 |  | Leiko Ikemura, Pink Hair II, 2019 | |
In einer Zeit beunruhigender Ereignisse auf der Erde sind es immer wieder die Werke von Künstler*innen, die uns einen Blick auf Extremsituationen des menschlichen Daseins eröffnen. In ihnen verdichten sich Zweifel, Einsamkeit und Ängste, ebenso wie Hoffnungen und Sehnsüchte. Kunst ermöglicht es, das Ungeheuerliche anzusehen und in einem geschützten Raum über die Beziehung zwischen menschlicher Existenz und Welt nachzudenken. Seit über vier Jahrzehnten gelingt es Leiko Ikemura auf einzigartige Weise, die Verwobenheit von Mensch und Umwelt sichtbar zu machen. In Japan geboren und über Spanien und die Schweiz nach Deutschland gelangt, lebt sie heute überwiegend in Berlin. Die Wiener Albertina widmet der renommierten Künstlerin derzeit eine umfassende Retrospektive, die sämtliche Facetten ihres vielgestaltigen Œuvres versammelt: Gemälde, Zeichnungen sowie Skulpturen aus glasierter Terrakotta, Glas und Bronze. Die Schau macht die thematische wie formale Spannweite ihres Werks sichtbar, zeigt zugleich dessen erstaunliche Kontinuitäten und bietet einen tiefen Einblick in Ikemuras künstlerische Praxis.
Bekannt wurde Leiko Ikemura Anfang der 1980er Jahre im Kontext der „Wilden Malerei“. So legen ihre frühen Arbeiten noch expressive Züge offen. Doch dann wurde ihre Malerei zunehmend ruhiger und meditativer. Von Beginn an treten in ihrem Werk Motive auf, die keine klaren Grenzen zwischen Mensch, Natur und Tier kennen: Tiere, die menschliche Züge tragen, Bäume, die zu Figuren werden. Ikemuras Bilderwelt hinterfragt damit ein westliches Ordnungsdenken, das scharf zwischen menschlicher und nicht-menschlicher, beseelter und unbeseelter, imaginärer und realer Welt trennt. Geprägt wurde die Künstlerin, wie sie selbst betont, durch frühkindliche Imaginationen, aber auch durch die japanische, nicht-monotheistische Religion, die Göttlichkeiten in den vielfältigen Erscheinungen der Natur erkennt und die enge Verbundenheit des Menschen mit anderen Lebewesen hervorhebt.
Die Albertina-Schau macht deutlich, wie tief Ikemuras Werk in ostasiatischen Bildtraditionen verwurzelt ist. Was ihre Arbeiten verbindet, ist eine bestechende Feinheit der Ausführung, die oft in eine fast flüchtige Leichtigkeit übergeht. Gleich zu Beginn der Ausstellung begegnet man dem großformatigen Triptychon „Genesis, Tokaido, Tokaido“ aus dem Jahr 2015: einem meditativen Panorama, das Felsen, Bäume, Wasser und schemenhafte Figuren versammelt, die in einem paradoxen, scheinbar über das Endes des Malprozesses sich ausdehnenden und andauernden Prozess in atmosphärische, abstrakte Formfindungen übergehen. Wie schon die Landschaften, die Leiko Ikemura Ende der 1980er Jahre unter dem Eindruck der Bündner Alpen schuf, lassen sich auch diese Arbeiten kaum als reale Topografien lesen. Vielmehr öffnen sie sich dem Ungewissen und Ephemeren. Konturen lösen sich auf, äußere und innere Landschaften verschränken sich. Ikemuras intensive Auseinandersetzung mit der japanischen Landschaftsmalerei und dem Prinzip des Sansuiga, nach dem ein Bild nicht das Sehen von Natur, sondern vor allem das Nachdenken über sie repräsentiert, wird hier besonders deutlich.
Verstärkt wird die Wirkung durch die Wahl der Materialien: die Künstlerin arbeitet auf grober Jute, verzichtet auf Grundierung und verwendet Temperafarben, deren transparente Schichten Figuration und Hintergrund ineinander übergehen lassen. Der saugende Bildträger betont die Materialität so stark, dass man sich beinahe in das Bild hineingezogen fühlt. Leiko Ikemura bezeichnet diese Landschaftsassoziationen als „Horizonte“ oder „Scapes“, als körpereigene Rhythmen und Wellenbewegungen, die Räume entstehen lassen. Ihre Arbeiten gehen aus dem Wechselspiel zwischen Körper und Welt hervor, aus der Erfahrung des Fließens und der Veränderung. Jede Skulptur, jedes Gemälde, jede Zeichnung ist für sie Teil eines fortlaufenden Geschehens. Motive kehren wieder, Gedanken und Materialien verweben sich. Die Ausstellung setzt diese Korrespondenzen zwischen frühen und neuen Arbeiten, zwischen Kohlezeichnungen und Skulpturen, subtil in Szene.
Ihre Beschäftigung mit Identität und Biografie führte Ikemura früh zum Thema Weiblichkeit. Die Mutterfigur erscheint als wiederkehrendes Motiv in ihrer Kunst, verbunden mit Schutz, Geborgenheit und Fürsorge. Daneben stehen Darstellungen junger Mädchen, oft mit einer fast cartoonhaften Leichtigkeit, die den Übergang zwischen Adoleszenz und Erwachsensein markieren. Der Ausstellungstitel „Motherscape“ verbindet „motherhood“ und „landscape“. Ikemura versteht den Begriff jedoch nicht familiär, sondern als universelles, schöpferisches Prinzip allen Lebens, als ein Feld von Entstehung, Wandel und Erneuerung, als geistigen Raum, in dem alles miteinander verbunden ist.
Zentrales Werk der Ausstellung ist die monumentale, über drei Meter hohe Bronzefigur „Usagi Kannon Janus“ von 2012/25. Der Titel vereint das japanische Wort für Hase „Usagi“ mit Kannon, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Die Armhaltung wiederum erinnert an die christliche Ikonografie. Der glockenförmige Rock der Figur dient als schützender Schrein und verbindet so östliche und westliche Bildwelten: die buddhistische Göttin und die christliche Jungfrau der Barmherzigkeit, unter deren Mantel Menschen Zuflucht suchen. Die hybride Gestalt mit Hasenohren und weinendem menschlichem Gesicht verkörpert universelle Trauer. Entstanden ist das Werk aus Ikemuras Erschütterung über das Erdbeben von 2011, die Nuklearkatastrophe von Fukushima und über deren verheerende Folgen für Mensch, Natur und Tierwelt. Zugleich deutet die Verschmelzung von Mensch und Tier die Sehnsucht nach einem anderen Verhältnis zwischen beiden an, jenseits von Herrschaft und Unterwerfung.
Andere historische und persönliche Erfahrungen, etwa das Erbe des Zweiten Weltkriegs im Pazifikraum oder die Erfahrung der Covid-19-Pandemie, flossen in Werke ein. Seit 2020 arbeitet Leiko Ikemura für ihre Skulpturen neben Keramik und Bronze auch mit Glas. Vor der Pandemie hatte sie eine Einladung nach Murano erhalten, doch die Reisebeschränkungen verhinderten ihre Teilnahme, weshalb sie sich autodidaktisch an das schwierige Medium herantastete. Die daraus entstandenen opaken, gegossenen Glasobjekte mit matten Oberflächen wirken, als leuchteten sie von innen. Erneut zeigt sich Ikemura als Meisterin stilistischer Vielfalt und subtiler chromatischer Nuancen. Ihre poetischen, sinnlichen Bildwelten wirken wie Gegenentwürfe zur zunehmenden Entfremdung der Moderne und laden ein, in eine Welt einzutauchen, in der scheinbare Gewissheiten unserer Wirklichkeit hinterfragt werden. Zwischen Licht und Schatten, Mensch und Natur, Leben und Tod, Endlichkeit und Ewigkeit, Aktualität und Überzeitlichkeit, Perfektion und non finito sucht Leiko Ikemura das „Dazwischen“, jene „Floating Spheres“, in denen sich das Eigene im Anderen und das Andere im Eigenen erkennen lässt.
Die Ausstellung „Leiko Ikemura – Motherscape“ läuft bis zum 6. April. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 19,90 Euro, ermäßigt 15,90 Euro. Für Personen unter 19 Jahren ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 34,90 Euro. |