 |  | Torso der Bartholoni-Venus, Römische Kaiserzeit, circa 2. Jahrhundert nach Christus | |
Da steht sie nun ohne Kopf, Arme und Unterschenkel. Und doch strahlt der helle Torso der „Bartholoni-Venus“ Schönheit, Ebenmaß und Eleganz aus. Geschaffen wurde die Marmorskulptur in der römischen Kaiserzeit wohl im zweiten Jahrhundert nach Christus, wobei sich der unbekannte Bildhauer wie so viele andere auch an dem hellenistischen Vorbild von Praxiteles’ berühmter „Aphrodite von Knidos“ orientierte. Die verhalten dynamische Spannung resultiert aus dem Kontrapost mit dem Gewicht auf dem rechten Bein und der leicht nach vorn geneigten Haltung der entblößten Liebesgöttin. Ursprünglich lag ihr rechter Arm herabgesenkt an ihrem Körper, die nun fehlende Hand bedeckte ihre Scham. Die linke Hand hielt ein bodenlanges Tuch und diente damit als Stütze für den ansonsten frei schwebenden Arm. Benannt ist diese römische Kopie nach ihrem ersten bekannten Besitzer Jean-François Bartholoni, einem Genfer italienischer Abstammung, der vor allem in Paris als Bankier und Pionier des Eisenbahnwesens tätig war. Über die renommierte Antikensammlung des Niederländers Henri E. Smeets kam die „Bartholoni-Venus“ 1978 in Schweizer Privatbesitz und tritt nun als Höhepunkt der kommenden Auktionsfolge bei Koller in Zürich für 500.000 bis 800.000 Schweizer Franken erneut einen Besitzerwechsel an.
Unter dem Titel „Works of Art & Decorative Arts“ bringt der Schweizer Versteigerer am 26. März Kunst und Kunsthandwerk von der Antike bis zum 19. Jahrhundert, von Skulpturen und feinen Möbeln bis zu Porzellan, Uhren, Silberwaren und anderen kunstvoll gearbeiteten Alltagsgegenständen zusammen. Den Anfang bestreiten einige ausgefallene Objekte des Altertums, etwa eine ägyptische Mumienmaske aus der Zeit zwischen 500 und 200 vor Christus. In der ptolemäischen Epoche waren derartige dekorative Abdeckungen aus Kartonage Teil der Bestattungspraktiken. Aufwendige Masken wie die vorliegende wurden zusätzlich vergoldet beziehungsweise mit Steinen besetzt und mit religiösen Bildgeschichten verziert (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR). Rund 1.000 Jahre älter ist eine schreitende männliche Holzfigur mit farbiger Fassung aus dem Neuen Reich, die wohl für einen Priester steht (Taxe 4.000 bis 7.000 SFR). Monumentale Ausmaße nimmt mit über vier Metern Höhe und drei Metern Breite ein ägyptischer Registerbehang aus dem 5. bis 7. Jahrhundert nach Christus an. Auf der reichen Komposition aus polychromen Wollfäden tummeln sich Tiere wie Vögel, Löwen und Pfauen, dazu Figuren im Gebetsgestus, die von geometrischen Mustern, Mosaikdekor, Rundbögen und Girlanden gerahmt werden. Solche „koptischen Textilien“, die etwa zwischen dem 3. und dem 10. Jahrhundert in Ägypten gefertigt wurden, stammen oft aus Grabstätten. Nicht zuletzt die außergewöhnlich gute Erhaltung des Textilbehangs spricht für eine Schätzung von 300.000 bis 500.000 Franken.
Skulpturen
Außerdem kann Koller nun schon zum dritten Mal nach Auktionen in den Jahren 2023 und 2024 ein bislang unveröffentlichtes Segenskreuz in Mikroschnitzerei präsentieren, das dem wohl in Kreta geborenen, Mitte des 16. Jahrhunderts tätigen Künstler Georgios Laskaris zugeschrieben wird. In das vorliegende Exemplar aus Buchsbaumholz hat Laskaris insgesamt zwanzig kleine, sehr detaillierte neutestamentliche Szenen geschnitzt und sie mit lateinischen Titeln versehen, was auf einen Auftraggeber im Westen, vielleicht in Venedig, hindeutet (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR). Ins europäische Mittelalter geht es dann mit der Holzfigur des Erzengels Michael aus einer Villacher Werkstätte um 1480, die bis 1948 bei dem Prinzen Emanuel von Liechtenstein in Vaduz stand und über die Galerie Fischer in Luzern in eine Schweizer Privatsammlung einging. In expressiv bewegter, fast tänzerischer Haltung und Vollrüstung erhebt Michael sein Schwert und wiegt mit zwei Schalen die Seelen der Verstorbenen (Taxe 12.000 bis 18.000 SFR). Auf den manieristischen Bildhauer Caspar Gras geht die bronzene Reiterstatuette eines Habsburger Herrschers zurück, hinter dem sich wohl Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol verbirgt (Taxe 8.000 bis 12.000 SFR). Auch bei dem Bronzerelief eines himmlischen Götterausritts, bei dem Apollo als Wagenlenker einer Quadriga fungiert und Hera und Flora sein Gefolge bilden, während Aurora, die Göttin der Morgenröte, voranschwebt, ist die Urheberschaft nicht gesichert. Für die über einen Meter Breite Tafel werden Guillaume Coustou d.Ä. oder sein Bruder Nicolas Coustou verantwortlich gemacht (Taxe 15.000 bis 20.000 SFR).
Möbel
Einen der Höhepunkte der Möbelofferte bildet ein reich intarsiertes süddeutsches Kabinettschränkchen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In das teils ebonisierte Holz sind Elfenbeinintarsien in Form von Blüten- und Blattranken mit Vögeln, Jagddarstellungen und königlichen Reiterfiguren eingelassen. Im unteren Bereich reiten und stehen neun Helden, die auf Stiche des Nürnbergers Virgil Solis zurückzuführen sind. Der rechteckige Korpus mit einem aufklappbaren Deckel ist mittels Pilaster und Profilgesimsen gegliedert. Auch innen ist das Möbelstück mit dem gleichen dichten Rankenwerk versehen (Taxe 30.000 bis 50.000 SFR). Im Vergleich könnte ein weiteres intarsiertes Kabinett, das rund fünfzig Jahre später wahrscheinlich in Frankreich oder Italien produziert wurde, gestalterisch nicht unterschiedlicher sein. Für das Oberteil, das auf einem später hinzugefügten Stand ruht, wird eine Fassade mit 24 Schubladen und zwei Türen in architektonischer Form aufgebaut, die sich in rechteckige Reserven und Pilaster gliedert. Verziert ist die Komposition durch vergoldete Bronzebeschläge einiger Putten, Knabenbüsten, Fratzen und Rosetten sowie antikisierende Elfenbeingravuren und zwei Musketiere (Taxe 12.000 bis 18.000 SFR). Malerisch dekoriert wurde wiederum ein frühbarockes holländisches Kabinett mit biblischen Geschichten auf Kupfertafeln in der Art Hendrik van Balens. Auch hier findet sich die architektonische Gliederung im Innenleben des Kastens aus ebonisiertem Holz und rot unterlegtem Schildpatt wieder (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR).
Gut ausgebaut ist gleichfalls die Möbelsektion des 18. Jahrhunderts, vor allem mit französischen Waren. Der damaligen Vorliebe für Fernöstliches entspricht ein Damenbureau um 1750/55 im „goût asiatique“ mit einer Lackarbeit, die eine stilisierte Parkgegend mit Gebäuden und Staffagefiguren zeigt (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR). Léonard Boudin hat sein zierliches Kommodenpaar um 1760 mit einer ausgesuchten Marketerie aus dichten Blumenzweigen belegt (Taxe 5.000 bis 8.000 SFR), während Pierre Walter in dieser Zeit seine Blumen etwas lockerer über seine Kommode wachsen lässt (Taxe 10.000 bis 15.000 SFR). Schon in den frühen Klassizismus um 1780 datiert ein kantiger Sekretär, den Jean Caumont mit großen Furnierbildern aus Vasen, Musiktrophäen auf einem Pult, Schriftzeug sowie Draperien ausgestattet hat (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR). Deutschland beteiligt sich mit einem sogenannten „Cantourgen“ von etwa 1760/70, ein für das Kurfürstentum Mainz typisches Aufsatzschreibmöbel, das durch die Auflösung aller geraden Linien und Umrisse und seinen Schwung paradigmatisch für das Rokoko steht (Taxe 25.000 bis 35.000 SFR), die Schweiz mit einen Ameublement aus zwölf Fauteuils und einer Sitzbank. Vieles spricht dafür, dass der Berner Ebenisten Christoph Hopfengärtner die Mahagonigruppe um 1815 für die Großfürstin Anna Feodorowna, geborene Juliane von Sachsen-Coburg-Saalfeld, schuf, die sich nach unglücklich verlaufener Ehe 1813 in Bern niederließ und das Gut Elfenau erwarb, für das sie neue Möbel im Empirestil anfertigen ließ (Taxe 10.000 bis 15.000 SFR).
Porzellan
Beim Meißner Porzellan des 18. Jahrhundert kann sich Koller vor allem auf zwei Schweizer Privatsammlungen stützen. Als ältestes Stück tut sich eine balusterförmige Sakeflasche hervor, die um 1711/15 nach japanischem Vorbild in Vierkantform mit schmalem Hals noch im unpolierten Böttgersteinzeug gefertigt wurde (Taxe 6.000 bis 8.000 SFR). Um 1730 wurde diese Form dann schon mit einem Kakiemondekor aus Chrysanthemenstauden an Hecken und Felsen nach japanischem Muster aus Arita bemalt (Taxe 5.000 bis 8.000 SFR). Die fernöstlichen Chinoiserien in der Art von Johann Gregorius Höroldt, Johann Ehrenfried Stadler, Johann Georg Heintze und Adam Friedrich von Löwenfinck zieren dann zahlreiche Schüsseln, Becher, Tassen, Kannen, Krüge, Schalen und Zuckerdosen (Taxe je nach Objekt von 1.000 bis 10.000 SFR), während Christian Friedrich Herold um 1730/35 vor allem für die Kauffahrteiszenen auf sechs Bechern (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR) und einem achtzehnteiligen Tee- und Kaffeeservice verantwortlich gemacht wird (Taxe 8.000 bis 15.000 SFR).
Dazu treten dann noch einige bunte Meißner Porzellanfiguren, vor allem nach Modellen Johann Joachim Kändlers. Ihre motivische Bandbreite reicht von einem Husaren mit Dudelsack und Ziegenbock (Taxe 7.000 bis 9.000 SFR) über mehrere Bauersleute (Taxe 2.500 bis 3.500 SFR), Vogelhändler (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR) bis zu einem Schäferpaar unter einem Baum (Taxe 5.000 bis 8.000 SFR) oder einem gerade seinen Degen ziehenden Kavalier (Taxe 2.500 bis 3.500 SFR). Die Manufaktur Höchst steuert dann noch das elegante Paar „Sultan und Sultanin“ nach Vorlagen von Johann Peter Melchior um 1770 bei (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR), die Manufaktur Kilchberg-Schooren bei Zürich ein gleichaltriges aufmerksames Dienerpaar (Taxe 1.500 bis 2.500 SFR).
Uhren
Die Kunst des 18. Jahrhunderts integrierte gerne exotische Tiere in ihre Arbeiten, so auch der Pariser Uhrmacher Jean-Baptiste Baillon, der um 1747/49 bei einer Kaminpendule auf einen Elefanten mit erhobenem Rüssel aus einer bisher nicht identifizierten Pariser Meisterwerkstatt zurückgriff und sein weißes Emailziffernblatt, das von einem vergoldeten Bronzegehäuse mit sitzenden Affen gerahmt wird, auf den Rücken des Dickhäuters positionierte (Taxe 15.000 bis 25.000 SFR). Rund zwanzig Jahre jünger ist die frühklassizistische Pendule „Au Lion“. Der mächtige schreitende Löwe, der auf einem kannelierten Sockel mit Kriegstrophäen, Eichel- und Lorbeergirlanden sowie einem Porträtmedaillon Ludwigs XVI. steht und das wiederum runde Uhrwerk mit einer Urnenvase trägt, geht auf eine Zeichnung von François Vion und Pierre-Antoine Foullet zurück, die um 1770 datiert ist und in der Bibliothèque littéraire Jacques-Doucet in Paris ruht (Taxe 6.000 bis 10.000 SFR). Aufgrund des Zusammenspiels von dunklem Schildpatt und goldenen Messingintarsien, die in Form von Arabesken und Glockenblumen gestaltet sind, weisen die Experten bei Koller das Cartel „d’alcôve“ André-Charles Boulle zu, der am Ende des 17. Jahrhunderts dann auch den Bronzedekor aus Akanthusblättern, Zierfriesen, Girlanden und Muscheln um die Kanten der Uhr ranken ließ (Taxe 6.000 bis 10.000 SFR).
Schon vom überbordenden Historismus zeugt ein teils vergoldetes Schachbrett, das um 1900 wohl in der Habsburger Doppelmonarchie mit dem Buchstaben IBB gemarkt wurde. Das massive Spielbrett aus Silber ist mit polychromen Email-, Perlen- und Amethysteinlagen versehen. Zusätzlich schmücken emaillierte Waffen und Wappen, plastisch ausgearbeitete Reiterfiguren, Baldachinnischen mit Ritterdarstellungen und mit Perlen geschmückte Säulen die Flanken des Korpus. Die nach mittelalterlichen Vorbildern gestalteten Spielfiguren bestehen ebenfalls aus Silber und sind für einen Spieler vergoldet (Taxe 3.000 bis 5.000 SFR). Eine historistische Zutat heutiger Zeit ist eine goldene und gelb emaillierte Tischuhr, bei der sich der Züricher Juwelier Meister 1881 an der großen Tradition von Carl Fabergé orientiert hat. Als Vorbild der einmaligen Replik von 1982 diente ihm das sogenannte „Madonna Lily Clock Egg“, das der Fabergé-Werkmeister Michail Perchin im Auftrag von Zar Nikolaus II. 1899 als Ostergeschenk für dessen Frau Alexandra Fjodorowna schuf (Taxe 45.000 bis 60.000 SFR).
Die Auktion beginnt am 26. März um 13:30 Uhr. Eine Besichtigung der Objekte ist bis zum 24. März täglich von 10 bis 18 Uhr möglich. |