 |  | Honoré Daumier, Le Ventre législatif (Der gesetzgebende Bauch), Januar 1834 | |
Das Wiener Museumsjahr 2026 nimmt rasch Fahrt auf. Besonders die Albertina präsentiert sich mit einem dicht getakteten Programm zahlreicher neuer Sonderausstellungen. Anlässlich seines 250jährigen Jubiläums spannt das Haus einen weiten Bogen: von „Care Matters – Sammlung Verbund“ über „Richard Prince“, eine Jubiläumsschau zur Geschichte der Albertina, „Picasso – Bacon“ bis hin zu „Frauen in der Albertina“. Den Auftakt bildet „Honoré Daumier – Spiegel der Gesellschaft“. Es ist die erste große Werkschau des französischen Meisters der politischen Karikatur in der Albertina seit exakt 90 Jahren. Damit setzt das Museum bewusst auf seine Kernkompetenz, die grafischen Künste. Gilt Daumier doch als einer der bedeutendsten Lithografen und Zeichner der Kunstgeschichte. Zugleich betonen Albertina-Direktor Ralph Gleis und die Kuratorin Laura Ritter die „erstaunliche Zeitgenossenschaft“ seiner Arbeiten.
Tatsächlich spiegeln Daumiers Satiren über instabile politische Verhältnisse, Machtmissbrauch sowie soziale und wirtschaftliche Krisen im Frankreich des 19. Jahrhunderts viele gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen wider. Die Schilderung historischer Zustände wirkt verblüffend aktuell. Bereits die erste Daumier-Ausstellung in der Albertina im Jahr 1936 war, wie Ernst H. Gombrich damals bemerkte, ein „Akt der Subversion“. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs und angesichts des aufkommenden Faschismus erhielt die von dem später zur Emigration gezwungenen österreichisch-amerikanischen Kunsthistoriker und Psychoanalytiker Ernst Kris mit Unterstützung Gombrichs organisierte Präsentation eines für Freiheit und kritischen Geist stehenden Œuvres besondere politische Brisanz.
Ein ehrenamtliches Komitee fungierte damals als offizieller Sponsor der Ausstellung. Auf dessen Mitgliederliste findet sich auch der Name Kurt Schuschnigg. Der österreichische Bundeskanzler hatte sich Hitler gegenüber kurz zuvor verpflichtet, Österreichs Außenpolitik im Austausch für formale Unabhängigkeit in innenpolitischen Fragen an die Linie Deutschlands anzupassen. Dies führte zu der paradoxen Situation, dass Schuschnigg einerseits die Einfuhr von Daumiers Werken aus Frankreich bewilligte, während er zugleich zuließ, dass nationalsozialistische Propaganda zunehmend aus Deutschland verbreitet wurde. Keine Ausstellung zuvor hatte so viele Werke Daumiers an einem Ort versammelt. In einer Zeit, in der republikanische Politik durch die österreichische Regierung unterdrückt wurde, verlieh die Schau dem Fortbestehen republikanischer Kultur Ausdruck.
Wie Ernst Kris in der Einleitung zum Ausstellungskatalog darlegte, war die Karikatur für Honoré Daumier ein Mittel zur Darstellung der „physischen und psychischen Wirklichkeit“, die Honoré de Balzac literarisch in „La Comédie humaine“ entworfen hatte. Anhand der ausgestellten Bilder zeigte Kris, wie Regierung und haute bourgeoisie des Zweiten Kaiserreichs Krieg und Aufrüstung nutzten, um ihre zunehmend ausgehöhlte und dadurch umso gefährlichere politische und soziale Autorität zu stabilisieren. Neunzig Jahre später betont Ralph Gleis im Vorwort des aktuellen Katalogs erneut die Bedeutung von Daumiers Werk als „Spiegel und zugleich als Brennglas unserer Gegenwart“. „Mit atemberaubender Geschwindigkeit“, schreibt Gleis, „verschieben sich die Koordinaten öffentlicher Kommunikation: Digitale Medien erzeugen neue Öffentlichkeiten und zugleich neue Formen von Manipulation.“ Politische Macht artikuliere sich zunehmend über Bilder, Emotionen und visuelle Narrative.
Mit spitzer Feder und unbestechlichem Humor hielt Honoré Daumier seiner Zeit den Spiegel vor. Er prangerte Machtmissbrauch und soziale Missstände an und geriet in seiner kompromisslosen Radikalität immer wieder in Konflikt mit der Zensur – bis hin zur Inhaftierung. Seine Lithografien, Zeichnungen und Gemälde, ursprünglich für eine sich formierende Presse geschaffen, erscheinen angesichts aktueller politischer Entwicklungen bemerkenswert zeitgemäß. Sie legen Strategien der Selbstinszenierung, Mechanismen des Einflusses und die dramaturgische Architektur des politischen Raums offen, die bis in die Gegenwart fortwirken.
Bereits zu Beginn der Ausstellung wird deutlich, dass die politische Karikatur schon während der Französischen Revolution von 1789 große Popularität erlangte. Unter Napoleon Bonaparte wurde sie jedoch nahezu vollständig unterdrückt. Erst nach dessen Sturz kam es 1814/15 zu einer neuen Welle satirischer, meist anonymer Veröffentlichungen. Diese prägten Bildmotive, auf die Daumier später zurückgriff. So kritisiert etwa die Darstellung des Comte d’Artois, der napoleonische Orden verschlingt und sie als königliche Lilien wieder ausscheidet, Opportunismus und Günstlingswirtschaft mithilfe der traditionellen Verdauungsmetapher. Auch die Wetterfahne oder die Birne als Symbol politischen Abstiegs wurden zu festen Bestandteilen der Bildsprache, die Daumier weiterentwickelte und popularisierte.
Mit der Julirevolution von 1830 und der Machtübernahme von Louis-Philippe I. begann Daumiers produktivste Phase als politischer Karikaturist. Die anfänglichen Hoffnungen auf liberale Reformen wichen rasch der Ernüchterung: Der sogenannte „Bürgerkönig“ regierte im Interesse der Oberschicht und zunehmend autoritär. In Anspielung auf seine Physiognomie etablierte sich die Birne als Herrschersymbol. Honoré Daumier griff dieses Motiv vielfach auf, etwa in der berühmten Lithografie „Gargantua“, in der ein birnenköpfiger Riese die Ressourcen des Volkes verschlingt, um sie in Form von Begünstigungen an seine Günstlinge auszuscheiden. Das Blatt verstieß gegen sämtliche Pressegesetze seiner Zeit. Die drastische Kritik an Korruption und Machtmissbrauch führte zu Zensur, Verboten und Strafen gegen Künstler und Verleger; der Lithografiestein wurde konfisziert, die meisten Abzüge zerstört. Daumiers Ruf als kompromissloser satirischer Karikaturist war damit endgültig etabliert.
Die Ausstellung macht eindrücklich sichtbar, wie eng Daumiers Werk mit den wechselnden Bedingungen der Pressefreiheit verknüpft war – ein weiterer Beleg für seine anhaltende Aktualität. Nach 1830 schwankte die staatliche Zensur zwischen Lockerung und Repression, was Honoré Daumier direkt und selbstreflexiv kommentierte. Die Septembergesetze von 1835 markierten einen massiven Einschnitt: Darstellungen des Königs wurden verboten, jede Karikatur musste vorab genehmigt werden. Zeitschriften wie „La Caricature“ wurden eingestellt, „Le Charivari“ wich auf unpolitische Themen aus. Erst 1848 kam es vorübergehend zu einer erneuten Liberalisierung.
Zu den zentralen Werken der 1830er Jahre zählen Lithografien wie „Le Ventre législatif“ oder „Rue Transnonain, le 15 avril 1834“, in denen Daumier politische Gewalt und soziale Ungerechtigkeit schonungslos anklagt. Auch seine Porträts der Vertreter des juste milieu, der „richtigen Mitte“, entlarven die politische Elite durch überzeichnete Physiognomien. Mit der Figur des Robert Macaire schuf Daumier zudem eine ikonische Verkörperung skrupellosen Gewinnstrebens – eine schillernde Symbolfigur der Julimonarchie.
Die Revolution von 1848 brachte kurzzeitig Euphorie und die Ausrufung der Republik. Honoré Daumier beteiligte sich an dieser Aufbruchsstimmung, thematisierte aber zugleich den gesellschaftlichen Wandel und die Rolle der Frauen. In der 1848 entstandenen Lithografie „Citoyennes on fait courir le bruit que le divorce est sur le point de nous être refusé…“ parodiert er den feministischen Eifer und die politischen Versammlungen von Frauen. Das Blatt ist das erste der Serie „Les Divorceuses“, veröffentlicht in „Le Charivari“. Daumier karikiert zwar die äußere Form politischer Versammlungen durch übersteigerte Mimik und Gestik auch als Spiegel männlicher Ängste vor dem Verlust häuslicher Ordnung, zugleich aber ist er der einzige Künstler seiner Zeit, der Frauen überhaupt als politisch handelnde Subjekte ernst nimmt.
Unter Napoleon III. folgte eine erneute Phase der Repression. Mit der Figur des „Ratapoil“ entwickelte Daumier ein Sinnbild bonapartistischer Gewalt. In der Serie „Actualités“ weitete er seinen Blick auf internationale Konflikte. „Diplomatie“ erscheint als gebrechliche Alte, „Europa“ in „Équilibre Européen“ von 1867 – aus gutem Grund auf dem Cover des aktuellen Katalogs – als balancierende Figur auf einer brennenden Kanonenkugel. Daumier verspottet die Idee des „Gleichgewichts der Mächte“ und zeigt, dass der vermeintliche Frieden auf Wettrüsten und gegenseitigem Misstrauen beruht. Parallel zur Druckgrafik wandte sich Daumier in der Malerei literarischen Stoffen zu. Figuren wie Don Quijote und Sancho Panza wurden Projektionsflächen für Fragen nach Idealismus, Realitätssinn und der Rolle des Künstlers. Auch in Fabeln La Fontaines oder Theaterszenen konzentrierte sich Daumier auf Charakter, Emotion und moralische Ambivalenz.
Abseits der politischen Satire widmete sich Honoré Daumier mit Trinkern, Musikanten, Wäscherinnen oder Gauklern dem Leben einfacher Menschen und verlieh dem Alltäglichen mit großer Empathie Würde. Ein weiteres zentrales Thema ist die Justiz. In der Serie „Les Gens de justice“ von 1845 kritisiert Daumier die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit sowie die Macht einer selbstgerechten Institution. Zugleich reagierte er sensibel auf die Umbrüche der Moderne: Industrialisierung, Eisenbahn, Tourismus, Stadtumbau und neue Rollenbilder spiegeln sich in humorvollen, aber gesellschaftskritischen Serien. Die Karikatur „Moyen proposé par le Charivari à Mr. Léon Faucher pour éviter désormais les erreurs télégraphiques“ von 1851 zeigt den Politiker Léon Faucher, der das Telegrafennetz zur Manipulation von Wahlergebnissen missbraucht hatte. Daumier prangert hier die Doppelmoral der Regierung an: Während die Presse streng zensiert wurde, blieb der Missbrauch moderner Kommunikationstechnologie durch einen Minister folgenlos.
Unterstützt durch bedeutende Leihgaben des Städelschen Museumsvereins aus der Sammlung Hellwig macht die Ausstellung deutlich, dass Honoré Daumier weit mehr war als ein virtuoser Karikaturist seiner Zeit. Seine Arbeiten erweisen sich als schonungslose Seismografen politischer Macht, sozialer Ungleichheit und moralischer Selbsttäuschung; seine Themen sind von ungebrochener Aktualität. Überzeugend gelingt der Schau die Verbindung von politischer Satire, gesellschaftlicher Beobachtung und künstlerischer Reflexion, durch die Daumiers Werk seine historische Verankerung überschreitet.
Die Auswahl der Blätter und Gemälde zeigt einen Künstler, der Kunst nie als Selbstzweck verstand, sondern als Mittel der Einmischung. Zensur, Repression und persönliche Sanktionen hielten ihn nicht davon ab, Machtmissbrauch, Opportunismus und institutionelle Heuchelei anzugreifen. Gerade in der Radikalität seiner Bildsprache, der Reduktion auf Linie, Geste und Ausdruck, liegt die nachhaltige Wirkung seiner Arbeiten. So wird die Ausstellung zu einer impliziten Stellungnahme über die Rolle von Kunst in politischen Krisenzeiten. Sie erinnert daran, dass künstlerische Freiheit kein abstraktes Ideal ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss. Daumiers Werk erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur als historisches Dokument, sondern als unbequemer, präziser und verstörend klarer Kommentar zur Gegenwart.
Die Ausstellung „Honoré Daumier – Spiegel der Gesellschaft“ ist bis zum 25. Mai zu sehen. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 19,90 Euro, ermäßigt 15,90 Euro. Für Personen unter 19 Jahren ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 34,90 Euro. |