteile, Fehlzuschreibungen oder die Klassifizierung als Nachahmerinnen sowie das Verschwimmen im Sog der allgemeinen künstlerischen Entwicklung ließen sie in die Vergessenheit abdriften. Vor dem Hintergrund eingeschränkter Möglichkeiten der Ausbildung und der überkommenen Rollenzwänge gelang es vornehmlich Frauen, die aus begüterten und künstlerisch ausgerichteten Familien stammten, mit ihren Talenten zu glänzen. Doch die Ausstellung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Malerinnen seinerzeit eine Ausnahme waren und ein zahlenmäßig begrenztes sowie weniger innovatives Œuvre schufen.
Die Ausstellung „Unforgettable. Women artists from Antwerp to Amsterdam, 1600-1750“ ist bis zum 31. Mai zu sehen. Das Museum voor Schone Kunsten hat dienstags bis freitags von 9:30 bis 17:30 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 19 Euro, ermäßigt 16,50 Euro bzw. 9,50 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist er kostenlos. |