 |  | in der Ausstellung „Markus Karstieß. Freundschaftsanfrage No. 3“ | |
Zum Auftakt steht der Besucher in der großen Ausstellungshalle des Von der Heydt-Museums vor bizarren Kreaturen. Schlanke totemartige Keramikfiguren erheben sich im Raum. Die Ausformungen der übermenschlich hohen Plastiken erscheinen wie spontane barocke oder expressive Gesten. An Hörner, Arme oder Augenhöhlen erinnernde Geflechte lassen die modellierende Künstlerhand von Markus Karstieß erkennen. Dazu treten seine Figuren in kauernder Haltung, die verletzlich oder physisch leidend wirken. Sie werden von innerlicher Traurigkeit oder stark ausgeprägten hilfesuchenden Gebärden bestimmt. Dabei scheinen sie partiell zu schmelzen und zu zerfließen. Stränge hängen vom Kopf, dem Brustbereich oder von der auf ein Knie abgestürzten Hand herab, sind im feuchten Zustand nach unten getropft und haben bedingt durch die Schwerkraft Spuren im Körper hinterlassen. Die glänzenden, farblich chargierenden Oberflächen betonen den fließenden Wesenszug. Glasuren aus Silbernitrat bewirken zudem einen intensiven schillernden Glanz und verleihen den Oberflächen einen irisierenden metallischen Charakter. Die Figuren scheinen sich aufzulösen und sich mit der Umgebung zu vereinen.
Hinsichtlich ihrer Abstrahierung, der Auflösung in ihren Umrissen, dem Zerfließen und der lebhaften Modellierung drängen sich Analogien zur Kunstgeschichte auf, etwa zu Wilhelm Lehmbruck, in dessen Schaffen der menschliche Körper ebenfalls Hauptthema war. Sein marmorner „Hagener Torso“ aus den Jahren um 1911 befindet sich im Fundus des Von der Heydt-Museums in Wuppertal und steht für die tiefgreifende Auseinandersetzung mit der sensiblen menschlichen Gestalt. Lehmbrucks Vorbild Auguste Rodin setzte gleichfalls das Wesen des Menschen frei. Rodins „L’homme qui marche“ von 1900, ebenfalls im Museumsbestand verwahrt, gibt ein treffendes Beispiel dafür ab. Auch bei Markus Karstieß reift das Unfertige, im Werden Begriffene zur Kunstform. Komplementär hat er teils glatte Schnitte eingefügt, die die Körperform abrupt unterbrechen. Für die aktuelle Ausstellung im Von der Heydt-Museums schuf Karstieß zwei überlebensgroße Figuren, die mit glatt gehaltenen Rückenflächen zueinander gewandt sind. Auf den Titel „Giottos Schatten“ spielen kleine, in Nischen eingefügte Bozzetti an, die an skurrile Pflanzen im Werk des frühen „Meisters einer neuen Sensibilität“ erinnern.
Markus Karstieß konzentriert sich in seinem Schaffen auf die Keramik, deren Wandlungsfähigkeit, Zufälligkeiten und Eigenwilligkeiten. Nachdem dem Medium Keramik lange in der Kunst ein schlechte Ruf als „kunsthandwerklicher Kitsch“ vorauseilte, erlebt sie seit geraumer Zeit bei vielen Kunstschaffenden eine gebührende Wertschätzung, man denke beispielsweise an Thomas Schütte oder Norbert Prangenberg. Markus Karstieß lotet nun in Wuppertal am Beispiel von 30 eigenen Skulpturen die Übergänge zwischen Farbe und Bewegung aus und tut dies im Dialog mit 40 Gemälden, Grafiken und Skulpturen aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums.
Im Rahmen der Reihe „Freundschaftsanfragen“, zu der das Wuppertaler Museum bildende Künstler einlädt, sich mit den Beständen des Hauses auseinanderzusetzen, kommt jetzt nach dem Fotografen Hans-Christian Schink und der Malerin Franziska Holstein mit Karstieß ein Bildhauer zum Zuge. Für ihn ist es eine Art Heimspiel: Geboren 1971 in Haan und aufgewachsen wenige Kilometer weiter in Wuppertal-Vohwinkel, studierte er von 1992 bis 1998 an der Düsseldorfer Kunstakademie und war dort Meisterschüler von Jannis Kounellis. Nach mehreren Gastprofessuren und Lehraufträgen im In- und Ausland ist der in Düsseldorf lebende Künstler seit 2017 Professor und Leiter der Klasse für Freie Kunst am Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz. Als Gestalter mehrerer Ausstellungen ist ihm zudem der kuratorische Blick nicht fremd.
Dass Markus Karstieß die Malerei schätzt und folglich gern mit Farbe spielt, zeigen Blattmasken, in deren Augenhöhlen rote, grüne oder ockerfarbene Freskobruchstücke aus der Antike eingefügt sind. Daran vorbei führt der Weg ins „Nachtlager“. Hier hat der Künstler Werke aus der Museumssammlung zusammengefügt, zu denen er eine persönliche Beziehung besitzt. Eingebunden in die Rauminstallation ist an zentraler Stelle ein titelloses Werk seines Lehrers Jannis Kounellis. Auf einem schwarzen Blechregal stehen mit Ruß überzogene Gipsabgüsse von Köpfen in Anspielung auf die elementaren Kräfte des Feuers. An der Wand gegenüber sind Arbeiten platziert, die Bezug auf heimatliche Gefilde oder geschätzte Künstler nehmen. Darunter finden sich eine Bronze von Lucio Fontana oder Bilder unter anderem vom Solinger Künstler Georg Meistermann, Ferdinand Hodler oder Edvard Munch, von dem im nächsten Raum auch das 1906 entstandene Gemälde „Schneeschmelze bei Elgersburg“ zu bewundern ist. Kräftige Farbigkeit und starke Tiefenwirkung spielen mit Nähe und Distanz, auf die Karstieß mit vier zwei Meter hohen Raumecken aus glasierter Keramik antwortet, die er „Dirty Corners“ nennt. Sie strukturieren den Raum neu, verändern Bewegungsabläufe und schaffen durch eine neue Definition von Abstand und verringerter Weite einen eigenen Sektor. Die Wände des nächsten Raumes sind mit golden strahlenden Abformungen neolithischer und bronzezeitlicher Steingravuren überzogen. Tatsächlich entstammen die wie Sternenbilder am Firmament angeordneten Objekte der Serie „Stellar“ dem Boden und entfalten über Porträts von Paula Modersohn-Becker, mit deren Blicken und Blickbeziehungen Karstieß spielt, eine Aura des Kosmischen.
Am Ende hält die Schau noch einen Höhepunkt bereit. Mit „Wayfarers“ hat Markus Karstieß seine neueste Werkgruppe betitelt. Vier große Keramikskulpturen treiben den Disput mit Farbe und Oberfläche auf die Spitze. Strahlend weiß glasierte „Surfbretter“ schwimmen auf dem als Wasserfläche vorzustellenden Boden. Darauf liegende Zitronen leuchten grellgelb auf. Das Neapelgelb basiert auf der Auseinandersetzung mit der Farbwelt Italiens. Hier waren Keramikreliefs der florentinischen della Robbia-Familie vorbildhaft. Die surreale, an Salvador Dalí erinnernde Traumwelt mit liegenden oder aus dem Wasser steigenden Menschen brachte Karstieß mit einem Bild von Max Ernst und dem Gemälde „Mutter und Kind“ von Paula Modersohn-Becker zusammen. Neben der Farbpalette offenbaren sich weitere Ähnlichkeiten, etwa die Zitrusfrucht in der Hand des Kindes. Auch hier eröffnen sich neue Perspektiven zwischen künstlerischen Ideen und wissenschaftlicher Analyse, ergeben sich neue Blicke auf die Sammlung und ein aktuelles künstlerisches Schaffen.
Die Ausstellung „Markus Karstieß. Freundschaftsanfrage No. 3“ ist noch bis zum 8. Februar zu besichtigen. Das Von der Heydt-Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 12 Euro, das Künstlerbuch zur Schau 39 Euro. |