Debüt für Otto Wagner in Berlin  |  | Otto Wagner, Wettbewerbsprojekt für das Reichstagsgebäude in Berlin, 1882 | |
Obschon er zu den Pionieren moderner Architektur zählt, wurde Otto Wagner noch nie eine Ausstellung in Berlin zuteil. Doch nicht nur dies. Das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation präsentiert den Wiener Baumeister nach 60 Jahren erstmals wieder in Deutschland. Im Fokus steht dabei Wagners Verbundenheit mit Berlin. Hier studierte er um 1860/61 an der Bauakademie; die Bauten Karl Friedrich Schinkels prägten ihn dabei maßgeblich. Zweimal beteiligte er sich hier an großen Wettbewerben: 1867 an der Ausschreibung für den Neubau des Doms und 1882 am Wettbewerb für ein neues Reichstagsgebäude. Aus dem rund 1.000 Blätter umfassenden Bestand des Wien Museums hat Kurator Andreas Nierhaus sechzig wegweisende Zeichnungen ausgewählt, ergänzt von vier Veröffentlichungen und zwei Broschüren. In sechs Kapiteln bietet die kompakte Auswahl einen Überblick über zentrale Projekte und Themen Wagners, beginnend mit weniger bekannten frühen Werken über imposante Vorzeigeprojekte bis hin zu rigoros von traditionellen Ornamenten befreiten späten Arbeiten.
Otto Wagner war ein hervorragender Zeichner, aber nur wenige eigenhändige Blätter haben sich erhalten. Bei den Exponaten handelt es sich überwiegend um Illustrationen für öffentliche Präsentationen, die professionell ausgebildete Zeichner kompositorisch wie technisch nach Wagners Vorgaben raffiniert ausführten. Gekennzeichnet von Klarheit und großer Ausdruckskraft erkannte der Stratege früh die Macht der Medien und setzte sie gezielt zur Vermittlung ein. Neben der gebauten Architektur nehmen diese Leistungen auf dem Feld der Architekturzeichnung den Status als eigenständige Kunstwerke ein.
Wagners auf Wien konzentriertes Schaffen umfasst ein breites Spektrum an Typen, darunter Festarchitekturen, Villen, Wohnzeilen oder auch mehrere Museen, von denen die Planungen für das 1899 entworfene staatliche Museum des 20. Jahrhunderts erstmals öffentlich ausgestellt sind. Umfangreichster Auftrag war die Konzeption der vielen Tunnel, Brücken, Viadukte oder Stationspavillons für die neue Wiener Stadtbahn ab 1894. Ohne Vorbilder konnte Otto Wagner dabei eine neue Formensprache in der Verschmelzung von Ingenieurbau und Architektur entwickeln. Bei den um 1903 geschaffenen Entwürfen für die Postsparkasse, besonders aber für die Kirche am Steinhof zeigt sich der Übergang zu isolierter Motivbildung und geometrischen Formen.
Bereits bei den Studien für den Berliner Dom von 1867 plädierte Wagner für neue Materialien und Konstruktionen, was an der durchbrochenen Eisenkuppel am deutlichsten sichtbar wird. Der Entwurf für das Reichstagsgebäude dokumentiert nicht nur die Abkehr vom austauschbaren Stilkleid des Eklektizismus, sondern bringt in der über das Dach hinauswachsenden, halbrunden Form des Plenarsaales auch die innere Ordnung prominent zum Ausdruck und macht das Ineinandergreifen von Innen und Außen, Form und Funktion deutlich. Wagner polarisierte stark mit seinen Neuerungen, die er im engen Austausch mit seinen Schülern an der Wiener Akademie der bildenden Künste entwickelte, und ging damit eine Distanz zum Kaiserhaus und traditionellen Wiener Establishment ein. Wagner gefiel sich in der Rolle des Provokateurs und des Vorkämpfers für die Moderne und machte sich damit nicht nur Freunde.
Die Ausstellung „Otto Wagner. Architekt des modernen Lebens“ ist bis zum 17. Mai zu besichtigen. Die Tchoban Foundation hat montags bis freitags von 14 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 29 Euro kostet.
Tchoban Foundation – Museum für Architekturzeichnung
Christinenstraße 18a
D-10119 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 43 73 90 90 |