Valadiers silberne Pietà für das Germanische Nationalmuseum  |  | Luigi Valadier, Pietà, sogenannter „Piusaltar“, vollendet 1786 | |
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg hat ein Spitzenstück europäischer Silberschmiedekunst des 18. Jahrhunderts für mehrere Millionen Euro aus Privatbesitz erworben. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Rudolf-August Oetker-Stiftung sowie weiterer privater Mäzene konnte es den sogenannten „Piusaltar“ von Luigi Valadier aus dem Jahr 1786 ankaufen. Papst Pius VI. vergab den Auftrag für das mit über einem Meter Höhe ungewöhnlich große Silberrelief der Beweinung Christi an die damals führende römische Goldschmiedewerkstätte und schenkte es der Pfalzgräfin und späteren bayerischen Herzogin Maria Anna von Pfalz-Zweibrücken als Zeichen „geistlicher Verwandtschaft“ im Nachgang des päpstlichen Besuchs in Bayern 1782 und der Einrichtung einer Nuntiatur in München 1785. Der Papst übernahm auch die Patenschaft des 1786 geborenen ersten Sohnes der Fürstin, Pius August. Das persönliche Geschenk hat jedoch auch diplomatischen Charakter, denn Pius VI. erhoffte wohl Bayerns Unterstützung angesichts verschiedener Bestrebungen, den päpstlichen Einfluss auf politische Belange einzuschränken.
„Valadiers Pietà ist ein höfisches Prunkstück und Meisterwerk der Goldschmiedekunst. Und sie ist noch viel mehr: superb erhalten und ein bedeutendes Zeugnis europäischer Kulturgeschichte und zugleich ein zutiefst persönliches und berührendes Werk“, betont Heike Zech, Expertin für Goldschmiedekunst des Germanischen Nationalmuseums. Der 1785 verstorbene Luigi Valadier griff bei seinem wohl letzten Werk, das dann von seinem Sohn Giuseppe Valadier vollendet wurde, auf barocke Bildtraditionen zurück, aktualisierte sie am Übergang zum Klassizismus aber nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich. So ergänzte er oberhalb der klassischen Hauptgruppe mit dem von Maria, Maria Magdalena und Johannes betrauerten Leichnam Christi am Himmel die Kreuzesvision in einer Engelglorie. Das Kreuz ist nicht mehr nur Mordwerkzeug, sondern auch Symbol der Hoffnung. Die Erlösung nach dem Tod ist bereits im Bild präsent. Die Darstellung vereint damit den Tiefpunkt der Passionsgeschichte mit der triumphalen Überwindung von Sünde und Tod.
Laut Zech ist das Silberrelief die spektakulärste Neuerwerbung des Germanischen Nationalmuseums der letzten Jahre und füllt eine Lücke im Bestand. Denn Arbeiten des 18. Jahrhunderts wurden in Nürnberg erst spät Gegenstand der aktiven Sammlungspolitik. Werke italienischer Herkunft stünden dabei für die Bedeutung Italiens als stilbildender Impulsgeber für nordeuropäische Kunst und Kultur. Zudem ermögliche das Werk als Geschenk an eine Frau eine in Museen oft unterrepräsentierte weibliche Lebenserfahrung und -welt aufzuzeigen. Zugleich steht das Relief für das Verhältnis von Kirche und weltlicher Macht im ausgehenden 18. Jahrhundert und für italienisch-bayrische Verbindungslinien in der Kunst. So gelangte das Relief unmittelbar nach seiner Fertigstellung nach Bayern und war ab 1817 in Schloss Banz beheimatet. Fast ein Jahrhundert blieb es unangetastet in seinem originalen Futteral. „Mit dem Erwerb für das Germanische Nationalmuseum wird es nun erstmals für die Öffentlichkeit und Forschung zugänglich“, so Heike Zech. Luigi Valadiers Meisterwerk ist vom 3. März bis 3. Mai kostenlos im Germanischen Nationalmuseum zu sehen und wird 2027 in die Dauerausstellung „Kirchliche Kunst im Barock“ integriert. |