 |  | Govaert Flinck, Tronie eines Jungen, 1641 | |
Vor fünfzig Jahren übernahm Henrik Hanstein den Chefposten beim Kölner Versteigerer Lempertz und führte das Familienunternehmen damit in die fünfte Generation, nachdem Peter Hanstein 1875 die Firma von Mathias Lempertz übernommen hatte und sein Vater Rolf Hanstein unerwartet bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Neben dem 75jährigen Henrik Hanstein arbeiten heute auch seine Frau Mariana M. de Hanstein und seine beiden Töchter Isabel Apiarius-Hanstein und Alice Jay von Seldeneck in der Geschäftsführung mit und tragen das älteste Auktionshaus der Welt in Familienbesitz weiter. Das Jubiläum will nun gefeiert werden. Dafür hat Henrik Hanstein fünfzig Highlights aus allen Sparten des Hauses von den Alten Meistern über die Kunst des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Vertretern der Moderne und der Zeitgenossen mit geschultem Auge für die Qualität ausgewählt und um erlesene Stücke aus den Bereichen Schmuck und Kunstgewerbe ergänzt, die nun in der Auktion „50 Lots – My Choice“ den Höhepunkt der Saison bilden. Damit will Hanstein ein persönliches Zeichen setzten: Die von ihm kuratierte Auswahl feiert den Dialog zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen den Meistern von einst und der Avantgarde von heute.
So treffen in der Versteigerung am 4. Dezember etwa zwei in deutschen Privatsammlungen wiederentdeckte Tronies von Govaert Flinck aus der Zeit um 1640, ein junger Mann mit Barett und Brustpanzer, der melancholisch nach rechts in die Ferne blickt, und ein Junge, der mit seinen lebhaften Augen die Betrachter*innen fesselt (Taxe je 140.000 bis 180.000 EUR), auf Gerhard Richters faszinierend changierende Vermalung „Grau“ aus dem Jahr 1970 (Taxe 180.000 bis 200.000 EUR) oder ein um das Jahr 200 nach Christus gehauenes Marmorrelief, das Giebelfragment eines römischen Tempels mit zwei geflügelten Niken auf Streitwagen (Taxe 200.000 EUR), auf Joseph Kosuths frühe dreiteilige Arbeit „One and Three Valises“ von 1965, in der der Konzeptkünstler ein einzelnes Objekt in drei unterschiedlichen Ausprägungen präsentiert: einen alten Holzkoffer als physisches Objekt selbst, eine Fotografie des Koffers sowie die gedruckte Definition des englischen Begriffs „Valise“ aus einem Wörterbuch, die den Koffer bezeichnet (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).
Farbkongruenz
Bald könnte auch Josef Albers’ fünffach geschichtete „Study to homage to the square: Victorian“ aus dem Jahr 1955, ein ikonisches Beispiel jener Gemäldefolge, die zu den Schlüsselwerken der modernen Farbfeldmalerei zählt (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR), neben Abraham van Beyerens Prunkstillleben mit Früchten, Hummer, großem Römerglas und goldenem Buckelpokal (Taxe 200.000 bis 220.000 EUR), oder Cornelis de Heems Komposition mit zentraler geschälter Zitrone, umgeben von weißen und roten Trauben, geöffneter Feige, Kirschen, weiteren Zitrusfrüchten und einem Weinglas à la façon de Venise, hängen (Taxe 200.000 bis 250.000 EUR). Hier lassen sich Gemeinsamkeiten im Kolorit finden. Als vierter Farbkompagnon im Bunde gesellt sich Gotthard Graubner mit seinem Farbraumkörper „Ianaa Nova Tricesima“ von 1979/81 hinzu, der mit einer intensiven Leuchtkraft der wolkigen Magenta- und Rottöne eine kontemplative Präsenz entwickelt (Taxe 250.000 bis 300.000 EUR).
Thematisch passt etwa Ludolf Backhuysens Marine „Handelsschiffe am Ankerplatz südöstlich von Texel“ bei bewegter See aus dem Jahr 1661 zu Max Liebermanns impressionistischem, flott hingewischtem „Strand in Noordwijk“ von 1908 ebenfalls unter bewölktem Himmel. Bei beiden Werken sind auch die Schätzungen mit 80.000 bis 100.000 Euro respektive 80.000 bis 120.000 Euro nahezu identisch. Am Wasser hielt sich zudem Jakob Philipp Hackert bei seinem klassizistisch ausgewogenen „Blick auf den Tiber und St. Peter vom Ponte Milvio“ auf (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR), ebenso Wilhelm von Kobell bei seinem sommerlichen „Blick auf den Tegernsee vom Weg zur Neureuth“ (Taxe 120.000 bis 140.000 EUR), Friedrich Nerly bei seinem abendlichen Venedig-Panorama mit dem Bacino di San Marco, dem Dogenpalast und Santa Maria della Salute (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR) oder Alfred Sisley bei seiner späten Ansicht des malerischen Dorfes Moret-sur-Loing nahe Fontainebleau, als er 1888 im Vorfrühling am Ufer des Loing stand und die Bootswerft Matrat ins Zentrum seiner Impression rückte (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR).
Renaissance-Restitution
Bei den Gemälden Alter Meister, bei denen Lempertz seit Jahrzehnten die Marktführerschaft in Deutschland hält, kommt die italienische Renaissance mit einem kürzlich an die Erben nach Jacques Goudstikker restituierten Werk zum Zug. Die Tafel mit der „Auferstehung Christi“ aus dem Grab, die der Florentiner Francesco Rosselli im Hintergrund mit der Kreuzigung, aber auch weiteren Ostererzählungen simultan angereichert hat, befand sich bis 1928 in einer ungarischen Sammlung, ehe sie Goudstikker, einer der bedeutendsten Kunsthändler seiner Zeit, bei einer Auktion in Amsterdam erwarb. Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, musste Goudstikker 1940 die Niederlande verlassen, verunglückte aber auf seiner Flucht tödlich an Bord eines Schiffes, mit dem er nach Südamerika zu entkommen hoffte. Den in Amsterdam zurückgelassenen Bestand seiner Galerie brachte Hermann Göring in seinen Besitz, darunter auch Rossellis Osterszene, die bereits 1940 in Berlin versteigert wurde und in eine deutsche Privatsammlung kam, in der sie seither verblieb (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR).
Als flämischer Caravaggist gilt der Brüsseler Maler Theodoor van Loon. Der kompositorische Einfluss des Italieners ist in Loons Gemälde „Lasset die Kinder zu mir kommen“ in der Konzentration auf die Personen und der scharfen Beleuchtung durch Schlaglicht nicht zu leugnen. Lempertz preist es als Hauptwerk an, das 2019 in der Ausstellung „Théodore van Loon. Un caravagesque entre Rome et Bruxelles“ im Palais des Beaux Arts in Brüssel und im Musée national d’histoire et d’art in Luxemburg zu sehen war, und erhofft sich dafür 300.000 bis 350.000 Euro. Joseph van Bredael war ein später Nachfolger der Breughel-Sippe, der noch nach 1700 Bilder in deren Stil schuf, etwa den „Turmbau zu Babel“, den Bredael vom Zweistromland in die Niederlande des 17. Jahrhunderts verlegte und mit verschiedensten Gewerken detailreich ausschmückte (Taxe 120.000 bis 140.000 EUR). Auch ein gewebtes Bild hält der Katalog bereit: Auf beeindruckenden 420 mal 580 Zentimetern erzählt eine Brüsseler Tapisserie aus dem 16. Jahrhundert ebenfalls in mehreren Simultanszenen die alttestamentarische Geschichte von Tobias und Tobit mit der Heilung von dessen Blindheit als zentralem Motiv. Als Entwerfer wird Barent van Orley angenommen (Taxe 90.000 bis 100.000 EUR).
Auch im Schaffen von Giovanni Battista Tiepolos spielt die Gattung der Tronie, eines nicht individuell fassbaren Charakterkopfes, eine wichtige Rolle. So lässt sich das Haupt eines alten Mannes mit weißen Haaren und weißem Bart als Philosoph oder vielleicht als Orientale deuten (Taxe 160.000 bis 200.000 EUR). Daran schließen sich im 19. Jahrhundert mehrere Veduten an, etwa Ippolito Caffis „Piazza della Borsa in Triest bei Nacht“ im fahlen Mondlicht, wobei man sich wundert, warum hier noch ein Bauer mit seinem Heuwagen vorbeifährt (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR), Wilhelm Brückes einmalige, aus der Fantasie entwickelte Architekturkomposition von 1828 mit antik-klassizistischen Bauwerken, die sich um einen Rundtempel gruppieren, der dem römischen Heiligtum in Tivoli mit seinem Boukranien-Girlanden-Fries im Gebälk nachempfunden ist (Taxe 140.000 bis 150.000 EUR), oder Oswald Achenbachs pralles südliches Leben an der „Fontana di Trevi“ in Rom aus dem Jahr 1876 (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).
Eine Kuh für ein Gut
Die Moderne kann dann etwa noch mit Karl Schmidt-Rottluffs farbintensiven expressionistischen „Erzgebirgshäusern“ nahe seiner Heimatstad Chemnitz aus dem Jahr 1936 für 250.000 bis 300.000 Euro und mehreren bildhauerischen Werken aufwarten. Als Unikat weist sich eine noch recht lebensnahe „Stehende Kuh“ von Ewald Mataré aus, die er 1938 für den befreundeten Kunstsammler Udo Rukser schuf. Der erfolgreiche Jurist, der nach 1933 zunächst seine Position als Herausgeber an einer juristischen Zeitschrift aufgab, weil er sich einer „Arisierung“ verweigerte, und dann auch noch seine Berliner Kanzlei schloss, zog sich an den Bodensee auf ein Gut auf der Höri zurück und etablierte hier mit seiner jüdischen Frau einen Obstbaubetrieb, in dessen Hof Matarés Kuh als Brunnenfigur stand (Taxe 120.000 bis 150.000 EUR). Außerdem konnte Lempertz eine Sammlung mit dreizehn Bronzegüssen Aristide Maillols auftun, die auf die Jubiläumsauktion und den nachfolgenden Day Sale aufgeteilt sind. Höhepunkte sind hier die stilisierte Aktgruppe „Pendule, dite Les Deux Soeurs“ um 1902, die ursprünglich als Gehäuse für ein Uhrwerk gedacht war, aber nie so ausgeführt wurde (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR), und der gleichaltrige bewegliche Türklopfer in Gestalt einer Wäscherin (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).
In der Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg herrscht dann die Ungegenständlichkeit vor und offeriert unter anderem Hans Hartungs wirkungsvolle Farbflächenkomposition „T1971-H11“, François Morellets konkret-konstruktive Metallgitterüberlagerung „4 doubles trames 0°-30°-45°-60° pivotées au centre“ ebenfalls aus dem Jahr 1971 (Taxe je 100.000 bis 150.000 EUR) oder Günther Ueckers schwarz lackiertes Werk „Sturz“ in typischer dynamischer Nageltechnik mit mittiger vertikaler Nahtstelle aus dem Jahr 1988 (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Joannis Avramidis kümmerte sich stets um das Ideal einer gültigen menschlichen Figur mit vollkommenen Proportionen und orientierte sich dabei an archaischen und klassischen antiken Statuen. Seine „Kleine Humanitätssäule I“ von 1963/83 abstrahiert den Menschen fast bis zur Unkenntlichkeit und bündelt die zahlreichen so geformten Gestalten zu einem Rund zusammen (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).
Unter den Abstrakten tummelt sich dann aber doch noch Andy Warhol mit seiner vierteiligen Siebdruckfolge des späten bekannten Blattes „Beethoven“ in unterschiedlichen Farbstellungen von 1987 (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Jüngste Teilnehmerin der Jubiläumsauktion ist Cosima von Bonin, die 2007 auf ihrer Wolle-, Baumwolle-, Loden- und Samt-Kompilation „Shirt/Fluff/Same Day“ mehrere Comicfiguren und den Ausspruch „Harmonie ist eine Strategie“ gestickt hat (Taxe 50.000 bis 60.000), teuerstes Objekt ein Ring mit einem natürlichen Kaschmir-Saphir von 11,51 Karat im antiken Kissenschliff. Der samtige Glanz höchster Juwelierkunst aus den 1950 oder 1960er Jahren verlangt 800.000 bis 1 Million Euro.
Die Auktion beginnt am 4. Dezember um 18 Uhr. Eine Besichtigung der Objekte ist bis zum 3. Dezember täglich von 10 bis 17:30 Uhr möglich, der Internetkatalog unter www.lempertz.com abrufbar. |