 |  | Das Staatsweingut Meersburg von 1906 am Bodensee | |
Auch in der Kunst gilt: Grenzüberschreitungen werden stets zum Geschäft, wenn sich Grenzen schließen. Eher ungewöhnlich erscheint in diesem Zusammenhang der heimlich im April 1925 zu Wege gebrachte Schmuggel von Rebstöcken der Müller-Thurgau-Traube aus der Schweiz. Denn Krankheiten und die Reblaus hatten in den 1920er Jahren den Weinbau am deutschen Bodenseeufer fast zum Erliegen gebracht. Gegenüber auf Schweizer Seite hatte der Biologe Hermann Müller aus dem Kanton Thurgau eine neue, ertragreiche und widerstandsfähige Rebsorte in einer Kreuzung aus Riesling und Madleine Royale geschaffen. Doch seit dem Beginn des ersten Weltkrieges 1914 waren die Grenzen zu den Eidgenossen dicht. So starteten die beiden Mittzwanziger Albert Röhrenbach und Gottfried Ainser mit einem Ruderboot nach Ermatingen, um hier 400 Setzlinge aufzunehmen und bei Nacht und Nebel am Zoll vorbei nach Hagnau zu schmuggeln. Von Lindau bis zum Hohentwiel eroberte nun der Müller-Thurgau die Weinberge nördlich des Bodensees und stieg nach 1949 zum Motor des deutschen Weinanbaus auf.
Der hundertjährige Turnus wurde 2025 am Bodensee ebenso gefeiert wie
das 800jährige Bestehen des Hauptanbaubetriebs der Müller-Thurgau-Sorte, der Konstanzer Spitalkellerei. Sie gehört zum „dienenden Vermögen“ der im Jahr 1225 beurkundeten Gründung der Konstanzer Spitalstiftung. Der Aufbau von Spitälern zur Linderung von Armut, Krankheit und Not erfolgte vielerorts ab dem Beginn des 13. Jahrhunderts. Die Konstanzer Fürsorgeeinrichtung, zu der das Heilig-Geist-Spital mit eigenem Pfarrer, eigener Kirche und Friedhof gehörte, verfügte auch über eine eigene Kellerei. Denn Wein galt im Mittelalter als Heil- und Stärkungsmittel. Laut Spitalordnung standen jedem Patienten täglich drei Maß Wein zu. Damit handelt es sich um die älteste Spitalkellerei in Deutschland. Deren Gebäudeensemble bildet heute das Entree zur Konzilsstadt Konstanz. Direkt an der Rheinbrücke im historischen Stadtteil Niederburg in unmittelbarer Nachbarschaft des Dominikanerinnenklosters Zoffingen gelegen, erstreckt sich entlang der empor zur Stadtmitte führenden Brückenstraße die Baugruppe.
Ältester Teil ist das 1352 erstmals urkundlich erwähnte „Haus zur Inful“, dessen Keller noch aus dieser Zeit stammen. Hier unten lagern die Weinfässer in einem dreischiffigen Gelass, dessen Decke von mächtigen, auf Eichenpfeilern mit gebrochenen Ecken ruhenden Unterzügen getragen wird. Diese Konstruktion erinnert an das etwas später in ähnlicher Bauweise errichtete Konzilsgebäude. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die großen ovalen Fuderfässer, dessen Fassköpfe aufwendige Schnitzereien zieren. Das Fass mit der Edeldame „Wendelgard“ fällt besonders auf. Dessen geschnitztes Relief zeigt die statt einer Nase einen Schweinerüssel tragende Pfründnerin des Heilig-Geist-Spitals. Um an ihr reiches Erbe zu gelangen, sollen sich der Konstanzer Bürgermeister und die Stadträte dazu durchgerungen haben, alternierend sonntags mit Wendelgard zu speisen und sie zum Abschied zu küssen. Aus dem 15./16. Jahrhundert stammt der benachbarte Keller unter dem „Rheinmühlenhaus“. Er weist ein kolossales Kreuzgewölbe auf, das auf mächtigen, längsrechteckigen Werksteinpfeilern ruht. Mittlerweile haben hier kubische Hochtanks aus Edelstahl Einzug gehalten.
Der Kopfbau des Ensembles mit dem markanten Sgraffito einer Weinpresse von Hans Sauerbruch stammt aus dem Jahr 1978. Hier kann man nicht nur den berühmten Sekt „Konstanzer Trocken“, eine Cuvée aus Müller-Thurgau und Weißburgunder, sondern auch Müller-Thurgau-Weine erwerben, deren Flaschenetiketten im Rahmen von sachkundig begleiteten Maltherapien der Spitalstiftung gestaltet wurden. Seit dem Jahr 2002 wird die Spitalkellerei nicht mehr als städtischer Betrieb geführt, sondern wurde an die Weinbautechniker Hubert Böttcher und Stephan Düringer verpachtet. Die Pachterlöse werden an die Spitalstiftung abgeführt. Während im Jahr 1225 noch auf rund 5.000 Hektar Fläche Weinanbau betrieben wurde, sind es heute rund 600 Hektar, vornehmlich an der Konstanzer Sonnenhalde unterhalb des historischen Bismarckturmes und in der Meersburger Haltnau am nördlichen Seeufer.
Schon bei der Überfahrt von Konstanz zur alten fürstbischöflichen Residenzstadt Meersburg bietet sich von der Fähre ein unvergleichlicher Blick auf das grandiose Stadtpanorama. Neben der mittelalterlichen Burg krönen stattliche Bauten feudaler Herrschaftsarchitektur den Ort auf dem einfassenden Höhenrücken. Den Auftakt bildet im Westen das ab 1710 errichtete Neue Schloss als Residenz der Fürstbischöfe des Hochstifts Konstanz. Im Osten schließt der Block des zwischen 1725 und 1763 errichteten Priesterseminars, in dem heute das Droste-Hülshoff-Gymnasium untergebracht ist, die Reihe ab. An der Stelle des ehemals dazwischen liegenden Hofgartens ließ Fürstbischof Franz Konrad von Rodt um 1760 nach Plänen von Franz Anton Bagnato den Reit- und Stallhof errichten. Neben den Stallungen und Kutschenremisen diente die vierflügelige Anlage auch als Lagerstätte für Geschütze und Waffen des fürstlichen Militärs.
Nach der Säkularisation gelangte das Bauwerk an die Domänenverwaltung des Großherzogtums Baden. Ab 1906 wurde die Anlage von der Bezirksbaudirektion Konstanz neu gestaltet. Die seeseitig gelegene Reithalle wurde im neubarocken Stil überformt, der bis heute das Aussehen bestimmt. Über steilen Rebhängen auf hohem, mit Bändern verziertem Sockel erhebt sich der strahlend gelbe, von einem Segmentgiebel akzentuierte Mittelbau samt vorspringender runder Ausbuchtung im Zentrum der siebenachsigen Front. Die landseitige Fassade zum Innenhof gliedern Pilaster und ein mittiger Spitzgiebel mit großherzoglicher Krone und Wappen. Am 1. März 1908 konnten hier neu eingerichtete Verwaltungsräume der Weinbaudomäne, das heutige Staatsweingut, bezogen werden, das bis heute hier seinen Sitz hat. Denn im Zuge der Säkularisierung fiel auch das Fürstbischöfliche Weingut an das junge Großherzogtum Baden und wurde als „Großherzoglich-Badische Domänenkellerei“ die erste Weinbaudomäne Deutschlands. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Umbenennung in Staatsweingut. Heute gehört das Unternehmen dem Land Baden-Württemberg und ist als Landesbetrieb dem Finanzministerium unterstellt.
Weniger das zweckdienliche Innere des von außen so feudal auftrumpfenden Verwaltungssitzes, vielmehr der Weinkeller lohnt eine Besichtigung. Fürstbischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg, der ab 1710 das Neue Schloss errichten ließ, ließ gleichzeitig den ehemaligen Stadtgraben schließen, um einen direkten Zugang zum Hofgarten zu schaffen. Dies bewerkstelligte er, indem er den zwischen projektiertem Schloss und dessen Garten gelegenen Graben zwischen 1720 und 1722 mit einer Gewölbetonne für den Weinkeller auffüllte. Bis heute reihen sich in dem lang gestreckten Gewölbe beidseitig des Mittelganges die Barriquefässer mit teils figurativ geschnitzten Sujets. Ein leichtes Gefälle zeichnet den langen Weg zum Ende aus, wo Fenster in der Abschlussmauer den Blick auf den See gestatten. Die schwerer als Luft wiegende und bei der Gärung entstehende überflüssige Kohlensäure kann so direkt aus dem Keller auslaufen, eine einzigartige Lösung. Den hier reifenden Sekt „Schloss Meersburg“, eine Cuvée aus Müller-Thurgau, Grauburgunder und Weißburgunder, kann man im oberirdisch gelegenen Weinverkauf erwerben. So gibt es am Bodensee allen Grund, mit einem Glas Sekt ein besonderes Jubiläumsjahr zu verabschieden und auf ein neues erfolgreiches anzustoßen.
www.spitalkellerei-konstanz.de
www.staatsweingut-meersburg.de |