Der Zufall als Methode: Zum Tod von Pat Steir  |  | Pat Steir | |
Die US-Malerin Pat Steir ist tot. Wie ihre Galerie Hauser & Wirth mitteilte, starb sie am Mittwoch mit 87 Jahren in New York. Die für ihre Wasserfall-Gemälde bekannte Künstlerin sei eine der bedeutendsten Erneuerinnen der zeitgenössischen Malerei, Zeichnung und Druckgrafik gewesen, würdigten Iwan und Manuela Wirth die Verstorbene.
Pat Steir, 1938 in New Jersey geboren, studierte Drucktechnik am Pratt Institute und Malerie und Komparatistik am Boston University College of Fine Arts. Bereits im Jahr ihres Abschlusses hatte sie ihre erste Gruppenausstellung im High Museum of Art in Atlanta. Mitte der 1960er Jahre stellte Steir ihre Werke im MoMA und im Philadelphia Museum of Art aus und etablierte sich damit als eine der ersten Künstlerinnen, die in der New Yorker Kunstszene Fuß fassten. Allerdings tendierten ihre frühen Werke zur Figuration, was nicht zu den vorherrschenden ästhetischen Strömungen der Zeit passte. Aufgrund dessen war sie nebenbei in der Verlags- und Journalismusbranche als Illustratorin und Designerin tätig. Als Mitbegründerin der feministischen Magazine „Printed Matter“ und „Heresies“ war sie seit den 1970er Jahren eine engagierte Persönlichkeit in der New Yorker Szene.
Der Wendepunkt in Steirs Entwicklung war eine Reise nach New Mexico, auf der sie sich mit der Künstlerin Agnes Martin austauschte, deren Werke dem Abstrakten Expressionismus und Minimalismus zugeordnet werden. Durch Martins Impulse begann Steir, die Philosophien und künstlerischen Traditionen Ostasiens zu studieren, deren Lehre über Automatismus und den Kontrollverlust im Einklang mit ihren eigenen Vorstellungen von Kunst standen. Als Resultat schuf Steir am Anfang der 1970er Jahre ihre erste ikonische Werkreihe, in der sie rosenähnliche Formen abbildete, die dann durchgestrichen wurden, etwa bei dem Ölgemälde „Moment“ von 1974, in dem eine graue Rose inmitten eines ebenfalls grauen monochromen Hintergrunds verschwindet. Durch die zweifach durchgestrichene Blume und sichtbare Pinselstriche auf dem Hintergrund verlieh die Künstlerin dem Werk eine dynamische Komponente. Hier erkennt man erste Spuren von Steirs charakteristischer Bildsprache, die mit dem Verhältnis von Figuration und Abstraktion spielt, indem sie Motive aufgreift und anschließend auflöst. Diesem Konzept blieb sie auch im weiteren Verlauf ihrer Karriere treu.
Ab den 1980er Jahren erhielt die Künstlerin besondere Anerkennung für ihr innovatives Kunstschaffen. In dem Gemälde „The Brueghel Series (A Vanitas of Style)“ von 1982/94, das heute im Kunstmuseum Bern hängt, widmete Steir jeder der 64 kleinen Tafeln eine andere kunstgeschichtliche Stilrichtung und kreierte damit am Ende ein zusammenhängendes Blumenstillleben, das von Jan Brueghel d.Ä. inspiriert war. In dieser Zeit gestaltete Pat Steir auch die ersten ihrer berühmten Wasserfall-Bilder, bei denen sie Farbe von Hebebühnen auf großflächige, senkrechte Leinwände goss. Durch die nach unten strömende Flüssigkeit wurden Farbspuren erzeugt, die die Illusion eines Wasserfalls hervorriefen. Steir sagte: „Durch das Gießen der Farbe nehme ich mich zwar selbst aus dem Gemälde heraus, trotzdem unterliegt dieser Vorgang immer einer bestimmten Intention und von mir gesetzten Regeln.“ Einige dieser Werke, die mittlerweile zu ihren bekanntesten Arbeiten gehören, wurden 1992 bei der Documenta IX in Kassel ausgestellt.
Pat Steir erhielt während ihrer 50jährigen Karriere diverse Förderungen und Auszeichnungen wie die National Medal of Art, die ihr 2017 von der US-Regierung unter Barack Obama verliehen wurde, oder 2008 den Pratt Institute Alumni Achievement Award. Obwohl sie hauptsächlich in der amerikanischen Kunstwelt aktiv war, sind ihre Werke in vielen Teilen der Welt in renommierten Sammlungen vertreten, wie dem New Yorker Metropolitan Museum of Art, der National Gallery of Art in Washington, der Tate Gallery in London, dem Louvre in Paris oder dem Long Museum in Shanghai. |