 |  | Rebecca Horn, Concert for Anarchy, 2006 | |
Peitschen, die Fliegenklatschen ähneln, tauchen in kleine Farbtöpfe ein und schlagen blaue Farbe gegen die weiße Wand. Dabei spritzt es auch auf sechs Paar Stöckelschuhe. Die mit Abstand zur Wand an Metallstäben befestigten Damen-Stilettos werden über kleine Motoren in kurze Drehbewegungen versetzt, die den Gang der fehlenden zugehörigen Personen simulieren. Wer sind sie? Mit der „Preußischen Brautmaschine“ kreierte die Künstlerin Rebecca Horn 1988 eine surreal anmutende Apparatur der Lust. In der Medizin wird das preußische Blau oft zur Bindung von Gift herangezogen. Hier soll es eher eine keineswegs ätzende Zone jenseits zweiteiliger genderbezogener Rubriken andeuten. Direkt daneben steht ein Kalvarienberg in der Form eines großen Felsbrockens. Obenauf rutscht in Intervallen ein Paar Damenschuhe auf und ab. Was leidet da auf dem „El Calvaro“? Welche Person steckt in den Schuhen? Was kommt da ins Rutschen?
Im ovalen und am höchsten gelegenen Glaspavillon des Skulpturenparks Waldfrieden in Wuppertal geht es derzeit mit der Kunst auch hoch hinaus. Aus hölzernen Obstleitern setzt sich ein „Turm der Namenslosen“ zusammen. In ihm hängende, von Motoren betriebene Geigen stimmen bedrückte Töne an. Den Turm hat Rebecca Horn den vielen unbekannten Menschen gewidmet, die nach 1992 vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien flohen. In einem beigefügten Gedicht beschreibt die Künstlerin, warum sie der Fluchtbewegung einen ruhigen Ort zu markieren gedenkt.
Vielseitig und medienübergreifend gestaltet sich das Schaffen von Rebecca Horn, mit dem sie oft ernste Themen anspricht und starke Empfindungen auslöst. Unter dem Titel „Emotion in Motion“ präsentiert der Skulpturenpark Waldfrieden vierzehn Arbeiten aus ihrem überbordenden Œuvre, die der Parkgründer, der Bildhauer und Kurator Tony Cragg, aus dem Bestand der Moontower Foundation ausgewählt hat. Sie verwaltet den Nachlass der 2024 verstorbenen Künstlerin. Cragg und sein Team haben die Arbeiten kongenial in die drei Pavillons sowie die historische Villa integriert. Damit ergänzen sie den eher statischen Bestand des Skulpturenparks Waldfrieden mit einer berührend poetischen Note.
Rebecca Horn verstand es immer wieder, ihr Publikum zu überraschen. Ihre Werke sind Ergebnisse einer ausschweifenden Fantasie, technischen Geschicks und starker persönlicher Prägungen. Aufgewachsen ist sie mit ratternden, sich filigran bewegenden Maschinen in der väterlichen Textilfabrik im südhessischen Bad König. Eigentlich sollte sie den elterlichen Betrieb übernehmen, doch nach einem kurz betriebenen Studium der Volkswirtschaft schwenkte Horn zur Kunst um. Aus einer gewissen Antihaltung gegen alles Mechanische heraus entwickelte sie während ihres Studiums in Hamburg und später in London in gegenseitiger Inspiration mit später berühmten Kolleg*innen wie Irmin Kamp, Richard Long oder Barry Flanagan eine individuelle künstlerische Sprache. Rebecca Horn bewegte sich auf den Feldern der Plastik, der Performance, schrieb Gedichte, arbeitete als Fotografin, Bühnenbildnerin, Regisseurin und Filmschaffende, überführte das Nüchtern-Schematische des elterlichen Maschinenparks teils unter Einsatz des eigenen Körpers in eine tänzerische, surreale Welt. Über Jahrzehnte stieg sie zu einer der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen auf. Geboren 1944 in Michelstadt, blieb sie zeitlebens ihrer Heimat im Odenwald treu und starb im Alter von 80 Jahren auf ihrem Familiensitz.
In der zentralen mittleren Halle zieht ihre Installation „Concert for Anarchy“ aus dem Jahr 2006 die Aufmerksamkeit auf sich. An den Beinen von der Decke hängt ein Konzertflügel, der Haltungen und Ordnungen auf den Kopf stellt. In zeitlichen Intervallen wird der Betrachter Zeuge einer explosiven Zerstörung. Der Deckel klappt auf, Tasten fallen heraus und strecken sich einem wie Zungen entgegen. Nach dem geräuschvollen Intermezzo wird alles wieder eingefahren und verschlossen. Fast unmerklich bewegen sich dagegen auf einem beiseite platzierten Podest spitz zulaufende Messingstäbe in graziler tänzerischer Weise ähnlich einem abstrakten Ballett, beobachtet von einem aufgestelzten Paar sich auf- und absenkender Ferngläser. So bewegt sich der Besucher zwischen scheinbarer Beobachtung und heiterem Tanz.
Im unteren Pavillon erzeugt eine Malmaschine auf der großen Längswand ein gestisches Bild, dem gegenüber Objekte stehen, die zwischen Aggressivität und Zärtlichkeit pendeln. Wie dies die Künstlerin mit hintergründigem Humor geschickt zu verbinden verstand, zeigt speziell die raumgreifende kinetische Plastik „Kuss des Rhinozeros“. An den Enden zweier sich aufeinander zubewegender Bögen sind metallische Nashornspitzen aufgesetzt, die ähnlich wie bei Schweißarbeiten beim Zusammentreffen blitzende Funken erzeugen. „Wenn nach 40 Jahren Partnerschaft noch alles so brennt, kann man sich glücklich fühlen“, kommentierte Tony Cragg diese Arbeit. Kleinteiligere Werke, darunter eine Variante ihrer bekannten auf- und abschwingenden „Federplastiken“, bilden in der Villa Waldfrieden den Abschluss.
Fußend auf persönliche Erfahrungen sowie einer längeren Krankheit mit nachfolgender Isolation sind Fragilität, Verletzlichkeit und Bedrohung der menschlichen Existenz zentrale Komponenten von Rebecca Horns Werksschaffen. Mit befreiendem Witz, langsamen, zarten Bewegungen, dem Zerlegen von Gegenständen oder zunächst verrückt erscheinenden Konstellationen verstand es Horn meisterhaft, ihre berührende, elementare Fantasie in der Form eigenartiger kinetischer Werke Ausdruck zu verleihen.
Die Ausstellung „Rebecca Horn - Emotion in Motion“ ist bis zum 13. August zu sehen. Der Skulpturenpark Waldfrieden hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 9 Euro. Ein Begleitbuch zur Ausstellung ist in Vorbereitung. |