Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Anzeige

Das flanierende Paar / Max Stern

Das flanierende Paar / Max Stern
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Ausstellen als künstlerisches Konzept: Guglielmo Castelli inszeniert seine Gemälde in der Kunsthalle Wien und verändert so ihre Wahrnehmung

Intime Momente in einem vieldeutigen Zwischenspiel



in der Ausstellung „Guglielmo Castelli – Sweet Baby Motel“

in der Ausstellung „Guglielmo Castelli – Sweet Baby Motel“

Ausstellungen sind für Künstler*innen weit mehr als Präsentationsformen: Sie sind Orte der Sichtbarkeit, der Auseinandersetzung und der gesellschaftlichen Verortung von Kunst. Erst im Kontext des Ausstellens treten Werke in Beziehung zu Publikum, Institution und Diskurs. Hier werden sie wahrgenommen, interpretiert und kritisch befragt und fortlaufend in neue Bedeutungszusammenhänge eingebunden. Die Präsentationsorte sind keine neutralen Rahmen, sondern prägende Strukturen, die Wahrnehmung, Erwartungshorizont und Interpretation entscheidend beeinflussen. Architektur, Lichtführung, Raumproportionen, historische Kontexte oder kuratorische Setzungen bestimmen, wie ein Kunstwerk erscheint und erfahren wird. Der Ausstellungsraum ordnet den Blick, lenkt Aufmerksamkeit, schafft Nähe oder Distanz und beeinflusst, welche Aspekte eines Werkes hervortreten und welche in den Hintergrund rücken.


In unterschiedlichen Kontexten zeigt sich, dass ein Kunstwerk niemals abgeschlossen ist. Seine Bedeutung verändert sich mit jedem neuen Raum. Was in einem sachlich-analytischen White Cube wirkt, kann in einem historisch geprägten Ambiente emotionaler oder narrativ erscheinen. Die Präsentation zeitgenössischer Kunst in einem barocken Ensemble erzeugt andere Spannungen, Kontraste und Dialoge als in einer minimalistischen Architektur, die Reduktion und formale Klarheit betont. Der Standortwechsel verändert Atmosphäre, Perspektive und Deutung. Das Werk tritt in einen neuen Dialog mit seiner Umgebung, benachbarten Exponaten, der Geschichte des Ortes und den Erwartungen des Publikums. Ausstellung bedeutet daher nicht nur Sichtbarmachung, sondern auch Transformation: Kunst wird fortlaufend neu verortet, interpretiert und verstanden.

Wird das „Neu-Verorten“ von Kunstwerken zum Bestandteil des künstlerischen Konzepts, entsteht eine subtile Spannung, in der Raum, Kultur und Wahrnehmung aufeinander reagieren. Deutlich wird dies im Vergleich zweier Präsentationen von Werken des italienischen Malers und Szenografen Guglielmo Castelli. 2025 zeigte der 1987 geborene Künstler, der eine Ausbildung als Theatermaler absolviert hat, in seiner Heimatstadt Turin Arbeiten in der Gruppenausstellung „Inserzioni“; aktuell sind sie in Wien in der Soloschau „Sweet Baby Motel“ zu sehen. Dieselben Werke entfalten in unterschiedlichen räumlichen und historischen Kontexten jeweils eigene Bedeutungsschichten.

Castellis Malerei verbindet Figuration mit surrealen Momenten. Menschliche Figuren, Interieurs und Alltagsobjekte verschmelzen zu Kompositionen zwischen Realität und Traum. Vorwiegend in Öl und in einem langsamen, vielschichtigen Prozess entstehen lasierende und matte Farbflächen, die atmosphärische Tiefenräume öffnen. Charakteristisch ist das Ineinanderfließen von Motiv und Maltechnik: Körper und Farbschichten überlagern sich, erscheinen halbtransparent, lösen sich an den Rändern auf. Sichtbarkeit und Verschwinden werden zu zentralen bildnerischen Prinzipien.

Seine Gemälde inszenieren den Bildraum wie eine Bühne. Figuren bewegen sich in engen Innenräumen oder surrealen Kulissen. Im Zentrum der mittel- bis kleinformatigen, dunkeltonigen Werke der Jahre 2025 und 2026 steht meist eine einzelne Figur, die scheinbar schwerelos im Raum schwebt. Kostüme, die an Theater oder Zirkus erinnern, und verdrehte Körperhaltungen lassen die Figuren durch städtische Szenen oder Interieurs tänzeln, an Kreuzungen oder Schwellen verweilen oder in Momenten ungewisser Dramatik erscheinen – fallend, fliegend oder springend. So entstehen unwirkliche Szenerien zwischen Theater, intimer Innenszene und Traumlandschaft, komponiert in einem hybriden Spiel aus Farbe, Raum und Figur.

Ergänzend schafft Guglielmo Castelli filigrane Papierschnitte menschlicher Figuren, die zu kleinen Tischmodellen, zu Maquetten, zusammengesetzt werden und häusliche Räume oder Bühnenlandschaften nachzeichnen. Unter Plexiglashauben auf tischartigen Stahlkonsolen präsentiert, tragen diese dreidimensionalen Arrangements Titel wie „Kitchen" oder „Bedroom“. Die gebogenen Papierformen mit körperähnlichen Umrissen überspannen schiefe Möbelstücke und wirken, als könnten sie von ihnen abrutschen. Auf diese Weise verwandeln sich alltägliche Räume in spielerisch-surreale Landschaften, in denen Balance und Instabilität miteinander verschmelzen.

Im Castello di Rivoli, einem unvollendeten Barockschloss der Savoyer, wurden Castellis Arbeiten in der „Sala dei Continenti“ gezeigt, deren Fresken den vier Kontinenten gewidmet sind – Sinnbilder geografischer Ordnung und dynastischer Repräsentation. Gegen diese ikonografische Weite setzen Castellis Figuren eine „innere Geografie“: verzogene Gliedmaßen, schwebende Körper, konzentrierte Bildräume. Während die barocke Architektur Beständigkeit und Macht evoziert, erscheinen die gemalten Körper fragil und zurückgezogen. Die erdige Palette aus Gelb-, Braun- und Rosttönen knüpft an historische Wandmalerei an, doch die Motive bleiben fragmentarisch, flüchtig, introspektiv. So entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen monumental gerahmter Geschichte und subjektiver, verletzlicher Gegenwart.

In Wien begegnen die Werke einer gänzlich anderen Architektur. Der transparente Glaspavillon der Kunsthalle Wien am Karlsplatz, ein leichter, minimalistischer Kubus zwischen historistischen Monumentalbauten, öffnet den Ausstellungsraum zum Stadtraum hin. Innen und Außen durchdringen einander; das Ausstellungsgeschehen bleibt stets sichtbar und Teil des urbanen Umfelds. Für diesen offenen Raum entwickelte Castelli eine 18 Meter lange Wandmalerei, die wie ein Bilderbuch oder gemalter Vorhang die Architektur in eine Bühne verwandelt. Sie fungiert zugleich als Hintergrund, Kommentar und Erweiterung der Gemälde. Schwebende Körper, ein umgedrehtes Lebkuchenhaus, fragmentierte Interieurs, Tiere und Alltagsobjekte begegnen einander in irritierenden Maßstäben. Stoffe und Oberflächen öffnen den Blick auf semiabstrakte Bereiche. Die Elemente erscheinen wie Requisiten ohne festen Ort in ständiger Verschiebung.

Als narratives Gerüst dient das Märchen von „Hänsel und Gretel“. Guglielmo Castelli illustriert die Vorlage jedoch nicht, sondern transformiert sie in eine psychologische Metapher für Abhängigkeit, Macht und das Unheimliche. Die existenzielle Angst der verlorenen Kinder verdichtet sich in seinen unbeständigen Körperhaltungen; die Figuren wirken zwischen Fallen und Schweben ausgesetzt. Während das Wandbild einen fließenden Erzählraum entfaltet, isolieren die Gemälde einzelne, spannungsgeladene Momente. Die Papierskulpturen übertragen diese Brüchigkeit ins Reale, werfen Schatten und binden das Publikum physisch ein. Architektur, Malerei und Objekt verschränken sich zu einer vielschichtigen Inszenierung.

Der Vergleich der beiden Schauplätze macht deutlich, wie stark der Kontext die Wahrnehmung bestimmt. Im Barockschloss erscheinen Castellis Werke als sensible Intervention in einen historischen Gedächtnisraum; im gläsernen Pavillon treten sie unmittelbarer und exponierter auf. Der Vorhang, reales Motiv und zugleich malerisches Prinzip, markiert dabei stets eine Schwelle zwischen Zeigen und Verbergen, Intimität und Öffentlichkeit. Technisch verstärkt Guglielmo Castelli diesen Eindruck durch transparente Öllasuren, deren Überlagerungen palimpsestartige Effekte erzeugen: Frühere Bildzustände bleiben sichtbar und verleihen den Oberflächen eine fragile Zeitlichkeit.

Castellis Interesse gilt, wie er selbst betont, den Momenten unmittelbar vor oder nach einem Ereignis, den Zwischenräumen des Noch-nicht und Nicht-mehr, die er in seinen Arrangements verortet. Der Pavillon verwandelt sich so in einen urbanen Transitraum, in dem intime Szenen zugleich sichtbar und entzogen erscheinen. Der Titel „Sweet Baby Motel“ verdichtet diese Ambivalenz: „Sweet Baby“ evoziert Zärtlichkeit und Schutzbedürfnis, „Motel“ hingegen Anonymität, Transit und filmisch aufgeladene Einsamkeit. Als klassischer Nicht-Ort, geprägt von flüchtigen Begegnungen und Einsamkeit, bildet das Motel den Spannungsraum für Castellis Bildwelten, für Orte, an denen intime Momente erscheinen und zugleich wieder entgleiten. Die Figuren spiegeln die Fragilität des Erwachsenwerdens: sie bewegen sich zwischen kindlicher Unschuld und Erfahrung, Schutzbedürfnis und Selbstbehauptung. Castelli beschreibt diese fragile Balance als „extreme Möglichkeit“ – einen Zustand höchster Intensität, in dem Idee, Absicht und Handlung in sensibles Gleichgewicht treten. In diesem vieldeutigen Zwischenspiel entfalten sich seine Geschichten: leise, eindrücklich und tiefgründig.

Die Ausstellung „Guglielmo Castelli - Sweet Baby Motel“ ist noch bis zum 12. April zu sehen. Die Kunsthalle Wien am Karlsplatz hat dienstags bis sonntags von 10 Uhr bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet 38 Euro.

Kontakt:

Kunsthalle Wien Karlsplatz

Karlsplatz, Treitlstraße 2

AT-1040 Wien

Telefax:+43 (01) 521 891 217

Telefon:+43 (01) 521 891 201

E-Mail: office@kunsthallewien.at

Startseite: www.kunsthallewien.at



08.04.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Gesamt Treffer 21

Seiten: 1  •  2  •  3

Events (1)Adressen (1)Kunstsparten (2)Stilrichtungen (1)Variabilder (15)Künstler (1)

Veranstaltung vom:


13.02.2026 , Guglielmo Castelli - Sweet Baby Motel

Bei:


Kunsthalle Wien

Kunstsparte:


Malerei

Kunstsparte:


Skulptur

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

Variabilder:

Guglielmo Castelli, Kitchen, 2025
Guglielmo Castelli, Kitchen, 2025

Variabilder:

Guglielmo Castelli, Dining room, 2025
Guglielmo Castelli, Dining room, 2025

Variabilder:

Guglielmo Castelli, Geography of nothing, 2025
Guglielmo Castelli, Geography of nothing, 2025

Variabilder:

Guglielmo Castelli, Madame Sato, 2025
Guglielmo Castelli, Madame Sato, 2025







Guglielmo Castelli, Kitchen, 2025

Guglielmo Castelli, Kitchen, 2025

Guglielmo Castelli, Dining room, 2025

Guglielmo Castelli, Dining room, 2025

Guglielmo Castelli, Geography of nothing, 2025

Guglielmo Castelli, Geography of nothing, 2025

Guglielmo Castelli, Madame Sato, 2025

Guglielmo Castelli, Madame Sato, 2025

Guglielmo Castelli, Negato concetto di fine (Verweigertes Konzept von Ende), 2025

Guglielmo Castelli, Negato concetto di fine (Verweigertes Konzept von Ende), 2025

Guglielmo Castelli, Prediletta (Favourite), 2025

Guglielmo Castelli, Prediletta (Favourite), 2025

Guglielmo Castelli, Senza sussulti, senza conflitti (Kein Zucken, keine Konflikte), 2025

Guglielmo Castelli, Senza sussulti, senza conflitti (Kein Zucken, keine Konflikte), 2025

Guglielmo Castelli

Guglielmo Castelli

Guglielmo Castelli beim Malen des Wandbildes für die Ausstellung „Sweet Baby Motel“

Guglielmo Castelli beim Malen des Wandbildes für die Ausstellung „Sweet Baby Motel“

Guglielmo Castelli beim Malen des Wandbildes für die Ausstellung „Sweet Baby Motel“

Guglielmo Castelli beim Malen des Wandbildes für die Ausstellung „Sweet Baby Motel“

Guglielmo Castelli, Entrance, 2025

Guglielmo Castelli, Entrance, 2025

in der Ausstellung „Guglielmo Castelli – Sweet Baby Motel“

in der Ausstellung „Guglielmo Castelli – Sweet Baby Motel“




Copyright © '99-'2026
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce