 |  | Michaelina Wautier, Zwei Mädchen als heilige Agnes und heilige Dorothea, um 1655 | |
Jahrhundertelang war sie vergessen, obwohl eines ihrer monumentalen Werke seit Langem im Depot des Kunsthistorischen Museums Wien lagerte: Michaelina Wautier, um 1614 in Mons geboren, ist eine großartige Künstlerin der Barockmalerei und steht nun im Zentrum einer umfangreichen Präsentation, die ihr Werk eindrucksvoll ins Licht rückt. Generaldirektor Jonathan Fine spricht zurecht von einer „der bedeutendsten Wiederentdeckungen der Kunstgeschichte“, denn das Kunsthistorische Museum besitzt nicht nur den weltweit größten Bestand an Werken Wautiers, sondern widmet ihr die erste monografische Ausstellung von internationalem Format.
29 Gemälde, eine Zeichnung und eine Druckgrafik – allesamt gesichert Michaelina Wautier zuzuordnen – treten in einen Dialog mit Werken von Peter Paul Rubens oder Anthonis van Dyck. Und doch dürfte dies nur ein Bruchteil ihres Schaffens sein. Die Ausstellung ist nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine kulturhistorische Sensation: Zum ersten Mal in seiner fast 140jährigen Geschichte widmet das renommierte Kunsthistorische Museum (KHM) eine Einzelschau einer Alten Meisterin. Spät, aber eindrucksvoll.
Die Initialzündung kam vor drei Jahrzehnten: Bei einer Tagung über flämische Malerei entdeckte die belgische Kunsthistorikerin Katlijne Van der Stighelen in der Studiensammlung des KHM ein großformatiges Historienbild, den „Triumph des Bacchus“, entstanden um 1659. Auf der 271 mal 355 Zentimeter großen Leinwand ist ein lärmender Zug betrunkener Männer, Frauen und Kinder zu sehen, der wohlbeleibte römische Gott des Weins muss ob seiner Trunkenheit von einem Satyr auf einer Schubkarre geschoben werden. „Ich konnte es kaum glauben“, erinnerte sich Van der Stighelen später, „ich hatte noch nie ein so riesiges Bild von einer Künstlerin aus dem 17. Jahrhundert gesehen.“
Wautier provozierte mit diesem Werk auf mehreren Ebenen: durch die detaillierte Darstellung männlicher Aktfiguren ebenso wie durch ein selbstbewusst integriertes Selbstporträt als Bacchantin mit entblößter Brust und direktem Blickkontakt zum Betrachter. Diese kraftvolle Geste weiblicher Selbstbehauptung sucht ihresgleichen in der damaligen Kunst. Das Bild wurde zum Schlüsselwerk einer Forschungsbewegung, die seither Wautiers vergessenes Œuvre rekonstruieren hilft.
Über Michaelina Wautiers Leben ist wenig bekannt. Es gibt keine Briefe, keine biografischen Aufzeichnungen, lediglich Signaturen auf Gemälden. Dass sie unverheiratet mit ihrem Bruder Charles Wautier zusammenlebte, ebenfalls Maler, ist überliefert. Wahrscheinlich hat er sie ausgebildet. Während Charles heute als solider Maler gilt, belegen jüngere Forschungen, dass seine Schwester ihm künstlerisch weit überlegen war.
Wautier war ein Phänomen ihrer Zeit und eine Ausnahmeerscheinung: Sie beherrschte sämtliche Gattungen der Malerei vom Historienbild über Porträts und Genreszene bis zum Stillleben. Eine solche Bandbreite bei gleichbleibend hoher Qualität ist unter Barockmalerinnen einzigartig. Besonders bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, die männliche Anatomie naturalistisch und souverän darzustellen – eine Domäne, aus der Frauen damals systematisch ausgeschlossen waren. Ihr „Selbstporträt mit Malutensilien“ von 1650 aus einer Privatsammlung, das sie elegant vor der Staffelei zeigt, ist ebenso ein Statement wie ihre Signatur in lateinischer Form: „Michaelina Wautier invenit et fecit“ – „erdacht und ausgeführt“. Damit widerlegt sie bewusst das damalige Vorurteil, Frauen fehle es an schöpferischer Vorstellungskraft.
Das monumentale Gemälde „Der Triumph des Bacchus“ hängt zentral gegenüber dem Eingang zu den Sonderausstellungsräumen und kehrt nach der Wanderausstellung an der Royal Academy in London dauerhaft ins KHM zurück. Es ist Wautiers einziges bekanntes mythologisches Sujet und wurde um die Mitte des 17. Jahrhunderts für Erzherzog Leopold Wilhelm, den Statthalter der spanischen Niederlande und bedeutenden Kunstmäzen, gemalt. Vier Werke Wautiers gingen in seinen Besitz über und gelangten später nach Wien. Über Jahrzehnte war der „Bacchus“ allerdings im Depot verschwunden.
Neben den hauseigenen Werken präsentiert die Ausstellung bedeutende Leihgaben: etwa „Die Erziehung Mariens“ um 1656, in der Wautier Maria als lesendes junges Mädchen wiedergibt und damit ein intimes, gleichwohl modernes Bild weiblicher Bildung entwirft. Ihre Serie „Die fünf Sinne“ aus der Rose-Marie und Eijk Van Otterloo Collection ist erstmals vollständig zu sehen und bezeugt eindrucksvoll ihre Meisterschaft in der Darstellung kindlicher Mimik und Gestik: Für das „Sehen“ hat sie einen kleinen Jungen in einem weiten Umhang hergenommen, der eine Brille vor seine Augen hält und konzentriert auf seine Handfläche schaut. Die Falten auf seiner Stirn und seine hochgezogenen Augenbrauen deuten auf Irritation und Konzentriertheit. Im „Geruch“ hält sich ein junger blonder Knabe wegen des unangenehmen Gestanks eines faulen Eies, das er in seiner linken Hand hält, die Nase zu. Ein Anflug von Stirnrunzeln huscht über sein Gesicht, während er den Betrachter mit seinen dunklen Augen ansieht.
Die „Berührung“ thematisiert Wautier mit einem kleinen Jungen, der ein weißes Hemd unter einer schwarzen Jacke mit geknöpften Ärmeln trägt. Mit seiner rechten Hand, deren Finger gekrümmt sind, kratzt er sich am Kopf, während er auf seinen linken Zeigefinger, der eine Schnittwunde hat, und aus der Blut tropft, hinunterblickt. Ein angespitzter Stock, der neben einem Messer auf dem Tisch liegt, deutet darauf hin, dass er sich beim Schnitzen in den Finger geschnitten hat. Der Ausdruck seines Gesichts spricht Bände: seine zusammengekniffene Nase und die geöffneten Lippen zeigen eine schmerzhafte Grimasse. Und für den Hörsinn lässt Wautier einen aufgeweckten Knaben auf einer Blockflöte spielen. Jede einzelne Szene der „Fünf Sinne“ ist von psychologischer Tiefe und realistischem Detailreichtum durchdrungen. Ein weiteres Highlight ist das Porträt des Jesuitenpaters „Martino Martini in chinesischer Hoftracht“ von 1654, das 2016 im Züricher Auktionshaus Koller von 7.000 Franken auf 400.000 Franken schoss. Leihgaben aus dem benachbarten Weltmuseum, das von Jonathan Fine zuvor geleitet wurde, kontextualisieren das Gemälde und geben Einblick in die globalen Kulturkontakte der Zeit.
Wautiers Stillleben, insbesondere zwei Blumengirlanden inspiriert von antiken römischen Urnen, vermitteln ihre Sensibilität für Farben und Komposition. Die feinen Hell-Dunkel-Effekte deuten auf Einflüsse des italienischen Barock. Ob sie selbst in Italien war, ist unklar. Doch die Ausstellung macht sichtbar: Ihre Malerei war europäisch, weltoffen, virtuos. Besonders hervorzuheben ist die Textilsensibilität ihrer Gemälde: Mit Objekten aus dem Weltmuseum wird veranschaulicht, wie Wautier die Stofflichkeit von Brokat, Seide oder Samt fast haptisch erfahrbar machte – ein weiteres Indiz für ihr außergewöhnliches technisches Können.
Dass Michaelina Wautier heute gefeiert wird, ist späte, aber verdiente Gerechtigkeit. Ihre brillante Pinselführung, ihre stilistische Vielfalt und ihr selbstbewusster Zugriff auf „männliche“ Themen machen sie zu einer Pionierin weiblicher Kunstgeschichte. Wie es möglich war, dass eine derart herausragende Künstlerin aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden konnte, bleibt eine offene Frage und zugleich Mahnung an die Kanonbildung der Kunstgeschichte.
Bislang sind 35 Werke von Michaelina Wautier bekannt, entstanden in nur 16 Jahren. Ihre frühesten datierten Arbeiten setzte sie offenbar erst mit fast 40 Jahren um; die letzte bekannte stammt aus dem Jahr 1659. Ihre Biografie bleibt voller Lücken, aber ihre Kunst gewinnt an Kontur. Und wer weiß, welche Werke noch auftauchen werden? Die Hoffnung auf weitere Zuschreibungen ist berechtigt. Diese Ausstellung im KHM ist mehr als eine Hommage: Sie ist eine längst überfällige Korrektur und ein starkes Plädoyer dafür, Michaelina Wautier künftig selbstverständlich in einem Atemzug mit den Großen der flämischen Barockmalerei zu nennen.
Die Ausstellung „Michaelina Wautier, Malerin“ läuft bis zum 22. Februar 2026. Das Kunsthistorische Museum hat täglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet, an Heiligabend nur bis 15 Uhr. Der Eintritt beträgt online 21 Euro, ermäßigt 18 Euro; vor Ort 23 Euro, ermäßigt 19 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der begleitende Katalog kostet im Museum 39,95 Euro, im Buchhandel 46,30 Euro. |