 |  | Biagio d’Antonio Tucci, Portrait eines jungen Mannes mit rotem Barett | |
Eigentlich sollte Antonello da Messinas „Ecce Homo“ das Highlight der Altmeister-Versteigerung bei Sotheby’s in New York werden. Doch der italienische Staat kam dem zuvor. Denn wie Kulturminister Alessandro Giuli mitteilte, sei das Werk der italienischen Frührenaissance von „einzigartiger Seltenheit und Qualität“. Daher wollte er die Rarität des Süditalieners auch nicht einfach in eine private Sammlung weiterziehen lassen, sondern sicherte sich vor der Auktion den leidenden Christus, den Antonello da Messina in den 1460er Jahren wohl für die private Andacht eines potenten Auftraggebers gemalt und dabei seinen Fokus mit einem starken emotionalen Impuls auf die menschliche Seite des Heilands gelegt hatte. Für diese „Transaktion von höchstem kulturellem Wert“, so Giuli, bewilligte der italienische Staat nun 14,9 Millionen US-Dollar und lag damit innerhalb der Erwartungen, die Sotheby’s im Katalog mit 10 bis 15 Millionen US-Dollar beziffert hatte.
Aber auch ohne diesen Favoriten ließ sich die Auktion „Master Paintings & Works of Art Part I“ gut an: Bei einer losbezogenen Verkaufsrate von hohen 85 Prozent standen letztendlich 27,9 Millionen Dollar brutto in den Büchern von Sotheby’s, und einen Auktionsrekord gab’s obendrauf. Den generierte ein zurückhaltender, aber fescher junger Mann mit rotem Barett vor einer weiten Landschaft des Florentiner Renaissancemalers Biagio d’Antonio Tucci mit 1,875 Millionen Dollar (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen USD). Diesen Wert ergatterte zudem das qualitätvolle Bildnis eines rotbärtigen, modisch gekleideten Mannes in einem cremefarbenen Wams vor schwarzem Hintergrund. Wer hinter der franko-flämischen Arbeit um 1545 steht, ist nicht geklärt (Taxe 200.000 bis 300.000 USD). In Frage kommt etwa Corneille de Lyon, für den die rund zehn Jahr ältere Halbfigur eines schwarz gekleideten, wohlhabenden Kaufmannes mit präzise ausgearbeiteten Gesichtszügen vor grünem Grund gesichert ist. Sie spielte 400.000 Dollar an der unteren Schätzgrenze ein.
Für die Persönlichkeitsbildung
Überhaupt waren die Portraitkunst und die Menschendarstellungen die Zugpferde der Auktion am 5. Februar. Das ging schon los mit dem römisch-ägyptischen Mumienporträt eines Mannes aus dem späten ersten Jahrhundert nach Christus. Die fragmentiert überlieferte Holztafel mit dem recht realistisch ausformulierten Gesicht des Mannes stieg von 250.000 Dollar auf 700.000 Dollar und gilt nun als zweitteuerstes Fayumporträt bei Auktionen. Die Käufer animierte ferner das Aktbild einer schönen Frau bei der Toilette mit Spiegel in der Hand, an dem Giovanni Bellini und seine Werkstatt gemeinsam gearbeitet haben, zu 1,6 Millionen Dollar (Taxe 600.000 bis 800.000 USD), der vornehme junge Mann seines venezianischen Kollegen Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, zu 950.000 Dollar (Taxe 500.000 bis 700.000 USD), Gerard ter Borchs hochbarockes Adelsportrait von Pieter de Graeff aus der Mitte der 1670er Jahre zu 240.000 Dollar (Taxe 100.000 bis 150.000 USD) oder die wenige Jahre älteren Pendants von Johannes Cunaeus, einem wohlhabenden Mitglied der Niederländischen Ostindien-Kompanie, und seiner Frau Susanna Calendrini mit ihren Kindern Philippus und Maria aus der Hand Jan Mytens’ zu 250.000 Dollar (Taxe 150.000 bis 200.000 USD).
Nicht unentdeckt blieben zudem die Selbstinszenierung des flämischen Barockmalers Zeger Jacob van Helmont mit Palette vor der Staffelei für taxgerechte 150.000 Dollar und das Freundschaftsportrait des nachdenklichen Bildhauers Antonio Canova, für das Johann Baptist Lampi d.Ä. sein berühmtes Dreiviertelporträt aus der Sammlung der Fürsten von Liechtenstein auf die Person reduziert hatte, für 110.000 Dollar (Taxe 60.000 bis 80.000 USD). Einziger bedeutender Ausfall in dieser Gruppe war Anthonis van Dycks Bildnis von Cecilia Killigrew, der eleganten Hofdame von Königin Henrietta Maria, aus den späten 1630er Jahren (Taxe 400.000 bis 600.000 USD). Keine konkrete Person, vielmehr einem Menschentyp behandelte Jean-Honoré Fragonard um 1770 in seinen „têtes de vieillards“. Dazu gehörte auch die freie Studie eines alten Mannes mit wallenden weißen Haaren und rauschendem Bart, die mit dem Tageshöchstpreis von 2,2 Millionen Dollar bedacht wurde (Taxe 600.000 bis 800.000 USD).
Jan Lievens’ nicht gerade sittsame „Allegorie der fünf Sinne“, versinnbildlicht von fünf Männern mit einer barbusigen Schönheit, erwirtschaftete 2,1 Millionen Dollar (Taxe 2 bis 3 Millionen USD), Hendrick ter Brugghens jovialer und wohl nicht mehr ganz nüchterner Geigenspieler mit Weinglas und roter Nase 300.000 Dollar (Taxe 300.000 bis 500.000 USD), Marten Ryckaerts Weltlandschaft mit dem Sturz des Ikarus 300.000 Dollar (Taxe 120.000 bis 180.000 USD) und Joachim Anthonisz Wtewaels manieristischer, ebenfalls mythologisch inspirierter „Kampf zwischen den Göttern und den Titanen“ 280.000 Dollar (Taxe 80.000 bis 120.000 USD). Hohen Zuspruch fand eine franko-flämische Millefleurs-Tapisserie mit einem Einhorn, Hirschen, Vögeln und anderem Getier aus der Pritzker Collection bei 1,55 Millionen Dollar (Taxe 300.000 bis 500.000 USD), während die beiden neckischen marmornen Aktfiguren „Jeune Fille à la Coquille“ und „Pêcheur à la Coquille“ des Realisten Jean-Baptiste Carpeaux, veranschlagt mit anspruchsvollen 1,5 bis 2,5 Millionen Dollar, leicht auf 1,25 Millionen Dollar nachgaben.
Die Weindling Collection
Mit dem Ausverkauf der „Lester L. Weindling Collection“ und dem Bruttoumsatz von 16,8 Millionen Dollar bei zwölf Gemälden bewies auch diese Versteigerung vom 5. Februar ihre Strahlkraft. Der gebürtige Berliner, der im Alter von elf Jahren mit seiner jüdischen Familie aus Nazi-Deutschland floh, in den USA mit Immobilien zu Reichtum kam und im Dezember 2024 mit 96 Jahren verstarb, interessierte sich wie die Kaplans für die Niederländer des Goldenden Zeitalters und legte sich eine geschmackvoll ausgesuchte Sammlung an Landschaften, Stillleben und Kircheninterieurs zu. An erster Stellen positionierten sich bei jeweils 1,9 Millionen Dollar Aert van der Neers Winterszene mit Schlittschuhläufern auf einem zugefrorenen Fluss (Taxe 1,8 bis 2,5 Millionen USD) und Jan van de Cappelles tonales Seestück mit zahlreichen Segelbooten vor der niederländischen Küste (Taxe 2 bis 3 Millionen USD). An seiner unter Schätzung von 1,8 Millionen Dollar orientierte sich Salomon van Ruysdaels unaufgeregter Blick über den Fluss Vecht auf die Stadt Weesp von 1650.
Einen Abschlag büßte ein mit Lichtreflexen fast fotografisch ausgearbeitetes Arrangement mit Zinnkrug, umgestürzter Silbertazza, gefüllten Gläsern, Pastete und aufgeschnittener Zitrone auf einer üppig drapierten weißen Tischdecke von Jan Jansz den Uyl d.Ä. ein. Weindling hatte es 2007 bei Sotheby’s in London für 1,6 Millionen Pfund netto erworben, jetzt standen 1,6 Millionen Dollar netto auf der Rechnung (Taxe 2 bis 3 Millionen USD). Dafür überzeugte Pieter Claesz’ nah an den Betrachter herangerücktes Stillleben mit Walderdbeeren, Kirschen, Trauben, Nüssen und weiteren Früchten samt Messer, Löffel und Weinglas bei 1,3 Millionen Dollar (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen USD). Bergauf ging es gleichfalls bei der figurenreichen Schilderung der „Töpfermesse in Gent“ von David Teniers d.J. aus den späten 1640er Jahren von 600.000 Dollar auf 1,3 Millionen Dollar, ebenso bei Abel Grimmers nicht ganz zentriertem Blick in die gotische Kathedrale von Antwerpen aus dem Jahr 1595, in der sich neben zahlreichen Personen auch einige Hunde tummeln, von 200.000 Dollar auf 620.000 Dollar. Die taxkonformen 130.000 Dollar, die bei Sotheby’s für Johannes Coesermans’ zeichnerische Grisaille „Das Innere der Nieuwe Kerk in Delft“ von 1663 zusammenkamen, führen nun das schmale Auktionsranking des in Den Haag und Delft tätigen, aber wenig bekannten Malers an.
Die Neueren Meister aus Europa
Bei der Auktion „19th & 20th Century European Art“, die bei Sotheby’s ebenfalls am 5. Februar auf dem Programm stand, sackte die Verkaufsquote auf 65 Prozent ab. Die gefällige europäische Salonmalerei stand nicht so führend auf der Einkaufsliste der Sammler in New York. Teuerster Künstler wurde hier William Adolphe Bouguereau mit seiner rührseligen Schilderung eines jungen armen Mädchens in einem Kornfeld unter dem Titel „Glaneuse“ bei 700.000 Dollar an der oberen Schätzgrenze. Der für seinen gezähmten klassischen Realismus bekannte Vielmaler wurde zudem seine vergleichbare „Fille du pêcheur“ von 1881 bei 450.000 Dollar (Taxe je 500.000 bis 700.000 USD), das ebenso sentimentale Geschwisterbild „La Soeur aînée“ von 1864 für 160.000 Dollar (Taxe 150.000 bis 200.000 USD) und die weibliche Allegorie „Le Crépuscule“, die als erotische halbnackte Gestalt mit einem dunklen durchsichtigen Tuch neben der Mondsichel über dem Meer schwebt, bei 250.000 Dollar los (Taxe 280.000 bis 350.000 USD).
Der Ungar Mihály Munkácsy trumpfte dann mit seinen historistisch geprägten „Flitterwochen“ eines aber etwas trübsinnigen Paars am Kamin bei 520.000 Dollar auf (Taxe 125.000 bis 175.000 USD). Einträglichen waren zudem dem die 105.000 Dollar für Jean Baptiste Fortuné de Fourniers „Souvenir de l’Exposition universelle des Beaux-Arts de 1855“, ein Aquarell mit dem Blick in eine dicht behangene Galerie auf der Pariser Weltausstellung, die der zeitgenössischen Kunst großen Platz einräumte (Taxe 20.000 bis 30.000 USD), und die 140.000 Dollar für Eugen von Blaas’ beherzte Obstverkäuferin an einer Mauer vor der venezianischen Lagune (Taxe 80.000 bis 140.000 USD). Nicht ganz soviel Glück hatte Friedrich Nerly mit seinen beiden Panoramaveduten der Serenissima: sowohl seine Sicht über den Bacino di San Marco auf die Punta della Dogana und Santa Maria della Salute in der untergehenden Abendsonne und der noch dämmrigere Blick von den Giardini über den Bacino in Richtung Dogenpalast kamen nur auf je 140.000 Dollar und blieben damit unter der Mindesttaxe von 175.000 Dollar. Für den Auktionsrekord sorgte Peter Ilsted mit seinem ruhigen, sonnenbeschienenen „Interiør med læsende dame“ von 1909 bei 120.000 Dollar (Taxe 60.000 bis 80.000 USD), und auch die 95.000 Dollar für sein diesmal menschenleeres „Interiør fra Liselund“ mit den Überresten einer Teetafel von 1917 können sich sehen lassen (Taxe 80.000 bis 100.000 USD).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |